_einem Rechte_, von welchem die Lehrer des Naturrechts reden,) hat
einen ihm eigenthümlichen Nachdruck, weil es keiner Grade der
Vergleichung fähig ist. Nichts ist _so gut_, oder _so edel_, daß sich
nicht noch etwas _besseres_ oder _edleres_ denken ließe; aber _recht_
ist nur eins: alles, worauf dieser Begriff anwendbar ist, ist entweder
schlechthin recht oder schlechthin unrecht, und da giebt's kein
drittes. Weder das lateinische _honestum_, noch das griechische
[Greek: kalon k'agathon] hat diesen Nachdruck. (Vielleicht das
lateinische _par_ --_egisti uti par est_ --?) Es ist ein Glück für
unsre Sprache, daß man diesem Worte durch Mißbrauch desselben seinen
Nachdruck nicht geraubt hat, welches sie ohne Zweifel dem Geschmacke
der Superlativen, und der Übertreibung, -- der Meinung, daß es eben
nicht viel gesagt sey, wenn man z. B. eine Handlung _recht_ nenne, und
daß sie wenigstens _edel_ heißen müsse, zu verdanken hat.]
[Fußnote 15: Die Frage: warum überhaupt moralische Wesen seyn sollten?
ist leicht zu beantworten: wegen der Anforderung des Moralgesetzes an
Gott, das höchste Gut außer Sich zu befördern, welches nur durch
Existenz vernünftiger Wesen möglich ist.]
[Fußnote 16: Wer unwillig wird, daß ich das sagte, dem sagte ich's
nicht. Ich kenne aber Leser, denen man es allerdings sagen muß.]
[Fußnote 17: Überhaupt haben alle, die durch historische,
geographische, physische Deduktionen die kritische Philosophie
_widerlegen_, noch nicht den ersten Satz der Philosophie gefaßt, die sie
widerlegen.]
[Fußnote 18: Daß dieser Deduktion gar nicht eine _objektive_, einen
theoretischen Beweis _a priori_ begründende, sondern blos eine
_subjektive_, für den empirisch-bedingten Glauben hinlängliche,
Gültigkeit zugeschrieben werde, ist wohl für keinen Leser, der auch nur
eine dunkle Ahndung von dem Gange und Ziele dieser Abhandlung hat, zu
erinnern -- auch sogar dann nicht, wenn jemand ihren Sinn vorsätzlich
misdeuten sollte, um den Leser irre zu führen.]
[Fußnote 19: Ich sehe nicht ab, wie die Bewohner von Hispaniola, wenn
Christoph Colon, statt durch seine vorgebliche Verfinsterung des Mondes
nur Lebensmittel von ihnen zu erzwingen, dieselbe als göttliche
Beglaubigung einer Gesandtschaft von ihm an sie in moralischen Absichten
gebraucht hätte, ihm vor der Hand vernünftiger Weise ihre Aufmerksamkeit
hätten versagen können, da der Erfolg dieser Naturbegebenheit nach
seiner bestimmten Vorherverkündigung ihnen nach Naturgesetzen
schlechterdings unerklärbar seyn mußte. Und wenn er denn auf diese
Beglaubigung eine den Principien der Vernunft völlig angemessene
Religion gegründet hätte, so hätten sie nicht nur auf keinen Fall etwas
dabei verloren, sondern sie hätten auch diese Religion mit völliger
Überzeugung so lange für unmittelbar göttlichen Ursprungs halten können,
bis sie durch eigne Einsicht in die Naturgesetze, und durch die
historische Belehrung, daß Colon sie eben so gut gekannt, und daß er
also nicht allerdings ehrlich mit ihnen umgegangen, diese Religion zwar
nicht mehr für göttliche _Offenbarung_ hätten halten können, aber doch
verbunden geblieben wären, sie wegen ihrer gänzlichen Übereinstimmung
mit dem Moralgesetze, für göttliche _Religion_ anzuerkennen.]
[Fußnote 20: Wenn es erwiesen werden könnte, daß ein vernünftiges
Fürwahrhalten einer Offenbarung Gottes als politischen Gesetzgebers
(etwa als Vorbereitung auf eine moralische Offenbarung) möglich wäre,
als mit welcher Möglichkeit des Fürwahrhaltens zugleich die Möglichkeit
der ganzen Sache steht und fällt (ein Erweis, der aus dem oben §. 5.
gesagten als fast unmöglich erscheint); so wäre es klar, daß der
Gehorsam gegen dergleichen Gesetze in einer solchen Offenbarung auf
Furcht der Strafe, und Hoffnung der Belohnung, nicht nur gegründet
werden könnte, sondern müßte, da der Endzweck politischer Gesetze bloße
Legalität ist, und diese durch jene Triebfedern am sichersten bewirkt
wird.]
[Fußnote 21: Ich bitte jeden, dem die hier zu beweisende Behauptung
noch anstößig vorkommt, auf das von hier an folgende besonders
aufzumerken. _Entweder_ die ganze Offenbarungskritik muß umgestoßen, und
die Möglichkeit einer theoretischen Überzeugung _a posteriori_ von der
Göttlichkeit einer gegebnen Offenbarung erhärtet werden, (worüber man
sich an §. 5. zu halten hat:) _oder_ man muß den Satz: daß eine
Offenbarung unsre übersinnliche Erkenntniß nicht erweitern könne,
unbedingt zugeben.]
[Fußnote 22: Zu Ablehnung übereilter Konsequenzen und unstatthafter
Anwendungen merken wir nochmals ausdrücklich an, daß hier nur von als
_objektiv gültig_ angekündigten Sätzen die Rede sey, und daß vieles, was
als Erweiterung unsrer Erkenntniß des Übersinnlichen aussehe,
versinnlichte Darstellung unmittelbarer, oder durch Anwendung dieser auf
gewisse Erfahrungen entstandener Vernunftpostulate seyn könne; daß es
mithin, wenn es erweislich das ist, durch dieses Kriterium nicht
ausgeschlossen werde. Der Erweis davon gehört aber nicht hierher,
sondern in die angewandte Kritik einer besondern Offenbarung.]
[Fußnote 23: So ist es freilich eine richtige Regel: Fasse nie einen
Entschluß in der Hitze des Affekts: aber diese Regel, als empirisch
bedingt, kann sogar nicht auf Menschen allgemeine Anwendung haben, denn
es ist wol möglich, und soll möglich seyn, sich von allen aufbrausenden
Affekten gänzlich frei zu machen.]
[Fußnote 24: Es folgt aber gar nicht, daß, weil ein gewisses Mittel für
ein Subjekt, oder auch für die meisten von keinem Nutzen sey, es darum
für niemanden einigen Nutzen haben könne; und man ist in den neuern
Zeiten in Verwerfung vieler ascetischen Uebungen, aus Haß gegen den in
den ältern damit getriebnen Mißbrauch, zu weit gegangen, wie mir's
scheint. Daß es überhaupt gut und nützlich sey, seine Sinnlichkeit auch
zuweilen da, wo kein ausdrückliches Gesetz redet, zu unterdrücken, blos
um sie zu schwächen und immer freier zu werden, weiß jeder, der an sich
gearbeitet hat.]
[Fußnote 25: Daß die Juden älterer Zeiten wirklich so schlossen,
bezeugen die Vorstellungen der Propheten gegen diesen Irrthum; daß sie
in neuern Zeiten nicht klüger sind, beweisen die lächerlich kindischen
Vorstellungen von Gott, die ihr Talmud enthält: ob durch Schuld ihrer
Religion, oder ihre eigne, bleibt hier ununtersucht. -- Woher aber komme
bei manchen Christen mittlerer und neuerer Zeiten sogar, der Wahn, daß
gewisse Anrufungen, z. B. Kyrie Eleison, Vater unsers Herrn Jesu
Christi, u. dergl. ihm besser gefallen, als andere?]
[Fußnote 26: Wer mich siehet, siehet den Vater, -- sagte Jesus nicht
eher, bis Philippus von ihm verlangte, ihm den Vater zu _zeigen_.]
[Fußnote 27: Daß z. B. Jesus sich Unsterblichkeit gedacht habe, wenn
er von Auferstehung redete, und daß beide Begriffe damals für völlig
gleich gegolten, erhellet, außer seinen Reden beim Johannes über
diesen Gegenstand, wo er die ununterbrochne Fortdauer seiner Anhänger
in einigen Aussprüchen ganz rein ohne das Bild der Auferstehung, doch
ohne sich auf den Unterschied zwischen Seele und Körper, und auf die
vom körperlichen Tode mögliche Einwendung einzulassen, vorträgt; unter
andern ganz offenbar aus jenem Beweise [Greek: kat' anthrôpon] gegen
die Sadducäer. Der angezogne Ausspruch Gottes konnte, alles übrige als
richtig zugestanden, nichts weiter als die fortdauernde Existenz
Abrahams, Isaaks, und Jakobs, zur Zeit Moses, aber keine eigentliche
Auferstehung des Fleisches beweisen. Daß auch die Sadducäer es so
verstanden, und nicht blos die körperliche Auferstehung, sondern
Unsterblichkeit überhaupt, läugneten, folgt daraus, weil sie sich mit
diesem Beweise Jesu befriedigten.
Die Widersprüche, die aus einer zu groben Vorstellung dieser Lehre
folgen, nöthigten schon Paulus, sie etwas näher zu bestimmen.]
[Fußnote 28: Lasset uns das hier über die Bedingungen der Erlaubniß
etwas zu glauben, weil das Herz es wünscht, gesagte, durch ein Beispiel
vom Gegentheile klärer machen. Man könnte nemlich etwa die
Wiedererneuerung des Umganges gewesener Freunde im künftigen Leben aus
dem Verlangen guter zur Freundschaft gestimmter Menschen nach dieser
Wiedererneuerung erweisen wollen. Mit einem solchen Beweise aber würde
man dicht wohl fortkommen. Denn ob man gleich etwa sagen könnte, die
Vollbringung mancher schweren Pflicht werde dem, der einen geliebten
Freund in der Ewigkeit weiß, durch den Gedanken erleichtert werden, daß
er sich dadurch des Genusses der Seligkeit mit seinem abgeschiednen
Freunde immer mehr versichere, so würde, ganz abgerechnet, daß man wol
unzählige Motiven der Art würde aufweisen können, denen man aber darum
die objektive Realität zuzusprechen doch ein Bedenken tragen würde,
dadurch doch gar nicht reine Moralität, sondern blos Legalität befördert
werden, und es würde demnach eine vergebliche Bemühung seyn, diesen
Wunsch von der Bestimmung des obern Begehrungsvermögens durch das
Moralgesetz ableiten zu wollen. Überhaupt sind wol -- der Wunsch,
überhaupt Spuren der göttlichen moralischen Regierung in der ganzen
Natur, und vorzüglich in unserm eignen Leben, und der, insbesondre eine
Offenbarung annehmen zu dürfen, die einzigen, die mit Recht auf eine so
erhabne Abstammung Ansprach machen möchten. Was die zweite Bedingung
anbetrifft, so lassen sich schon hienieden der Analogie nach Gründe
genug vermuthen, die eine solche Wiedervereinigung im künftigen Leben
zweckwidrig machen könnten, als z. B. daß etwa der Zweck einer
vielseitigen Ausbildung uns den Umgang des ehemaligen Freundes, dessen
Absicht für unsre Bildung erreicht ist, unnütz, oder gar schädlich
machen könnte, -- daß desselben Gegenwart in andern Verbindungen
nöthiger, und für das Ganze nützlicher sey, -- daß die unsrige in ändern
Verbindungen es sey u. dgl. Blos der letzten Bedingung entspricht die
angenommene Realität dieses Wunsches, denn in einer Dauer ohne Ende kann
diese Wiedervereinigung, wenn sie an keinen bestimmten Punkt dieser
Dauer gebunden wird, immer noch erwartet werden, und mithin die
Erfahrung ihrer Wirklichkeit nie widersprechen. Aus diesem Grunde also
ist kein Beweis der Befriedigung dieses Wunsches möglich; und wenn es
keinen ändern Beweis giebt (es giebt aber einen, der jedoch auch nur zur
wahrscheinlichen Vermuthung hinreicht), so müßte das menschliche Gemüth
sich über dieselbe auf _Hoffnung_, d. i. auf eine durch eine Bestimmung
des Begehrungsvermögens motivirte Hinneigung des Urtheils auf _eine_
Seite bei einem Gegenstände, der übrigens als problematisch erkannt
wird, einschränken.
Übrigens hat es in Absicht der Unwiderlegbarkeit mit den unmittelbaren
Postulaten der praktischen Vernunft, der Existenz Gottes, und der ewigen
Fortdauer moralischer Wesen die gleiche Bewandtniß. Unsre Fortdauer zwar
ist Gegenstand unmittelbarer Erfahrung; der Glaube, an die Fortdauer
aber kann nie durch Erfahrung widerlegt werden; denn, wenn wir nicht
existiren, so machen wir gar keine Erfahrung. So lange wir ferner als
_wir_, d. i. als moralische Wesen, fortdauern, kann auch der Glaube an
Gott weder durch Gründe, denn auf theoretische gründet er sich nicht,
und das für die Ewigkeit gültige Gesetz der praktischen Vernunft
unterstützt ihn, noch durch Erfahrung umgestoßen werden; denn die
Existenz Gottes kann nie Gegenstand der Erfahrung werden, mithin auch
aus der Ermangelung einer solchen Erfahrung sich nie auf die
Nichtexistenz desselben schließen lassen. Aus eben diesen Gründen aber
können diese Sätze auch nie, für irgend ein endliches Wesen, Gegenstände
des _Wissens_ werden, sondern müssen in alle Ewigkeit Gegenstände des
_Glaubens_ bleiben. Denn für die Existenz Gottes werden wir nie andre
als moralische Gründe haben, da keine andern möglich sind, und unsrer
eignen Existenz werden wir zwar für jeden Punkt derselben unmittelbar
durch das Selbstbewußtseyn sicher seyn, für die Zukunft aber sie aus
keinen ändern, als moralischen Gründen erwarten können.]
[Fußnote 29: Daß dies nicht eine leere Vernünftelei sei, sondern sich
auch in der Erfahrung, besondere beim Halten öffentlicher Reden an das
Volk, bestätige, wird uns vielleicht jeder Religionslehrer, der etwa
sich für seine Person der aus der Offenbarung hergenommenen
Vorstellungen, nicht bedient, übrigens aber lebhaftes Gefühl seiner
Bestimmung mit Ehrlichkeit (welches nicht wenig gesagt ist) vereinigt,
wenn auch nicht öffentlich, doch wenigstens in seinem Herzen
zugestehen. -- Es geschieht vermittelst der Begeisterung durch die
Einbildungskraft; und dieser Umstand darf die Sache niemanden verdächtig
machen, da ja die Offenbarung überhaupt nur durch dieses Vehikulum
wirken kann, und soll.]
[Fußnote 30: Dies waren auch die Maximen Jesu. In Absicht des erstern:
So jemand _will_ den Willen thun des der mich gesandt hat, der wird
innen werden, ob diese Lehre von Gott sey; und im Gegensatze: Wer Arges
thut, hasset das Licht, und kommt nicht an das Licht. In Absicht des
letztern: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken;
ich bin kommen die Sünder zur Busse zu rufen, und nicht, die
Gerechten -- welche Aussprüche ich nicht für Ironie halte.]
[Fußnote 31: Dieser Streit gründet sich auf eine Antinomie des
Offenbarungsbegriffs, und ist völlig dialektisch. Anerkennung einer
Offenbarung ist nicht möglich, sagt der eine Theil; Anerkennung einer
Offenbarung ist möglich, sagt der zweite; und so ausgedrückt
widersprechen sich beide Sätze geradezu. Wenn aber der erste so bestimmt
wird: Anerkennung einer Offenbarung aus theoretischen Gründen ist
unmöglich; und der zweite: Anerkennung einer Offenbarung um einer
Bestimmung des Begehrungsvermögens willen, d. i. ein Glaube an
Offenbarung, ist möglich; so widersprechen sie sich nicht, sondern
können beide wahr seyn, und sind es beide, laut unsrer Kritik.]
SCHLUSSANMERKUNG.
Es ist eine sehr allgemeine Bemerkung, daß alles, was Spekulation ist,
oder so aussieht, sehr wenig Eindruck auf das menschliche Gemüth mache.
Man wird allenfalls angenehm dadurch beschäfftiget; man läßt sich das
Resultat gefallen, weil man nichts dagegen einwenden kann, würde aber
auch nichts arges daraus haben, wenn es anders ausgefallen wäre; denkt
und handelt übrigens in praktischer Rücksicht wie vorher, so daß der auf
Spekulation gegründete Satz wie ein todtes Kapital ohne alle Zinsen in
der Seele zu liegen, scheint, und daß man seine Anwesenheit durch nichts
gewahr wird. So ging es von jeher mit den Spekulationen der Idealisten
und Skeptiker. Sie dachten, wie niemand, und handelten, wie alle.
Daß gegenwärtige Spekulation, wenn sie auch etwa nicht nothwendig
praktische Folgen aufs Leben hat, (wie sie doch, wenn sie sich
behauptet, haben möchte,) dennoch in Absicht des Interesse nicht so kalt
und gleichgültig werde aufgenommen werden, dafür bürgt ihr wol der
Gegenstand, den sie behandelt. Es ist nemlich in der menschlichen Seele
ein nothwendiges Interesse für alles, was auf Religion Bezug hat, und
das ist denn ganz natürlich daraus zu erklären, weil nur durch
Bestimmung des Begehrungsvermögens Religion möglich geworden ist; daß
also diese Theorie durch die allgemeine Erfahrung bestätigt wird, und
daß man sich fast wundern sollte, warum man nicht längst selbst von
dieser Erfahrung aus auf sie kam. Wenn jemand etwa einen andern
unmittelbar gewissen Satz, z. B. daß zwischen zwey Punkten nur Eine
gerade Linie möglich sey, läugnen würde, so würden wir ihn vielmehr
verlachen und bedauren, als uns über ihn erzürnen; und wenn ja etwa der
Mathematiker sich dabey ereifern sollte, so könnte dies nur entweder aus
Mißvergnügen über sich selbst herkommen, daß er ihn seines Irrthums
nicht sogleich überführen könne, oder aus der Vermuthung, daß bey diesem
hartnäckigen Abläugnen der böse Wille, ihn zu ärgern, (mithin doch auch
etwas unmoralisches) zum Grunde liege: aber dieser Unwille würde doch
ein ganz anderer seyn, als derjenige, der jeden, und den
unausgebildetsten Menschen eben am meisten angreift, wenn jemand das
Daseyn Gottes, oder die Unsterblichkeit der Seele abläugnet; welcher mit
Furcht und Abscheu vermischt ist, zum deutlichen Zeichen, daß wir diesen
Glauben als einen theuren Besitz, und denjenigen als unsern persönlichen
Feind ansehen, der Mine macht, uns in diesem Besitze stören zu wollen.
Dieses Interesse verbreitet sich denn verhältnißmäßig weiter, je mehrere
Ideen wir auf die Religion beziehen, und mit ihr in Verbindung bringen
können; und wir würden daher uns sehr bedenken, zu entscheiden, ob
vorherrschende Toleranz in einer Seele, in welcher sie sich nicht auf
langes anhaltendes Nachdenken gründen kann, ein sehr achtungswerther Zug
sey. Aus eben diesem Interesse läßt sich auch im Gegentheile die
empfindliche Abneigung erklären, mit der wir gegen Vorstellungen
eingenommen werden, die wir etwa ehedem für heilig hielten, von denen
wir aber bey zunehmender Reife uns überzeugt oder überredet haben, daß
sie es nicht sind. Wir erinnern uns ja andrer Träume unsrer frühern
Jahre, wie etwa des von einer uneigennützigen Hülfsbereitwilligkeit der
Menschen, von einer arkadischen Schäferunschuld u. dergl. mit einem
wehmüthig-frohen Andenken der Jahre, wo wir noch so angenehm träumen
konnten; ohnerachtet das Gegentheil und die Erfahrungen, wodurch wir
etwa darüber belehrt worden sind, uns doch an sich unmöglich angenehm
seyn können. Der Täuschungen von oben angezeigter Art aber erinnern wir
uns lange mit Verdruß, und es gehört viel Zeit und Nachdenken dazu, um
auch darüber kalt zu werden; ein Phänomen, welches man gar nicht der
dunkeln Vorstellung des durch dergleichen Ideen entstehenden Schadens,
(indem wir ja den offenbaren Schaden selbst mit mehr Gleichmuth
erblicken,) sondern blos daraus zu erklären hat, daß das Heilige uns
theuer ist, und daß wir jede Beimischung eines fremdartigen Zusatzes als
Entweihung desselben ansehen. Dieses Interesse zeigt sich endlich sogar
darin, daß wir mit keinerlei Art Kenntnissen uns so breit machen, als
mit vermeinten bessern Religionseinsichten, als ob hierin die größte
Ehre liege, und daß wir sie -- wenn nicht etwa der gute Ton dergleichen
Unterhaltungen verbannt hat, wiewohl eben das, daß er sie verbannen
müßte, eine allgemeine Neigung zu denselben anzuzeigen scheint, -- so
gern ändern mittheilen mögen, in der sichern Voraussetzung, daß dies ein
allgemein interessanter Gegenstand sey.
So sicher wir also von dieser Seite seyn dürften, daß gegenwärtige
Untersuchung nicht ganz ohne Interesse werde aufgenommen werden, so
haben wir eben von diesem Interesse zu befürchten, daß es sich gegen uns
kehren, und den Leser in der ruhigen Betrachtung und Abwägung der Gründe
stören könne, wenn er etwa voraussehen, oder wirklich finden sollte, daß
das Resultat nicht ganz seiner vorgefaßten Meinung gemäß ausfalle. Es
scheint also eine nicht ganz vergebliche Arbeit zu seyn, hier noch, ganz
ohne Rücksicht auf die Begründung des Resultats, und gleich als ob wir
nicht einen _a priori_ vorgeschriebnen Weg gegangen wären, der uns
nothwendig auf dasselbe hätte führen müssen, sondern, als ob es gänzlich
von uns abgehangen hätte, wie dasselbe ausfallen solle, zu untersuchen,
ob wir Ursache gehabt hätten, ein günstigeres zu wünschen, oder ob
gegenwärtiges etwa überhaupt das vorteilhafteste sey, das wir uns
versprechen durften; kurz, dasselbe, ganz ohne Rücksicht auf seine
Wahrheit, blos von Seiten seiner Nützlichkeit zu untersuchen.
Aber hier stoßen wir denn zuerst auf diejenigen, welche in der besten
Meinung von der Welt sagen werden, bey einer Untersuchung der Art könne
überhaupt nichts kluges herauskommen, und es würde besser gewesen seyn,
gegenwärtige ganz zu unterlassen; die alles, was mit der Offenbarung, in
Verbindung steht, überhaupt nicht auf Principien zurückgeführt wissen
wollen; die jede Prüfung derselben scheuen, fürchten, von sich ablehnen.
Diese werden denn doch, wenn sie aufrichtig seyn wollen, zugestehen, daß
sie selbst eine schlechte Meinung von ihrem Glauben haben, und mögen
selbst entscheiden, ob ihnen die Achtung und Schonung derjenigen besser
gefällt, welche die Sache der Offenbarung schon für völlig
abgeurtheilt[TN13] und in allen Instanzen verlohren ansehen, und meinen,
ein Mann, der auf seine Ehre halte, könne einmal mit ihr sich nicht mehr
befassen, es sey sogar ein schlechtes Heldenstück, sie vollends zu
Grunde zu richten, und möge man ja auch wohl aus mitleidiger Schonung,
denen, die nun einmal ihr Herz daran gehängt haben, dies im Grunde
unschuldige Spielwerk wohl gönnen. Doch haben wir, mit diesen es
eigentlich hier nicht zu thun, denn von ihnen wird wahrscheinlich keiner
diese Schrift lesen; sondern nur mit solchen, die eine Prüfung der
Offenbarung verstatten.
Gegenwärtige sollte unsrer Absicht nach die strengste seyn, welche
möglich ist. Was haben wir nun durch dieselbe verlohren? was gewonnen?
wo ist das Übergewicht?
Verlohren haben wir alle unsere Aussichten auf Eroberungen, sowohl
objektive, als subjektive. Wir können nicht mehr hoffen durch Hülfe
einer Offenbarung in das Reich des Übersinnlichen einzudringen, und von
da, wer weiß welche Ausbeute zurückzubringen, sondern müssen uns
bescheiden, uns mit dem, was uns mit einemmale zu unsrer völligen
Ausstattung gegeben war, zu begnügen. Eben so wenig dürfen wir weiter
hoffen andre zu unterjochen, und sie zu zwingen ihren Antheil an dem
gemeinschaftlichen Erbe, oder an dieser neuen vermeinten Akquisition von
uns zu Lehn zu nehmen, sondern müssen, jeder für sich, uns auf unsre
eignen Geschäfte einschränken.
Gewonnen haben wir völlige Ruhe, und Sicherheit in unserm Eigenthume;
Sicherheit vor den zudringlichen Wohlthätern, die uns ihre Gaben
aufnöthigen, ohne daß wir etwas damit anzufangen wissen; Sicherheit vor
Friedensstörern andrer Art, die uns das verleiden möchten, was sie
selbst nicht zu gebrauchen wissen. Wir haben beide nur an ihre Armuth zu
erinnern, die sie mit uns gemein haben, und in Absicht welcher wir nur
darinn von ihnen verschieden sind, daß wir sie wissen, und unsern
Aufwand darnach einrichten.
Haben wir nun mehr verlohren, oder mehr gewonnen? -- Freilich scheint
der Verlust der gehofften Einsichten in das Übersinnliche ein
wesentlicher, ein nicht zu ersetzender, noch zu verschmerzender Verlust;
wenn es sich aber bey näherer Untersuchung ergeben sollte, daß wir
dergleichen Einsichten zu gar nichts brauchen, ja daß wir nicht einmal
sicher seyn können, ob wir sie wirklich besitzen, oder ob wir auch sogar
hierüber uns täuschen, so möchte es leichter werden, sich darüber zu
trösten.