Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der
Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden
Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens
großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack
an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß
es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an
gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine
Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt
und wahrgenommen wird.
Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art (~Stores~
genannt) +Alles+, d. h. von einem Glas Schnaps bis zum feinsten
Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand überraschen, der von
Colonialverhältnissen schon hat reden hören; als besondere Bemerkung
gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr dieser ~marchandes~ in
englischen Baumwollenwaaren stattfindet, und es gewährte mir vielen
Spaß, in fast jedem Hause meine alten Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß,
~mouchoirs~ u. s. w. zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine
Fragen über diesen Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall
eine entschiedene Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge
der während des ganzen Continentalkrieges ausschließlichen Zufuhr
englischer Waaren. Auch trägt man auf Hayti fast nur baumwollene
Stoffe, weniger Leinen und fast gar keine Seide.
Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der
ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden
den Anblick des Binnenlandes verbirgt.
Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde
daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah
gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen
Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des
Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen
dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika
nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme
(Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen
Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten
Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen
fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert;
man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen
gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast
alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.
Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie
bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach
reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil
sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit
dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne
Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen
überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen Nächten, welche
in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn
ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen.
Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der
Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen
und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau
sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht
kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers
gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig
ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern
die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin
geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche
gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. -- Zu
verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse
Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des
Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß
sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume
vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders
wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr
Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne
alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt
alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße
zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum
hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern
ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art,
Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete
Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung
und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden,
würde sich sehr irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie
Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen
Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den
Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz
unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte
mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht
vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade,
welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten
klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche
vollkommen bestätigt fand.
Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem
hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit
der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war,
und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten,
schwarzen Mädchen dafür gab.
Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine
Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen
bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme
Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas
schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im
Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein
Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.
Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde
durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach
zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine
Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach
Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als +zwei Stunden+!
Am Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.
Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und
ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas
lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich
jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben,
so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust
und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten,
auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden
Landreise Seiten. -- Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die
Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang
auch, und der Mensch -- nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits
erzählt, und fahre damit fort. --
Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas,
war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach
mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu
erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt
und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt,
die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten,
zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und
Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.
Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen,
um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so
verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie
gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. -- Diesen letztern kamen
wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem
Anblick des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den
Horizont begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern
Morgen aus dem Gesichte verloren, und sahen wieder blos den Himmel
über uns und um uns her die See. -- Wir befinden uns nun in dem
+mexicanischen Meerbusen+ auf der Bank von Campeche, und die vielen
Seevögel und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge
von auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch
kleine Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste
von Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald
beendigten Reise.
Am 24. December 1831.
Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen
Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir
heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider
eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege
von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm
Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen
Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen
muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit
Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen +diese+ Täuschung
deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren
Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht
kennt.
Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht
einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem
größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen
wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der
wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden,
wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes
unangenehm überrascht; es schien von der Küste von Campeche gekommen
zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes
Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs,
Länge-Berechnung[1] u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens
in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man
darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der
Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei
Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In
diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein
Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber
hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch
erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt
und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal
gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn
nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in
die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet
hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu
halten, wo sie ihren Raub hinführen. -- Welch ein reges Leben sich in
jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken
Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen
eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise
noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele
streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot
sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte
sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück,
vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den
wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen
wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen
schrecklich für uns hätten werden können. --
Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und
unerhörte Gräuel verübt. -- Den vereinten Bemühungen der englischen
und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis
in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von
Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man
sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen,
wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord
+bewaffneter+ Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte![2]
Am 25. December.
Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste
Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten,
nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in
der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns
wieder untreu werden zu wollen scheint. --
So eben ruft man +Land!!+ und wir erblicken hoch in den Wolken, den
Pic des Orizaba! -- Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die
Meeresfläche emporragende Bergspitze aus sehr weiter Ferne sehen
kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn
der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am
hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel
mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein
glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten
Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden
Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick!
Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist
so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.
Am 29. December.
Die Stille dauerte nicht lange. -- Gegen Abend erhob sich der Wind
und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen
konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von
Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser
Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das
Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und
hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und
gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten
Tag.
Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen
Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der Wind
günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen +Orizaba+,
gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder erblickten, und uns an
dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem prachtvollen Sonnenuntergang
ergötzen konnten. Es war das großartigste Naturgemälde, welches ich je
gesehen!
So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte
ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig;
denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu
erreichen.
Am Bord des Esteva, den 31. December 1831,
im Hafen von Vera-Cruz.
Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns
gestern endlich, den +Hafen+ zu erreichen, wenn anders eine offene
Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher
sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese
Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt
Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu
mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste
gekettet, die wir -- leider! -- so bald noch nicht verlassen sollen;
denn, -- stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, -- +wir
müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten+!
Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den ihn
überall verfolgenden Gassenhauer “~Marlborough s’en va-t-en guerre~”
in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das äußerste Ende
von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar nach Indien
flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri die verhaßte
Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung eine Kugel
durch den Kopf jagte! -- So soll es mir, wie es scheint, (versteht
sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit der +Cholera+
ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser Seuche entflohen,
hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; an den belgischen und
französischen Gränzen beschäftigte man sich damit, Cholera-Quarantänen
einzurichten, die mich jedoch glücklicher Weise noch nicht trafen; in
Paris rechnete man mir den Monat vor, wo die Cholera eintreten +würde+,
und in Bordeaux die Zeit, wo sie anlangen +könnte+. Ueberall war die
Rede von der Cholera und fast nur von ihr! -- Gut, dachte ich, dies
hat bald ein Ende; Du kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens
+diese+ verhaßte Krankheit nicht kennt, und höchstens vom +gelben
Fieber+ spricht, welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich
allenfalls dort holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß,
als das erste Boot, welches uns hier zur Seite kam, das +Sanitätsboot+
war, um uns anzukündigen, daß “+da wir aus Europa kämen, allwo die
Cholera herrsche+,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war
erst an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und
unser Schiff das +erste+, auf welches die Maßregel angewandt ward. --
Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!
Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu
landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu
machen? man muß sich ~bon gré mal gré~ darein finden, und wir können
uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf nur
wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch Niemand
zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in einiger
Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese Weise
erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach Europa
darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das bisher
Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. Man
will mir heute Abend ein Boot senden, um die Briefe abzuholen, und ich
werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.
Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm,
sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl
und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen
auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich
niederzuschreiben.
Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern
zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt
sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht
malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden!
In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch
muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. -- Was das Treiben
auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit eines
Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich nicht
zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das Hin- und
Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der Rhede und dem
Landungsplatze (~Muelle~) an der Stadt, gewährt einen recht belebten
und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen Insel Sacrificio[3]
liegen in diesem Augenblick zwei französische Kriegsschiffe, und
hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, ein hamburger und
ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere mexikanische
Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein britisches
Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, auf welchem
S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht angekommen;
wir haben diesem also den Rang abgelaufen.
Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt
das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns
vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison
theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen
Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen
Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die +Mexicaner+
hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen
Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am
Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und
hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der
sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine
Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil
nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts
und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch
nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man
fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas
Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern
Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer
Gruppen von nackten Menschen gewöhnt!
Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst
überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du
diese Mittheilungen recht bald erhieltest. -- Mögen sie Euch Alle so
wohl treffen, wie ich mich fühle!
Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich
wieder +ans Land+, und auf festen Grund und Boden!
Stadt Vera-Cruz, am 3. Januar 1832.
Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich
ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt
eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn
nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier
jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so
stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte,
daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich
mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle
der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des
Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen,
und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der
eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst
merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese
Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht
alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen
welche der warme tuchene Mantel (~Capa~) der besseren Classe, oder
die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (~Zerapa~), deren
auch der ärmste ~Lépero~ nicht ermangelt, kaum zu schützen vermag. --
Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als am Lande,
und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht, welche wir
auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt ganz geeignet,
den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu steigern;
wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern der
Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine
gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche
Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten,
Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen des Sturmes zu
überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht.