Unfähigkeit zur Vorstellung der Ideen beschreiben; um dadurch zugleich
den theoretischen Fehler, sich dieselben entweder gar nicht, oder nicht
anders, als unter den Bedingungen der empirischen Sinnlichkeit, denken
zu können, und den praktischen, sich nicht durch dieselben bestimmen zu
lassen, der aus dem erstem nothwendig folgt, zu befassen. Man kann die
empirische Sinnlichkeit, eben so wie die reine, in zwei Gattungen
eintheilen, in die _äussere_ und _innere_. Die erstere besteht in
theoretischer Rücksicht darin, wenn man sich alles unter die empirischen
Bedingungen der äußern Sinne, alles hörbar, fühlbar, sichtbar u. s. w.
denkt, und auch alles wirklich sehen, hören, fühlen will, und damit ist
immer eine gänzliche Unfähigkeit zum Nachdenken, zu Verfolgung einer
Reihe von Schlüssen, wenn es auch nur über Gegenstände der Natur ist,
verbunden; und in praktischer, wenn man sich nur durch die Lust des
äußern Sinns, bestimmen läßt. Dieses ist derjenige Grad derselben, den
man auch rohe Sinnlichkeit nennt. Die zweite besteht in theoretischer
Rücksicht darin, daß man sich alles wenigstens unter die empirischen
Bedingungen unsers innern Sinns, alles modificirbar denkt, und es auch
wirklich modificiren will; und in praktischer, wenn man sich durch
nichts höheres bestimmen läßt, als durch die Lust des innern Sinns.
Dahin gehört die Lust am Spiel, am Dichten, am Schönen (aber nicht am
Erhabnen), selbst am Nachdenken, am Gefühl seiner Kraft, und sogar das
Mitgefühl, ob es gleich der edelste aller sinnlichen Triebe ist. Wenn
diese Sinnlichkeit herrschend ist, d. i. wenn wir blos und lediglich
durch ihren Antrieb und nie durch das Moralgesetz uns bestimmen lassen,
so ist klar, dass sie allen Willen gut zu seyn, und alle Moralität
gänzlich ausschließt. Aber bei den meisten Menschen hat sie zwar bei
weitem das Übergewicht, und sie werden in den meisten Fällen blos durch
sie bestimmt; aber dennoch sind sie darum noch nicht überhaupt aller
reinmoralischen Handlungen unfähig, und haben wenigstens noch soviel
moralisches Gefühl, um die Sträflichkeit und Unanständigkeit ihrer
Handlungsart in auffallenden Fällen oder bei gewissen Veranlassungen zu
fühlen, und sich deren zu schämen. Gesetzt aber, sie wendeten das
Moralgesetz auch nie auf sich selbst an, und hätten nie Schaam oder
Reue über ihre eigne Unvollkommenheit empfunden, so zeigt es sich doch
in ihrer Beurtheilung der Handlungen andrer, in ihrer oft starken
Misbilligung derselben aus richtigen moralischen Gründen, dass sie des
moralischen Sinns nicht gänzlich unfähig sind. Auf Menschen von dieser
Art, sollte man glauben, würde man eben von der Seite aus, wo sie noch
Empfänglichkeit für Moralität zeigen, wirken, -- man würde sich eben der
Grundsätze, die sie auf andre anwenden, bedienen können, um ihnen über
ihren eignen Zustand die Augen zu öffnen, sie so allmählich zum guten
Willen, und durch ihn endlich zur Religiosität zu führen. Es müsste
also, zum Behufe der Nothwendigkeit einer Offenbarung gezeigt werden
können, dass Menschen, und ganze Menschengeschlechter möglich seyen, die
durch herrschende Sinnlichkeit des Sinns für Moralität entweder
gänzlich, oder doch in einem so hohen Grade beraubt wären, dass man von
diesem Wege aus gar nicht auf sie wirken könne; welche sich des
Moralgesetzes in ihnen entweder gar nicht, oder doch so wenig bewusst
seyen, dass man auf diesen Grund in ihnen gar nichts bauen könne. Es
lässt sich _a priori_ wol denken, daß die Menschheit entweder von ihrem
Ursprünge an, oder durch mancherlei Schicksale in so eine Lage habe
kommen können, daß sie, in beständigem harten Kampfe mit der Natur um
ihre Subsistenz, genöthigt gewesen sey, alle ihre Gedanken stets auf
das, was vor ihren Füßen lag, zu richten; auf nichts denken zu können,
als auf das Gegenwärtige; und kein ander Gesetz hören zu können, als das
der Noth. In so einer Lage ist es unmöglich, dass das moralische Gefühl
erwache, und sittliche Begriffe sich entwickeln: aber die Menschheit
wird nicht immer, sie wird außer besondern Fällen nicht lange in
derselben bleiben: sie wird durch Hülfe der Erfahrung sich Regeln
machen, und Maximen ihres Verhaltens abstrahiren. Diese Maximen, blos
durch Erfahrung in der Natur entstanden, werden auch blos auf diese
angewendet seyn, und möglichen moralischen Regeln oft widersprechen. Sie
werden sich dennoch, durch ihre Anwendbarkeit und durch das allgemeine
Beispiel bewährt, von Generation auf Generation fortpflanzen, und
vermehrt werden; und nun werden sie es seyn, die die Möglichkeit der
Moralität vernichten, nachdem jene dringende Noth, die vor ihnen es
that, durch sie zum Theil gehoben ist. Denkt man an die Bewohner des
Feuerlandes, welche ihr Leben in einem Zustande, der so nahe an die
Thierheit gränzt, hinbringen, an die meisten Bewohner der Südsee-Inseln,
welchen der Diebstahl etwas ganz gleichgültiges zu seyn, und welche sich
desselben nicht im geringsten zu schämen scheinen, an jene Negern,
welche ohne langes Bedenken ihre Frau, oder ihre Kinder gegen einen
Trunk Brandwein in die Sklaverei verkaufen, so scheint man die erstere
Bemerkung in der Erfahrung bestätigt zu finden; und um sich von der
Richtigkeit der zweiten zu überzeugen, hat man nur die Sitten und
Maximen policirter Völker zu studiren.
Wie soll nun die Menschheit aus diesem Zustande zur Moralität, und durch
sie zur Religion gelangen? Kann sie dieselbe nicht selbst finden? Um
diese Frage bestimmter zu beantworten, müssen wir dasjenige, was hierzu
vorausgesetzt wird, mit ihrem Zustande, vergleichen. Um zu entscheiden,
ob ein Volk der Sittlichkeit überhaupt in seinem gegenwärtigen Zustande
fähig sey, oder nicht, ist es nicht genug, ihr Verhalten zu betrachten,
und der Schluß: ein gewisses Volk begeht allgemein, und ohne Spur der
geringsten Schaam, Handlungen, die gegen die ersten Grundsätze aller
Moral streiten, also ist es ohne alles moralisches Gefühl; ist übereilt.
Man muß untersuchen, ob sich denn nicht einmal der Begriff von Pflicht
überhaupt, wenn gleich noch so dunkel gedacht, bei ihnen zeige, und wenn
man denn da z. B. nur soviel findet, daß sie auf die Beobachtung eines
Vertrags, die sie nicht erzwingen können, auch in dem Falle, da es dem
zweiten Theile zuträglich wäre ihm nicht zu halten, trauen, und in
diesem Vertrauen sich wagen; daß sie im Fall der Verletzung desselben
lebhaftern und bitterern Unwillen zeigen, als sie über den ihnen dadurch
zugefügten Schaden an sich zeigen würden; so muß man ihnen den Begriff
der Pflicht überhaupt zugestehen. Nun aber ist ohne dieses Vertrauen
auf Beobachtung der Verträge es auch nicht einmal möglich, sich
zur Gesellschaft zu verbinden. Jedes Volk also, das nur in
gesellschaftlicher Vereinigung lebt, ist nicht ohne allen moralischen
Sinn. Aber leider ist es allgemeine Gewohnheit aller derer, bei denen
die Sinnlichkeit herrschend ist, sich dieses Gefühls nicht sowohl als
Bestimmungsgrundes ihrer eignen Handlungen, als vielmehr blos und
lediglich als Beurtheilungsprincips der Handlungen anderer zu bedienen.
Ja, sie gehen wol so weit, besonders wenn die Sinnlichkeit schon in
Maximen gebracht ist, eine Aufopferung, eine Verleugnung des Eigennutzes
für die Pflicht, sich als lächerliche Thorheit anzurechnen, und sich
derselben zu schämen; sich also stets und immer als blos unter dem
Naturbegriffe stehend zu betrachten; verfahren endlich auch wol so
konsequent, es auch dem ändern für eben das anzurechnen, wofern sie
nicht etwa selbst persönlich dabei interessirt, und durch die
Pflichtverletzung des ändern an ihrem eignen Vortheile gekränkt worden
sind. Nur im letztern Falle erinnern sie sich, daß es Pflichten giebt;
und dies macht denn die Entwickelung dieses Begriffs, wo wir ihn mit
herrschender Sinnlichkeit vereinigt antreffen, sehr verdächtig, und
berechtigt uns zu glauben, daß blos das Princip der letztern, das des
Eigennutzes, sie bewirkt habe. Mit herrschender Sinnlichkeit ist also
sogar der Wille, moralisch gut zu seyn, nicht zu vereinigen. Da aber
dieser Wille unumgänglich nöthig ist, um eine Religion als Mittel einer
stärkern Bestimmung durchs Moralgesetz zu _suchen_, so kann die
Menschheit in diesem Zustande nie von selbst eine Religion finden, denn
sie kann sie nicht einmal suchen.
Und wenn sie dieselbe auch suchen könnte, so kann sie sie nicht
_finden_. Um sich auf die oben entwickelte Art zu überzeugen, daß Gott
es ist, der durchs Moralgesetz zu uns redet, bedarf es vor's erste des
Begriffe einer Schöpfung der Welt durch eine Ursache außer ihr. Auf
diesen Begriff wird die Menschheit, selbst die noch sehr ungebildete
Menschheit, leicht kommen. Sie ist _a priori_ genöthigt, sich absolute
Totalität der Bedingungen zu denken; und sie schließt die Reihe
derselben nur eher und schneller, je weniger sie gebildet, und je
unfähiger sie ist, eine lange Reihe zu verfolgen. Daher wird unter
rohsinnlichen Menschen alles voll von Glauben an übernatürliche
Ursachen, an Dämonen ohne Zahl seyn. Eine gebildetere Sinnlichkeit wird
sich vielleicht zum Begriffe einer einzigen ersten Ursache, eines
kunstvollen Architekten der Welt erheben. Aber zum Behuf einer Religion
brauchen, wir nicht diesen, sondern den von einem _moralischen_
Weltschöpfer, und, um zu ihm zu gelangen, den Begriff eines moralischen
Endzwecks der Welt. Nun wird abermals die Sinnlichkeit zwar leicht auf
den Begriff von möglichen Zwecken in der Weit kommen, weil sie selbst
durch die Vorstellung von Zwecken bei ihren Geschäften hienieden
geleitet wird: aber der Begriff eines moralischen _Endzwecks_ der
Schöpfung ist nur dem gebildeten moralischen Gefühle möglich. Der blos
sinnliche Mensch wird also nie weder auf ihn, noch durch ihn auf das
Princip einer Religion kommen.
Vor's erste, wenn doch ein Mittel sollte ausfindig gemacht werden,
Religion an ihn zu bringen, wozu bedarf er ihrer? Der beste moralische
Mensch, der nicht nur den ernsten Willen hätte, dem Moralgesetze zu
gehorchen, sondern auch die völlige Freiheit, bedurfte ihrer blos dazu,
um die Empfindung der Verehrung und Dankbarkeit gegen das höchste Wesen
auf irgend eine Art zu befriedigen. Derjenige, der zwar eben den ernsten
Willen, aber nicht völlige Freiheit hatte, bedurfte ihrer, um der
Autorität des Moralgesetzes ein neues Moment hinzuzufügen, durch
welches der Stärke der Neigung das Gegengewicht gehalten und die
Freiheit hergestellt würde. Derjenige, der auch nicht den Willen hat,
ein sittliches Gesetz anzuerkennen, und ihm zu gehorchen, bedarf ihrer,
um nur erst diesen Willen, und dann durch ihn die Freiheit in sich
hervorzubringen. Mit ihm hat also die Religion einen andern Weg zu
nehmen. Die reine Vernunftreligion, sowohl als die natürliche, gründeten
sich auf Moralgefühl: die geoffenbarte hingegen soll selbst erst
Moralgefühl begründen. Die erstere fand gar keinen Widerstand, sondern
alle Neigungen im Subjekte bereit, sie anzunehmen; die zweite hatte nur
in einzelnen Fällen die Neigungen zu bekämpfen, kam aber im Ganzen
erwünscht, und gesucht; die letztere hat nicht nur allen unmoralischen
Neigungen, sondern sogar dem völligen Widerstreben, überhaupt ein Gesetz
anzuerkennen, und der Abneigung gegen sie selbst, die sie das Gesetz
gültig machen will, das Gegengewicht zu haben. Sie kann also und wird
sich wichtigerer Momente bedienen, so viel es geschehen kann, ohne der
Freiheit Abbruch zu thun, d. h. ohne gegen ihren eignen Zweck zu
handeln.
Durch welchen Weg nun kann diese Religion an die so beschaffne
Menschheit gelangen? Natürlich auf eben dem, auf welchem alles an sie
gelangt, was sie sich denkt, oder wodurch sie sich bestimmen läßt, auf
dem der Sinnlichkeit. Gott muß sich ihnen unmittelbar durch die Sinne
ankündigen, unmittelbar durch die Sinne Gehorsam von ihnen verlangen.
Aber hier sind noch zwei Fälle möglich, nemlich entweder Gott entwickelt
durch eine übernatürliche Wirkung in der Sinnenwelt in dem Herzen eines
oder mehrerer, die er zu seinen Mittelspersonen an die Menschheit
ausersehen hat, auf dem Wege des Nachdenkens das moralische Gefühl, und
bauet auf eben dem Wege auf dasselbe das Princip aller Religion, mit dem
Befehle, an den übrigen Menschen eben das zu thun, was er an ihnen
gethan hat: oder er kündigt geradezu dieses Princip an, und gründet es
auf seine Autorität, als Herr. Im erstem Falle wären wir nicht einmal
genöthigt, Gott als unmittelbare Ursache dieser übernatürlichen Wirkung
anzunehmen, sondern, ob wir gleich ein allgemeines sittliches Verderben
der Menschheit angenommen haben, so könnte doch recht füglich eins der
möglichen höhern moralischen Wesen Ursache einer solchen Wirkung seyn.
Finden wir aber anderweitige Gründe, den Grund einer solchen Wirkung
unmittelbar in Gott zu setzen, so werden wir diese Gründe dadurch gar
nicht entkräften, wenn wir sagen, es sey Gott unanständig, den Pädagogen
zu machen; denn nach unsrer Erkenntniß von Gott ist nichts ihm
unanständig, als was gegen das Moralgesetz ist. In diesem Falle hätten
wir denn auch, ununtersucht, welches moralische Wesen die veranlassende
Ursache dieser Entwickelung sey, keine Offenbarung, sondern eine auf
einem übernatürlichen Wege an uns gebrachte Naturreligion. Wenn dieses
Mittel nur möglich und zur Erreichung des Zwecks hinlänglich war, so war
keine Offenbarung, d. i. keine _unmittelbar_ auf Gottes Autorität
gegründete Ankündigung desselben, als Gesetzgebers, nöthig. Laßt uns
einen Augenblick annehmen, Gott wolle sich desselben bedienen. Er wird
ohne Zweifel in den Seelen derer, auf die er wirkt, die erwartete
vernünftige Überzeugung hervorbringen. Diese werden seinem Befehle, und
ihrem eignen Gefühl der Verbindlichkeit, Moralität weiter zu verbreiten,
gemäß, sich an die übrige Menschheit wenden, und eben diese Überzeugung
auf eben dem Wege in ihnen aufzubauen suchen, auf welchem sie in ihnen
selbst aufgebaut wurde. Es liegt weder in der menschlichen Natur
überhaupt, noch in der empirischen Beschaffenheit der angenommenen
Menschen insbesondre ein Grund, warum es diesen Abgeordneten unmöglich
seyn sollte, ihren Zweck zu erreichen, wenn sie nur Gehör finden, wenn
sie sich nur Aufmerksamkeit verschaffen können. Aber wie wollen sie sich
diese verschaffen bei Menschen, die schon im Voraus gegen das Resultat
ihrer Vorstellungen eingenommen seyn müssen? Was wollen sie diesen das
Nachdenken scheuenden Menschen geben, damit sie die Mühe desselben auf
sich nehmen, um die Wahrheit einer Religion erkennen zu müssen, welche
ihre Neigungen einschränken und sie unter ein Gesetz bringen will? Es
bleibt also nur der letzte Fall übrig: sie müssen ihre Lehren unter
göttlicher Autorität, und als seine Gesandten an die Menschheit,
ankündigen.
Auch dies scheint wieder auf zweierlei Art möglich zu seyn, daß nemlich
Gott entweder auch dieser seiner Gesandten Glauben schlechthin auf
Autorität gründe, oder daß er nur wolle, und es von ihrer eignen
Einsicht erwarte, daß sie dasjenige, was auf dem bloßen Wege des
Nachdenkens durch irgend ein Mittel aus ihrem Herzen entwickelt worden,
den übrigen Menschen unter göttlicher Autorität ankündigen, insofern sie
einsehen, daß kein anderes Mittel übrig ist, Religion an sie zu bringen.
Das letztere aber ist unmöglich; denn dann hätte Gott gewollt, daß diese
seine Abgeordneten, -- zwar in der wohlthätigsten Absicht, -- aber doch,
daß sie lügen und betrügen sollten: Lügen und Betrug aber bleibt immer,
in welcher Absicht er auch geschehe, unrecht, weil das nie Princip einer
allgemeinen Gesetzgebung werden kann; und Gott kann nie etwas unrechtes
wollen.
Man könnte endlich sich drittens noch als möglich denken, Gott habe
gewollt, daß sich diese angeblichen Inspirirten täuschen, und eine auf
Autorität gegründete Ankündigung der göttlichen Moralgesetzgebung, die
ganz natürlich, z. B. durch die vom Wunsche darnach aufgeregte Phantasie
in ihnen entstanden wäre, einer übernatürlichen Ursache zuschreiben
sollten. Da jede kategorische Antwort auf diese Frage, die bejahende
sowohl, als die verneinende, sich lediglich auf theoretische Principien
gründen könnte, weil von Erklärung einer Naturerscheinung nach derselben
Gesetzen die Rede ist; alle Naturphilosophie aber nicht so weit reicht,
um zu beweisen, daß etwas in der Sinnenwelt _nur_ durch Gesetze der
Natur, oder, daß es durch sie _nicht_ möglich sey; so kann diese
Behauptung, auf Erörterung einer Offenbarung _in concreto_ angewandt,
nie, weder bewiesen, noch widerlegt werden; sie gehört aber auch nicht
in die Untersuchung vom möglichen Ursprünge einer geoffenbarten
Religion, als welche blos aus praktischen Principien angestellt wird.
Allerdings könnte eine gewisse Wirkung, als Naturerscheinung betrachtet,
aus uns entdeckbaren Naturgesetzen entstanden seyn, und dennoch könnte
es zugleich dem Begriffe eines vernünftigen Wesens sehr gemäß seyn, daß
wir sie, wenigstens bis zur Erreichung ihrer moralischen Absicht, einer
übernatürlichen Ursache zuschrieben; und jener disjunktive Satz: Gewisse
angebliche Inspirirten waren entweder wirklich inspirirt, oder sie waren
Betrüger, oder sie waren Schwärmer -- richtiger, und gelinder
ausgedrückt, sie waren unvollkommne Naturforscher -- reicht bei weitem
nicht hin, durch ihn die kategorischen Behauptungen, auf welche er
ausgeht, zu begründen. Denn erstens heben die Begriffe, die als Glieder
der Eintheilung neben einander gestellt sind, sich nicht wechselseitig
auf. Die Möglichkeit, den letztern anzunehmen, muß aus Naturbegriffen
widerlegt, oder bewiesen werden; die Möglichkeit der beiden erstem aber
kann nur aus praktischen Principien dargethan werden: beide Principien
aber treffen, sich nicht, und aus dem einen kann sehr wohl bejaht
werden, was das andre verneint. Der letzte Fall also, und einer von den
beiden erstern, sind zugleich möglich, nur die beiden erstern
widersprechen sich. Zweitens ist die Unmöglichkeit des letztern nie in
einem gegebnen Falle darzuthun. Aber dies alles wird erst in der Folge,
wo wir von der physischen Möglichkeit der erwarteten übernatürlichen
Wirkung in der Sinnenwelt reden werden, seine völlige Deutlichkeit
erhalten.
Da also die Möglichkeit des letztern Falles, die wir freilich nicht
wegräumen können, uns nicht irre machen darf, so können wir nun aus
allem bis jetzt bewiesenen sicher folgende Resultate ziehen: Die
Menschheit kann so tief in moralischen Verfall gerathen, daß sie nicht
anders zur Sittlichkeit zurückzubringen ist, als durch die Religion, und
zur Religion nicht anders, als durch die Sinne: eine Religion, die auf
solche Menschen wirken soll, kann sich auf nichts anders gründen, als
unmittelbar auf göttliche Autorität: da Gott nicht wollen kann, daß
irgend ein moralisches Wesen eine solche Autorität erdichte, so muß er
selbst es seyn, der sie einer solchen Religion beilegt.
Aber wozu soll nun diese Autorität? und worauf kann Gott, wenn er es mit
Menschen, die in diesem Grade sinnlich sind, zu thun hat, sie gründen?
Offenbar nicht auf eine Erhabenheit, für welche sie keinen Sinn und
keine Ehrfurcht haben, auf seine Heiligkeit, als welches das moralische
Gefühl in ihnen schon voraussetzen würde, das erst durch die Religion
entwickelt werden soll; sondern auf diejenige, für deren Bewunderung sie
aus Naturgründen empfänglich sind, auf seine Größe, und Macht als Herr
der Natur und als ihr Herr. Nun aber ist es Heteronomie, und bewirkt
keine Moralität, sondern erzwingt höchstens Legalität, wenn wir nur
darum uns dem Inhalte des Moralgesetzes gemäß betragen, weil ein
übermächtiges Wesen es will; und eine auf diese Autorität gegründete
Religion widerspräche folglich sich selbst. Aber diese Autorität soll
denn auch nicht Gehorsam, sie soll nur Aufmerksamkeit auf die weiter
vorzulegenden Motiven des Gehorsams begründen. Aufmerksamkeit aber, als
eine empirische Bestimmung unsrer Seele, ist durch natürliche Mittel zu
erregen. Es würde zwar offenbar widersprechend seyn, auch nur diese
durch Furcht vor angedrohten Strafen dieses mächtigen Wesens, oder wol
gar durch physische Mittel erzwingen, oder durch verheißne Belohnungen
erschleichen zu wollen; widersprechend, weil Furcht und Hoffnung die
Aufmerksamkeit mehr zerstreuen, als erregen, und höchstens nur ein
mechanisches Nachsagen, aber keine auf vernünftige Überlegung gegründete
Überzeugung, welche allein der Grund aller Moralität seyn muß,
hervorbringen können; widersprechend, weil dies gleich anfangs das
Princip aller Religion verfälschen, und Gott als ein Wesen darstellen
würde, dem man sich noch durch etwas anderes, als durch moralische
Gesinnungen, -- hier durch unwilliges Anhören von Dingen, an denen
man kein Interesse hat, und durch ängstliches Nachplaudern
derselben -- gefällig machen könnte. Aber die Vorstellung einer noch so
großen Macht errege auch, so lange wir uns nicht im Widerstreite gegen
sie denken, nicht Furcht, sondern Bewunderung, und Verehrung, die zwar
nur auf pathologischen, und nicht moralischen, Gründen beruht, die aber
unsre Aufmerksamkeit auf alles, was von dem mächtigen Wesen herkommt,
kräftig hinzieht. So lange sich nun Gott noch nicht als moralischen
Gesetzgeber, sondern blos als redende Person ankündigt, so denken wir
uns noch nicht im Widerstreite gegen ihn; und wenn er sich als solchen
ankündigt, so kündigt er uns zugleich seine Heiligkeit an, welche uns
alle mögliche Furcht vor seiner Macht benimmt, indem sie uns zusichert,
daß er nie einen willkührlichen Gebrauch von derselben gegen uns machen,
sondern daß ihre Wirkungen auf uns gänzlich von uns selbst abhängen
werden. Die Anforderung Gottes also an uns in einer möglichen
Offenbarung, ihn _anzuhören_, gründet sich auf seine Allmacht, und
unendliche Größe, und kann sich auf nichts anders gründen, indem Wesen,
die einer Offenbarung bedürfen, vor's erste keiner andern Vorstellung
von ihm fähig sind. Seine Anforderung aber ihm zu _gehorchen_, kann sich
auf nichts anderes, als auf seine Heiligkeit gründen, weil sonst der
Zweck aller Offenbarung, reine Moralität zu befördern, nicht erreicht
würde; aber der Begriff der Heiligkeit sowohl, als die Verehrung gegen
sie, muß schon vorher durch die Offenbarung entwickelt worden
seyn. -- Wir haben einen erhabnen Ausspruch, der dies erläutert: Ihr
sollt heilig seyn, denn ich bin heilig, spricht der Herr. Der Herr
redet, als Herr, und fordert dadurch alles zur Aufmerksamkeit auf. Aber
die Forderung der Heiligkeit gründet er nicht auf diese seine
Herrschaft, sondern auf seine eigne Heiligkeit.
Aber, wie sollen denn diese Menschen, ehe ihr sittliches Gefühl noch
geweckt ist, beurtheilen, ob es Gott seyn könne, welcher redet? wird
noch gefragt; und hier kommen wir dann auf die Beantwortung eines
Einwurfs, der schon seit langem vor der Seele jedes Lesers geschwebt
haben muß. Wir haben im vorigen §. bewiesen, daß der Begriff der
Offenbarung vernünftiger Weise nur _a priori_ möglich sey, und _a
posteriori_ gar nicht rechtmäßig entstehen könne; und in diesem haben
wir gezeigt, daß es einen Zustand geben könne, ja daß die ganze
Menschheit in diesen Zustand verfallen könne, in welchem es ihr
unmöglich ist, _a priori_ auf den Begriff der Religion, und also auch
der Offenbarung zu kommen. Dies sey ein förmlicher Widerspruch, kann man
sagen: oder man kann uns das Dilemma vorlegen: Entweder fühlten die
Menschen schon das sittliche Bedürfniß, das sie treiben konnte, eine
Religion zu suchen, und hätten schon alle Moralbegriffe, die sie von den
Wahrheiten derselben vernünftig überzeugen konnten; so bedurften sie
keiner Offenbarung, sondern hatten schon _a priori_ Religion: oder sie
fühlten weder jenes Bedürfniß, noch hatten sie jene Begriffe; so
konnten sie sich nie aus moralischen Gründen von der Göttlichkeit einer
Religion überzeugen; aus theoretischen konnten sie es auch nicht; sie
konnten es also überhaupt nicht, und eine Offenbarung ist folglich
unmöglich. Aber es folgt nicht, daß Menschen, die sich des Moralgebots
in ihnen wenig bewußt waren, und durch dasselbe nicht zur Aufsuchung
einer Religion getrieben werden konnten, also der Offenbarung bedurften,
nicht nachher eben durch Hülfe dieser Offenbarung jenes Gefühl in sich
entwickeln, und so geschickt werden konnten, eine Offenbarung zu prüfen,
und so vernünftig zu untersuchen, ob sie göttlichen Ursprungs seyn
könne, oder nicht. Es kündigte sich ihnen eine Lehre als göttlich an,
und erregte dadurch wenigstens ihre Aufmerksamkeit. Entweder nahmen sie
nun dieselbe sogleich für göttlich an; und da sie dies weder aus
theoretischen Principien folgern, noch nach moralischen untersuchen
konnten, weil noch bis jetzt ihr Moralgefühl unentwickelt war, nahmen
sie etwas ganz ohne Grund an, und es war ein Glück für sie, wenn ihnen
der Zufall nützlich wurde: oder sie verwarfen sie sogleich; so verwarfen
sie wieder etwas ganz ohne Grund: oder endlich sie ließen die Sache
unentschieden, bis sie vernünftige Gründe eines Unheils finden würden,
und in diesem einzigen Falle handelten sie vernünftig. _Daß_ Gott rede,
oder _daß_ er _nicht_ rede (als kategorische, aus theoretischen Gründen
mögliche, Behauptung), konnten sie nie beweisen; ob er geredet haben
_könne_, konnte nur aus dem Inhalte dessen erhellen, was in seinem Namen
gesagt ward; sie mußten es also vor's, erste anhören. Wenn nun durch
dieses Anhören ihr moralisches Gefühl entwickelt wurde, so wurde
zugleich der Begriff einer Religion, und des möglichen Inhalts
derselben, sie komme nun durch Offenbarung, oder ohne sie an uns,
entwickelt; und nun konnten, und mußten sie, um zu einem vernünftigen
Fürwahrhalten zu gelangen, die ihren als göttlich angekündigte
Offenbarung mit ihrem nun entwickelten Begriffe einer Offenbarung
_a priori_ vergleichen, und nach der Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung mit demselben ein Urtheil über sie fällen: und das
lös't dann den vermeinten Widerspruch völlig auf. Ein vernünftiges
Aufnehmen einer gegebnen Offenbarung, als göttlich, ist nur aus Gründen
_a priori_ möglich, aber _a posteriori_ können, und müssen in gewissen
Fällen, Gelegenheitsursachen gegeben werden, um diese Gründe zu
entwickeln.
Alle diese Untersuchungen nun haben den eigentlichen Fragepunkt mehr
vorbereitet, als bestimmt und entwickelt. Da nemlich nach allem bisher
gesagten kein vernünftiges Aufnehmen einer Offenbarung als göttlich,
eher als nach völliger Entwickelung des Moralgefühls in uns, statt
findet; da ferner nur auf dieses Gefühl, und den dadurch in uns
begründeten Willen der Vernunft zu gehorchen, jeder Entschluß einem
Gesetze Gottes zu gehorchen sich gründen kann: (§. 3.) so scheint die
göttliche Autorität, worauf eine gegebne Offenbarung sich gründen
könnte, ihren ganzen Nutzen zu verlieren, sobald es möglich wird, sie
anzuerkennen. So lange nemlich eine solche Offenbarung noch arbeitet, um
den Menschen zur Empfänglichkeit für Moralität zu bilden, ist es
demselben völlig problematisch, ob sie göttlichen Ursprungs auch nur
seyn könne, weil dies sich nur aus einer Beurtheilung derselben nach
Moralprincipien ergeben, kann; sobald aber nach geschehener Entwickelung
des Moralgefühls in ihm, eine solche Beurtheilung möglich ist, so
scheint dies Moralgefühl allein hinlänglich seyn zu können, um ihn zum
Gehorsam gegen das Moralgesetz, blos als solches, zu bestimmen. Und
obgleich, wie ebenfalls oben (§. 3.) gezeigt worden, auch bei dem
festesten Willen dem Moralgesetze, blos als Gesetze der Vernunft, zu
gehorchen, einzelne Fälle möglich sind, in denen dasselbe einer
Verstärkerung seiner Kausalität durch die Vorstellung, es sey Gottes
Gesetz, bedarf, so ist doch in dem durch eine geschehene Offenbarung
zur Moralität gebildeten Subjekte die Vorstellung dieser göttlichen
Gesetzgebung sowohl ihrer Materie nach durch praktische
Vernunftprincipien, als ihrer Form nach durch Anwendung derselben auf
den Begriff einer Welt, völlig möglich, und es erscheint kein Grund,
warum er sie sich, als durch eine übernatürliche Wirkung in der
Sinnenwelt gegeben, denken sollte. Es muß also ein Bedürfniß, freilich
nur ein empirisches, aufgezeigt werden, welchem nur durch die bestimmte
Vorstellung einer _durch eine Wirkung in der Sinnenwelt geschehnen_
Ankündigung Gottes als moralischen Gesetzgebers abgeholfen werden kann,
wenn diese ganze Vorstellung nicht vergeblich, und der Begriff einer
Offenbarung nicht leer seyn soll, indem ein Glaube an dieselbe
allenfalls nützlich seyn könnte, so lange er nicht möglich ist, und
sobald er möglich wird, seinen ganzen Nutzen verlöhre: denn unmöglich
können wir die frommen Empfindungen über die zu unsrer Schwachheit sich
herablassende Güte Gottes, u. dergl., die durch eine solche Vorstellung
in uns entstehen müssen, als den ganzen bleibenden Nutzen einer
Offenbarung angeben.