ein langes Arbeiten ist die Fähigkeit, aus dem Stegreif zu reden. Wer
diese nicht erlangt hat, sollte meiner Ansicht nach wenigstens auf den
Beruf des gerichtlichen Anwalts verzichten und seine einseitige
Fertigkeit der schriftlichen Darstellung lieber an anderen Stoffen
ausüben. Denn einem Manne von wirklicher Gewissenhaftigkeit steht es
nicht wohl an, eine Hilfeleistung zum allgemeinen Nutzen zu
versprechen, welche in den Momenten augenblicklicher Gefahr versagt,
einem Hafen vergleichbar, in welchen ein Schiff nur bei leichtem Winde
einlaufen kann. Wird doch in unzähligen Fällen ein plötzliches
Eingreifen nötig, sei es der Staatsgewalt gegenüber oder bei plötzlich
angestelltem Gerichtsverfahren. Wenn ein solcher Fall nun – ich will
nicht sagen irgendeinem unschuldigen Bürger – aber einem seiner Freunde
und Verwandten passiert, soll er dann stumm dastehen und in Gegenwart
derer, die seine Verteidigung verlangen und dem Untergang preisgegeben
sind, wenn ihnen nicht Hilfe zuteil wird, Aufschub, Abgeschiedenheit
und Stille suchen, bis die rettende Rede geschmiedet und dem Gedächtnis
eingeprägt und Stimme und Lunge wohlvorbereitet sind? Und wie könnte
man wohl vernünftigerweise auf die Forderung verzichten, daß der Redner
jeden Zwischenfall benutzt? Wie soll es denn werden, wenn er seinem
Gegner antworten muß? Denn häufig bleibt das, was wir vermutet hatten
und wogegen wir geschrieben hatten, aus, und der ganze Prozeß nimmt
plötzlich eine andere Wendung, und wie der Steuermann dem Andringen der
Stürme gegenüber, so muß der Redner bei einer plötzlich veränderten
Wendung des Prozesses sein Verfahren ändern. Was erreicht man denn
schließlich mit den vielen schriftlichen Übungen, mit anhaltender
Lektüre und mit langandauerndem Studium, wenn man dieselbe
Schwerfälligkeit wie ein Anfänger behält? Die Vergeblichkeit der
vorangegangenen Arbeit muß der wahrhaftig zugeben, der auf dem gleichen
Gebiete immer derselben Anstrengung bedarf. Mit diesen Worten will ich
nicht gesagt haben, daß der Redner der Improvisation den Vorzug geben
soll, sondern daß er sie zu leisten vermag. Dies werden wir aber am
besten auf folgende Weise erreichen.
Zunächst soll der Weg, den die Rede einzuschlagen hat, bekannt sein;
denn der Wettlauf kann nicht glücken, bevor wir wissen, welche Richtung
und welchen Weg wir einschlagen müssen. Dabei genügt es nicht, die
einzelnen Teile einer Gerichtsrede genau zu kennen oder den einzelnen
Streitpunkt richtig zu disponieren, obwohl das die Hauptsache ist,
sondern man muß auch wissen, was in jedem dieser Teile zuerst
vorzubringen ist, was an zweiter Stelle und was nachher; ferner was
seiner Beschaffenheit nach so eng zusammenhängt, daß es weder seinen
Platz vertauschen kann noch eine Trennung verträgt, ohne daß Verwirrung
entsteht. Wer aber planmäßig redet, der läßt sich vor allem durch die
Reihenfolge der Ereignisse selbst führen, daher kommt es hauptsächlich,
daß auch weniger geübte Leute am leichtesten in der Erzählung den Faden
behalten. Dann muß man jeden Augenblick gegenwärtig haben, worauf sich
die Untersuchung bezieht, und nicht umhergaffen oder durch das, was
sich von anderer Seite den Blicken darbietet, in Verwirrung geraten und
nicht aus Unzusammengehörigem die Rede zusammenschweißen wie
Seiltänzer, welche bald hier, bald dort sind und an keinem Orte
verharren. Außerdem soll man Maß und Ziel einhalten, was ohne
Disposition nicht möglich ist. Nachdem das Thema nach Kräften erschöpft
ist, sei man sich bewußt, daß man fertig ist.
Das bisher Ausgeführte ist Sache der Theorie, das Weitere ist eine
Frucht praktischer Übung. Damit wir uns eine Fülle der besten Ausdrücke
der bereits gegebenen Vorschrift entsprechend aneignen, muß die
Redefertigkeit durch viele und gewissenhafte Stilübung eine so sichere
geworden sein, daß auch das vom Augenblick erzeugte Wort dieselbe
Färbung wie etwas Geschriebenes erhält. Wir werden daher, nachdem wir
viele schriftliche Aufsätze gefertigt haben, auch viele Übungen im
mündlichen Vortrag anstellen. Denn Gewöhnung und Übung bringt
hauptsächlich Fertigkeit hervor, und wenn man hierin Pausen eintreten
läßt, wird nicht allein jene Lebhaftigkeit matter, sondern die Zunge
selbst wird stumpf und müde. Denn obwohl es einer gewissen natürlichen
Beweglichkeit dazu bedarf, daß wir im Sprechen weiterbauen können, und
daß der im voraus gebildete Gedanke an das eben Gesprochene anknüpft,
so kann doch kaum natürliche Anlage oder künstliche Berechnung uns zu
einer so vielseitigen Tätigkeit führen, daß wir gleichzeitig Erfindung,
Disposition, Ausdruck und die Reihenfolge des Inhalts in genügender
Weise beachten, und daß wir dabei noch den eben gesprochenen Worten,
den darauffolgenden und denen, welche im weiteren Verlaufe folgen
sollen, Beachtung schenken, indem wir zugleich unsere Stimme und
Sprache und die äußeren Bewegungen kontrollieren. Denn die
Aufmerksamkeit muß weit vorauseilen und sich mit dem Folgenden
beschäftigen: so viel man im Reden aufbraucht, so viel muß aus dem noch
Ausstehenden zur Ergänzung herangezogen werden, so daß äußerer und
innerer Fortgang gleichen Schritt halten müssen, wenn wir nicht
stehenbleiben und stutzen und schließlich kurze und abgerissene Sätze
nach Art der Schluchzenden ausstoßen wollen.
Es gibt nun eine gewisse prinziplose Fertigkeit, welche die Griechen
ἄλογοϛ τριβή („eine der Vernunft nicht bedürftige Beschäftigung”)
nennen; sie läßt uns die Hand beim Schreiben bewegen, die Augen beim
Lesen über die Zeile, ihr Ende und den Anfang der neuen gleiten und das
Folgende bereits aufnehmen, ehe man das Vorhergehende ausgesprochen
hat. Diese mechanische Fertigkeit bringt auf der Bühne jene Wunder der
Gaukler und Taschenspieler zustande, welche darin bestehen, daß sie das
in die Hände anderer scheinbar von selbst kommen lassen, was sie
dahinein getan haben, und daß es auf ihren Befehl wieder zurückkehrt.
Aber diese mechanische Fertigkeit wird nur dann von Nutzen sein, wenn
zuvor die Kunst, von welcher wir schon sprachen, vorhanden ist, durch
welche das an sich Unvernünftige zu einem vernünftigen Zwecke verwendet
wird. Denn wer ohne Ordnung, Schmuck und Fülle redet, der scheint mir
nicht zu reden, sondern zu toben. Und das zusammenhängende Reden ohne
Vorbereitung werde ich an sich nie bewundern, da ich es auch bei
schimpfenden Weibern reichlich gesehen habe; wenn es aber von Feuer und
Geist getragen wird, dann trifft es sich häufig, daß die sorgfältigste
Vorbereitung an die Wirkung einer Improvisation nicht heranreicht. In
einem solchen Falle pflegten dann die alten Redner, wie Cicero sagt[1],
zu sagen, ein Gott habe mitgewirkt. Die Ursache hiervon liegt auf der
Hand. Tiefgreifende Erregungen und lebhafte Vorstellungen lassen in
vollem Zuge die Rede ausströmen, während die Lebhaftigkeit derselben
durch den Aufenthalt des Schreibens verringert wird, die, wenn einmal
etwas verlorengegangen ist, nicht wieder gewonnen werden kann. Auf
jeden Fall kann jene schwungvolle Kraft der Rede sich nicht äußern,
wenn der Redner jene unglückselige Wortklauberei anwendet, und bei
jedem Ausdruck einen Anstoß findet, sondern die Rede wird, wenn auch
jeder Ausdruck peinlich korrekt ist, nicht sowohl aus einem Guß, als
Stückwerk sein.
Daher muß man die zuvor bezeichneten lebhaften Vorstellungen, welche,
wie ich gesagt habe[2], von den Griechen als Bilder der Phantasie
bezeichnet werden, in sich aufnehmen, und es muß alles, was der
Gegenstand unserer Rede werden soll, Personen, Tatsachen und die damit
verbundenen Gefühle von Furcht und Hoffnung ins Auge gefaßt und in die
Glut des Affekts getaucht werden: denn das Herz ist es, was beredt
macht, und die Kraft der Vorstellung.
Daher fehlen auch den Ungebildeten die Worte nicht, wenn sie nur von
einem lebhaften Gefühle erregt sind. -- Ferner ist der Geist nicht auf
einen einzigen Gegenstand, sondern auf mehrere zugleich zu richten, so
wie wir bei einer geraden Straße, wenn wir sie mit den Augen
durchmessen, nicht allein das Ende sehen, sondern alles in ihr und an
ihren Seiten Befindliche bis zum Ende. Einen Anreiz zum Reden trägt
auch ein berechtigter Ehrgeiz in sich; während man sich daher beim
Schreiben an der Einsamkeit erfreut und jede Gesellschaft ängstlich
meidet, wird der improvisierende Redner durch die Zahl der Zuhörer wie
der Soldat durch das Blasen der Trompeten angefeuert. Denn auch einen
schwierigen Gedanken läßt die Nötigung des Redens zum Ausdruck
gelangen, und einen glücklichen Schwung erhöht der Wunsch zu gefallen.
So sehr geht alles auf Belohnung aus, daß auch die Beredsamkeit,
wieviel Vergnügen sie auch in sich selbst trägt, sich hauptsächlich
durch den augenblicklichen Gewinn von Ruhm und Anerkennung leiten läßt.
Nur möge keiner zu seinem Talente eine so große Zuversicht haben, daß
er hoffe, es könne ihm dies sofort beim ersten Anlauf glücken, vielmehr
muß man, wie bei dem Entwurf im Kopfe, die Gewandtheit im Extemporieren
von kleinen Anfängen allmählich zur Vollendung führen, welche nur durch
Übung erreicht und behauptet werden kann. Man muß es aber hierin so
weit bringen, daß der im Kopf zuvor überlegte Entwurf nicht unter allen
Umständen besser wie die Improvisation ist, wohl aber sicherer, eine
Fertigkeit, welche sich viele nicht nur in Prosa, sondern auch in
Versen angeeignet haben, wie Antipater[3] aus Sidon und Licinius
Archias[4], wenn man Cicero Glauben schenken darf; damit will ich aber
nicht gesagt haben, daß nicht auch manche in unserer Zeit es so weit
gebracht haben und es noch bringen. Obwohl ich es nun nicht für etwas
so außerordentlich Billigenswertes halte (denn es ist weder besonders
nützlich noch notwendig), so meine ich doch, daß es denen, welche sich
zur Tätigkeit auf dem Forum vorbereiten, ein vortreffliches Vorbild
gibt, wenn man in ihnen so große Hoffnungen erweckt. Gleichwohl soll
das Zutrauen zu dieser Gewandtheit nie ein so großes sein, daß wir
nicht wenigstens einen kurzen Augenblick – der fast nie fehlen wird –
erübrigen, um das, was wir sagen wollen, mit unserm geistigen Auge zu
überblicken, wozu wenigstens bei Gerichtsverhandlungen und auf dem
Forum immer Gelegenheit sein wird; denn niemand tritt als
Gerichtsredner auf, ohne sich über den schwebenden Rechtsfall zu
unterrichten. Manche Kunstredner verleitet ein verkehrter Ehrgeiz, daß
sie sich sofort zu reden erbieten, sobald eine Streitfrage aufgeworfen
ist, ja daß sie um ein Wort bitten, mit dem sie anfangen wollen, was
besonders abgeschmackt und schauspielermäßig ist. Freilich verlacht
ihrerseits wieder die Beredsamkeit ihre Anhänger, die sie so
herabwürdigen, und sie, welche Törichten gebildet erscheinen wollen,
erscheinen Gebildeten töricht. Wenn jedoch irgendein Zufall eine so
plötzliche Ausübung der Beredsamkeit verlangt, so wird man einer
besonderen Regsamkeit des Geistes bedürfen; man muß dann alle geistige
Kraft auf den Gegenstand lenken und vorderhand auf stilistische
Sorgfalt verzichten, wenn Inhalt und Form gleich sorgfältig zu
behandeln nicht möglich ist. Dann gewinnen wir auch Zeit durch ein
langsameres Sprechen und eine zurückhaltende und gleichsam zögernde
Redeweise, die jedoch so anzuwenden ist, daß wir zu überlegen, nicht
aber steckenzubleiben scheinen. So werden wir verfahren, während wir
noch im Begriff sind, den Hafen zu verlassen, und solange uns noch der
Wind treibt, ohne daß die Segel vollständig klar sind. Bald aber werden
wir auf der Fahrt die Segel in Ordnung bringen, die Taue zurechtmachen
und uns in volle Fahrt begeben. Dies würde ich mehr befürworten, als
daß man sich einem nichtigen Strudel von Worten überläßt, eine Beute
für die Stürme, welche einen, wohin sie wollen, tragen werden.
Es bedarf aber eines ebenso großen Fleißes, um diese Fertigkeit zu
erhalten, wie um sie zu erwerben. Das theoretische Wissen verliert sich
nicht, wenn es einmal recht erfaßt worden ist; auch die schriftliche
Übung büßt durch Unterbrechung nur wenig von der Raschheit ein; diese
Fertigkeit dagegen, immer zum Reden gefaßt und in Bereitschaft zu sein,
wird lediglich durch Übung erhalten. Dies erwerben wir uns dann am
besten, wenn wir täglich vor einer Anzahl von Zuhörern zu reden haben,
deren Urteil und Gutachten wir mit ernstlicher Sorge entgegensehen;
denn daß man die eigene Kritik fürchtet, kommt selten vor. Immerhin ist
es besser, wenn wir uns allein im Reden üben, als wenn wir uns
überhaupt nicht üben. Eine andere Übung, welche an jedem Orte und zu
jeder Zeit, wenn wir nicht etwas anderes tun, stattfinden kann, besteht
im bloßen Denken und der Behandlung umfangreicherer Stoffe ganz still
(indem wir jedoch gleichsam im Innern mit uns reden), und sie ist zum
Teil nützlicher als die zuletzt genannte; denn man wird bei dieser eine
sorgfältigere Anordnung treffen als bei jener, wo wir den Zusammenhang
der Rede zu unterbrechen fürchten. In anderer Beziehung ist wieder die
vorhergenannte Übung von größerem Nutzen, so zur Erlangung einer
kräftigen Stimme, einer geläufigen Aussprache und guter körperlicher
Bewegungen, welche, wie gesagt, auch ihrerseits den Redner in Erregung
bringen, wie denn auch das Bewegen der Hände und das Stampfen mit dem
Fuße ihn belebt, gleichwie es die Löwen mit dem Schweif machen. Man muß
sich aber mit Eifer dem Studium hingeben immer und überall. Ist doch
auch fast nie ein Tag so mit Geschäften belastet, daß nicht ein kurzer
Augenblick für eine gewinnbringende Tätigkeit, wie Cicero den Brutus
sagen läßt[5], sei es für Schreiben, Lesen oder Redeübungen erübrigt
werden könnte, wie denn auch C. Carbo[6] selbst im Felde solche
Redeübungen anzustellen pflegte. Auch das darf ich nicht übergehen, was
Cicero gleichfalls empfiehlt[7], daß unser Sprechen niemals nachlässig
sein möge; gleichviel, was wir zu reden haben und wo wir es tun, immer
besitze es eine relative Vollkommenheit. Und schreiben soll man zu
keiner Zeit mehr als dann, wenn wir viel aus dem Stegreif reden. Denn
so bewahren wir uns die Gediegenheit, denn Leichtigkeit gehört zu den
folgenden Gedanken, und die Leichtigkeit des Ausdrucks, welche sonst in
Oberflächlichkeit ausarten würde, erhält frische Nahrung aus der Tiefe,
sowie die Landleute die zu oberst liegenden starken Wurzeln eines
Weinstockes, welche ihn nur auf der Erdoberfläche befestigen,
abschneiden, damit die schwächeren weiter in die Tiefe wachsen und so
erstarken. Und vielleicht fördert beides, mit Sorgfalt und Fleiß
ausgeführt, einander in der Weise, daß wir durch das Schreiben
sorgfältiger reden und durch das Reden mit größerer Leichtigkeit
schreiben lernen. Man muß deshalb, so oft es irgend geht, schreiben,
und falls keine Gelegenheit vorhanden ist, sich durch Überdenken des
Stoffes bemächtigen; ist beides versagt, so soll man doch darauf
hinwirken, daß weder der Redner in Verlegenheit gesetzt, noch sein
Klient verlassen scheint.
Vielbeschäftigte Anwälte pflegen es aber meist so zu halten, daß sie
das Notwendigste und auf jeden Fall den Anfang aufschreiben und das
übrige, was sie im Gedächtnis haben, in Gedanken disponieren,
plötzlichen Einwürfen aber aus dem Stegreif entgegentreten. Daß M.
Tullius so verfahren ist, geht aus seinen Aufzeichnungen hervor. Es
sind aber solche auch von anderen in Umlauf, welche aufgefunden in der
Gestalt, in der sie ein Redner niedergeschrieben hatte, später in
Bücher eingeteilt worden sind, wie die Notizen über die Prozesse,
welche Servius Sulpicius geführt hat, von welchem noch drei Reden
vorhanden sind; aber gerade diese ebengenannten Aufzeichnungen sind von
einer peinlichen Genauigkeit, daß ich glauben möchte, sie seien von ihm
selbst für die Nachwelt bestimmt gewesen. Ciceros Notizen dagegen,
welche nur für den Augenblick berechnet waren, hat sein Freigelassener
Tiro gesammelt; eine Tatsache, welche ich nicht anführe, damit sie
denselben zur Entschuldigung diene, und als ob ich ihnen meinen Beifall
versagte, sondern um die Bewunderung für dieselben zu erhöhen. Bei dem
freien Sprechen billige ich es vollständig, wenn man sich kurze Notizen
in eine Rolle macht, welche man auch in der Hand behalten und ab und zu
einsehen darf. Hingegen mißfällt mir die Vorschrift des Länas[8], sogar
bei dem, was wir geschrieben haben, den Hauptinhalt in ein Gedenkbuch
und einzelne Hauptabschnitte einzutragen[9]. Denn das Vertrauen auf
dieses Gedenkbuch läßt uns im Memorieren nachlässig sein und macht
unser Reden stockend und formlos. Möchte ich doch nicht einmal, daß man
das aufschreibt, was man vollständig auswendig lernen will; denn hier
kommt es auch vor, daß unsere Gedanken an ebendiesem Aufgeschriebenen
haften bleiben, und daß wir auf das, was ein glücklicher Augenblick uns
eingibt, verzichten. Unsicher und schwankend werden wir dann, da wir
das Aufgeschriebene verloren und Neues zu suchen nicht den Mut haben.
Über das Gedächtnis werde ich in dem nächsten Buche sprechen und darf
dies hier nicht schon anfügen, weil ich anderes vorausschicken muß.
Anmerkungen
Erstes Kapitel
[1] Dieselben sind in den beiden vorhergehenden Büchern enthalten.
[2] Genauer: „Die Arbeit wird wie ein Schiff ohne Steuermann hin und
her schwanken.” Der Sinn ist demnach, daß, wie das Schiff den
Steuermann nötig hat, so bedarf der Lernende des durch die Lektüre
dargebotenen Vorbildes guter Schriftsteller.
[3] Eigentlich „wird wie über verschlossenen Schätzen brüten”. Ähnlich
heißt es bei Vergil, Äneide VI, 610:
Oder welche für sich auf erworbenen Schätzen gebrütet; Horaz, Satiren
I, 1, 70:
Du liegst voll Gier auf den Säcken,
Die du zusammengerafft.
[4] Nicht eigentlich der Redner, sondern derjenige, welcher ein Redner
werden will.
[5] S. VIII, Vorwort 24; 5, 9; VII, Vorwort 1.
[6] Das sind Verfasser von Spottgedichten; der berühmteste,
Archilochus, wird weiter unten charakterisiert.
[7] Aristophanes, Eupolis, Kratinus.
[8] Dies bezieht sich wohl mit einigen Abweichungen auf die zuerst von
Herodot (II, 2) mitgeteilte Überlieferung, auf welche Weise der
ägyptische König Psammetich zu erfahren versucht habe, welches Volk das
älteste sei.
[9] Oder „Käse”, wie Vergil, Eklogen 1, 81.
[10] Im Gegensatz zu dem toten Buchstaben.
[11] Die Reden um den Kranz.
[12] Servius Sulpicius Rufus war der berühmteste Rechtsgelehrte zur
Zeit Ciceros. Er wird als Verfasser von drei Reden genannt. In dem
nicht weiter bekannten Prozesse der Aufidia wird er IV, 2, 106 als
Verteidiger derselben bezeichnet; Messalla ist dann also der Ankläger.
Doch ist nichts Näheres über den Fall bekannt. Über Messalla, Pollio
und Cassius s. weiter unten.
[13] Cajus Nonius Asprenas, ein Freund des Augustus, wurde von Cassius
angeklagt, weil bei einem von ihm gegebenen Gastmahl 130 Personen
vergiftet worden waren. Der Prozeß endigte mit seiner Freisprechung.
[14] Die entsprechenden Reden Ciceros sind die für Ligarius und gegen
Verres. Ligarius, der nach der Schlacht bei Thapsus in die Gewalt
Cäsars gekommen und in die Verbannung geschickt war, wurde, als seine
Brüder seine Begnadigung und Zurückberufung betrieben, von Tubero wegen
seines Verhaltens in Afrika angeklagt.
[15] Freund und Zeitgenosse Ciceros.
[16] Cornelius Celsus, zur Zeit des Tiberius, ein Mann von umfassender
Gelehrsamkeit, hatte über Rhetorik, Jurisprudenz, Landwirtschaft,
Medizin, Kriegskunst und Philosophie geschrieben; erhalten ist nur
seine Schrift ≈de medicina≈.
[17] Er war aus Nemausus in Gallien.
[18] Crispus Passienus der Jüngere, Stiefvater des Kaisers Nero,
gestorben 49 n. Chr.
[19] Vielleicht Lälius Balbus unter Tiberius.
[20] Der Fall ist nicht näher bekannt.
[21] Wo Cicero dies gesagt hat, ist unbekannt; die Stelle des Horaz
steht ≈ars poetica≈ 359.
[22] In seinem Buche über die Rhetorik.
[23] Rede für den Dichter Archias 12.
[24] Das ist die antike Auffassung der Geschichtschreibung, welche sich
von der modernen wesentlich unterscheidet.
[25] IV, 2, 45.
[26] Der Redner 39; 62.
[27] Hiermit sind offenbar die auch uns zum Teil erhaltenen Schriften
des Plato, Xenophon und Äschines Socraticus gemeint.
[28] Brutus 248.
[29] In einer nicht auf uns gekommenen rhetorischen Anweisung.
[30] Aratus lebte um 270 v. Chr. am Hofe des Königs Antigonus Gonatas
von Mazedonien. Seine Phänomena beginnen mit den Worten: Ἑκ Διὸϛ
ἀρχώμεσθα (mit Zeus wollen wir anfangen). Dieses Werk bespricht
Quintilian weiter unten.
[31] Ilias XXI, 196.
[32] Antilochus, Ilias XVIII, 18 ff.
[33] Phönix, Ilias IX, 529 ff.
[34] Ilias XXIV, 486 ff.
[35] Um 800 v. Chr., Verfasser des didaktischen Gedichtes „Werke und
Tage”, einer „Theogonie” und eines Gedichtes „Der Schild des Herakles”.
[36] Der Stil, welcher in der Mitte steht zwischen dem schlichten
attischen und dem überladenen asiatischen.
[37] Epischer Dichter aus Kolophon, lebte gegen das Ende des
Peloponnesischen Krieges. Sein Hauptwerk war das Epos Thebaïs.
[38] Aus Halikarnaß, um 480 v. Chr., Oheim Herodots, Verfasser eines
epischen Gedichtes Herakleia in 14 Büchern.
[39] Geboren zu Alexandria, aber als rhodischer Bürger gewöhnlich „der
Rhodier” genannt, Vorsteher der Bibliothek in Alexandria um 190 v.
Chr., Verfasser des noch erhaltenen Gedichtes „Argonautika”.
[40] Die alexandrinischen Kritiker, besonders Aristophanes aus Byzanz
und sein Schüler Aristarch, veranstalteten im 2. Jahrhundert v. Chr.
ein Verzeichnis der mustergültigen Dichter und Schriftsteller, das auch
in späterer Zeit gewöhnlich als maßgebend anerkannt wurde.
[41] S. Anm. 30.
[42] Der berühmte Idyllendichter aus Syrakus, um 275 v. Chr.
[43] Aus Kamirus auf Rhodos, um 640 v. Chr., Verfasser einer
„Herakleia”.
[44] Nikander, wahrscheinlich aus Kolophon, lebte um 450 v. Chr. zum
Teil am Hofe des Königs Attalus III. von Pergamus und schrieb außer
vielen didaktischen Werken „Alexipharmaka” und „Theriaka” über Bisse
giftiger Tiere.
[45] Ämilius Macer aus Verona, gestorben 16 v. Chr., schrieb
„Ornithogonia” und „Theriaka”.
[46] Quintilian scheint, durch die Gleichheit des Titels veranlaßt, an
die Georgika Vergils gedacht zu haben. Doch läßt sich nicht nachweisen,
daß bei Abfassung dieses Gedichtes die Georgika des Nikander als
Vorbild gedient haben. Des letzteren Lehrgedicht über die Bienen
(Melissurgika) kann vielleicht Vergil benutzt haben.
[47] Euphorion aus Chalkis auf Euböa, geb. um 276 v. Chr., lebte in
Athen, dann seit 220 in Antiochia als Vorsteher der Bibliothek. Seine
epischen Gedichte und Elegien wurden wegen ihres mythologischen und
antiquarischen Stoffes fleißig gelesen und von Cornelius Gallus
nachgebildet.
[48] Eklogen 10, 50.
[49] In der ≈ars poetica≈ 401.
[50] Tyrtäus, um 685-668 v. Chr., aus Aphideä in Attika, berühmt durch
seine Marsch– und Schlachtlieder, durch die er im Zweiten Messenischen
Kriege die Spartaner zum Kampfe begeistert haben sollte.
[51] Kallimachus aus Kyrene, um 260 v. Chr., lebte in Alexandria. Er
erlangte hohen Ruhm durch seine Elegien, die von den römischen Dichtern
Catull, Properz und Ovid nachgeahmt wurden.
[52] Philetas aus Kos, Freund des Theokrit, Lehrer des Ptolemäus II.
Philadelphus, um 280 v. Chr., von Properz und Ovid nachgeahmt.
[53] Die beiden hier nicht Genannten sind Simonides aus Samos, um 660
v. Chr., und Hipponax aus Ephesus, um 540 v. Chr., ein scharfer
Satiriker.
[54] Nicht angeführt sind Alkman aus Sardes, um 620 v. Chr., Sappho aus
Lesbos, um 600 v. Chr., Ibykus aus Regium, um 540 v. Chr., Anakreon aus
Teos, später am Hofe des Polykrates von Samos, Bakchylides aus Kos, um
465 v. Chr. – Pindar, geb. 522 v. Chr. in Kynoskephalä bei Theben,
hochgeachtet von Fürsten und freien Bürgern im Leben und nach seinem
Tode 441 v. Chr.
[55] Oden IV, 2:
Wer sich erkühnt, dem Pindar nachzusingen,
Der hebt, Jullus, sich mit tollem Mut
Auf Dädalus' mit Wachs gefügten Schwingen
Und gibt den Namen der kristallnen Flut.
Wie von den Regengüssen angeschwollen,
Aus den gewohnten Ufern tritt der Fluß,
So stürzt hervor mit allgewalt'gem Rollen
Aus ungemeß'ner Tiefe Pindarus.
[56] Stesichorus aus Himera auf Sizilien, geb. um 630 v. Chr., der
berühmteste Dichter Siziliens, starb hochbetagt in Catana. Vgl. über
ihn Horaz (Oden IV, 9, 4 ff.):
Zwar glänzt Homer als erster in Sängerreih'n,
Doch schweigt darum die Muse des Pindar nicht,
Noch Ceas Lied, Alcäus' Schlachtruf,
Oder Stesichorus' ernste Dichtung.
[57] Aus Mytilene auf Lesbos, 611-580 v. Chr.
[58] Gemeint sind die Gedichte des Alcäus, welche den zehnjährigen
Bürgerkampf seines Vaterlandes behandeln.
[59] Myrsilus und Pittakus.