es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie
sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne
wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die
Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte
sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug
die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm
der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und
uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. -- Du kannst denken, daß ich das
Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ.
Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen
hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran,
für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte,
was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles
glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen,
es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain
Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten
überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während
der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für
uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm
denselben beim Abschied schriftlich überreichten.
Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf
das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet,
nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem
Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht
gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an dieser
Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl
zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist.
Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche sich
im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit einer
oft übermäßig großen Hitze,[4] das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen
(~vomito prieto~) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz, in den Monaten Mai
bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist. Diese, den Eingebornen
des Hochlandes von Mexico in noch höherem Grade, als den Europäern,
gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch nicht auf die Stadt
Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß an der ganzen Küste,
und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge, namentlich auf dem Wege
nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über der Meeresfläche gelegenen
Landgut, Encero, so daß der, auch schon sehr hoch liegende, von schöner
kräftiger Vegetation umgebene, und von einem nicht unbedeutenden
Waldstrom bespülte Flecken, ~Puente national~, (halben Weges zwischen
Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß des Vomitos in den besagten Monaten
ebenfalls unterworfen ist. Der Ursprung dieser verheerenden Krankheit
dürfte mithin auch wohl in noch andern Gründen, als der Ausdünstung
der Sümpfe, welche Vera-Cruz umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse
indessen diesen Punkt den Naturforschern, und beschränke mich darauf,
einem Jeden zu rathen, in der ungesunden Jahrszeit, d. h. von Mai bis
October, sich nicht weiter küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und
sich nicht sicher zu glauben, wenn etwa, wie jetzt der Fall, während
einiger Jahre die Krankheit sich nur in sehr geringem Grade zeigt;
sie pflegt alsdann mit erhöhter Kraft wiederzukehren, und Niemand kann
voraussagen, +wann+ dies geschehen wird.[5]
Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst
daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr,
wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von
hier keineswegs übereilen.
Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel
und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht. Die
Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich und
im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas angemessen
eingerichtet. -- Wir wohnen auf dem sogenannten großen Platz (~plaza~),
und haben das ganz ansehnliche, altertümlich gebaute Stadthaus
(~Palacio~) gerade vor uns und die Hauptkirche (~Cathedrale~) zur
Seite, -- welche letztere sich aber weder von außen, noch von innen
besonders auszeichnet.
Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute
Zollhaus (~Aduana~) ist einfach aber geräumig, und für die allerdings
großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet.
Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen,
Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen wohl versehenen Markt, und
ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen,
und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu
schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe
-- (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) -- nicht. Das Ganze
machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf
mich. -- Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu
sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von
den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da
eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern
Seite.
Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten.
Für heute nur noch ein Lebewohl.
Vera-Cruz, den 9. Januar 1832.
Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die
Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen
werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen
scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären
Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses)
an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage
eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen
werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all
dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein
sogenanntes ~pronunciamento~, eine Protestation, der Truppen.
Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat
nämlich zusammen und erklärte, Namens der Armee, welche sich als
Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die
Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten,
und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten
Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man zum
Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, -- wo nicht, das Begehren
mit gewaffneter Hand durchsetzen.”[6] -- Die Garnison sandte hierauf
eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem Landgute
(~hacienda~) wohnenden, General Santa Anna, mit der Bitte, sich an die
Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ sich willig finden,
-- (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher mit ihm verabredet
gewesen) -- und ward nun von einer Abtheilung Dragoner abgeholt, und
mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und Glockengeläute empfangen. Er
nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit den Civil-Autoritäten und der
Garnison, die weitern Operationen noch in derselben Nacht verabredet
wurden. -- Der Commandant der Festung St. Ulloa ist den Beschlüssen
der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und hat sich unter die Befehle
von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig, indem die Stadt von jener
Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr (so wie Antwerpen von
seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund geschossen werden kann.
Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen
Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen
hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der ~plaza~ versammelt,
und nach einem etwas schwachen Rufe von: ~viva Santa Anna y mueren
los ministros!~ -- ging jedermann ruhig nach Hause und, zur gewohnten
Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu Bette. Auch die
darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen Gleise, und man
bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution nur an der
verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht dies
ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen
scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die
Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa
Anna an ihn gerichtetes +vermittelndes+ Schreiben, eingetroffen ist.
-- Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen,
etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen
Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge
nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will
man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem
Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite.
Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa
Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war
vortrefflich, und das Officier-Corps, -- (ein weit zahlreicheres
als bei gleicher Truppenzahl in Europa) -- nahm sich in den reichen
Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung.
Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34
Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm
vorgestellt, und unterhielt mich mit ihm ziemlich lange über die
neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen
Vorfälle in Europa, -- die belgische und polnische Revolution
nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern
beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. -- Santa Anna’s Manieren
und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen
schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero,
der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei
der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von
einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der
gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar
annahm.
An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine
kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und
nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch
in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros
(mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts
aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem
mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes,
europäisches Auge, komisch genug aus. +Ich+ fuhr in einer Volanta,
einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen,
nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über
Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo
zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber
dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. -- Es stand hier
früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein
temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen
eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu
Lande allgemein beliebte Hazardspiel, ~Monte~, zu frequentiren, wobei
denn Einige Silber, noch Mehrere aber Gold, und zwar oft große Summen,
einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl aus einer
Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden Guitarren-Musik,
den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern an Grazie sehr
nachstehen sollen, -- und ich bemerkte auch in der That sehr wenig von
dieser Eigenschaft. -- Da es bekanntlich in dieser Zone schon um 6 Uhr
Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen Parthie sehr früh
nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu erwähnen, daß wir den
Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer, bei einer Tasse Thee
recht angenehm zubrachten.
Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm
S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise
war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von
viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in
mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und
nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der
Hauptstadt +Mexico+ begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier zu
Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen
Räubereien zu schützen. ~Tout comme chez nous~, -- könnte hier ein
Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies
nicht können!
Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder.
Jalapa, den 12. Januar 1832.
Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz
hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir
-- in unserm Theile von Europa wenigstens -- nicht anzuweisen. Da Du es
aber nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu
beschreiben. Höre also.
Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in
folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich, in
einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (~litera~) liegend,
in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem Schutzwehr
gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s, einige
der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich, der
Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu dürfen
baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der sich, nach
ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet hatte und so mehr
einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines friedlichen Reisenden
glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs Maulthiere, welche unser
Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer des Zuges zu Pferde, die
Thiere, unter beständigem Peitschenknallen und “~Mula~”-Rufen, bald
hier bald dort antreibend. In einiger Entfernung bildete Freund S.
mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal ein zweirädriger, mit zwei
Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß der Carawane, welche sich
am Ende doch noch rascher bewegte, als ich erwartet hatte.
Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu
Pferde, -- die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche
Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und
hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in
dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und
daher besser unterbleibt. -- Zweitens, mit der Diligence, welche aber,
obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser
beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei
Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen Löcher auf den schlecht,
oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr
unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische
Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme
Diligence zwischen +Mexico+ und +Jalapa+ in Gang gebracht hat, ihren
Cours bis +Vera-Cruz+ fortsetzen wolle; bis dies aber geschehen und der
Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen einer Reise per
Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. -- Drittens kann man denn auch in
einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie Du siehst, ich
gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an den Seiten mit
Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen, einschläferigen
Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen und schlafen,
oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten und vorn
eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist aber, besonders
wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott setzen, keineswegs
angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig hangen, in den oft engen
und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden. Dessenungeachtet ist diese
Reiseart die am wenigsten angreifende, und deshalb dem noch nicht
acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu empfehlen.
Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade
des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach
etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach
+Santa-Fé+, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege nach
Mexico.
Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und
hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z. B. die Küche) nur mit Rohr
umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht,
daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und
Appetit sogar an dem sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der
Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein
frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und
genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. -- Die übrigens schwache Bevölkerung
von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher
Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe
der Küste, mitunter +Neger+, die aber bekanntlich in der mexicanischen
Republik +frei+ sind, d. h. +ganz gleiche Rechte+ mit allen übrigen
Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch Vorurtheil,
zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden.
Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner
und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche
Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an
Federvieh u. s. w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders
stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der
südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der
Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte
die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und
wohlgemuth in +Puente+ ankam, wo wir übernachteten.
Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico.
Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern
umgeben, und von dem Fluß +Antigua+ bespült, der zwar in dieser
Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich
hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz,
sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne,
breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische
Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht
unbedeutenden, auf einem der benachbarten Berge gelegenen, Veste
beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden
Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr
kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall
gerathen. +Santa Anna+ hat Besitz von diesem Bergpaß genommen; weiter
ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht, weshalb
uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. -- In dem Gasthof
zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen von
englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten
schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S...
(der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht
kannte, und z. B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im
Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.)
sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der
verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, ~al modo
del pais~, auf unsern Matratzen im Freien, d. h. unter dem Corridor des
Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u. s. w.
Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf
welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei
freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer
Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier
zu Land so beliebten ~frijoles~, einer Art Bohnen, erfrischten. --
Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen
+Jalapa+, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich denken kann,
gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen, Orangenbäumen und
dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. -- Fiele in Jalapa nicht so
viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten Wolkenregion, 4300 Fuß über
der Meeresfläche, und hat daher dessen etwas zu viel) -- so wäre diese
Gegend ein wahres Paradies, denn es herrscht hier ein ewiger Frühling!
Das Clima ist weder zu heiß noch zu kalt, und durchaus gesund. Man
kennt hier das schwarze Erbrechen nicht, weshalb Jalapa denn auch,
während der an der Küste ungesunden Jahreszeit, der Aufenthaltsort
der Altspanier war, als diese noch das Monopol des Handels und in
Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und dort Ankunft und Abgang
der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten. Jetzt hat sich dies
alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen Jahreszeiten, und die
Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer) bleiben auch während
der Fieberzeit an der Küste. --
Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen
freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe
und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in
die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren
die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick.
Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z. B. das
schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u. s. w. so reizend macht,
an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. -- Von den Dächern
des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht
unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus
schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von
dem Reichthum der +vegetabilischen+ Natur. -- Erst wenn dereinst ein
liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die
Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und
menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone
aufsetzen.
Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem
eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen im Innern des
Hofes (~patio~) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die
Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend.
In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen
Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als
Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen
Namen leihen muß. -- Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von
Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der
mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die
Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können.
Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen
worden.
Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, ~Fonda Francesa~
benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich bin mit Tisch
und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor, mit der
nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen; denn, so
gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine Geschäfte
keine Zögerung am Wege. -- Lebewohl!
~P. S.~ Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich doch
auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner
Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen
Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre
zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche,
große, schwarze Schleier (~Mantilla~) kleidet die Damen recht anmuthig;
ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht ab.
Puebla, genannt ~la Puebla de los Angelos~,[7]
den 15. Januar 1832.