kurz, ein Stümper ist, wird der Lauf gehemmt, und das bereits im Innern
bestehende Bild geht durch die Verzögerung bisweilen auch bei einem
heftigen Auftritt verloren. Dann wird auch, da wir nicht allein sind,
das lächerlich, was eine stärkere Gemütsbewegung zu begleiten pflegt
und was wiederum zur Erregung unseres Inneren beiträgt, wie die Hände
stark bewegen, die Mienen lebhaft spielen lassen, Schenkel und Seite
schlagen, was Persius[8] meint, wenn er von gewissen Rednern behauptet:
„Und er schlägt nicht auf die Brüstung und beißt sich die Nägel nicht
ab.” Kurz, um mit einem Wort zu sagen, was für den Redner das
förderlichste ist: es ist die Einsamkeit, welche im Diktieren
aufgegeben wird, obwohl doch niemand bezweifelt, daß ein menschenleerer
Ort und die tiefste Stille für den Schriftsteller am geeignetsten sei.
Man darf jedoch nicht gleich auf die hören, welche glauben, daß am
geeignetsten hierzu Haine und Wälder seien, weil da ein freier Himmel
und eine schöne Gegend den Geist für das Erhabene empfänglich und
schöpferisch mache. Mir scheint ein derartiger Aufenthalt auf jeden
Fall mehr genußreich, als zum Studium anregend zu sein. Denn das, was
an sich selbst der Ergötzung dient, muß uns notwendig von der eifrigen
Beschäftigung mit der Arbeit ablenken, welche wir uns vorgenommen
haben. Denn man kann nicht mit gutem Gewissen seine Aufmerksamkeit auf
viele Dinge zugleich richten, jeder Blick aber auf einen andern
Gegenstand läßt uns die vorgenommene Arbeit aus dem Auge verlieren. Die
Schönheit des Waldes, ein vorüberfließender Fluß, das Rauschen der
Baumwipfel, der Gesang der Vögel, der freie Blick in die Weite
beansprucht unsere Aufmerksamkeit in dem Grade, daß ein solcher Genuß
mehr zu einem Sichgehenlassen als zu angestrengter Gedankenarbeit
einladet. Besser machte es Demosthenes[9], der sich an einem Orte
verbarg, wo man keinen Laut hören konnte und keine Aussicht genoß,
damit die Augen den arbeitenden Geist nicht ablenkten. Wenn wir bei
Nacht arbeiten, so richten wir es am besten so ein, daß die Stille der
Nacht, das verschlossene Zimmer und nur ein einziges Licht uns
gleichsam birgt und so vor Störung sichert. Aber wie zu jeder gelehrten
Beschäftigung, so braucht man hauptsächlich zu einer solchen eine gute
Gesundheit und eine mäßige Lebensweise, welche eine solche
hauptsächlich verleiht, da wir die von der Natur selbst zur Ruhe und
Erholung bestimmte Zeit zur eifrigsten Arbeit benutzen. Wer jedoch nur
so viel Zeit der Nacht verwendet, wie er sich vom Schlafe absparen
kann, wird nicht fehlgehen. Denn ein fleißiges Arbeiten wird die
Ermüdung schon von selbst verhindern, und die Tageszeit genügt vollauf,
falls wir sie hierfür frei behalten, zu einer Beschäftigung bei Nacht
zwingt die Not. Immerhin ist aber das Arbeiten bei Licht, falls wir es
mit frischen Kräften und nach vorhergegangener Erholung beginnen, am
freisten von Störung.
Aber Stille und Abgeschiedenheit und ein ganz sorgenfreies Herz sind
zwar sehr wünschenswert, können aber nicht immer uns zuteil werden;
deshalb soll man nicht gleich, wenn etwas störend dazwischenkommt, das
Buch wegwerfen und den verlorenen Tag beklagen, sondern der Störung
entgegentreten und durch Gewöhnung so weit kommen, daß die Stärke des
Willens alle Hindernisse überwindet; wenn dieser mit aller Anstrengung
auf die Arbeit gerichtet ist, wird von dem, was Auge und Ohr berührt,
nichts bis zum Geist dringen. Oder fügt es der Zufall nicht häufig so,
daß wir in Gedanken versunken uns Begegnende nicht sehen und vom Wege
abirren? Man muß gegen die Ursachen zur Trägheit nicht nachgiebig sein.
Denn wenn wir glauben, nur nach genossener Erholung, nur heiteren
Gemütes, nur frei von jeder andern Sorge geistig tätig sein zu können,
werden wir stets einen Grund haben, nachsichtig mit uns zu sein.
Deshalb soll in der wogenden Menge, auf der Reise, beim Gastmahl der
denkende Geist sich selbst eine Einsamkeit schaffen.
Was soll auch sonst werden, wenn wir einmal mitten auf dem Markt,
umgeben von so vielen Richtern unter Wortwechsel und Geschrei, sofort
eine zusammenhängende Rede halten sollen, wenn wir die paar Worte,
welche wir auf dem Wachs aufzeichnen wollen, nur in der Einsamkeit
wiederfinden können? Daher ersann Demosthenes, obwohl ein großer
Verehrer der Einsamkeit, seine Reden am Ufer, wo die Wogen mit heftigem
Gebrause brandeten, und gewöhnte sich so, dem Stimmengewirr einer
Volksversammlung furchtlos gegenüberzutreten.
Auch etwas weniger Wichtiges – obwohl bei den Studien nichts
geringfügig ist – will ich nicht übergehen, nämlich daß man am besten
auf Wachs schreibt, wo man das Geschriebene leicht wieder ausstreichen
kann, falls nicht schwache Augen die Benutzung von Pergament fordern,
das zwar größere Deutlichkeit bietet, jedoch durch das häufige
Hinundherbewegen der Hand zum Eintauchen des Schreibrohres ermüdet und
den Zug der Gedanken hemmt. In beiden Fällen jedoch lasse man auf der
entgegengesetzten Seite einen Raum frei, auf welchem für Zusätze freier
Platz ist. Denn manchmal verleitet der zu enge Raum zur Faulheit im
Verbessern und läßt das neu dazwischen Geschriebene mit dem alten
zusammenfließen. Dann möchte ich, daß die Wachstafeln nicht übermäßig
breit wären, da ich es selbst erlebt habe, wie ein junger Mann, welcher
sonst eifrig war, übermäßig lange Reden hielt, weil er sie nach der
Anzahl der Linien maß; und wie dieser Fehler, dem sich durch
fortgesetzte Ermahnung nicht abhelfen ließ, durch eine Änderung der
Schreibtafeln beseitigt wurde. Es muß auch ein Platz frei bleiben, auf
welchem von den Schreibenden das kurz aufgezeichnet wird, was ihnen
außerhalb des engeren Zusammenhanges, d. h. aus Teilen der Rede, mit
deren Ausarbeitung sie augenblicklich nicht beschäftigt sind, einfällt.
Denn häufig kommen uns sehr gute Gedanken in den Sinn, die wir weder
einreihen noch aufsparen dürfen, weil sei dann entweder vergessen
werden oder die mit ihnen Beschäftigten in dem weiteren Gedankengang
stören, und die deshalb am besten niedergeschrieben werden.
≈VIERTES KAPITEL≈
Von der Nachbesserung
Ich gehe zu der Nachbesserung über, dem bei weitem nützlichsten Teil
des Studiums; hat man doch nicht ohne Grund behauptet, der Griffel sei
in nicht geringerem Grade tätig, wenn er Geschriebenes wieder
vernichtet. Zu dieser Tätigkeit gehört aber Hinzufügen, Hinwegnehmen
und Ändern. Nun ist ein Urteilen leichter und einfacher, wenn es sich
darum handelt, zu ergänzen oder wegzulassen; das Schwülstige aber zu
vereinfachen, das Matte zu beleben, das Üppige zu beschränken, das
Ungeordnete zu ordnen, das Unzusammenhängende dem Zusammenhang
einzureihen, das zu stark Hervorgehobene zurückzudrängen: dies alles
erfordert doppelte Mühe; denn auf der einen Seite muß man das, dem man
bereits seinen Beifall geschenkt hatte, verurteilen, und auf der andern
Seite das, was einem fern gelegen hatte, neu hinzu erfinden. Es
unterliegt nun keinem Zweifel, daß es sich empfiehlt, erst dann zu dem
Geschriebenen wie zu einer neuen oder fremden Arbeit zurückzukehren,
wenn man es eine Zeitlang beiseitegelegt hat, damit uns das von uns
Verfaßte nicht wie kleine Kinder sich einschmeicheln und gefallen. Aber
auch dies kann zumal dem Redner nicht immer zuteil werden, da er häufig
für das Bedürfnis des Augenblicks schreiben muß, man muß auch im
Verbessern ein Ende finden können. Es gibt nämlich Leute, welche zu dem
Geschriebenen jedesmal in der Voraussetzung, es sei fehlerhaft,
zurückkehren, und die jede beliebige Änderung vorziehen, als ob das
zuerst Geschriebene nicht das Recht habe, das Bessere zu sein; diese
sind den Ärzten vergleichbar, welche auch am gesunden Fleisch
schneiden. Die Folge davon ist, daß überall Narben sind, daß es an
eigentlichem Gehalt fehlt, und daß Verbesserungen zu Verschlechterungen
werden. Man gelange also endlich zu einer Freude an dem Geschaffenen
oder doch zur Zufriedenheit mit demselben, damit die Feile glätte, aber
nicht zerreibe. Auch in dem Zeitaufwand muß man Maß halten; denn wenn
es heißt, Cinna[1] habe die Smyrna in einem Zeitraum von neun Jahren
geschrieben, Isokrates aber an dem Panegyricus mindestens zehn Jahre
gearbeitet, so geht das den Redner nichts an, da sein Beistand wertlos
ist, wenn er so langsam erfolgt.
≈FÜNFTES KAPITEL≈
Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen
Zunächst müssen wir uns darüber verbreiten, was hauptsächlich
diejenigen, welche sich Fertigkeit erwerben wollen, schreiben müssen.
Nun gehört eine Auseinandersetzung über die Stoffe, welche an erster,
zweiter oder darauffolgender Stelle zu behandeln sind, nicht hierher
(denn das ist schon im ersten Buch, wo wir einen Studienplan für die
Knaben, und im zweiten Buch, wo wir einen solchen für die älteren
Schüler entworfen haben, geschehen), sondern es ist die auf unser
gegenwärtiges Thema bezügliche Frage zu beantworten, wodurch Fülle und
Leichtigkeit hauptsächlich erreicht werden.
Griechisch in das Lateinische zu übersetzen, hielten unsere Redner der
alten Schule für das beste. Dies behauptet Crassus in Ciceros Schrift
„Über den Redner” häufig getan zu haben[1]; dies schreibt Cicero
seinerseits oft vor[2], ja er gab sogar die Bücher Platos und
Xenophons[3], welche er dementsprechend übersetzt hatte, heraus; dies
fand auch den Beifall des Messalla, und viele seiner Reden sind auf
diese Weise entstanden, so daß er mit der äußerst schmucklosen und für
Römer sehr schwierigen Rede des Hyperides für Phryne[4] in die
Schranken treten konnte. Die Berechtigung einer solchen Übung liegt
auch auf der Hand. Denn an Fülle des Inhalts sind die griechischen
Schriftsteller sehr reich und sie zeigen in der Beredsamkeit die größte
Kunst; bei der Übertragung dieser kann nun der Übersetzer so verfahren,
daß er stets den treffendsten Ausdruck wählt; denn wir gebrauchen
ausschließlich die Worte der eigenen Sprache. Viele von den
Redewendungen, welche zum Schmuck dienen, in abweichender Weise zu
bilden, ist schon deshalb notwendig, weil die römische und die
griechische Ausdrucksweise meist voneinander verschieden sind.
Aber auch die Übertragung aus dem Lateinischen dürfte wohl gleichfalls
sehr förderlich sein. Was die Gedichte anbetrifft, wird dagegen niemand
Widerspruch erheben, ist es doch eine Art der Übung, welche Sulpicius
ausschließlich betrieben haben soll. Denn der erhabene Geist der
Dichtung kann der Rede einen höheren Schwung geben, und die Ausdrücke,
welche der poetischen Freiheit entsprechend kühner sind, haben nicht in
gleicher Weise das Treffende des Ausdrucks zur Voraussetzung. Dagegen
ist es uns erlaubt, den Gedanken selbst rednerische Kraft zu verleihen,
Fehlendes zu ergänzen, Breites zu kürzen. Auch möchte ich die Forderung
aussprechen, daß eine Umschreibung nicht erklärende Erweiterung sei,
sondern ein Wettkampf und Streit bei Darlegung des gleichen Gedankens.
Deshalb weiche ich auch von denen ab, welche die Übertragung
lateinischer Reden mißbilligen, weil jede Veränderung notwendig eine
Verschlechterung im Gefolge haben müsse, falls wir die besten Reden
hierzu verwendeten. Denn wir haben gar nicht immer Grund, daran zu
verzweifeln, dies oder jenes besser auszudrücken, als es bereits
geschehen ist; auch ist die römische Beredsamkeit nicht so nüchtern und
arm, daß man über #einen# Gegenstand nur auf #eine# Weise gut reden
kann. Oder kann etwa der Schauspieler durch seine Bewegungen bei den
gleichen Worten Abwechslung schaffen, während die Rede zurückstehen
muß, indem ein Gegenstand rednerisch so behandelt werden kann, daß über
den gleichen Stoff jedes weitere Wort überflüssig wäre? Aber gesetzt
auch, daß das von uns Gefundene weder besser noch gleichwertig sei, so
kann es doch dem Vorbild sehr nahe kommen. Oder kommt es etwa nicht
vor, daß wir selbst über denselben Gegenstand zweimal und häufiger
reden und manchmal in zusammenhängender Auseinandersetzung? Sollten wir
etwa nur mit uns selbst in Wettstreit treten können, mit anderen
hingegen nicht? Denn vorausgesetzt, daß nur auf #eine# Art ein
Gegenstand rednerisch gut behandelt werden könnte, müßten wir zu der
Meinung kommen, daß uns von unseren Vorgängern ein weiteres Vorgehen
abgeschnitten sei: in der Tat aber sind die Möglichkeiten ungezählte,
und gar viele Wege führen zu demselben Ziele. Ihren eigenen Reiz hat
die Kürze, ihren eigenen wiederum die Fülle, nach anderen Gesetzen muß
das Übersetzte, nach anderen das Ursprüngliche beurteilt werden, das
eine läßt sich in schlichter, einfacher Redeweise, das andere in
künstlich figürlicher Rede besser ausdrücken. Kurz, das eigentlich
Bildende bei dieser Übung ist die ihr innewohnende Schwierigkeit. Dazu
kommt noch das gewichtige Moment, daß die besten Schriftsteller auf
diese Weise mit großer Sorgfalt studiert werden. Denn wir durcheilen
ihre Schriften nicht in sorgloser Lektüre, sondern wir behandeln alles
einzelne und dringen notwendigerweise in die Tiefe ein und lernen ihre
Vorzüge dadurch schätzen, daß wir sie nicht nachahmen können.
Aber nicht allein Fremdes zu übertragen, sondern auch unser Eigenes auf
verschiedene Arten zu behandeln, wird von Nutzen sein, in der Weise,
meine ich, daß wir einzelne Gedanken auswählen und diesen so häufig wie
möglich eine andere Wendung geben, sowie dasselbe Wachs immer wieder in
andere Formen gegossen zu werden pflegt. Am meisten Fertigkeit, glaube
ich, aber werden wir uns gerade bei Behandlung der einfachsten
Gegenstände erwerben. Denn der Mangel an Können bleibt gar leicht
verborgen, wenn man es mit einer vielgestaltigen Menge von Personen,
Streitfällen, Ort– und Zeitverhältnissen, Warten und Taten zu tun hat,
da sich dann von allen Seiten eine Fülle von Stoff darbietet, aus
welcher man etwas auswählen kann. Erst das ist ein Prüfstein eines
tüchtigen Könnens, wenn man das, was von Natur knapp ist, ausführlich
zu behandeln versteht, wenn man das Unbedeutende steigert, dem
Ähnlichen Abwechslung, dem Gewöhnlichen Reiz verleiht und über eine
kleine Anzahl von Gegenständen ausführlich geistreich redet.
Hierzu werden am besten beitragen die Untersuchungen über zweifelhafte
Fragen, welche, wie wir bemerkten[5], „Thesen” genannt werden; pflegte
sich doch Cicero mit diesen zu üben, als er schon einen hohen Rang im
Staate einnahm[6]. Dieser Übung ist die Widerlegung und das Beweisen
einzelner Sätze verwandt. Denn da ein solcher Satz entweder ein Urteil
oder eine Vorschrift enthält, so kann auf der einen Seite die Sache
selbst, auf der andern Seite das Urteil über dieselbe untersucht
werden. Dazu kommen die sogenannten Gemeinplätze, welche bekanntlich
auch von Rednern[7] bearbeitet worden sind. Denn wer diese nur, indem
er bei der Stange bleibt, ohne auf Abwege zu geraten, erschöpfend
behandelt hat, der wird gewiß in dem, was mehrfache Abschweifungen
zuläßt, um so reicher und für alle Fälle gerüstet sein. Laufen doch
alle auf allgemeine Fragen hinaus. Denn es ist wohl kein Unterschied,
ob wir sagen: der Volkstribun Cornelius[8] soll in Anklagezustand
versetzt werden, weil er einen Antrag verlesen hat, oder ob wir fragen:
wird die Amtsgewalt verletzt, wenn ein Beamter seinen Antrag dem Volke
selbst vorliest, ob wir vor Gericht die Streitfrage aufstellen, ob
Milo[9] den Clodius mit Recht getötet habe, oder ob wir sie
formulieren: darf man einen Feind und staatsgefährlichen Bürger töten
für den Fall, daß er sich in ebendem Augenblick nicht feindlich zeigt?
Ferner: Hat Cato die Marcia dem Hortensius[10] unbeschadet seiner Ehre
übergeben? oder: Ziemt so etwas einem rechtschaffenen Manne? Über eine
Person wird das Urteil gesprochen, um den Wert einer Handlung wird der
Streit geführt. Was aber die Deklamationen, wie sie in den
Rhetorenschulen geübt werden, betrifft, so sind diese, falls sie nur
der Wirklichkeit entsprechend und richtigen Reden verwandt sind, nicht
allein, solange das Fortschreiten noch ein langsames ist, von großem
Nutzen, da sie das Erfinden und Disponieren in gleicher Weise üben,
sondern auch, wenn es schon zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, und
der junge Redner schon Lorbeeren auf dem Forum geerntet hat. Denn die
Beredsamkeit erhält Befruchtung und Glanz gleichsam durch eine
angenehmere Speise und erholt sich, nachdem sie in dem beständigen
harten Kampf der Prozesse müde geworden war. Deshalb muß man in manchen
zur Übung geschriebenen Aufsätzen die Breite der Geschichtschreibung
anwenden und sich an der Ungezwungenheit der Dialoge mit Vergnügen
üben; selbst mit Dichtern sich spielend zu beschäftigen wird nicht ohne
Wert sein, sowie die Athleten sich an Muße und ausgesuchterer Kost
erfreuen, nachdem sie auf einige Zeit dem Zwang in Speise und
regelmäßiger Übung entsagt haben. Deshalb scheint mir auch Cicero der
Beredsamkeit so große Förderung gebracht zu haben, weil er sich auch zu
diesen nicht abseits gelegenen Studien gewendet hat. Denn wenn uns die
Prozesse allein Stoff liefern, dann wird notwendig der Glanz schwinden,
die feineren Organe werden an Geschmeidigkeit verlieren, und die
Schärfe des Geistes wird im täglichen Kampfe stumpf werden.
Wie aber den im Gerichtskampf geübten und gleichsam im militärischen
Dienstverhältnis befindlichen Rednern diese süße Speise Erfrischung und
Stärkung bietet, so dürfen die Jünglinge nicht zu lange bei diesem
bloßen Abbilde wahrer Verhältnisse verweilen und sich nicht an
inhaltslose Fiktion gewöhnen, damit sie nicht aus jenem Wirken in der
Dämmerung des geschlossenen Raumes, mit welchem sie durch langjährige
Gewöhnung vertraut geworden sind, wie von dem Glanze der Sonne
aufgeschreckt werden, sobald sie es mit einem wirklichen Prozesse zu
tun haben. So ging es, wie man sagt, selbst einem Porcius Latro[11],
welcher ein berühmter Lehrer der Beredsamkeit war. Als er, der sich
einen großen Ruf durch seine Lehrtätigkeit erworben hatte, eine Rede
auf dem Forum zu halten hatte, sah er sich zu der dringenden Bitte
gezwungen, man möge die Sitzung in das Gerichtslokal verlegen. So
ungewohnt war ihm der freie Himmel, daß man hätte glauben können, alle
seine Beredsamkeit sei von Wand und Decke abhängig.
Deshalb möge ein Jüngling, welcher Stoff und Form in der rechten Weise
zu gestalten von seinen Lehrern mit Fleiß gelernt hat (was keine
grenzenlose Aufgabe ist, wenn die Lehrer ihre Sache verstehen und guten
Willen haben), und der auch einige Übung erlangt hat, sich, wie es auch
bei unseren Vorfahren geschah, einen Redner zur Nachfolge und
Nacheiferung erwählen; bei Gerichtsverhandlungen sei er so häufig wie
möglich anwesend und ein fleißiger Zuschauer bei dem Gerichtsverfahren,
bei welchem er später selbst eine Rolle spielen wird. Dann soll er
entweder die gleichen Verteidigungsreden, welchen er beigewohnt hat,
schriftlich ausarbeiten, oder auch andere, aber solche, welche der
Wirklichkeit entnommen sind, und er soll sich jetzt mit scharfen Waffen
üben, wie wir es bei Gladiatorenspielen sehen, nach dem Beispiel des
Brutus, welcher für Milo schrieb. Das ist besser, als Entgegnung auf
die Reden der Alten schreiben, wie es Cestius[12] mit der Rede Ciceros
für Cestius tat, obwohl er aus der Verteidigungsrede die Sache der
andern Partei nicht hinreichend kennen konnte.
Noch schneller aber wird der Jüngling zum Ziele gelangen, wenn ihn sein
Lehrer nötigt, bei seinen Deklamationen so sehr wie möglich der
Wahrheit treu zu bleiben und die Stoffe vollständig zu bearbeiten,
während er sich bisher die leichtesten und dankbarsten aussuchte.
Freilich steht dem in zweiter Linie namhaft gemachten Punkt die allzu
große Menge der Schüler und der Brauch, die Klassen an bestimmten Tagen
deklamieren zu lassen, hindernd im Wege, einigermaßen auch die
Urteilslosigkeit der Väter, welche die Deklamationen zählen und nicht
nach ihrem Werte beurteilen. Aber ein vernünftiger Lehrer (wie ich im
ersten Buche ausgeführt habe)[13] wird sich nicht mit einer größeren
Anzahl von Schülern, als er vertragen kann, belasten; er wird zu große
Weitschweifigkeit beschneiden, so daß er nur alles das, was die
Streitfrage betrifft, vorbringen läßt, nicht wie es in der Methode
einiger liegt, auch das, was in irgendwelchem Zusammenhang mit dem
Stoff steht; auch wird er die Zeit, in welcher die aufgegebenen
Vorträge gehalten werden müssen, lieber um mehrere Tage ausdehnen oder
die Stoffe zu teilen erlauben. Das fleißig Ausgearbeitete wird von
höherem Nutzen sein als eine größere Anzahl von nur begonnenen
Versuchen, welche der Schüler gleichsam nur gekostet hat. In diesem
Fall nämlich pflegt es so zu gehen, daß das einzelne nicht den rechten
Platz erhält, und daß die Eingänge der Reden nicht innerhalb der
gehörigen Grenzen bleiben, indem die Jünglinge blühende Redewendungen
überall zusammensuchen und auf diesen Teil zusammenhäufen. Daher kommt
es, daß sie in der Besorgnis, für den Vortrag der späteren Partien
keine Zeit zu haben, die vorhergehenden durch Redeschmuck aller Art
unklar gestalten.
≈SECHSTES KAPITEL≈
Sammlung des Gedankenstoffes
Der Ausarbeitung größerer schriftlicher Arbeiten am nächsten verwandt
ist die Anfertigung von Entwürfen im Kopf, welche ebenfalls von jener
Übung ihre Kräfte empfängt und zwischen dem mühevollen Verfassen von
Aufsätzen und dem Glückswurf der Improvisation in der Mitte steht und
vielleicht am häufigsten zur Anwendung kommt. Denn längere Aufsätze
anzufertigen, dazu sind wir nicht überall und nicht immer imstande, für
Anfertigung von nicht aufgeschriebenen Entwürfen ist Zeit und Ort meist
reichlich vorhanden. Ein solcher Entwurf umfaßt in wenigen Stunden
selbst große Prozesse; er wird, sogar in der Dunkelheit der Nacht, wenn
der Schlaf unterbrochen ist, gefördert; für ihn findet sich mitten in
der Tätigkeit etwas freie Zeit, und für ihn läßt man keinen Augenblick
unbenutzt. Auch gibt er nicht nur, wie es wohl genug wäre, eine
Anordnung des Stoffes, sondern er verbindet auch die Worte und webt die
ganze Rede so zusammen, daß ihm zur vollen Fertigstellung nur die
schreibende Hand fehlt; übrigens haftet im Gedächtnis das meist weit
treuer, was nicht durch die Mühe des Schreibens weniger fest aufgefaßt
ist.
Aber auch zu dieser Fähigkeit des Entwerfens in Gedanken kann man nicht
plötzlich oder schnell gelangen. Denn erstlich müssen wir durch vieles
Schreiben eine Sicherheit in der Form erlangt haben, welche uns bei dem
Entwerfen in Gedanken begleitet; dann ist allmählich die Erfahrung zu
gewinnen in der Weise, daß wir uns nur an kleinen Aufgaben versuchen,
deren treue Wiedergabe nicht schwierig ist; dann müssen wir unsere
Fertigkeit vermehren, indem wir so wenig Neues hinzunehmen, daß wir
eine Mehrbelastung nicht spüren, und endlich durch beständige Übung,
welche hauptsächlich in einer Schulung des Gedächtnisses beruht,
größere Stoffmassen umfassen; deshalb muß ich auch verschiedenes an
jenem Orte, wo vom Gedächtnis die Rede sein wird, behandeln. Es kommt
mit der Zeit dahin, daß der, bei welchem der Geist sich willig zeigt,
durch eifriges Studium erreicht, daß bei ihm das, was er nur in
Gedanken entworfen hat, ihm bei der Rede ebenso gegenwärtig ist, wie
das, was er geschrieben und auswendig gelernt hat.
Cicero wenigstens ist Gewährsmann dafür, daß Metrodor[1] aus Skepsis
und Empylus[2] aus Rhodos und von unseren Rednern Hortensius das in
Gedanken Entworfene in ihren Gerichtsreden wörtlich wiedergaben.
Wenn aber vielleicht einmal während des Sprechens die Rede die Färbung
der Improvisation erhält, so soll man nicht ängstlich bei dem vorher
Ausgedachten haften bleiben. Hat doch auch dieses nicht eine so
sorgfältige Ausarbeitung erfahren, als daß man nicht auch einem
glücklichen Zufall Raum gönnen könnte, da doch häufig auch in das
Geschriebene plötzliche Einfälle einfließen.
Deshalb ist bei dieser ganzen Art der Übung so zu verfahren, daß wir
leicht den Entwurf verlassen und ihn wiederfinden können. Denn wie es
das erste ist, von Hause eine stets in Bereitschaft gehaltene und
sichere Fülle des Wortschatzes mitzubringen, so wäre es andererseits
die größte Torheit, die Gaben des Augenblicks zurückzuweisen. Daher
soll der in Gedanken ausgearbeitete Entwurf in der Weise beschaffen
sein, daß uns der Zufall nicht außer Fassung bringen, wohl aber
zustatten kommen kann. Durch ein starkes Gedächtnis aber wird erreicht,
daß das von uns im Geiste Zusammengefaßte mühelos unseren Lippen
entströmt, und daß uns die Sorge, das Zurückschauen und Anklammern an
das Gelernte den Blick auf das Folgende nicht trübt, sonst würde ich
selbst eine übermütige Improvisation einer übel zusammenhängenden
Vorbereitung vorziehen. Denn es ist schlimm, wenn man nach rückwärts
suchen muß, weil wir, während wir so suchen, von anderem uns abwenden
müssen und die Gedanken aus dem Gedächtnis schöpfen, anstatt aus dem
Stoff. Wenn man aber beides suchen muß, so ist dessen mehr, was noch
gefunden werden kann, als dessen, was schon gefunden worden ist.
≈SIEBENTES KAPITEL≈
Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu reden, erworben und erhalten
wird