berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der
versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange
deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa
am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen
Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York
erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt
sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von
sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und
fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf
bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da
die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr
schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist,
und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen,
jedenfalls nicht ohne Beschwerde. -- Man reiset indessen auf diese
Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in
zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier
darauf verwenden mußte.
Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß.
Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig
angelegten Steindamm aus der spanischen Zeit; links ist derselbe
durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele
reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene
Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne
sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit
verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken
besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen,
die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal
mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat.
In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in
der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert
sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden
und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die
Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr
die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich
den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz
gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der
ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der
Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser
Aussage vollkommen.
In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle
mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele
Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den
Landleuten getragen werden.
Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über der
Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, -- so genannt,
weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem Auge, nach
allen Seiten hin, die Form eines großen +Kastens+ darbietet. Dieser
Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach +Humboldt+ 4089
Metres hoch.
Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf
welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere
derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem
anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren
Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz
sei! -- Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend
Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade,
Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine,
auf viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht
viel Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst
~el mal pais~, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche
an diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was
sich uns auf diesem Wege nach +Tepeyaqualco+, dem Ziele der Tagereise,
darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz
nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß
Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen
u. s. w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben
wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf
das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei
der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit
waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten.
In +Tepeyaqualco+ fanden wir besseres Nachtquartier, als wir erwartet
hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht nur mittelst
der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher. Abends erhielten
wir ein Huhn in Reis gekocht, und Morgens vor der sehr frühen Abfahrt
eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico, selbst in dem ärmlichsten
~meson~ (Wirthshaus), stets ziemlich gut zu haben ist. Auch hier, wo
man z. B. früher, wenn man nicht auf der Erde schlafen wollte, sein
eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte Freund S..., daß in den letzten
Jahren ungemeine Fortschritte in allen Reisebequemlichkeiten gemacht
worden wären, was man denn wohl hauptsächlich den Unternehmern der
nordamerikanischen Diligence zu verdanken hat, welche dafür sorgen,
daß überall auf ihren Stationen gute Nachtquartiere in Bereitschaft
gehalten werden.
Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man
zuerst nach Ojo de Agua, woselbst -- wie der Name schon andeutet --
eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier
blos zum Waschen von Leinenzeug u. s. w. benutzt wird, während in
bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle
herum angelegt worden wäre. --
Bald darauf erreichten wir +Nopaluca+, das schönste und größte Dorf,
das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser und
eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren
Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt
gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das
Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst
auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges
gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen,
die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken.
Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß
wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen
Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege Pinal, glücklich und
ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der diese
Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und freut
sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch, denn der
besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern Hinterhalt,
und ist daher sehr anlockend für die ~hombres de bien~, (Biedermänner,
-- wie man sie scherzweise nennt) welche dieses ehrenhafte Handwerk
treiben. Wenn diese ~caballeros~ keinen Widerstand finden, sollen sie
sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft benehmen, mit dem Eigenthum
sich begnügen und den Personen weiter kein Leides zufügen. Den
geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre Habe, und bitten um
Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es jedoch zu einem
+Gefecht+, und die Räuber behalten die Oberhand, so ist natürlich nicht
allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in Gefahr, und man hat in
solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt. -- Während des Marsches
regulairer Truppen sind die Wege am sichersten; das Militair ersetzt
dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr noth thut.
Der nun folgende Flecken +Amazoque+ ist sehr schön, groß und
freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von
ausgedehnten +Maquay+-Pflanzungen, von deren interessanter Behandlung
bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir Näheres
sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde; für
jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für die
bekannte +Garten-Aloë+ (~Agave americana~) und Pulque ein geistiges
Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den Einwohnern
allgemein genossen wird.
In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio,
der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef
der Armee, Calderon, stoßen und die Operationen der Belagerung von
Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst
machen zu wollen.
Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber
freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor
Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen
Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen
Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese
volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein
bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich an
freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach dem
benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen Johannes
geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von +der+ Seite her, von welcher
wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade untergehenden Sonne,
sehr schön ausnahm.
Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik
fehlenden, ~Garita~, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten
überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich
wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der
~fonda francesa~ ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns mit
einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und besahen
uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben entsprach
dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie die große ~plaza~
vor der Cathedrale, machten auf uns den gewöhnlichen, befriedigenden
Eindruck einer +großen+ Stadt, den das Wiederbesehen am heutigen +Tage+
keinesweges verwischte oder schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön
zu nennen; die Straßen sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut,
breit und reich an schönen Häusern. Die auf einem großen Platze
stehende Cathedrale ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und
Silberverzierungen wahrhaft überladen, -- nicht so mit Gemälden, deren
ich meistens nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die
Kirche soll sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen
Millionen Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur
viel Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn
auch +hier+, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der
Republik geltend macht.
Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick;
es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden.
Dagegen desto mehr die +geistlichen+ Darstellungen auf der Bühne, von
denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen
Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren
keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob
man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem
Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche
Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten
habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich
gemacht wird, ist gewiß.
Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A.,
Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute
nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der
ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing
uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns
zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und
den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern
Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in
+Puebla+ nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die
früher vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier
mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf +Santa Anna+
waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen,
und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der
Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und
präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls
bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in
guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als
die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem
Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug,
sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut
schmecken ließ.
Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger,
Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und
Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an
Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um
die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt
sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die
Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation
schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit
anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben.
Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar
nicht als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja
sogar als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab
dazu aufgeregten, Pöbel, den ~lépero’s~, deren Puebla eine große Menge
besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der
Republik so wenige +nichtspanische Europäer+ sieht, als hier. -- Man
versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die zwar gute
Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen
sollen.
Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein
Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General
Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen
ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei!
Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen,
daß kein wahres Wort daran ist. -- Dies wissen auch noch viele Andere,
aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der
Gegenparthei! -- ~Tout comme chez nous!~ --
Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals
per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen
täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme
Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man
von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens
um 6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in
der andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders,
als den +Fremden+? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man
indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios!
Mexico, den 21. Januar 1832.
Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten
aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es
noch ferner geschehen? -- Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir
übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und
Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen
können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, denn wir
legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit
schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken
San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und
reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” -- Die
reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden
und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern,
welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen,
daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn
uns nicht das schöne warme -- ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch
nur hier zu finden) enttäuscht hätte.
Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt,
vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die +drei+
berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den
+Orizaba+, den +Iztaccihuatl+ und den +Popocatepetl+, am Horizont
zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen eigenthümlichen, ja
erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch bald wieder aus dem
Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene von Mexico, nur noch
die beiden letztern im Auge.
In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die
Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf
seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen
militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will
nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen,
Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! -- Die
Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird
dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen? --
Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen
höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch
wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch weiter
nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000 Fuß über
der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man daselbst in
einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon oft von
Räubern angefallen werden soll. --
Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach
Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen
Blick in das +Thal von Mexico+ eröffnen, wenn anders einer, zwar
von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so
ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich
faßt, die Benennung “+Thal+” gegeben werden soll. Ich kann nicht sagen,
daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so entzückt
gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge zu sehr
entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu können, als
die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten Formen nach
allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne, erblickt. Dieses
geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem Geschmack schöner
unten im Thale als oben auf dem Berge aus; -- +eigenthümlich+ jedoch
von beiden Standpunkten.
In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir
einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns
hätte werden können. -- Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil des
steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten an der
Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du kannst
Dir unsern Schrecken denken, -- denn man hat auf einer solchen Reise in
den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, die sich allenfalls ersetzen
ließen, sondern -- was wichtiger und nicht zu ersetzen ist -- seine
+Papiere+! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder durch einen
der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem Wege liegen
geblieben? -- Glücklicherweise war letzteres der Fall, und nachdem
wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die ganze Bagage
auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im Begriff, sich
mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten ihnen diese
Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren weiter -- und
erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, -- aber dennoch
früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, großen indianischen
Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit ihre freundlichen Hütten
umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, zu erfreuen! Bei dem hier
statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die Einwohner von allen Seiten
Blumen, Orangen und sonstige Früchte des Südens zum Verkauf an, und
schienen froh und guter Dinge. --
Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico
führt, und die beiden Seen, den +salzwasserigten+ zur Rechten, und
den +süßwasserigten+ zur Linken, von einander trennt, fuhren wir
beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm
Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen
-- so -- gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große
Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!
Du weißt mich nun hier, -- bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam
eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl
zufrieden.
Mexico, den 23. Januar 1832.
Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in
Europa so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von
mir hören wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn
mir die Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die
langen, mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große
erschien, so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen
bestätigt und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als
großartig nennen; man würde “+schön+” hinzufügen müssen, wenn etwas
mehr Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und
Gebäude verwandt würde; -- aber man sieht diesen nur allzusehr den
Verfall, oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen
bürgerlicher Unruhen in einem Lande sind. Nur +Friede+ und der Glaube
-- die Ueberzeugung -- des +ruhigen, gesicherten Besitzthums+ kann
die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den
Stempel des Reichthums aufzudrücken! -- Diese Ueberzeugung mangelt
aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht
daher in +der+ Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal an
dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern
öffentlichen Gebäuden. -- Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt
und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen
Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift
man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit,
in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben
durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man
übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum
einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge
weit näher erscheinen, als sie wirklich sind. Die Luft ist hier so
hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen
Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen
kann.
Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf
gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen
Zwischenstock (~entresuelo~) so daß sie in der Regel keinesweges von
niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und selbst
vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große Palläste,
die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen verdienen
besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches zuletzt der
ephemere Kaiser +Iturbide+ bewohnte, sodann die großartig angelegte,
noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der National-Pallast
(ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das Museum oder
Universitätsgebäude, und -- unter den Klöstern und Kirchen, deren es
hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne Cathedrale!