[Fußnote 14: Das Wort _recht_ (welches wohl zu unterscheiden ist von

_einem Rechte_, von welchem die Lehrer des Naturrechts reden,) hat

einen ihm eigenthümlichen Nachdruck, weil es keiner Grade der

Vergleichung fähig ist. Nichts ist _so gut_, oder _so edel_, daß sich

nicht noch etwas _besseres_ oder _edleres_ denken ließe; aber _recht_

ist nur eins: alles, worauf dieser Begriff anwendbar ist, ist entweder

schlechthin recht oder schlechthin unrecht, und da giebt's kein

drittes. Weder das lateinische _honestum_, noch das griechische

[Greek: kalon k'agathon] hat diesen Nachdruck. (Vielleicht das

lateinische _par_ --_egisti uti par est_ --?) Es ist ein Glück für

unsre Sprache, daß man diesem Worte durch Mißbrauch desselben seinen

Nachdruck nicht geraubt hat, welches sie ohne Zweifel dem Geschmacke

der Superlativen, und der Übertreibung, -- der Meinung, daß es eben

nicht viel gesagt sey, wenn man z. B. eine Handlung _recht_ nenne, und

daß sie wenigstens _edel_ heißen müsse, zu verdanken hat.]

[Fußnote 15: Die Frage: warum überhaupt moralische Wesen seyn sollten?

ist leicht zu beantworten: wegen der Anforderung des Moralgesetzes an

Gott, das höchste Gut außer Sich zu befördern, welches nur durch

Existenz vernünftiger Wesen möglich ist.]

[Fußnote 16: Wer unwillig wird, daß ich das sagte, dem sagte ich's

nicht. Ich kenne aber Leser, denen man es allerdings sagen muß.]

[Fußnote 17: Überhaupt haben alle, die durch historische,

geographische, physische Deduktionen die kritische Philosophie

_widerlegen_, noch nicht den ersten Satz der Philosophie gefaßt, die sie

widerlegen.]

[Fußnote 18: Daß dieser Deduktion gar nicht eine _objektive_, einen

theoretischen Beweis _a priori_ begründende, sondern blos eine

_subjektive_, für den empirisch-bedingten Glauben hinlängliche,

Gültigkeit zugeschrieben werde, ist wohl für keinen Leser, der auch nur

eine dunkle Ahndung von dem Gange und Ziele dieser Abhandlung hat, zu

erinnern -- auch sogar dann nicht, wenn jemand ihren Sinn vorsätzlich

misdeuten sollte, um den Leser irre zu führen.]

[Fußnote 19: Ich sehe nicht ab, wie die Bewohner von Hispaniola, wenn

Christoph Colon, statt durch seine vorgebliche Verfinsterung des Mondes

nur Lebensmittel von ihnen zu erzwingen, dieselbe als göttliche

Beglaubigung einer Gesandtschaft von ihm an sie in moralischen Absichten

gebraucht hätte, ihm vor der Hand vernünftiger Weise ihre Aufmerksamkeit

hätten versagen können, da der Erfolg dieser Naturbegebenheit nach

seiner bestimmten Vorherverkündigung ihnen nach Naturgesetzen

schlechterdings unerklärbar seyn mußte. Und wenn er denn auf diese

Beglaubigung eine den Principien der Vernunft völlig angemessene

Religion gegründet hätte, so hätten sie nicht nur auf keinen Fall etwas

dabei verloren, sondern sie hätten auch diese Religion mit völliger

Überzeugung so lange für unmittelbar göttlichen Ursprungs halten können,

bis sie durch eigne Einsicht in die Naturgesetze, und durch die

historische Belehrung, daß Colon sie eben so gut gekannt, und daß er

also nicht allerdings ehrlich mit ihnen umgegangen, diese Religion zwar

nicht mehr für göttliche _Offenbarung_ hätten halten können, aber doch

verbunden geblieben wären, sie wegen ihrer gänzlichen Übereinstimmung

mit dem Moralgesetze, für göttliche _Religion_ anzuerkennen.]

[Fußnote 20: Wenn es erwiesen werden könnte, daß ein vernünftiges

Fürwahrhalten einer Offenbarung Gottes als politischen Gesetzgebers

(etwa als Vorbereitung auf eine moralische Offenbarung) möglich wäre,

als mit welcher Möglichkeit des Fürwahrhaltens zugleich die Möglichkeit

der ganzen Sache steht und fällt (ein Erweis, der aus dem oben §. 5.

gesagten als fast unmöglich erscheint); so wäre es klar, daß der

Gehorsam gegen dergleichen Gesetze in einer solchen Offenbarung auf

Furcht der Strafe, und Hoffnung der Belohnung, nicht nur gegründet

werden könnte, sondern müßte, da der Endzweck politischer Gesetze bloße

Legalität ist, und diese durch jene Triebfedern am sichersten bewirkt

wird.]

[Fußnote 21: Ich bitte jeden, dem die hier zu beweisende Behauptung

noch anstößig vorkommt, auf das von hier an folgende besonders

aufzumerken. _Entweder_ die ganze Offenbarungskritik muß umgestoßen, und

die Möglichkeit einer theoretischen Überzeugung _a posteriori_ von der

Göttlichkeit einer gegebnen Offenbarung erhärtet werden, (worüber man

sich an §. 5. zu halten hat:) _oder_ man muß den Satz: daß eine

Offenbarung unsre übersinnliche Erkenntniß nicht erweitern könne,

unbedingt zugeben.]

[Fußnote 22: Zu Ablehnung übereilter Konsequenzen und unstatthafter

Anwendungen merken wir nochmals ausdrücklich an, daß hier nur von als

_objektiv gültig_ angekündigten Sätzen die Rede sey, und daß vieles, was

als Erweiterung unsrer Erkenntniß des Übersinnlichen aussehe,

versinnlichte Darstellung unmittelbarer, oder durch Anwendung dieser auf

gewisse Erfahrungen entstandener Vernunftpostulate seyn könne; daß es

mithin, wenn es erweislich das ist, durch dieses Kriterium nicht

ausgeschlossen werde. Der Erweis davon gehört aber nicht hierher,

sondern in die angewandte Kritik einer besondern Offenbarung.]

[Fußnote 23: So ist es freilich eine richtige Regel: Fasse nie einen

Entschluß in der Hitze des Affekts: aber diese Regel, als empirisch

bedingt, kann sogar nicht auf Menschen allgemeine Anwendung haben, denn

es ist wol möglich, und soll möglich seyn, sich von allen aufbrausenden

Affekten gänzlich frei zu machen.]

[Fußnote 24: Es folgt aber gar nicht, daß, weil ein gewisses Mittel für

ein Subjekt, oder auch für die meisten von keinem Nutzen sey, es darum

für niemanden einigen Nutzen haben könne; und man ist in den neuern

Zeiten in Verwerfung vieler ascetischen Uebungen, aus Haß gegen den in

den ältern damit getriebnen Mißbrauch, zu weit gegangen, wie mir's

scheint. Daß es überhaupt gut und nützlich sey, seine Sinnlichkeit auch

zuweilen da, wo kein ausdrückliches Gesetz redet, zu unterdrücken, blos

um sie zu schwächen und immer freier zu werden, weiß jeder, der an sich

gearbeitet hat.]

[Fußnote 25: Daß die Juden älterer Zeiten wirklich so schlossen,

bezeugen die Vorstellungen der Propheten gegen diesen Irrthum; daß sie

in neuern Zeiten nicht klüger sind, beweisen die lächerlich kindischen

Vorstellungen von Gott, die ihr Talmud enthält: ob durch Schuld ihrer

Religion, oder ihre eigne, bleibt hier ununtersucht. -- Woher aber komme

bei manchen Christen mittlerer und neuerer Zeiten sogar, der Wahn, daß

gewisse Anrufungen, z. B. Kyrie Eleison, Vater unsers Herrn Jesu

Christi, u. dergl. ihm besser gefallen, als andere?]

[Fußnote 26: Wer mich siehet, siehet den Vater, -- sagte Jesus nicht

eher, bis Philippus von ihm verlangte, ihm den Vater zu _zeigen_.]

[Fußnote 27: Daß z. B. Jesus sich Unsterblichkeit gedacht habe, wenn

er von Auferstehung redete, und daß beide Begriffe damals für völlig

gleich gegolten, erhellet, außer seinen Reden beim Johannes über

diesen Gegenstand, wo er die ununterbrochne Fortdauer seiner Anhänger

in einigen Aussprüchen ganz rein ohne das Bild der Auferstehung, doch

ohne sich auf den Unterschied zwischen Seele und Körper, und auf die

vom körperlichen Tode mögliche Einwendung einzulassen, vorträgt; unter

andern ganz offenbar aus jenem Beweise [Greek: kat' anthrôpon] gegen

die Sadducäer. Der angezogne Ausspruch Gottes konnte, alles übrige als

richtig zugestanden, nichts weiter als die fortdauernde Existenz

Abrahams, Isaaks, und Jakobs, zur Zeit Moses, aber keine eigentliche

Auferstehung des Fleisches beweisen. Daß auch die Sadducäer es so

verstanden, und nicht blos die körperliche Auferstehung, sondern

Unsterblichkeit überhaupt, läugneten, folgt daraus, weil sie sich mit

diesem Beweise Jesu befriedigten.

Die Widersprüche, die aus einer zu groben Vorstellung dieser Lehre

folgen, nöthigten schon Paulus, sie etwas näher zu bestimmen.]

[Fußnote 28: Lasset uns das hier über die Bedingungen der Erlaubniß

etwas zu glauben, weil das Herz es wünscht, gesagte, durch ein Beispiel

vom Gegentheile klärer machen. Man könnte nemlich etwa die

Wiedererneuerung des Umganges gewesener Freunde im künftigen Leben aus

dem Verlangen guter zur Freundschaft gestimmter Menschen nach dieser

Wiedererneuerung erweisen wollen. Mit einem solchen Beweise aber würde

man dicht wohl fortkommen. Denn ob man gleich etwa sagen könnte, die

Vollbringung mancher schweren Pflicht werde dem, der einen geliebten

Freund in der Ewigkeit weiß, durch den Gedanken erleichtert werden, daß

er sich dadurch des Genusses der Seligkeit mit seinem abgeschiednen

Freunde immer mehr versichere, so würde, ganz abgerechnet, daß man wol

unzählige Motiven der Art würde aufweisen können, denen man aber darum

die objektive Realität zuzusprechen doch ein Bedenken tragen würde,

dadurch doch gar nicht reine Moralität, sondern blos Legalität befördert

werden, und es würde demnach eine vergebliche Bemühung seyn, diesen

Wunsch von der Bestimmung des obern Begehrungsvermögens durch das

Moralgesetz ableiten zu wollen. Überhaupt sind wol -- der Wunsch,

überhaupt Spuren der göttlichen moralischen Regierung in der ganzen

Natur, und vorzüglich in unserm eignen Leben, und der, insbesondre eine

Offenbarung annehmen zu dürfen, die einzigen, die mit Recht auf eine so

erhabne Abstammung Ansprach machen möchten. Was die zweite Bedingung

anbetrifft, so lassen sich schon hienieden der Analogie nach Gründe

genug vermuthen, die eine solche Wiedervereinigung im künftigen Leben

zweckwidrig machen könnten, als z. B. daß etwa der Zweck einer

vielseitigen Ausbildung uns den Umgang des ehemaligen Freundes, dessen

Absicht für unsre Bildung erreicht ist, unnütz, oder gar schädlich

machen könnte, -- daß desselben Gegenwart in andern Verbindungen

nöthiger, und für das Ganze nützlicher sey, -- daß die unsrige in ändern

Verbindungen es sey u. dgl. Blos der letzten Bedingung entspricht die

angenommene Realität dieses Wunsches, denn in einer Dauer ohne Ende kann

diese Wiedervereinigung, wenn sie an keinen bestimmten Punkt dieser

Dauer gebunden wird, immer noch erwartet werden, und mithin die

Erfahrung ihrer Wirklichkeit nie widersprechen. Aus diesem Grunde also

ist kein Beweis der Befriedigung dieses Wunsches möglich; und wenn es

keinen ändern Beweis giebt (es giebt aber einen, der jedoch auch nur zur

wahrscheinlichen Vermuthung hinreicht), so müßte das menschliche Gemüth

sich über dieselbe auf _Hoffnung_, d. i. auf eine durch eine Bestimmung

des Begehrungsvermögens motivirte Hinneigung des Urtheils auf _eine_

Seite bei einem Gegenstände, der übrigens als problematisch erkannt

wird, einschränken.

Übrigens hat es in Absicht der Unwiderlegbarkeit mit den unmittelbaren

Postulaten der praktischen Vernunft, der Existenz Gottes, und der ewigen

Fortdauer moralischer Wesen die gleiche Bewandtniß. Unsre Fortdauer zwar

ist Gegenstand unmittelbarer Erfahrung; der Glaube, an die Fortdauer

aber kann nie durch Erfahrung widerlegt werden; denn, wenn wir nicht

existiren, so machen wir gar keine Erfahrung. So lange wir ferner als

_wir_, d. i. als moralische Wesen, fortdauern, kann auch der Glaube an

Gott weder durch Gründe, denn auf theoretische gründet er sich nicht,

und das für die Ewigkeit gültige Gesetz der praktischen Vernunft

unterstützt ihn, noch durch Erfahrung umgestoßen werden; denn die

Existenz Gottes kann nie Gegenstand der Erfahrung werden, mithin auch

aus der Ermangelung einer solchen Erfahrung sich nie auf die

Nichtexistenz desselben schließen lassen. Aus eben diesen Gründen aber

können diese Sätze auch nie, für irgend ein endliches Wesen, Gegenstände

des _Wissens_ werden, sondern müssen in alle Ewigkeit Gegenstände des

_Glaubens_ bleiben. Denn für die Existenz Gottes werden wir nie andre

als moralische Gründe haben, da keine andern möglich sind, und unsrer

eignen Existenz werden wir zwar für jeden Punkt derselben unmittelbar

durch das Selbstbewußtseyn sicher seyn, für die Zukunft aber sie aus

keinen ändern, als moralischen Gründen erwarten können.]

[Fußnote 29: Daß dies nicht eine leere Vernünftelei sei, sondern sich

auch in der Erfahrung, besondere beim Halten öffentlicher Reden an das

Volk, bestätige, wird uns vielleicht jeder Religionslehrer, der etwa

sich für seine Person der aus der Offenbarung hergenommenen

Vorstellungen, nicht bedient, übrigens aber lebhaftes Gefühl seiner

Bestimmung mit Ehrlichkeit (welches nicht wenig gesagt ist) vereinigt,

wenn auch nicht öffentlich, doch wenigstens in seinem Herzen

zugestehen. -- Es geschieht vermittelst der Begeisterung durch die

Einbildungskraft; und dieser Umstand darf die Sache niemanden verdächtig

machen, da ja die Offenbarung überhaupt nur durch dieses Vehikulum

wirken kann, und soll.]

[Fußnote 30: Dies waren auch die Maximen Jesu. In Absicht des erstern:

So jemand _will_ den Willen thun des der mich gesandt hat, der wird

innen werden, ob diese Lehre von Gott sey; und im Gegensatze: Wer Arges

thut, hasset das Licht, und kommt nicht an das Licht. In Absicht des

letztern: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken;

ich bin kommen die Sünder zur Busse zu rufen, und nicht, die

Gerechten -- welche Aussprüche ich nicht für Ironie halte.]

[Fußnote 31: Dieser Streit gründet sich auf eine Antinomie des

Offenbarungsbegriffs, und ist völlig dialektisch. Anerkennung einer

Offenbarung ist nicht möglich, sagt der eine Theil; Anerkennung einer

Offenbarung ist möglich, sagt der zweite; und so ausgedrückt

widersprechen sich beide Sätze geradezu. Wenn aber der erste so bestimmt

wird: Anerkennung einer Offenbarung aus theoretischen Gründen ist

unmöglich; und der zweite: Anerkennung einer Offenbarung um einer

Bestimmung des Begehrungsvermögens willen, d. i. ein Glaube an

Offenbarung, ist möglich; so widersprechen sie sich nicht, sondern

können beide wahr seyn, und sind es beide, laut unsrer Kritik.]

SCHLUSSANMERKUNG.

Es ist eine sehr allgemeine Bemerkung, daß alles, was Spekulation ist,

oder so aussieht, sehr wenig Eindruck auf das menschliche Gemüth mache.

Man wird allenfalls angenehm dadurch beschäfftiget; man läßt sich das

Resultat gefallen, weil man nichts dagegen einwenden kann, würde aber

auch nichts arges daraus haben, wenn es anders ausgefallen wäre; denkt

und handelt übrigens in praktischer Rücksicht wie vorher, so daß der auf

Spekulation gegründete Satz wie ein todtes Kapital ohne alle Zinsen in

der Seele zu liegen, scheint, und daß man seine Anwesenheit durch nichts

gewahr wird. So ging es von jeher mit den Spekulationen der Idealisten

und Skeptiker. Sie dachten, wie niemand, und handelten, wie alle.

Daß gegenwärtige Spekulation, wenn sie auch etwa nicht nothwendig

praktische Folgen aufs Leben hat, (wie sie doch, wenn sie sich

behauptet, haben möchte,) dennoch in Absicht des Interesse nicht so kalt

und gleichgültig werde aufgenommen werden, dafür bürgt ihr wol der

Gegenstand, den sie behandelt. Es ist nemlich in der menschlichen Seele

ein nothwendiges Interesse für alles, was auf Religion Bezug hat, und

das ist denn ganz natürlich daraus zu erklären, weil nur durch

Bestimmung des Begehrungsvermögens Religion möglich geworden ist; daß

also diese Theorie durch die allgemeine Erfahrung bestätigt wird, und

daß man sich fast wundern sollte, warum man nicht längst selbst von

dieser Erfahrung aus auf sie kam. Wenn jemand etwa einen andern

unmittelbar gewissen Satz, z. B. daß zwischen zwey Punkten nur Eine

gerade Linie möglich sey, läugnen würde, so würden wir ihn vielmehr

verlachen und bedauren, als uns über ihn erzürnen; und wenn ja etwa der

Mathematiker sich dabey ereifern sollte, so könnte dies nur entweder aus

Mißvergnügen über sich selbst herkommen, daß er ihn seines Irrthums

nicht sogleich überführen könne, oder aus der Vermuthung, daß bey diesem

hartnäckigen Abläugnen der böse Wille, ihn zu ärgern, (mithin doch auch

etwas unmoralisches) zum Grunde liege: aber dieser Unwille würde doch

ein ganz anderer seyn, als derjenige, der jeden, und den

unausgebildetsten Menschen eben am meisten angreift, wenn jemand das

Daseyn Gottes, oder die Unsterblichkeit der Seele abläugnet; welcher mit

Furcht und Abscheu vermischt ist, zum deutlichen Zeichen, daß wir diesen

Glauben als einen theuren Besitz, und denjenigen als unsern persönlichen

Feind ansehen, der Mine macht, uns in diesem Besitze stören zu wollen.

Dieses Interesse verbreitet sich denn verhältnißmäßig weiter, je mehrere

Ideen wir auf die Religion beziehen, und mit ihr in Verbindung bringen

können; und wir würden daher uns sehr bedenken, zu entscheiden, ob

vorherrschende Toleranz in einer Seele, in welcher sie sich nicht auf

langes anhaltendes Nachdenken gründen kann, ein sehr achtungswerther Zug

sey. Aus eben diesem Interesse läßt sich auch im Gegentheile die

empfindliche Abneigung erklären, mit der wir gegen Vorstellungen

eingenommen werden, die wir etwa ehedem für heilig hielten, von denen

wir aber bey zunehmender Reife uns überzeugt oder überredet haben, daß

sie es nicht sind. Wir erinnern uns ja andrer Träume unsrer frühern

Jahre, wie etwa des von einer uneigennützigen Hülfsbereitwilligkeit der

Menschen, von einer arkadischen Schäferunschuld u. dergl. mit einem

wehmüthig-frohen Andenken der Jahre, wo wir noch so angenehm träumen

konnten; ohnerachtet das Gegentheil und die Erfahrungen, wodurch wir

etwa darüber belehrt worden sind, uns doch an sich unmöglich angenehm

seyn können. Der Täuschungen von oben angezeigter Art aber erinnern wir

uns lange mit Verdruß, und es gehört viel Zeit und Nachdenken dazu, um

auch darüber kalt zu werden; ein Phänomen, welches man gar nicht der

dunkeln Vorstellung des durch dergleichen Ideen entstehenden Schadens,

(indem wir ja den offenbaren Schaden selbst mit mehr Gleichmuth

erblicken,) sondern blos daraus zu erklären hat, daß das Heilige uns

theuer ist, und daß wir jede Beimischung eines fremdartigen Zusatzes als

Entweihung desselben ansehen. Dieses Interesse zeigt sich endlich sogar

darin, daß wir mit keinerlei Art Kenntnissen uns so breit machen, als

mit vermeinten bessern Religionseinsichten, als ob hierin die größte

Ehre liege, und daß wir sie -- wenn nicht etwa der gute Ton dergleichen

Unterhaltungen verbannt hat, wiewohl eben das, daß er sie verbannen

müßte, eine allgemeine Neigung zu denselben anzuzeigen scheint, -- so

gern ändern mittheilen mögen, in der sichern Voraussetzung, daß dies ein

allgemein interessanter Gegenstand sey.

So sicher wir also von dieser Seite seyn dürften, daß gegenwärtige

Untersuchung nicht ganz ohne Interesse werde aufgenommen werden, so

haben wir eben von diesem Interesse zu befürchten, daß es sich gegen uns

kehren, und den Leser in der ruhigen Betrachtung und Abwägung der Gründe

stören könne, wenn er etwa voraussehen, oder wirklich finden sollte, daß

das Resultat nicht ganz seiner vorgefaßten Meinung gemäß ausfalle. Es

scheint also eine nicht ganz vergebliche Arbeit zu seyn, hier noch, ganz

ohne Rücksicht auf die Begründung des Resultats, und gleich als ob wir

nicht einen _a priori_ vorgeschriebnen Weg gegangen wären, der uns

nothwendig auf dasselbe hätte führen müssen, sondern, als ob es gänzlich

von uns abgehangen hätte, wie dasselbe ausfallen solle, zu untersuchen,

ob wir Ursache gehabt hätten, ein günstigeres zu wünschen, oder ob

gegenwärtiges etwa überhaupt das vorteilhafteste sey, das wir uns

versprechen durften; kurz, dasselbe, ganz ohne Rücksicht auf seine

Wahrheit, blos von Seiten seiner Nützlichkeit zu untersuchen.

Aber hier stoßen wir denn zuerst auf diejenigen, welche in der besten

Meinung von der Welt sagen werden, bey einer Untersuchung der Art könne

überhaupt nichts kluges herauskommen, und es würde besser gewesen seyn,

gegenwärtige ganz zu unterlassen; die alles, was mit der Offenbarung, in

Verbindung steht, überhaupt nicht auf Principien zurückgeführt wissen

wollen; die jede Prüfung derselben scheuen, fürchten, von sich ablehnen.

Diese werden denn doch, wenn sie aufrichtig seyn wollen, zugestehen, daß

sie selbst eine schlechte Meinung von ihrem Glauben haben, und mögen

selbst entscheiden, ob ihnen die Achtung und Schonung derjenigen besser

gefällt, welche die Sache der Offenbarung schon für völlig

abgeurtheilt[TN13] und in allen Instanzen verlohren ansehen, und meinen,

ein Mann, der auf seine Ehre halte, könne einmal mit ihr sich nicht mehr

befassen, es sey sogar ein schlechtes Heldenstück, sie vollends zu

Grunde zu richten, und möge man ja auch wohl aus mitleidiger Schonung,

denen, die nun einmal ihr Herz daran gehängt haben, dies im Grunde

unschuldige Spielwerk wohl gönnen. Doch haben wir, mit diesen es

eigentlich hier nicht zu thun, denn von ihnen wird wahrscheinlich keiner

diese Schrift lesen; sondern nur mit solchen, die eine Prüfung der

Offenbarung verstatten.

Gegenwärtige sollte unsrer Absicht nach die strengste seyn, welche

möglich ist. Was haben wir nun durch dieselbe verlohren? was gewonnen?

wo ist das Übergewicht?

Verlohren haben wir alle unsere Aussichten auf Eroberungen, sowohl

objektive, als subjektive. Wir können nicht mehr hoffen durch Hülfe

einer Offenbarung in das Reich des Übersinnlichen einzudringen, und von

da, wer weiß welche Ausbeute zurückzubringen, sondern müssen uns

bescheiden, uns mit dem, was uns mit einemmale zu unsrer völligen

Ausstattung gegeben war, zu begnügen. Eben so wenig dürfen wir weiter

hoffen andre zu unterjochen, und sie zu zwingen ihren Antheil an dem

gemeinschaftlichen Erbe, oder an dieser neuen vermeinten Akquisition von

uns zu Lehn zu nehmen, sondern müssen, jeder für sich, uns auf unsre

eignen Geschäfte einschränken.

Gewonnen haben wir völlige Ruhe, und Sicherheit in unserm Eigenthume;

Sicherheit vor den zudringlichen Wohlthätern, die uns ihre Gaben

aufnöthigen, ohne daß wir etwas damit anzufangen wissen; Sicherheit vor

Friedensstörern andrer Art, die uns das verleiden möchten, was sie

selbst nicht zu gebrauchen wissen. Wir haben beide nur an ihre Armuth zu

erinnern, die sie mit uns gemein haben, und in Absicht welcher wir nur

darinn von ihnen verschieden sind, daß wir sie wissen, und unsern

Aufwand darnach einrichten.

Haben wir nun mehr verlohren, oder mehr gewonnen? -- Freilich scheint

der Verlust der gehofften Einsichten in das Übersinnliche ein

wesentlicher, ein nicht zu ersetzender, noch zu verschmerzender Verlust;

wenn es sich aber bey näherer Untersuchung ergeben sollte, daß wir

dergleichen Einsichten zu gar nichts brauchen, ja daß wir nicht einmal

sicher seyn können, ob wir sie wirklich besitzen, oder ob wir auch sogar

hierüber uns täuschen, so möchte es leichter werden, sich darüber zu

trösten.

Versuch einer Kritik aller Offenbarung · 第 13 / 14 段