Aus diesen und anderen lesenswerten Schriftstellern entlehne man den

Wortschatz, die Redewendungen und die Kompositionsmethode, sodann muß

der Geist nach dem Vorbilde aller ihrer Schönheiten seine Richtung

erhalten. Denn daran darf man nicht zweifeln, daß die Kunst zum großen

Teil auf Nachahmung beruht. Denn wie das schöpferische Hervorbringen

das ursprüngliche gewesen ist und die Hauptsache bleibt, so ist es doch

auch nützlich, das so Hervorgebrachte nachzuahmen. Und das ist ein sich

durch das ganze Leben hindurchziehendes Prinzip, daß wir das selbst

hervorbringen wollen, was uns an anderen gefällt. So bilden die Knaben

die Züge der Buchstaben nach, um Übung im Schreiben zu erlangen, so die

Musiker die Stimme ihrer Lehrer, so die Maler die Werke ihrer

Vorgänger, so betrachten die Landleute eine bereits bewährte Methode

der Bodenkultur als Muster: kurz, wir sehen, daß die Anfänge jedes

Könnens nur nach den für die einzelnen Disziplinen aufgestellten

Vorschriften gelernt werden können. Und in der Tat müssen wir den

vorzüglichen Meistern entweder ähnlich oder unähnlich sein: ihnen

ähnlich macht uns selten die Natur, häufig die Nachahmung. Der Umstand

aber gerade, daß uns die Nachahmung die Beherrschung von allem so

bedeutend leichter macht, wie sie denen war, die kein Vorbild hatten,

schadet, wenn sie nicht mit Vorsicht und Urteil ausgeübt wird.

Vor allem reicht die bloße Nachahmung nicht aus, schon deshalb, weil

nur ein träger Geist mit dem, was von anderen erfunden ist, zufrieden

sein kann. Denn wie wäre es in jenen Zeiten gegangen, die ohne Vorbild

waren, wenn die Menschen geglaubt hätten, sie dürften nur das tun oder

denken, was sie schon kennengelernt hatten? Natürlich wäre nichts

erfunden worden. Wie sollte es also unrecht sein, wenn wir etwas

erfinden wollten, was vorher noch nicht existiert hat? Oder sind etwa

jene noch Ungebildeten durch die bloße Schöpferkraft ihres Geistes

dahin geführt worden, daß sie so vieles hervorbrachten, wir aber sollen

zum Suchen und Forschen nicht einmal durch die sichere Gewißheit bewegt

werden, daß diejenigen, welche gesucht haben, auch gefunden haben? Und

während diejenigen, welche in keinem Gegenstande einen Lehrer gehabt

haben, reiche Schätze auf die Nachwelt vererbt haben, so soll uns der

Besitz dieser Schätze nicht dazu dienen, neue zutage zu fördern,

sondern wir sollen nur von fremder Wohltat leben, wie gewisse Maler

sich nur das Ziel stecken, daß sie mit Maß und Richtschnur Kopien

anfertigen lernen?

Auch das ist eine Schande, dann zufrieden zu sein, wenn man den

Gegenstand, den man nachbildet, erreicht hat. Denn wie würde es

wiederum ergangen sein, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte als

der, den er sich zum Vorbild nahm? In der Dichtkunst wären wir dann

nicht über Livius Andronikus[1], in der Geschichtschreibung nicht über

die Jahrbücher der Priester[2] hinausgekommen, ja wir würden noch mit

Flößen Schiffahrt treiben; es würde keine Malerei geben außer der,

welche die äußersten Linien des Schattens, den ein in der Sonne

befindlicher Körper hervorgebracht hat, umschreibt. Und wenn man alles

genau prüft, wird man sich überzeugen, daß keine Kunst so geblieben

ist, wie sie bei ihrer Erfindung war, und daß keine bei ihren Anfängen

stehengeblieben ist, wenn wir nicht vielleicht gerade unsere Zeit zu

einer vollsten Unfruchtbarkeit verurteilen wollen, daß erst jetzt

nichts wächst. Nichts wächst aber durch bloße Nachahmung.

Wenn wir aber zu dem Früheren nichts hinzufügen dürfen, wie können wir

da erwarten, daß es je einen vollendeten Redner geben wird, da doch

unter denen, welche wir bis auf den heutigen Tag als die bedeutendsten

bezeichnen, sich keiner befindet, an dem man nicht etwas vermissen oder

tadeln könnte. Aber auch die, welche das höchste Ziel nicht erstreben,

müssen mehr wetteifern als nachfolgen. Denn wer danach strebt, andere

zu überholen, wird zwar vielleicht keinen Vorsprung gewinnen, aber doch

auf gleicher Höhe bleiben. Keiner kann aber die gleiche Höhe mit dem

erreichen, dessen Fußtapfen er unter allen Umständen folgen zu müssen

glaubt; denn notwendig muß der Nachfolgende auch der Zurückbleibende

sein. Ferner bedenke man, daß es meist leichter ist, mehr zu leisten,

als das Gleiche. Denn die Ähnlichkeit ist so schwer herzustellen, daß

nicht einmal die Natur in diesem Punkte so viel geleistet hat, daß die

anscheinend ganz ähnlichen oder gleichen Dinge sich nicht durch

irgendwelches Merkmal unterscheiden.

Dazu kommt, daß jedes Objekt, welches einem andern ähnlich ist,

notwendig geringwertiger als dieses ist, und sich zu ihm verhält wie

der Schatten zum Körper, das Bild zu einem Antlitz, die Darstellung des

Schauspiels zu den wirklichen Leidenschaften. Dies ist nun auch der

Fall bei den Reden. Denn in denen, welche uns zum Vorbild dienen, ist

Natur und wirkliche Kraft, hingegen hatte alle Nachahmung etwas

Gemachtes und fremder Vorschrift Angepaßtes. Daher kommt es auch, daß

Deklamationen weniger Saft und Kraft haben als wirkliche Reden, weil

der behandelte Gegenstand dort ein wirklicher, hier ein erfundener ist.

Dazu kommt, daß dasjenige, was bei einem Redner das bedeutendste ist,

sich nicht nachahmen läßt: Geist, Erfindungsgabe, Kraft und

Leichtigkeit, kurz alles, was kunstmäßig nicht gelernt werden kann.

Daher glauben die meisten das, was sie gelesen haben, ganz wunderbar

schön nachzubilden, wenn sie einzelne Ausdrücke oder ein bestimmtes

Satzgefüge aus einer Rede herausnehmen, während die Worte doch im Laufe

der Zeit aus Gebrauch und neu in Gebrauch kommen, da der Sprachgebrauch

ihnen zur sichersten Regel dient und sie nicht von Natur gut oder

schlecht sind (denn an und für sich sind sie nur Klänge), sondern je

nachdem sie glücklich und treffend verbunden oder nicht sind, und ihre

Fügung sowohl dem Inhalt angemessen, wie durch ihre Abwechslung dem Ohr

angenehm ist.

Deshalb ist in diesem Zweige des Studiums alles mit der peinlichsten

Genauigkeit zu prüfen. Zuerst, welche Schriftsteller wir nachahmen

sollen; denn es gibt sehr viele, welche ihren Ehrgeiz darein setzen,

gerade die schlechtesten und fehlerhaftesten nachzubilden; ferner, was

wir bei den von uns erwählten nachzuahmen lernen sollen. Denn auch bei

bedeutenden Schriftstellern finden sich viele Fehler, wegen deren sich

auch die Gelehrten gegenseitig zur Rechenschaft gezogen haben; freilich

wäre zu wünschen, daß die, welche das Gute nachbilden, in demselben

Grade ihr Vorbild überträfen, wie die das Schlechte Nachbildenden es

tun. Auch möge es denen, welche Urteil genug hatten, die Fehler zu

vermeiden, wenigstens nicht genug sein, ein bloßes Bild der Vorzüge

wiederzugeben, gleichsam nur die oben befindliche Kruste oder vielmehr

jene Figuren des Epikur[3], welche der Oberfläche des Körpers

entströmen sollen. Das pflegt aber denen zu begegnen, welche ohne

tiefere Kenntnis der Vorzüge eines Schriftstellers sich an das rein

Äußerliche der Rede anlehnen; wenn diesen dann die Nachahmung gut

vonstatten gegangen ist, dann unterscheiden sie sich in Wortlaut und

Rhythmus nicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an dasselbe in

Kraft und Erfindungsgabe nicht hinan. Meist geraten diese aber auf

Abwege und entlehnen die den Vorzügen am nächsten liegenden Fehler;

dann werden sie schwülstig, wo sie erhaben sein sollen, dürftig, wo sie

knapp zu sein gedachten, tollkühn, wo tapfer, liederlich, wo vergnügt,

maßlos, wo blumenreich, nachlässig, wo einfach. So kommt es, daß die,

welche irgend etwas Geist– und Inhaltsloses rauh und schmucklos zum

Ausdruck gebracht haben, sich den Alten gleichdünken; die, welche

Schmuck und Sentenzen entbehren, sind natürlich Attiker, die, welche

durch verkürzte Perioden dunkel sind, übertreffen den Sallust und

Thukydides, die Traurigen und Nüchternen treten in die Fußtapfen des

Pollio, die Faulen und Nachlässigen schwören – falls sie nur

irgendwelche Umschreibungen gebraucht haben –, so würde sich Cicero

ausgedrückt haben. Ich habe Schüler gekannt, die dann die Art jenes

göttlichen Meisters der Rede nachgebildet zu haben glaubten, wenn sie

an den Schluß ein ≈esse videatur≈ („zu sein schien”) gesetzt hatten.

Daher ist es die Hauptsache, daß jeder das, was er sich zum Vorbild

nehmen will, versteht und weiß, warum es gut ist.

Dann ziehe er bei der Übernahme einer solchen Arbeit seine Kräfte in

Betracht. Denn es gibt Nachahmenswertes, dem entweder die Schwäche

seiner Natur nicht gewachsen ist, oder dem die Verschiedenheit

derselben widerstrebt. So soll der, dessen Gemütsart für das Zarte

empfänglich ist, nicht das Kräftige und Bestimmte allein bevorzugen,

und so soll umgekehrt der, dessen Talent zwar kräftig aber ungebändigt

ist, nicht durch Neigung für das Zarte seine Kraft vergeuden, ohne die

beabsichtigte Eleganz erreichen zu können; denn nichts widerstreitet

dem Geschmack in so hohem Grade, wie wenn ein weicher Stoff hart

bearbeitet wird. Allerdings habe ich auch geglaubt, daß der Lehrer der

Beredsamkeit, den ich im zweiten Buche[4] ausgerüstet hatte, den

Schülern nicht allein offenbaren solle, wozu seiner Meinung nach ein

jeder von Natur geeignet sei; vielmehr muß er auch das Gute, was er in

ihnen findet, fördern und, soweit es möglich ist, das Fehlende

hinzufügen und Verbesserungen und Änderungen mit ihnen vornehmen: dann

ist er ein Lenker und Bildner fremder Gemüter. Schwerer ist es, die

eigene Natur zu bilden. Aber auch jener Lehrer wird in den Punkten, wo

ihm die Natur hindernd im Wege steht, sich nicht überflüssig bemühen,

wie sehr ihm auch am Herzen liegt, daß das Richtige im vollsten Maße

bei seinen Zuhörern vorhanden ist.

Auch das ist ein Fehler, welcher häufig gemacht wird, daß wir in

unseren Reden die Dichter und die Geschichtschreiber, in den Werken

jener Künste Redner und Deklamatoren nachahmen zu müssen glauben; jedes

Gebiet hat da seine eigenen Gesetze, seine eigenen Kunstcharakter. Die

Komödie liebt nicht den Schritt auf dem erhabenen Kothurn, und

umgekehrt schreitet die Tragödie nicht auf der Sandale einher.

Gleichwohl hat die ganze Kunst der Rede etwas Gemeinsames; und dieses

Gemeinsame müssen wir nachahmen. Häufig begegnet es auch denen, welche

sich einer einzelnen Gattung zugeneigt haben, daß sie auch bei

Behandlung von ruhigen und die Leidenschaft nicht erregenden Fällen die

Schneidigkeit nicht ablegen, wenn ihnen diese bei irgend jemandem

gefallen hat, oder daß sie in strengen und ernsten Rechtsfällen der

Wichtigkeit des Gegenstandes nicht entsprechen, wenn ihnen das Zarte

und Anmutige gefallen hatte. In der Tat ist aber nicht allein zwischen

den einzelnen Rechtsfällen ein großer Unterschied, sondern auch

zwischen den einzelnen Teilen einer Rede, und man muß bald milde, bald

schneidig, bald erregt, bald ruhig, bald um zu belehren, bald um zu

bewegen, sprechen, was alles durchaus ungleiche und verschiedene

Anforderungen an den Redner stellt. Deshalb würde ich auch nicht dazu

raten, sich einem einzigen, dem man in allen Stücken folgt, zu eigen zu

geben. Der weitaus vollendetste Redner der Griechen ist Demosthenes, in

mancher Beziehung verdienen jedoch an einzelnen Stellen andere den

Vorzug, an den meisten er. Aber der, welcher hauptsächlich nachgeahmt

zu werden verdient, verdient deshalb nicht allein nachgeahmt zu werden.

Wie denn? Kann man nicht zufrieden sein, wenn man alles so sagt, wie es

M. Tullius gesagt hat? Ich für meine Person würde es sein, wenn ich es

in jedem Punkte erreichen könnte. Was würde es jedoch schaden, die

Gewalt Cäsars, die Schneidigkeit des Cälius, die Sorgfalt des Pollio,

das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen? Denn abgesehen

davon, daß es ein Gebot der Klugheit ist, das, was bei einem jeden

Redner das beste ist, zu seinem Eigentum zu machen, so muß man

andererseits auch bedenken, daß bei der ungeheuren Schwierigkeit der

Sache das Vorbild nur zum geringsten Teile diejenigen, welche ihr

Augenmerk nur auf einen Schriftsteller lenken, dauernd begleitet. Da es

also dem Menschen so gut wie versagt ist, das gewählte Vorbild

vollständig wiederzugeben, müssen wir die Vorzüge einer größeren Anzahl

vor Augen haben, damit von diesem das eine, von jenem das andere haften

bleibt, und wir dann ein jedes am passenden Orte anbringen können.

Die Nachahmung aber, um das hier nochmals zu wiederholen, bestehe nicht

nur in einer Wiedergabe von Worten. Darauf ist vielmehr das Auge zu

richten, wieviel edles Maß jene Männer in Darstellung von Ereignissen

und Personen beobachtet haben, wie sie ihren Plan, ihre Disposition

gestaltet haben, wie endlich alles, was nur auf unser Vergnügen

abzuzielen scheint, Überwindung des Gegners bezweckt; es ist darauf zu

achten, welcher Inhalt für den Eingang der Rede gewählt ist, auf welche

Weise und mit wieviel Abwechslung die Erzählung geboten wird, mit

welcher Kraft Beweis und Widerlegung durchgeführt ist, mit welchem

Geschick Affekte jeder Art erregt werden, und zum Vorteil der Sache der

Beifall des Volkes gewonnen wird, welcher dann am vollkommensten ist,

wenn er willig folgt und nicht mit Mühe herbeigezogen wird. Erst, wenn

wir dies völlig erkannt haben, ist unsere Nachahmung die richtige. Wer

hierzu nun eigene Vorzüge hinzufügt, so daß er das Fehlende ergänzt,

das Überflüssige abschneidet, der wird der vollendete Redner sein,

welchen wir suchen; und ein solcher müßte gerade jetzt in vollkommener

Gestalt auftreten, wo uns weit mehr Beispiele einer trefflichen

Beredsamkeit vorliegen, wie denen zu Gebote standen, die bisher die

größten Redner waren. Denn diese werden sich auch den Ruhm erwerben,

daß sie ihre Vorgänger übertroffen, ihre Nachfolger aber belehrt haben.

≈DRITTES KAPITEL≈

Art und Weise der schriftlichen Übungen

Das sind nun die Hilfsmittel, welche uns von außen geboten werden;

unter denen aber, welche wir uns selbst verschaffen müssen, ist das

mühevollste, aber auch das wirksamste der Griffel[1]. Ihn nennt nicht

mit Unrecht M. Tullius[2] den besten Bildner und Lehrmeister der Rede,

ein Ausspruch, welchem er dadurch besonderen Nachdruck verleiht, daß er

ihn dem Lucius Crassus[3] in seinem Buche „Über den Redner” in den Mund

legt, und so sein eigenes Urteil mit dem Ansehen dieses Redners

verbindet. Man muß demnach so eifrig und soviel wie möglich schreiben.

Denn wie der tief aufgegrabene Boden für Erzeugung und Ernährung der

Saat geeigneter wird, so wird ein Wachstum, welches nicht nur auf

oberflächlicher Bemühung beruht, die Früchte der Studien zu reicherer

Entfaltung und zu festerem Bestehen bringen. Ohne daß wir hiervon fest

überzeugt sind, wird jene für den Augenblick erworbene Beredsamkeit nur

eine nutzlose Geschwätzigkeit verleihen und Worte, welche die Lippen

sprechen.

Hier sind die Wurzeln, hier die Grundlagen, hier die Schätze, welche

gleichsam in geheimer Schatzkammer[4] verborgen sind, um daraus

hervorgeholt zu werden, wenn es bei plötzlich eintretendem Bedürfnis

die Verhältnisse fordern. Kräfte sollen wir uns hauptsächlich erwerben,

welche für einen mühevollen Kampf ausreichen und durch den Gebrauch

nicht erschöpft werden. Denn die Natur selbst wollte nicht, daß irgend

etwas Großes schnell zustande komme, und stellte gerade dem schönsten

Gelingen schweres Mühen voran[5], wie sie auch für die natürliche

Geburt das Gesetz gab, daß die größeren Tiere länger in dem Mutterleib

verbleiben sollen.

Da die vorliegende Frage aber eine zweifache ist, wie man nämlich und

was man schreiben muß, so will ich auch bei der Behandlung diese

Reihenfolge innehalten. Anfangs geschehe das Schreiben langsam, aber

natürlich nicht träge; man suche den besten Ausdruck und begnüge sich

nicht mit dem ersten Einfall; glaubt man etwas gefunden zu haben, so

prüfe man es; hat man es geprüft, so disponiere man; denn Inhalt und

Worte bedürfen der Auswahl, und alles ist einzeln auf seinen Wert hin

zu untersuchen. Dann erst richte man sein Auge auf die Wortstellung und

suche auf alle Weise Wohlklang zu erzielen; nicht aber erhalte jedes

Wort die Stellung, welche der Zufall anbietet. Um dies mit aller

Sorgfalt auszuführen, müssen wir häufiger das zuletzt Geschriebene

wieder durchlesen. Denn abgesehen davon, daß wir so das Folgende besser

mit dem Vorhergehenden verbinden, gewinnt auch die Wärme des Gedankens,

welche durch langes Schreiben abgekühlt ist, von neuem an Kräften und

nimmt gleichsam einen Anlauf, als ob die Strecke frisch zurückgelegt

würde; wie wir es bei einem Wettspringen wohl sehen, daß die

Beteiligten weiter ausholen und bis zu dem Hindernis, um welches es

sich im Wettstreit handelt, eine Strecke Anlauf nehmen, und wie wir

beim Werfen den Arm nach rückwärts führen und im Begriff, Wurfgeschosse

zu schleudern, die Bogensehne rückwärts spannen. Immerhin soll man die

Segel dem Winde überlassen, solange er weht, vorausgesetzt, daß nur

dieses Sichgehenlassen nicht zur Täuschung verführt: denn alles gefällt

uns, während es geschrieben wird, sonst würden wir es nicht schreiben.

Wir wollen aber dann uns zu einer Prüfung zurückwenden und das mit

bedenkenerregender Leichtigkeit Geschriebene von neuem behandeln. So

soll Sallust geschrieben haben; und in der Tat verrät auch sein Werk

selbst die Arbeit. Daß auch Vergil nur sehr wenige Verse an einem Tage

verfaßt habe, bezeugt uns Varius. Nun ist die Lage eines Redners

allerdings eine andere. Daher empfehle ich diese Langsamkeit und

Sorgfalt für den Anfang. Denn zunächst muß man das erreichen und

festhalten, daß man so gut wie möglich schreibt; Schnelligkeit wird

schon die Übung verleihen. Allmählich werden die Gedanken sich leichter

einstellen, die entsprechenden Ausdrücke werden sich finden, die

Verteilung des Stoffes wird sich anschließen, kurz, alles wird wie bei

einer wohlorganisierten Dienerschaft am angewiesenen Platze tätig sein.

Alles in allem gilt dies: Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht,

daß wir gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir schnell

schreiben lernen. Aber gerade dann, wenn wir jene Fähigkeit erlangt

haben, müssen wir dagegen arbeiten und gleichsam die durchgehenden

Pferde mit Zügeln festhalten, was uns nicht sowohl aufhalten, als uns

neuen Antrieb verleihen wird. Ich glaube nämlich nicht, daß man die,

welche im Schreiben eine gewisse Übung erlangt haben, zu der

unglückseligen Strafe, sich mit beständiger Selbstkritik zu quälen,

zwingen soll. Denn wie sollten die ihren Berufsgeschäften als

Sachwalter nachkommen, die über dem Studium einzelner Teile eines

Prozesses alt werden? Es gibt aber Leute, denen nichts genügt, die

alles ändern und alles anders ausdrücken wollen, wie es ihnen der

Augenblick eingibt, solche Zweifler und Selbstquäler, welche es für

Fleiß halten, wenn sie sich das Schreiben möglichst schwer machen. Ich

kann nicht einmal sagen, welche wohl den größten Fehler begehen, ob

die, denen alles von ihrer Hand Herrührende gefällt, oder diejenigen,

welchen nichts davon gefällt. Denn es passiert auch talentvollen

Jünglingen häufig, daß sie in Bemühung völlig aufgehen und in

beständigem Stillschweigen verharren nur aus dem allzu heftigen Wunsch,

gut zu reden. Ich erinnere mich recht wohl, daß mir in bezug hierauf

Julius Secundus, mein Altersgenosse und, wie bekannt, mein lieber

Freund, ein Mann von außerordentlicher Beredsamkeit, aber von sehr

großer Bedenklichkeit, eine Bemerkung seines Oheims erzählt hat. Dieser

war nämlich Julius Florus[6], der hervorragendste Redner in Gallien[7]

– denn dort befaßte er sich erst mit Beredsamkeit – und auch sonst wie

wenige beredt und eines solchen Verwandten würdig. Als dieser den

Secundus, welcher zu jener Zeit noch die Rednerschule besuchte, traurig

sah, fragte er nach der Ursache seines kummervollen Gesichtes. Da

gestand ihm der Jüngling, es sei schon der dritte Tag, daß er trotz

aller Anstrengung keinen Anfang für ein ihm zur schriftlichen

Ausarbeitung gestelltes Thema finden könne, was ihm nicht nur für den

Augenblick Kummer bereite, sondern auch für alle Zukunft verzweifeln

lasse. Da antwortete ihm Florus lächelnd: „Hast du denn vor, besser zu

reden, wie du kannst?” So ist es in der Tat: wir müssen uns Mühe geben,

so gut wie möglich zu reden, jedoch entsprechend unseren Fähigkeiten;

denn zum Vorwärtskommen hilft uns der Eifer, nicht der Unmut. Die

Fähigkeit aber, auch eine größere Arbeit mit einer gewissen

Schnelligkeit schreiben zu können, wird uns nicht allein die Übung

verleihen, welche zweifelsohne viel dazu beiträgt, sondern auch das

vernünftige Nachdenken. Wenn wir nicht auf dem Rücken liegend die Decke

ansehen, einen Gedanken hinmurmeln und abwarten, was uns einfalle,

sondern wenn wir uns klarmachen, was der Gegenstand erfordert, was der

Person entspricht, welcher Art die Zeitumstände und die Gemütsart des

Richters ist, und so auf menschenwürdige Weise ans Schreiben gehen,

dann gibt uns die Natur selbst Anfang und Fortführung des Themas an die

Hand. Denn das meiste ist greifbar und springt in die Augen, wenn wir

sie nicht schließen; deshalb suchen auch die Ungebildeten und Bauern

nicht lange nach einem Anfang, und wir müssen uns um so mehr schämen,

wenn die Bildung uns Schwierigkeit bereitet. Wir dürfen daher nicht

immer das Entlegenste für das Vortrefflichste halten und dann

verstummen, wenn sich uns nicht etwas bietet, nachdem wir erst haben

suchen müssen. In den entgegengesetzten Fehler verfallen diejenigen,

welche das Thema zunächst mit eilendem Griffel durchlaufen und der

Begeisterung und dem Schwung des Augenblickes folgend aus dem Stegreif

niederschreiben; dafür haben sie den Namen ≈silva≈ (Wald, hier

„ungeordnete Masse, unverarbeiteter Stoff”) erfunden; sie gehen dann

wieder durch und verbessern, was sie nur so hingeworfen haben, aber

Worte und Rhythmus lassen sich verbessern, in dem hastig

zusammengeschriebenen Inhalt bleibt die alte Oberflächlichkeit. Es wird

also richtiger sein, von vornherein Sorgfalt anzuwenden und den

Gegenstand gleich so zu behandeln, daß unser rednerisches Kunstwerk nur

noch ziseliert, nicht aber völlig neu gearbeitet werden muß. Bisweilen

jedoch sollen wir uns den Affekten überlassen, in welchen der Schwung

mehr wie die Sorgfalt wirksam wird.

Daraus, daß ich diese Nachlässigkeit beim Schreiben verurteile, wird

zur Genüge klar, wie ich über die bekannte Liebhaberei des Diktierens

denke. Denn bei dem noch so schnellen Schreiben bewirkt die Hand,

welche der Schnelligkeit des Gedankens nicht folgen kann, eine gewisse

Verzögerung; der hingegen, dem wir diktieren, drängt uns, und wir

schämen uns wohl auch zu zögern oder stehenzubleiben oder zu ändern,

indem wir gleichsam den Mitwisser unserer Schwäche fürchten. So kommt

es, daß uns nicht nur Undurchgearbeitetes und Zufälliges, sondern indem

wir nur den Zusammenhang mehren wollen, zuweilen auch Unpassendes

entschlüpft, was weder beim Schreiben noch beim Freisprechen passiert.

Unterricht in der Beredsamkeit · 第 3 / 6 段