Gewißheit, sondern nur ein Glaube an sie stattfinde, ist nun zur Genüge
erwiesen. Aller bisher entwickelte Glaube gründet sich auf eine
Bestimmung des Begehrungsvermögens, (bey der Existenz Gottes, und der
Seelen Unsterblichkeit auf eine des obern, bey dem Vorsehungs- und
Offenbarungsbegriffe auf eine durch das obere geschehne Bestimmung, des
untern,) und erleichtert gegenseitig wieder diese Bestimmung. Daß weiter
keine Ideen möglich sind, an deren Realität zu glauben eine unmittelbare
oder mittelbare Bestimmung durch das praktische Gesetz uns bewege, ist
klärlich gezeigt. Es fragt sich also hier nur noch, ob nicht ein Glaube
möglich sey, der _nicht_ durch eine dergleichen Bestimmung entsteht, und
sie _nicht_ wieder erleichtert. Im ersten Falle muß es leicht
auszumachen seyn, ob der Glaube _in concreto_ wirklich da ist; das muß
sich nemlich aus den praktischen Folgen ergeben, die er, als die
Willensbestimmung erleichternd, nothwendig hervorbringen muß. Im
letztern Falle aber, wo keine dergleichen praktische Folgen möglich
sind, scheint es, da der Glaube etwas blos subjektives ist, schwer,
hierüber etwas festes zu bestimmen, und es hat völlig das Ansehen, daß
uns nichts übrig bleibt, als jedem ehrlichen Manne auf sein Wort zu
glauben, wenn er uns sagt: ich glaube das, oder ich glaube jenes.
Dennoch ist es vielleicht möglich auch hierüber etwas auszumitteln. Es
ist nemlich an sich gar nicht zu läugnen, daß man oft andre, und eben so
oft sich selbst überredet, man glaube etwas, wenn man blos nichts
dagegen hat, und es ruhig an seinen Ort gestellt seyn läßt. Von dieser
Art ist fast aller historischer Glaube, wenn er sich nicht etwa auf
eine Bestimmung des Begehrungsvermögens gründet, wie der an das
historische in einer Offenbarung, oder der eines Geschichtforschers von
Profession, der von der Achtung für sein Geschäft, und von der
Wichtigkeit, die er in seine mühsamen Untersuchungen schlechterdings
setzen muß, unzertrennlich ist; oder der einer Nation an eine
Begebenheit, die ihren Nationalstolz unterstützt. Das Lesen der
Begebenheiten und Handlungen von Wesen, die gleiche Begriffe und gleiche
Leidenschaften mit uns haben, beschäftigt uns auf eine angenehme Art,
und es trägt zur Vermehrung unsers Vergnügens etwas bei, wenn wir
annehmen dürfen, daß dergleichen Menschen wirklich lebten, und wir
nehmen dies um so fester an, je mehr die Geschichte uns interessirt, je
mehr sie Ähnlichkeit mit unsern Begebenheiten oder unsrer Denkungsart
hat; wir würden aber, besonders in manchen Fällen, auch nicht viel
dagegen haben, wenn alles bloße Erdichtung wäre. Ist's auch nicht wahr,
so ist es gut erfunden, möchten wir denken. Wie soll man nun hierüber zu
einiger Gewißheit über sich selbst kommen? -- Die einzige wahre Probe,
ob man etwas wirklich annehme, ist die, ob man darnach handelt, oder, im
vorkommenden Falle der Anwendung, darnach handeln würde. Über Meinungen,
die an sich keine praktische Anwendung haben, noch haben können, findet
dennoch zu jeder Zeit ein Experiment statt, daß man sich nemlich aufs
Gewissen frage, ob man wol für die Richtigkeit einer gewissen Meinung
einen Theil seines Vermögens, oder das ganze, oder sein Leben, oder
seine Freiheit verwetten wolle, wenn etwas gewisses darüber auszumachen
seyn sollte. Man giebt dann einer Meinung, die an sich keine praktischen
Folgen hat, durch Kunst eine praktische Anwendung. Wenn man auf diese
Art jemanden eine Wette um sein ganzes Vermögen antrüge, daß kein
Alexander der Große gelebt habe, so könnte er vielleicht diese Wette
ohne Bedenken annehmen, weil er bei völliger Redlichkeit dennoch ganz
dunkel denken möchte, daß diejenige Erfahrung, welche dies entscheiden
könnte, schlechterdings nicht mehr möglich sey; wenn man aber etwa eben
demselben die gleiche Wette darauf antrüge, daß kein Dalai Lama
existire, mit dem Erbieten, die Sache an Ort und Stelle durch die
unmittelbare Erfahrung zu verificiren, so möchte er vielleicht
bedenklicher dabei werden, und sich dadurch verrathen, daß er mit seinem
Glauben über diesen Punkt nicht völlig in Richtigkeit sey. Wenn man nun
über den Glauben an übersinnliche Dinge, deren Begriff durch die reine
praktische Vernunft _a priori_ nicht gegeben ist, die mithin an sich gar
keine praktischen Folgen haben können, sich eben so eine beträchtliche
Wette antrüge, so wäre es sehr leicht möglich, daß man dadurch, daß man
sie von der Hand wiese, entdeckte, man habe bisher den Glauben an sie
nicht gehabt, sondern sich nur überredet, ihn zu haben; wenn man aber
diese Wette auch wirklich annähme, so könnte man noch immer nicht sicher
seyn, ob sich nicht das Gemüth ganz dunkel besonnen habe, es habe hier
noch gar nicht nöthig, sich auf seiner Schalkheit ertappen zu lassen, da
bei einer solchen Wette gar nichts zu wagen sey, weil die Sache (bei
dergleichen Ideen) in Ewigkeit nicht, weder durch Gründe, noch durch
Erfahrungen auszumachen sey. Wenn also auch nicht darzuthun seyn sollte,
daß an die Realität von dergleichen Ideen gar kein Glaube möglich sey;
so ergiebt sich hieraus doch leicht soviel, daß es möglich sey, auch nur
mit sich selbst in's Reine zu kommen, ob man diesen Glauben überhaupt
habe, welches eben soviel ist, als ob er überhaupt und an sich nicht
möglich wäre. Es ist hieraus zu beurtheilen, ob wir Ursache haben, über
den Verlust unsrer Hoffnung durch eine Offenbarung erweiterte Aussichten
in die übersinnliche Welt zu bekommen, sehr verlegen zu seyn.
In Absicht des zweiten Verlustes bitten wir jeden, sich vor seinem
Gewissen die Frage zu beantworten, zu welcher Absicht er eigentlich
eine Religion haben wolle; ob dazu, um sich über andre zu erheben, und
sich vor ihnen aufzublähen, zur Befriedigung seines Stolzes, seiner
Herrschsucht über die Gewissen, welche weit ärger ist, als die
Herrschsucht über die Körper; oder dazu, um sich selbst zum bessern
Menschen zu bilden. -- Inzwischen bedürfen wir sie auch mit für andre,
theils um reine Moralität unter ihnen zu verbreiten; aber da darf nur
dargethan seyn, daß dies auf keinem ändern Wege, als dem angezeigten,
geschehen könne, so werden wir ja gern, wenn dies wirklich unser Ernst
ist, jeden andern vermeiden; theils, wenn wir das nicht können sollten,
uns wenigstens der Legalität von ihnen zu versichern, -- ein Wunsch, der
an sich völlig rechtmäßig ist. Und in Absicht der Möglichkeit ihn
dadurch zu erreichen, ist denn ganz sicher nichts leichter, als den
Menschen, der sich im Dunkeln überhaupt fürchtet, zu schrecken, ihn
dadurch zu leiten, wohin man will, und ihn zu bewegen, in Hoffnung des
Paradieses seinen sterblichen Leib brennen zu lassen, so sehr man will;
wenn aber gezeigt ist, daß durch eine solche Behandlung der Religion die
Moralität nothwendig gänzlich vernichtet werde, so wird man ja gar gern
eine Gewalt aufgeben, zu der man kein Recht hat; da zumal diese
Legalität weit sicherer, und wenigstens ohne schädliche Folgen für die
Moralität durch andre Mittel erreicht wird.
Dies wäre denn die Berechnung unsers Verlusts. Laßt um nun den Gewinn
dagegen halten!
Wir gewinnen völlige Sicherheit in unserm Eigenthume. Wir dürfen ohne
Furcht, daß unser Glaube uns durch irgend eine Vernünftelei geraubt
werde, ohne Besorgniß, daß man ihn lächerlich machen könne, ohne Scheu
vor der Bezüchtigung des Blödsinns und der Geistesschwäche, ihn zu
unserer Verbesserung brauchen. Jede Widerlegung muß falsch seyn, das
können wir _a priori_ wissen: jeder Spott muß auf den Urheber
zurückfallen.
Wir gewinnen völlige Gewissensfreiheit, nicht vom Gewissenszwange durch
physische Mittel, welcher eigentlich nicht statt findet; denn äußerer
Zwang kann uns zwar nöthigen mit dem Munde zu bekennen, was er will,
aber nie, im Herzen etwas dem ähnliches zu denken; sondern von dem
unendlich härteren Geisteszwange durch moralische Bedrückungen und
Vexationen, durch Zureden, Zunöthigungen, Drohungen, wer weiß welcher
schlimmen Übel, die man unterm Gemüthe anlegt. Dadurch wird nothwendig
die Seele in eine ängstliche Furcht versetzt, und quält sich so lange,
bis sie es endlich so weit bringt, sich selbst zu belügen, und den
Glauben in sich zu erheucheln; eine Heuchelei, welche weit schrecklicher
ist, als der völlige Unglaube, weil der letztere den Charakter nur so
lange, als er dauert, verderbet, die erstere aber ihn ohne Hoffnung
jemaliger Besserung zu Grunde richtet, so daß ein solcher Mensch nie
wieder die geringste Achtung oder das geringste Zutrauen zu sich fassen
kann. Dies ist die Folge, welche das Verfahren, den Glauben auf Furcht
und Schrecken, und auf diesen erpreßten Glauben erst die Moralität (eine
Nebensache, die wol ganz gut seyn mag, wenn sie zu haben ist, in
Ermangelung deren aber auch wol der Glaube allein uns durchhelfen kann,)
gründen zu wollen, nothwendig haben muß, und welche er auch allemal
gehabt haben würde, wenn man immer konsequent zu Werke gegangen, und die
menschliche Natur von ihrem Schöpfer nicht zu gut eingerichtet wäre, als
daß sie sich so sollte verdrehen lassen.
Nach Maaßgabe dieser Grundsätze würde der einzige Weg -- ein Weg, den
offenbar auch das Christenthum vorschreibt -- den Glauben in den Herzen
der Menschen hervorzubringen, der seyn, ihnen durch Entwickelung des
Moralgefühls das Gute erst recht lieb und werth zu machen, und dadurch
den Entschluß, gute Menschen zu werden, in ihnen zu erwecken; dann sie
ihre Schwäche allenthalben fühlen zu lassen, und nun erst ihnen die
Aussicht auf die Unterstützung einer Offenbarung zu geben, und sie
würden glauben, ehe man ihnen zugerufen hätte: glaubet!
Und jetzt darf die Entscheidung, wo das Übergewicht sey, ob auf der
Seite des Gewinns, oder der des Verlusts, dem Herzen eines jeden Lesers
überlassen werden, mit Zusicherung des beiläufigen Vortheils, daß ein
jeder dieses Herz selbst aus dem Urtheile, das es hierüber fället, näher
wird kennen lernen.
ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION:
[Anmerkung TN1: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "Gesezzen" gedruckt.]
[Anmerkung TN2: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "änßert" gedruckt.]
[Anmerkung TN3: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "fordauern" gedruckt.]
[Anmerkung TN4: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "Aufhebug" gedruckt.]
[Anmerkung TN5: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "seyu" gedruckt.]
[Anmerkung TN6: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "sis" gedruckt.]
[Anmerkung TN7: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "4" gedruckt.]
[Anmerkung TN8: Mit großer Wahrscheinlichtkeit ein typographischer Fehler
im Original, könnte aber auch ein geschriebener Dialekt sein, daher
nicht verbessert (Rüchsicht an Stelle von Rücksicht).]
[Anmerkung TN9: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "Siegerinn" gedruckt.]
[Anmerkung TN10: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier ein weiteres "bar" gedruckt.]
[Anmerkung TN11: Mit großer Wahrscheinlichtkeit ein typographischer
Fehler im Original, könnte aber auch ein geschriebener Dialekt sein,
daher nicht verbessert (Gnüge an Stelle von Genüge).]
[Anmerkung TN12: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "selbt" gedruckt.]
[Anmerkung TN13: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
Original ist hier "abgeurthelt" gedruckt.]