Der zweite Theil des möglichen Inhalts einer Religion sind jene Sätze,

welche als Postulate der Vernunft gewiß sind, und welche die Möglichkeit

des Endzwecks des Moralgesetzes in sinnlich bedingbaren Wesen

voraussetzt, welche also durch unsre Willensbestimmung zugleich mit

gegeben, und durch welche hinwiederum gegenseitig unsre

Willensbestimmung erleichtert wird. Diesen Theil des Inhalts einer

Religion nennt man _Dogmatik_, und kann ihn ferner so nennen, wenn man

dabei nur auf die Materie desselben, und nicht auf die Beweisart sieht,

und sich nicht durch diese Benennung berechtigt glaubt zu

_dogmatisiren_, d. i. diese Sätze als objektiv gültig darzustellen. Daß

eine Offenbarung uns über dieselben nichts weiter lehren könne, als was

aus den Principien der reinen Vernunft folgt, ist schon oben erwiesen.

Hier ist also blos noch die Frage zu erörtern: worauf kann eine

Offenbarung unsern Glauben an diese Wahrheiten gründen? Es sind nach

obigen Erörterungen noch folgende zwei Fälle möglich: Entweder die

Offenbarung leitet sie von dem Moralgesetze in uns, das sie als Gesetz

Gottes aufstellt, ab, und giebt sie uns dadurch nur unmittelbar als

Zusicherungen Gottes; oder sie stellt sie unmittelbar als

Entschließungen der Gottheit, entweder schlechthin als solche, oder als

Entschließungen seines durch das Moralgesetz bestimmten Wesens auf, ohne

sie noch besonders von diesem Gesetze abzuleiten. Die erste Art der

Begründung unsers Glaubens ist dem Verfahren der Vernunft- und

Naturreligion ganz gemäß, und die Rechtmäßigkeit desselben ist mithin

außer Zweifel. Bei der zweiten entstehen folgende zwei Fragen: Thut es

unsrer Freiheit, und also unsrer Moralität nicht Abbruch, wenn wir die

blos postulirten Verheißungen des Moralgesetzes als Verheißungen eines

unendlichen Wesens ansehen; und -- müssen alle diese Zusicherungen sich

nicht wenigstens hinterher vom Endzwecke des Moralgesetzes ableiten

lassen? Was die erste anbelangt, so ist sogleich klar, daß, wenn eine

Offenbarung uns Gott nur als den Alleinheiligen, als den genauesten

Abdruck des Moralgesetzes dargestellt hat, wie jede Offenbarung das

soll, aller Glaube an Gott Glaube an das _in concreto_ dargestellte

Moralgesetz ist. In Absicht des zweiten aber sind, wenn eine gewisse

Lehre nicht vom Endzwecke des Moralgesetzes abzuleiten ist, wieder zwei

Fälle möglich; entweder, sie läßt _sich blos nicht ableiten_, oder sie

_widerspricht_ demselben.

Widersprechen gewisse dogmatische Behauptungen dem Endzwecke des

Moralgesetzes, so widersprechen sie dem Begriffe von Gott, und dem

Begriffe aller Religion; _und eine Offenbarung, die dergleichen enthält,

kann nicht von Gott seyn._ Gott kann zu dergleichen Behauptungen nicht

nur nicht berechtigen, sondern er kann sie, bei einem Zwecke, der der

seinige ist, auch nicht einmal zulassen, weil sie seinem Zwecke

widersprechen. Lassen sich aber einige nur nicht davon ableiten, ohne

ihnen gerade zu widersprechen, so ist daraus noch nicht zu schließen,

daß die ganze Offenbarung nicht von Gott seyn könne; denn Gott bedient

sich des Dienstes von Menschen, welche irren, welche sich selbst ein

Hirngespinst erdichten können, um es, vielleicht in wohlmeinender

Absicht, neben göttliche Belehrungen zu stellen, und nach ihrer Meinung

noch mehr gutes zu stiften; und es ist ihm nicht anständig ihre Freiheit

einzuschränken, wenn sie nur nicht einen seinem Zwecke geradezu

entgegenstehenden Gebrauch davon machen wollen: aber das folgt sicher,

_daß alles von dieser Art nicht Bestandtheil einer göttlichen

Offenbarung, sondern menschlicher Zusatz ist_, von welchem wir keine

weitere Notiz zu nehmen haben, als insofern sein Werth aus ändern

Gründen erhellet. Dergleichen Sätze können, da sie einer moralischen

Absicht ganz unfähig sind, meist nur theoretische Aufschlüsse

versprechen: und wenn sie von übernatürlichen Dingen reden, werden sie

meistens sich gar nicht denken, lassen, weil sie nicht unter den

Bedingungen der Kategorien stehen können. Stünden sie, als objektive

Behauptungen, darunter, so würden sie sich nicht blos nicht ableiten

lassen, sondern sie würden dem Moralgesetze sogar widersprechen, wie im

folgenden §. dargethan werden wird.

Eine Offenbarung kann endlich gewisse, mit größerer oder geringerer

Feierlichkeit verbundene, in Gesellschaft oder für sich allein zu

gebrauchende Aufmunterungs- und Beförderungsmittel zur Tugend

vorschlagen. Da alle Religion Gott nur als moralischen Gesetzgeber

darstellt, so ist alles, was nicht Gebot des Moralgesetzes in uns ist,

auch nicht das seinige, und es ist kein Mittel ihm zu gefallen, als

durch Beobachtung desselben: diese Beförderungsmittel der Tugend müssen

sich also nicht in die Tugend selbst, diese _Anempfehlungen_ derselben

müssen sich nicht in _Gebote_, die uns eine Pflicht auflegen,

verwandeln, es muß nicht zweideutig gelassen werden, ob man etwa auch

durch den Gebrauch dieser Mittel, oder vielleicht _nur durch ihn_, sich

den Beifall der Gottheit erwerben könne, sondern ihr Verhältniß zu dem

wirklichen Moralgesetze muß genau bestimmt werden. -- Wenn ein weises

Wesen den Zweck will, will es auch die Mittel, könnte man sagen; aber es

will sie nur, inwiefern sie wirklich Mittel sind und werden, und, -- da

dieses in der Sinnenwelt anzuwendende Mittel sind, und wir mithin hier

in den Bezirk, des Naturbegriffs kommen, -- es kann sie nur wollen,

inwiefern sie in unsrer Macht stehen. Es ist z. B. sehr wahr, und jeder

Beter erfährt's, daß das Gebet, es sey nun anbetende Betrachtung Gottes,

oder Bitte oder Dank, unsre Sinnlichkeit kräftig verstummen macht, und

unser Herz mächtig zum Gefühl, und zur Liebe unsrer Pflichten

emporhebt. Aber, wie können wir den kalten, keines Enthusiasmus fähigen

Mann -- und es ist sehr möglich, daß es deren gebe -- verbinden, seine

Betrachtung bis zur Anbetung emporzuzwingen, und zu begeistern; wie

können wir ihn nöthigen, Ideen der Vernunft durch ihre Darstellung

vermittelst der Einbildungskraft zu beleben, wenn subjektive Ursachen

ihn dieser Fähigkeit beraubten, da dieselbe eine empirische Bestimmung

ist; wie können wir ihn nöthigen, irgend ein Bedürfniß so stark zu

fühlen, so innig zu begehren, daß er sich vergesse dasselbe einem

übernatürlichen Wesen mitzutheilen, von dem er kalt denkend erkennt, daß

er's ohne ihn weiß, und daß er's ohne ihm geben wird, wenn er's verdient

und haben muß, und sein Bedürfniß keine Einbildung ist? -- Dergleichen

Beförderungsmittel sind also nur darzustellen als das, was sie sind, und

nicht den durch das Moralgesetz unbedingt gebotnen Handlungen gleich zu

setzen; sie sind nicht schlechthin zu gebieten, sondern dem, den sein

Bedürfniß zu ihnen treibt, blos anzuempfehlen; sie sind weniger Befehl,

als Erlaubniß. _Jede Offenbarung, die sie den Moralgesetzen gleichsetzt,

ist sicher nicht von Gott;_ denn es widerspricht dem Moralgesetze,

irgend etwas in gleichen Rang mit seinen Anforderungen zu setzen.

Welche Wirkungen aber auf unsre moralische Natur darf eine Offenbarung

von dergleichen Mitteln versprechen, blos natürliche, oder

übernatürliche, d. i. solche, die nach den Gesetzen der Natur mit ihnen,

als Wirkungen mit ihren Ursachen, nicht nothwendig verbunden sind,

sondern bei Gelegenheit des Gebrauchs dieser Mittel, durch eine

übernatürliche Ursache außer uns, gewirkt werden? Laßt uns einen

Augenblick das letztere annehmen, daß nemlich unser Wille durch eine

übernatürliche Ursache außer uns _dem Moralgesetze gemäß_ bestimmt

werde. Nun aber ist keine Bestimmung, die nicht durch und mit Freiheit

geschieht, dem Moralgesetze gemäß, folglich widerspricht diese Annahme

sich selbst, und jede durch eine solche Bestimmung erfolgte Handlung

wäre nicht moralisch; könnte folglich weder das geringste Verdienst

haben, noch auf irgend eine Art eine Quelle von Achtung und

Glückseligkeit für uns werden; wir wären in diesem Falle Maschinen, und

nicht moralische Wesen, und eine dadurch hervorgebrachte Handlung wäre

in der Reihe unsrer moralischen schlechterdings Null. -- Wenn man aber

dies auch zugeben müßte, wie man es denn muß, so könnte man noch weiter

sagen: eine solche Bestimmung sollte, bei Gelegenheit des Gebrauchs

jener Mittel in uns hervorgebracht werden, nicht, um _unsre_ Moralität

zu erhöhen, welches freilich nicht möglich wäre, sondern um durch die

in uns übernatürlich hervorgebrachte Wirkung eine Reihe in der

Sinnenwelt hervorzubringen, die für die Bestimmung _anderer_ moralischen

Wesen, nach Gesetzen der Natur, Mittel würde, und wobei _wir_ freilich

bloße Maschinen wären: daß aber Gott sich vielmehr unsrer, als andrer,

dazu bediene, hange von der Bedingung des Gebrauchs jenes Mittels

ab. -- Jetzt ununtersucht, was denn das für einen Werth für uns haben

könne, ob eben _wir_ als Maschinen, oder ob andere Maschinen zur

Beförderung des Guten gebraucht würden; kann auch in dieser Absicht

keine Offenbarung allgemeingültige Verheißungen von dieser Art geben,

denn wenn jeder die Bedingung derselben erfüllte, jeder dadurch eine

fremde übernatürliche Kausalität in sich veranlaßte, so würden dadurch

nicht nur alle Gesetze der Natur außer uns, sondern auch alle Moralität

in uns aufgehoben. -- Wir dürfen aber nicht schlechthin läugnen, daß

nicht in besondern Fällen dergleichen Wirkungen in dem Plane der

Gottheit gewesen seyn konnten, ohne das Princip der Offenbarung

überhaupt zu läugnen; wir dürfen eben so wenig läugnen, daß nicht einige

dieser Wirkungen an Bedingungen von Seiten der Werkzeuge könnten

gebunden gewesen seyn, weil wir das nicht wissen können; aber wenn in

einer Offenbarung Erzählungen davon, Vorschriften, und Verheißungen

hierüber vorkommen, so gehören diese zur äußern Form der Offenbarung,

und nicht zum allgemeinen Inhalte derselben. Bestimmung durch

übernatürliche Ursachen außer uns hebt die Moralität auf; _jede Religion

also, die unter irgend einer Bedingung dergleichen Bestimmungen

verspricht, widerspricht dem Moralgesetze, und ist folglich sicher nicht

von Gott._

Es bleibt also der Offenbarung von dergleichen Mitteln nichts übrig zu

versprechen, als natürliche Wirkungen. -- So wie wir von

Beförderungsmitteln der Tugend reden, sind wir im Gebiete des

Naturbegriffs. Das Mittel ist in der sinnlichen Natur; das was dadurch

bestimmt werden soll, ist die sinnliche Natur in uns; unsre unedlen

Neigungen sollen geschwächt und unterdrückt, unsre edlern sollen

gestärkt und erhöht werden; die moralische Bestimmung des Willens soll

dadurch nicht geschehen, sondern nur erleichtert werden. Alles also muß

nothwendig wie Ursache und Wirkung zusammenhängen, und dieser

Zusammenhang muß sich klar einsehen lassen. -- Es wird aber hierdurch

nicht behauptet, daß die Offenbarung in Anspruch genommen werden könne,

diesen Zusammenhang zu zeigen. Der Zweck der Offenbarung ist praktisch,

eine solche Deduktion aber theoretisch, und kann demnach dem eignen

Nachdenken eines jeden überlassen werden. Jene kann sich begnügen,

diese Mittel, blos als von Gott anempfohlen, aufzustellen. Nur muß sich

dieser Zusammenhang hinterher zeigen lassen; denn Gott, der unsre

sinnliche Natur kennt, kann ihr keine Mittel der Besserung anpreisen,

die den Gesetzen derselben nicht gemäß sind. Jede Offenbarung also,

welche Mittel zur Beförderung der Tugend vorschlägt, von denen man nicht

zeigen kann, wie sie natürlich dazu beitragen können, ist, wenigstens

_inwiefern sie dies thut_, nicht von Gott. -- Wir dürfen hier die

Einschränkung hinzusetzen: denn wenn solche Mittel nur nicht zu

Pflichten gemacht werden; wenn nur nicht übernatürliche Wirkungen von

ihnen versprochen werden; so ist ihre Anempfehlung nicht der Moral

widersprechend, sie ist blos leer und unnütz[24].

§. 12.

_Kriterien der Göttlichkeit einer Offenbarung in Absicht der möglichen

Darstellung dieses Inhalts._

Da die Offenbarung überhaupt schon ihrer Form nach, für das Bedürfniß

der Sinnlichkeit da ist, so ist es sehr wahrscheinlich, daß sie sich

auch in ihrer Darstellung zu derselben herablassen werde, wenn gezeigt

werden sollte, daß die Sinnlichkeit hierüber besondre Bedürfnisse habe.

Doch ist diese Darstellung so wenig das Wesentliche und

Charakteristische einer Offenbarung, daß wir sogar, wie oben gezeigt

worden ist, _a priori_ nicht einmal fordern können, daß sie einen Inhalt

habe, oder überhaupt irgend etwas mehr thue, als daß sie Gott für den

Urheber des Moralgesetzes ankündige.

Die Sinnlichkeit überhaupt ist, wegen des Widerstrebens der Neigung, nur

zu bereit, die Erfüllung des Moralgesetzes für unmöglich zu halten, und

das Gebot nicht, als für _sich_ gegeben, anzuerkennen. Nun giebt zwar

die Offenbarung dies Gesetz ausdrücklich an die Sinnlichkeit; aber doch

redet in dem sinnlichen Menschen noch immer die Stimme der Pflicht,

durch das Schreien der Begierde geschwächt, und durch die falschen

Begriffe, die jene in Menge liefert, gedämpft, nur leise, wenn sie über

seine eigenen Handlungen sprechen soll -- wenn sie im eigentlichen

Verstande _gebietend_ ist. Aber auch der rohsinnlichste Mensch hört

sie, wenn von Beurtheilung einer Handlung die Rede ist, bei welcher

seine Neigung von keiner Seite mit in's Spiel gezogen wird. Und lernt er

sie nur dadurch in sich unterscheiden, wird sie nur dadurch aus ihrer

Unthätigkeit gezogen, und er mit ihr bekannter und vertrauter, so wird

er endlich doch anfangen, auch an _sich_ zu hassen, was er an andern

verabscheut, und sich selbst so zu wünschen, wie er andere

fordert. -- Der Widersinn, alles um sich her gerecht haben, und nur

allein ungerecht seyn zu wollen, ist zu auffallend, als daß irgend ein

Mensch sich ihn gern gestehen wolle. Bringe man ihn dahin, daß, im Falle

er ungerecht ist, er sich ihn gestehen müsse! Wie kann dieser Zweck

erreicht werden? Durch Aufstellung moralischer Beispiele. Die

Offenbarung kann also ihre Moral in Erzählungen einkleiden, und sie

entspricht dem Bedürfniß des Menschen nur um so besser, wenn sie es

thut. Sie kann ungerechte Handlungen zur Verachtung, gerechte, besonders

mit großen Aufopferungen und Anstrengungen durchgesetzte, zur

Bewunderung und Nachahmung aufstellen. Über die Befugniß einer

Offenbarung, ihre Sittenlehre so vorzutragen, kann keine Frage

entstehen: und daß die von ihr als mustermäßig aufgestellten Handlungen

rein moralisch, seyn müssen; daß sie nicht etwa zweideutige, oder wohl

gar offenbar schlechte Handlungen als gute rühmen, und Leute, die

dergleichen verrichtet haben, als Muster anpreisen dürfe, folgt aus dem

Zwecke der Offenbarung. _Jede Offenbarung, die dieses thut, widerspricht

dem Moralgesetze, und dem Begriffe von Gott, und kann folglich nicht

göttlichen Ursprungs seyn._

Eine Offenbarung hat die Vernunftideen, Freiheit, Gott, Unsterblichkeit

darzustellen. -- Daß der Mensch frei sey, lehrt jeden unmittelbar sein

Selbstbewußtseyn und er zweifelt um so weniger daran, je weniger er

durch Vernünfteln sein natürliches Gefühl verfälscht hat. Die

Möglichkeit aller Religion, und aller Offenbarung, setzt die Freiheit

voraus. Die Darstellung dieser Idee für die sinnlich bedingte Vernunft

ist also kein Geschäft für eine Offenbarung: und mit Auflösung der

dialektischen Scheingründe dagegen hat keine Offenbarung es zu thun, als

welche nicht vernünftelt, sondern gebietet, und sich nicht an

vernünftelnde, sondern sinnliche Subjekte richtet. -- Aber dagegen ist

die Idee von Gott es desto mehr. Unter die Bedingungen der reinen

Sinnlichkeit, Zeit und Raum, Gott sich zu denken, wenn er sich ihn

denken will, ist jeder gedrungen, der Mensch ist. Wir mögen noch so sehr

überzeugt seyn, noch so scharf erweisen können, daß sie auf ihn nicht

passen, so überrascht uns doch dieser Fehler, indem wir ihn noch rügen.

Wir wollen jetzt uns Gott als uns gegenwärtig denken, und wir können

nicht verhindern, ihn an den Ort hinzudenken, wo wir sind: wir wollen

jetzt Gott als den Vorherseher unsrer künftigen Schicksale, unsrer

freien Entschließungen denken, und wir denken ihn als in der Zeit, in

der er jetzt ist, blickend in eine Zeit, in der er noch nicht ist.

Solchen Vorstellungen muß die Darstellung einer Religion sich anpassen;

denn sie redet mit Menschen, und kann keine andre, als der Menschen

Sprache reden. -- Aber die empirische Sinnlichkeit bedarf noch mehr. Der

innere Sinn, das empirische Selbstbewußtseyn steht unter der Bedingung,

ein mannichfaltiges nach und nach, und allmählich aufzunehmen, und zu

einander hinzuzusetzen; nichts aufnehmen zu können, was sich nicht von

den vorherigen unterscheidet, also nur Veränderungen bemerken zu können.

Seine Welt ist eine unaufhörliche Kette von Modifikationen. Unter dieser

Bedingung will er sich auch das Selbstbewußtseyn Gottes denken. -- Er

bedarf z. B. jetzt eines Zeugens der Reinigkeit seiner Gesinnungen bei

einer gewissen Entschließung. Gott hat _bemerkt_, so denkt er sich's,

was in meiner Seele vorging. -- Er ist jetzt beschämt über eine

unmoralische Handlung: sein Gewissen erinnert ihn an die Heiligkeit des

Gesetzgebers. Er hat sie, er hat das ganze Verderben, das sich darinn

zeigt, _entdeckt_, denkt er. Aber er bemerkt auch die Reue, die ich

jetzt darüber empfinde, fährt er fort. -- Er entschließt sich jetzt

recht stark, hinführe aufmerksam an seiner Heiligung zu arbeiten. Er

fühlt, daß ihm die Kräfte dazu fehlen. Er ringt mit sich, und zu schwach

im Kampfe, siehe er sich nach fremder Hülfe um, und betet zu Gott. Gott

wird auf mein flehentliches, anhaltendes Bitten sich _entschließen_ mir

beizustehen, denkt er; -- und denkt sich in allen diesen Fällen Gott als

durch ihn modificirbar. -- Er denkt sich in Gott Affekten, und

Leidenschaften, damit er Theil nehmen könne an den seinigen; -- Mitleid,

Bedauren, Erbarmen, Liebe, Vergnügen, u. dergl. -- Die höchste, oder

tiefste Stufe der Sinnlichkeit, die alles unter die empirischen

Bedingungen des äussern Sinns setzt, verlangt noch mehr. Sie will einen

körperlichen Gott, der ihre Handlungen im eigentlichen Verstande

_sieht_, ihre Worte _hört_, mit dem sie reden könne, wie ein Freund mit

seinem Freunde. Ob eine Offenbarung sich zu diesen Bedürfnissen

herablassen könne, ist keine Frage: ob sie aber dürfe, und in wie weit

sie dürfe, muß eine Kritik der Offenbarung beantworten.

Der Zweck aller dieser Belehrungen ist kein andrer, als Beförderung

reiner Moralität, und der versinnlichenden Darstellung derselben

insbesondere Beförderung reiner Moralität in dem sinnlichen Menschen.

Insofern nur diese Versinnlichung mit diesem Zwecke übereinkommt, kann

die Offenbarung göttlich seyn: wenn sie ihm aber widerspricht, ist sie

gewiß nicht göttlich.

Die Versinnlichung des Begriffs von Gott kann den moralischen

Eigenschaften Gottes, und mithin aller Moralität auf zweierlei Art

widersprechen: nemlich theils _unmittelbar_, wenn Gott mit

Leidenschaften dargestellt wird, die geradezu gegen das Moralgesetz

sind, wenn ihm z. B. Zorn und Rache aus Eigenwillen, Vorliebe oder

Vorhaß, welche sich auf etwas anders als auf die Moralität der Objekte

dieser Leidenschaften gründen, zugeschrieben wird. Ein solcher Gott

würde kein Muster unsrer Nachahmung, und kein Wesen seyn, für welches

wir Achtung haben könnten, sondern ein Gegenstand einer ängstlichen

zur Verzweiflung bringenden Furcht. Jedoch widerspricht dieses schon

der Form aller Offenbarung, welche einen _heiligen_ Gott als

Gesetzgeber verlangt. Es würde aber dem moralischen Begriffe von Gott

gar nicht widersprechen, wenn ihm z. B. lebhafter Unwille über das

unmoralische Verhalten endlicher Wesen zugeschrieben würde; denn das

ist blos sinnliche Darstellung einer nothwendigen Wirkung der

Heiligkeit Gottes, die wir, wie sie an sich in Gott ist, gar nicht

erkennen können; und wenn in einer Sprache, die zu den feinern

Modifikationen der Affekten keine bestimmten Worte hätte, dieser

Unwille auch Zorn genennt würde, so widerspricht auch dies, im Geiste

der Menschen, die diese Sprache redeten, verstanden, dem Begriffe von

Gott nicht, _Mittelbar_ würde _jede_ sinnliche Darstellung von Gott

der Moralität widersprechen, wenn sie als _objektiv gültig_, und nicht

als bloße Herablassung zu unserm _subjektiven Bedürfniß_ vorgestellt

würde. Denn alles, was vom Objekte, an sich gilt, daraus kann ich

Schlüsse ziehen, und das Objekt dadurch weiter bestimmen. Leiten wir

aber aus irgend einer sinnlichen Bedingung Gottes, als objektiv

gültig, Schlüsse ab, so verwickeln wir uns mit jedem Schlüsse tiefer

in Widersprüche gegen seine moralischen Eigenschaften. Sieht z. B. und

hört Gott wirklich, so muß er auch durch diese Sinne des Vergnügens

theilhaftig seyn; so ist es sehr möglich, daß wir ihm ein sinnliches

Vergnügen machen können, daß der Geruch der Brandopfer und Speisopfer,

ihm wirklich gefallen kann[25], und wir haben folglich Mittel ihm

durch etwas anderes, als durch Moralität gefällig zu werden. Können

wir Gott wirklich durch unsre Empfindungen bestimmen, ihn zum

Mitleiden, zum Erbarmen, zur Freude bewegen, so ist er nicht der

Unveränderliche, der Alleingenugsame, der Alleinselige, so ist er noch

durch etwas anderes, als durch das Moralgesetz bestimmbar; so können

wir auch wol hoffen, ihn durch Winseln und Zerknirschung zu bewegen,

daß er anders mit uns verfahre, als der Grad unsrer Moralität es

verdient hätte. Alle diese sinnlichen Darstellungen göttlicher

Eigenschaften müssen also nicht als objektiv gültig angekündigt

werden; es muß nicht zweideutig gelassen werden, ob Gott _an sich_ so

beschaffen sey, oder ob er uns nur zum Behuf unsers sinnlichen

Bedürfnisses erlauben wolle, ihn so zu denken. -- Außer dieser

Bedingung aber können wir keiner Offenbarung _a priori_ Gesetze

vorschreiben, wie weit sie mit der Versinnlichung des Begriffs von

Gott gehen dürfe: sondern dies hängt gänzlich von dem empirisch

gegebnen Bedürfnisse des Zeitalters ab, für welches sie zunächst

bestimmt ist. Wenn z. B. irgend eine Offenbarung, um von einer Seite

allen Bedürfnissen der rohsten Sinnlichkeit Genüge zu thun, und von

der andern Seite dem Begriffe von Gott seine völlige Reinheit zu

sichern, uns irgend ein ganz sinnlich bedingtes Wesen, als einen

Abdruck der moralischen Eigenschaften Gottes, insofern sie Beziehungen

auf Menschen haben, eine verkörperte praktische Vernunft ([Greek: logon])

gleichsam als einen Gott der Menschen, darstellte: so wäre dies noch

gar kein Grund, so einer Offenbarung überhaupt, oder auch nur dieser

Darstellung derselben den göttlichen Ursprung abzusprechen; wenn nur

dieses Wesen so vorgestellt wäre, daß es jener Absicht entsprechen

könnte, und wenn nur diese Stellvertretung nicht als objektiv gültig

behauptet, sondern blos als Herablassung zur Sinnlichkeit, die

derselben bedürfen könnte[26], vorgestellt, und, was daraus nothwendig

folgt, jedem völlig freigestellt würde, sich dieser Vorstellung zu

bedienen, oder nicht, je nachdem er es für sich moralisch nützlich

fände. _Nur eine solche Offenbarung also kann göttlichen Ursprungs

seyn, die einen anthropomorphosirten Gott, nicht als objektiv, sondern

blos für subjektiv gültig giebt._

Der Begriff der Unsterblichkeit der Seele gründet sich auf eine

Abstraktion, die die Sinnlichkeit, besonders der tiefste Grad der

Sinnlichkeit, nicht macht. Seiner Persönlichkeit ist jeder unmittelbar

durch das Selbstbewußtseyn sicher; das: Ich bin -- bin selbstständiges

Wesen, läßt er sich durch keine Vernünfteleien rauben. Aber welche von

diesen Bestimmungen dieses seines Ich reine, oder empirische, welche für

und durch den innern oder äußern Sinn, oder welche durch die reine

Vernunft gegeben, welche wesentlich, und welche nur zufällig seyen, und

nur von seiner gegenwärtigen Lage abhängen, sondert er nicht ab, und ist

nicht fähig es zu thun. Er wird vielleicht nie auf den Begriff einer

Seele, als eines reinen Geistes kommen; und giebt man ihm auch

denselben, so wird man ihm oft nichts als ein Wort geben, das für ihn

ohne Bedeutung ist. Er kann also Fortdauer seines Ich sich nicht anders

denken, als unter der Gestalt der Fortdauer desselben mit allen seinen

gegenwärtigen Bestimmungen. Wenn eine Offenbarung sich zu dieser

Schwachheit herablassen will, -- und sie wird es fast müssen, um

verständlich zu werden, -- so wird sie ihm jene Idee in die Gestalt

kleiden, in der er allein fähig ist, sie zu denken, in die, der

Fortdauer alles dessen, was er gegenwärtig zu seinem Ich rechnet; und,

da er den einstigen Untergang eines Theils desselben offenbar

vorhersieht, der Wiederauferstehung[27]; und die Hervorbringung der

völligen Kongruenz zwischen Moralität und Glückseligkeit in das Bild

eines allgemeinen Verhörs und Gerichtstages, und einer Austheilung von

Strafen und Belohnungen. -- Aber sie darf diese Bilder nicht als

objektive Wahrheiten aufstellen. -- Nur eine solche Offenbarung also

kann göttlich seyn, welche eine versinnlichte Darstellung unsrer

Unsterblichkeit, und des moralischen Gerichts Gottes über endliche

Wesen, nicht als objektiv, sondern nur als subjektiv (nemlich nicht für

Menschen überhaupt, sondern nur für diejenigen sinnlichen Menschen, die

einer solchen Darstellung bedürfen) gültig giebt. Thut sie das erstere,

so ist ihr zwar darum noch nicht die Möglichkeit eines göttlichen

Ursprungs überhaupt abzusprechen, denn eine solche Behauptung

_widerspricht_ der Moral nicht, sie ist blos _nicht_ von ihren

Principien _abzuleiten; aber sie ist, wenigstens in Rücksicht dieser

Behauptung, nicht göttlich._

Ob eine Offenbarung ihren versinnlichenden Vorstellungen reiner

Vernunftideen objektive, oder blos subjektive Gültigkeit beilege, ist,

wenn sie es auch nicht ausdrücklich erinnert, welches jedoch zur

Vermeidung alles möglichen Misverständnisses zu wünschen ist, daraus zu

ersehen, ob sie auf dieselben Schlüsse bauet oder, nicht. Thut sie das

erstere, so ist offenbar, daß sie ihnen objektive Gültigkeit beilegt.

Versuch einer Kritik aller Offenbarung · 第 10 / 14 段