Theophrast[86] aber besitzt in so hohem Grade jenen göttlichen Glanz

der Rede, daß er davon auch seinen Namen erhalten haben soll. Weniger

Wert auf die Beredsamkeit legten die alten Stoiker; aber auf der einen

Seite sind ihre Vorschriften von sittlichem Gehalt, und auf der andern

Seite sind sie in Sammlung von Beispielen und Beweismitteln für ihre

Vorschriften besonders stark, jedoch mehr scharfsinnig in Verwendung

der Tatsachen, wie glänzend in der Darstellung – ein Vorzug übrigens,

nach welchem sie nicht strebten.

Die gleiche Anordnung, wie bei der Durchmusterung der griechischen

Schriftsteller, werden wir auch bei der Behandlung der römischen

innehalten.

Wie also bei jenen Homer, so wird bei uns Vergil[87] die beste

Bürgschaft für einen glückverheißenden Anfang bieten, er, der von allen

Dichtern dieser Gattung, von griechischen sowohl wie von unseren, ihm

unstreitig am nächsten steht. Ich möchte in bezug auf ihn dieselben

Worte gebrauchen, die ich als junger Mann von Domitius Afer[88] gehört

habe, der mir auf meine Frage, wer seiner Meinung nach dem Homer am

nächsten käme, antwortete: „An zweiter Stelle steht Vergil, so jedoch,

daß er dem ersten Platze näher als dem dritten steht.” Und in der Tat,

mag er auch – und mit ihm unsere Nation – dem himmlischen und

unsterblichen Genie jenes nachstehen, so besitzt er doch um so mehr

Sorgfalt und Fleiß schon deshalb, weil er sich mehr abmühen mußte;

wieweit wir daher auch an hervorragender Kraft den Griechen nachstehen

mögen, so gleichen wir doch diesen Mangel vielleicht durch

Gleichmäßigkeit wieder aus. Alle übrigen folgen erst weit später. Denn

Macer[89] und Lucretius[90] soll man zwar lesen, aber nicht um seinen

Stil zu bilden, d. h. einen festen Grund für die Beredsamkeit zu legen,

da sie zwar beide auf ihrem Gebiete elegant sind, der eine aber

gewöhnlich, der andere schwierig im Ausdruck. Der Ataciner Varro[91]

ist in dem Werke, durch welches er einen berühmten Namen erlangt hat,

Übersetzer, zwar schätzenswert als solcher, aber zur Bildung der

Beredsamkeit nicht reich genug. Den Ennius[92] wollen wir verehren wie

einen durch sein Alter ehrwürdigen Hain, in dem gewaltige und uralte

Eichen weniger ästhetisches Wohlgefallen wachrufen als heilige Scheu.

Andere stehen uns näher und sind für den in Rede stehenden Zweck

wichtiger. Voll Schelmerei ist zwar auch in seinen epischen Gedichten

Ovid[93] und voll Bewunderung für das eigene Genie, aber in einzelnen

Partien verdient er doch Lob. Wenn aber für Cornelius Severus[94] auch

gilt, daß er mehr ein geschickter Verskünstler[95] als ein guter

Dichter ist, so würde er doch mit Recht den zweiten Platz in Anspruch

nehmen, wenn er nach dem Muster des ersten Buches den Sizilischen Krieg

zu Ende geschrieben hätte. Den Serranus[96] ließ ein frühzeitiger Tod

nicht zur vollen Entwicklung kommen; die Werke aus seiner frühesten

Jugendzeit verraten jedoch sowohl eine außerordentliche Begabung als

auch ein für dieses Alter bewundernswertes Streben nach richtiger

Schreibart. Einen großen Verlust hatten wir kürzlich durch den Tod des

Valerius Flaccus[97]. Voll jugendlicher Heftigkeit war auch die

poetische Anlage des Saleius Bassus[98], welche auch in seinem

Greisenalter nicht zur Reife gelangt ist. Auch Rabirius und Pedo[99]

verdienen gelesen zu werden, wenn Zeit dazu vorhanden ist. Lucanus[100]

ist feurig, schwungvoll und reich an wertvollen Gedanken, aber er

verdient, um mich frei auszusprechen, mehr von den Rednern als von den

Dichtern nachgeahmt zu werden. Soviel epische Dichter haben wir

aufgezählt; den Germanicus Augustus[101] haben wir übergangen, weil ihn

von den begonnenen dichterischen Bemühungen die Sorge für Länder und

Völker abrief, und es den Göttern nicht gefallen hat, ihn zu dem

größten Dichter zu machen. Was jedoch übertrifft die Werke, in denen

der Jüngling Erholung von Regierungssorgen suchte, an Erhabenheit,

feiner Bildung und Vorzügen jeder Art? Wer hätte auch Kriege besser

besingen können, als ein Feldherr, der sie so geführt hat? Wem hätten

die Kunst beschützenden Göttinnen ein willigeres Ohr leihen sollen? Wem

hätte die befreundete Gottheit der Minerva lieber ihre Kunst offenbaren

sollen? Es werden dies künftige Jahrhunderte mit größerer Fülle

preisen, jetzt wird sein Ruhm auf diesem Gebiete durch den Glanz seiner

übrigen Tugenden verdunkelt. Uns jedoch, die wir das Heiligtum der

Poesie verehren, wirst du, Cäsar, verzeihen, wenn wir darüber kein

Stillschweigen beobachten, sondern mit den Worten Vergils bekennen:

„Daß unter siegendem Lorbeer hindurch sich dir schlinge der Efeu[102].”

Auch in der Elegie nehmen wir es mit den Griechen auf, für deren

reinsten und elegantesten Vertreter ich den Tibull[103] halte; manche

ziehen den Properz[104] vor. Ausgelassener als beide ist Ovid, strenger

Gallus[105].

Die Satire freilich gehört uns vollständig an. -- In ihr hat sich zuerst

Lucilius[106] hohen Ruhm erworben, er, der bis auf den heutigen Tag so

ergebene Bewunderer hat, daß sie kein Bedenken tragen, ihn nicht allein

den auf dem gleichen Gebiete tätigen Schriftstellern vorzuziehen,

sondern allen Dichtern überhaupt. Ich bin von der Meinung dieser ebenso

weit entfernt, wie von der des Horaz, welcher die Rede des Lucilius

einem schlammigen Bache vergleicht und behauptet, sie enthalte

überflüssige Zutaten. Denn er besitzt eine wunderbare Bildung und hohen

Freimut und Schärfe und reichen Witz. Viel geglätteter und reiner ist

Horaz[107] und, wenn ich nicht durch zu große Vorliebe für ihn

bestochen werde, von hoher Vollendung. Vielen berechtigten Ruhm hat

sich auch allerdings durch ein einziges Buch Persius[108] verdient.

Auch in der Gegenwart gibt es bedeutende Schriftsteller auf diesem

Gebiete, die sicher einen Namen haben werden. Eine andere Art von

Satire, die ihr buntes Aussehen nicht durch die Anzahl verschiedener

Rhythmen erhält, hat Terentius Varro[109] geschaffen, der gelehrteste

von allen Römern. Er hat eine große Anzahl sehr gelehrter Werke verfaßt

und sich als ein Meister der lateinischen Sprache und ein Kenner der

Altertümer jeder Gattung und der griechischen Geschichte sowohl als der

unsrigen gezeigt, jedoch ist er von höherem Werte für die Wissenschaft

als für die Beredsamkeit. Der Jambus als besondere Gattung ist von den

Römern nicht sehr kultiviert worden, sondern von wenigen in Sammlungen

anderer Gedichte eingereiht worden; seine Schärfe wird man finden bei

Catull[110], Bibaculus[111], Horaz, obwohl bei jenem der epodische (ein

kürzerer) Vers eingelegt ist. Von den lyrischen Dichtern ist aber Horaz

fast der einzige, welcher gelesen zu werden verdient[112]; denn

zuweilen steigt er an bis zum Erhabenen und ist voll Anmut und Grazie

und voll Abwechslung in den Wendungen und im Ausdruck mit dem

glücklichsten Erfolge kühn. Will man noch einen hinzunehmen, so wird es

der kürzlich gestorbene Cäsius Bassus[113] sein, aber ihn übertreffen

bei weitem an Genie die Lebenden.

Von tragischen Dichtern aus der alten Zeit wirken Attius und

Pacuvius[114] durch das Gewicht ihrer Gedanken und durch die Wucht

ihres Ausdrucks, sowie durch das würdige Auftreten ihrer Personen

erhaben. Wenn ihnen aber der Glanz und in dem Ausbau ihrer Werke die

letzte feilende Hand fehlt, so scheint das mehr ein Fehler ihrer Zeit

als ihres Talentes gewesen zu sein. Eine größere dichterische Kraft

schreibt man dem Attius zu, während die, welche Anspruch auf

Gelehrsamkeit machen, den Pacuvius für den gelehrteren erklären. Der

Thyestes des Varius[115] aber kann jedem griechischen Trauerspiel an

die Seite gestellt werden. Ovids Medea scheint mir zu zeigen, wieviel

dieser Mann hätte leisten können, wenn er sein Genie gezügelt und nicht

statt dessen verwöhnt hätte. Von meinen Zeitgenossen ist bei weitem der

hervorragendste Pomponius Secundus[116], welchen die älteren Leute

allerdings für zu wenig tragisch hielten, dem sie jedoch Bildung und

Schönheit des Ausdrucks in hohem Grade zugestehen mußten. In der

Komödie bleiben wir am weitesten zurück. Wenn auch Varro der Meinung

des Älius Stilo[117] folgend sagt, die Musen würden in der Sprache des

Plautus[118] geredet haben, wenn sie lateinisch hätten reden wollen,

wenn auch die Alten den Cäcilius[119] mit hohem Lobe feiern, wenn auch

die Komödien des Terenz[120] auf Scipio Africanus zurückgeführt werden

(welche auf diesem Gebiete die geschmackvollsten sind und bis heute

noch mehr in Gunst stehen würden, wenn sie sich in den Schranken des

Trimeters gehalten hätten), so erreichen wir doch kaum einen leichten

Schatten der griechischen Vorbilder, so daß ich zu der Überzeugung

gekommen bin, daß die römische Sprache nicht fähig sei, jene Anmut in

sich aufzunehmen, welche allein den Attikern vorbehalten war, wie auch

die Griechen sie in anderen Dialekten ihrer Sprache nicht erreicht

haben. In der Togata (der nationalen römischen Komödie) zeichnet sich

Afranius[121] aus: hätte er nur nicht – die eigenen Sitten verratend –

durch Darstellung widriger Knabenliebe häßliche Stoffe verwertet.

Unsere Geschichtschreibung dagegen steht der griechischen nicht nach.

So würde ich mich nicht scheuen, dem Thukydides Sallust[122]

gegenüberzustellen, auch wird es Herodot nicht übelnehmen, wenn ich ihm

T. Livius[123] gleichstelle, welcher in der Erzählung wunderbar anmutig

und äußerst klar ist, besonders aber in den Reden mehr, als sich

ausdrücken läßt, beredt, so sehr ist alles, was ausgesprochen wird, den

Ereignissen und besonders auch den Personen angepaßt; und die Regungen

des menschlichen Herzens, zumal die sanfteren, hat, um hier nur wenig

hervorzuheben, gewiß kein Historiker passender ausgedrückt. So hat er

jene göttliche Lebhaftigkeit Sallusts durch eine Reihe verschiedener

Vorzüge erreicht. „Sie seien einander mehr ebenbürtig als ähnlich” –

scheint mir daher auch äußerst treffend Servilius Nonianus[124] gesagt

zu haben, unter dessen Zuhörern auch ich mich befunden habe. Er war ein

Mann von gutem Kopfe und reich an geistreichen Gedanken, aber weniger

knapp, wie es die Würde der Geschichtschreibung fordert. Diese wußte

vorzüglich zu wahren der ihm der Zeit nach etwas vorausgehende Bassus

Aufidius[125], wenigstens in den Büchern über den Germanischen Krieg,

er, der durch seine Darstellungsweise vollen Beifall verdient, in

einigen Werken jedoch hinter seinen Kräften zurückbleibt. Es lebt noch

und krönt den Ruhm unseres Zeitalters ein Mann[126], welcher der

Erinnerung späterer Jahrhunderte würdig ist; einst wird sein Name

genannt werden, jetzt dürfen wir ihn nur andeuten. Liebhaber findet

auch nicht mit Unrecht der Freimut des Cremutius[127], obwohl jetzt das

beseitigt ist, was jenem einst geschadet hatte; aber einem hohen

Gedankenflug und kühnen Wendungen wird man auch in dem begegnen, was

übriggeblieben ist. Auch sonst würden noch treffliche Schriftsteller zu

nennen sein; aber wir geben eine Übersicht über die Gattungen und

durchmustern nicht ganze Bibliotheken.

Was nun unsere Redner anbetrifft, so haben sie es dahin gebracht, daß

sich die lateinische Beredsamkeit auf einer Höhe befindet, auf welcher

sie sich mit der griechischen messen kann; denn den Cicero[128] würde

ich jedem ihrer Redner kühnlich an die Seite stellen. Ich weiß auch

recht wohl, wie viele Widersacher ich mir dadurch wachrufe, zumal da

ich es mir nicht vorgenommen habe, jetzt eine Vergleichung zwischen ihm

und Demosthenes anzustellen, denn diese gehört nicht hierher, da ich

glaube, daß Demosthenes vor allen gelesen oder besser auswendig gelernt

werden muß. Die Vorzüge dieser beiden Redner scheinen mir meist die

gleichen zu sein, so Anlage, Anordnung, Einteilungsmethode und die Art

der Vorbereitung und Beweisführung, alles endlich, was zur Erfindung

gehört. In der Wahl des Ausdrucks besteht jedoch eine nicht

unbedeutende Verschiedenheit. Jener ist gedrängter, dieser wortreicher,

jener in seinen Schlußfolgerungen knapper, dieser breiter, jener kämpft

immer mit scharfsinnigen Worten, dieser häufig auch mit gewichtigen;

auf der Seite jenes läßt sich nichts hinwegnehmen, auf der Seite dieses

nichts hinzusetzen, jener besitzt mehr Sorgfalt, dieser mehr natürliche

Begabung. An Witz und Rührung, jenen beiden so überaus wirksamen

Affekten, übertreffen wir auf jeden Fall die Griechen. Und zugegeben,

daß jenem die Sitte des Staates, Epiloge zu halten[129] unmöglich

machte, so hat doch auch uns die Verschiedenheit der lateinischen

Sprache (von der griechischen) vielerlei, was die Attiker bewundern,

nicht erlaubt. In betreff der Briefe[130] freilich, welche von beiden

existieren, und der Dialoge[131], in welchen der Grieche nichts

geleistet hat, gibt es keinen Wettstreit. In dem Punkte müssen wir

jedoch nachstehen, daß jener früher lebte und größtenteils Cicero zu

seiner Größe herangebildet hat, denn mir scheint M. Tullius, indem er

sich ganz der Nachahmung der Griechen hingab, die Kraft des

Demosthenes, die Fülle des Plato und die Anmut des Isokrates

nachgebildet zu haben. Jedoch eignet er sich nicht allein das, was an

jedem das Beste ist, durch Studium an, sondern die meisten oder

vielmehr alle glänzenden Vorzüge gewann er aus dem glücklichen Reichtum

seines unsterblichen Genies. Denn er sammelt nicht, wie Pindar[132]

sagt, Regenwasser, sondern in lebendigem Strahle strömt er Fluten aus;

er, der uns durch ein Geschenk der Vorsehung geboren wurde, damit die

Beredsamkeit in ihm alle ihre Kräfte erprobe. Denn wer kann

sorgfältiger belehren, wer stärker bewegen? Wer hat je eine so große

Anmut besessen? So erscheint es, als ob er das, was er erzwingt, durch

Vorstellungen erreichte, und als ob der Richter, wenn er durch die

Gewalt seiner Rede mit fortgerissen wird, nicht von ihm gewaltsam

ergriffen würde, sondern ihm folgte. Dann ist in allem, was er sagt,

eine so gewichtige Bestimmtheit, daß man sich schämt, anderer Meinung

zu sein, und daß er die Glaubwürdigkeit nicht eines Anwalts, sondern

eines Zeugen oder Richters besitzt, indem ihm zugleich alles dies,

wovon kaum jemand das eine oder das andere bei angestrengtester Arbeit

erreichen könnte, ohne Mühe von der Hand geht, wobei sein Stil, an

dessen Schönheit nichts heranreicht, gleichwohl die glücklichste

Leichtigkeit an den Tag legt. Deshalb sagten seine Zeitgenossen nicht

mit Unrecht, er sei ein König in den Gerichten, und deshalb wird der

Name Cicero bei der Nachwelt schon nicht mehr für den Namen eines

Menschen, sondern für den Namen der Beredsamkeit selbst gehalten. Auf

ihn wollen wir daher blicken, er sei unser Vorbild; und wem Cicero

ausnehmend gefällt, der kann sich sagen, daß er in der Beredsamkeit

Fortschritte gemacht habe. Einen großen Reichtum an Erfindung besitzt

Asinius Pollio[133], auch eine große Sorgfalt, so daß er darin manchen

sogar zu weit zu gehen scheint, endlich Klugheit und Lebendigkeit

genug: von der Schönheit und der Anmut des Cicero ist er jedoch so weit

entfernt, daß er um ein Jahrhundert früher gelebt zu haben scheinen

könnte. Messalla[134] hingegen ist glänzend und durchsichtig und in

seiner Rede gewissermaßen ein Bild seiner Vornehmheit (vornehmen

Gesinnung), an Kräften jedoch schwächer. Wenn C. Cäsar[135] aber sich

ausschließlich dem Forum gewidmet hätte, so würde kein anderer von den

unsrigen gegen Cicero in Betracht kommen. Eine so bedeutende Kraft

besitzt er, so viel Scharfsinn, so viel Feuer, daß man deutlich sieht,

er habe mit dem Geiste Reden gehalten, der ihm seine Siege gewinnen

ließ; er schmückt dies jedoch alles mit einer wunderbaren Eleganz der

Diktion, in welcher er ganz besonders Meister war. Viel Geist und

besonders in der Anklage ein feiner, weltmännischer Sinn war dem

Cälius[136] eigen, einem Manne, der verdient hätte, eine bessere

Gesinnung und ein längeres Leben zu haben. Ich habe Leute gefunden,

welche den Calvus[137] allen vorzogen, ich habe aber auch solche

gefunden, die dem Cicero glaubten, wenn er sagt, jener habe durch

fortgesetztes Schmähen auf ihn das Blut der Wahrheitsliebe verloren,

aber seine Redeweise ist feierlich und würdevoll, streng und häufig

auch leidenschaftlich. Er war ein Nachahmer der Attiker, und sein

frühzeitiger Tod hat Unrecht an ihm verübt, da er im Begriff war, noch

etwas Höheres zu leisten. Auch Servius Sulpicius[138] hat nicht mit

Unrecht sich einen hohen Ruhm durch drei Reden erworben. Viel

Nachahmenswertes bietet, wenn man ihn mit Urteil liest, Cassius

Severus[139]. Wenn dieser seinen übrigen Vorzügen Abwechslung und Würde

des Ausdrucks hinzugefügt hätte, würde er unter die Vorzüglichsten zu

zählen sein. Denn er besitzt sehr viel Talent, außerordentliche

Schärfe, weltmännische Bildung und große Glut, aber er folgt mehr

seiner Laune als einem wohlüberlegten Plane. Wie übrigens bittere

Witze, so ist häufig die Bitterkeit schon allein imstande, Lachen zu

erregen. Die große Menge der anderen bedeutenden Redner aufzuzählen

würde zu weit führen: von meinen Zeitgenossen sind Domitius Afer und

Julius Africanus[140] bei weitem die bedeutendsten. Was die Kunst der

Diktion und die ganze Ausdrucksweise betrifft, so ist jener vorzuziehen

und unbedenklich in die Reihen der Alten zu stellen. Dieser dagegen ist

affektvoller, er geht aber in der Anwendung von Wortspielen zu weit,

ist in der Komposition häufig zu breit und mit übertragenen Ausdrücken

nicht sparsam genug. Auch noch in jüngster Zeit gab es (auf diesem

Gebiete) bedeutende Geister. So war Trachalus[141] meist erhaben und

ziemlich leicht verständlich und erfüllt von dem besten Streben; wenn

man ihn hörte, erschien er jedoch noch bedeutender. Denn er besaß ein

so glückliches Organ, wie ich es bei keinem andern Redner gefunden

habe, und eine Aussprache und Haltung, wie sie auch für die Bühne

ausgereicht haben würde, kurz alles Äußerliche war in reichem Maße bei

ihm vorhanden. Auch Vibius Crispus[142] ist ein klarer, angenehmer und

dem geistigen Genuß dienender Redner, geeigneter jedoch für Privat– als

für Kriminalprozesse. Julius Secundus[143] würde sich, wenn er länger

gelebt hätte, einen wahrhaft berühmten Namen bei der Nachwelt erworben

haben; zu seinen übrigen Vorzügen hätte er nämlich, wie er schon im

Begriff stand, das, was er vermissen läßt, hinzugefügt: die größere

Kampfbereitschaft und eine Sorgfalt, die sich nicht allein auf den

Ausdruck, sondern auch auf den Inhalt erstreckt. Obgleich er aber durch

den Tod daran verhindert wurde, behauptet er doch einen bedeutenden

Platz: so groß ist seine Redegabe, so bestechend seine Anmut bei der

Behandlung jedes beliebigen Stoffes, so durchsichtig, maßvoll und

glänzend seine Art sich auszudrücken, so treffend die Wahl seiner

Worte, auch wenn sie entlehnt sind, so anschaulich sind einzelne seiner

gewagten Redewendungen.

Die, welche nach uns über die Redner schreiben werden, haben eine

reiche Gelegenheit, die jetzt Lebenden mit vollem Rechte zu loben; gibt

es doch auch heute noch ausgezeichnete Talente, welche des Forums Glanz

verherrlichen[144]. Denn die schon älteren Redner vor Gericht streben

den altbewährten nach, und in deren Fußtapfen tritt wiederum der

betriebsame Fleiß der jüngeren, welche das Beste erstreben.

Noch sind die übrig, welche über Philosophie geschrieben haben, ein

Fach, in welchem die römische Literatur bis auf den heutigen Tag nur

sehr wenig formgewandte Schriftsteller aufzuweisen hat. In gleicher

Weise, wie sonst überall, ist in diesem Fache M. Tullius als ein

Nebenbuhler Platos aufgetreten. Ganz vorzüglich und weit mehr, wie in

seinen Reden, hat Brutus dem gewichtigen Inhalt die rechte Form

verliehen; man merkt, daß er glaubt, was er sagt. Eine Reihe Schriften

hat auch Cornelius Celsus verfaßt als Nachfolger der Sextier[145],

nicht ohne Geschick und Anmut. Plautus[146] ist in der stoischen

Philosophie für die Kenntnis des Systems brauchbar, für die

epikureische Philosophie ist ein zwar nicht bedeutender, aber äußerst

lesbarer Gewährsmann Catius[147]. Absichtlich habe ich Seneca[148] bei

Besprechung der einzelnen Arten der Beredsamkeit bisher übergangen

wegen der fälschlich über mich verbreiteten Meinung, daß ich ihn

verurteile und ihm feindlich entgegentrete. Dieser Vorwurf traf mich,

während ich bemüht war, die verfallene Beredsamkeit, welche durch

Unarten aller Art entstellt war, zu strengeren Regeln zurückzuführen;

damals befand sich aber fast nur dieser Schriftsteller in den Händen

der jungen Leute. Ihn wollte ich nun nicht vollständig verbannt wissen,

aber ich wollte auch nicht dulden, daß er besseren Schriftstellern

vorgezogen würde, welche jener unaufhörlich angriff, da er sich bewußt

war, daß er Beifall ernten könne, wenn er von jenen in der Redeweise

abwich, daß er aber auf denselben verzichten müsse, wenn er in den

gleichen Stücken wie jene gefallen wolle. Sie liebten ihn aber mehr,

als daß sie ihn nachahmten, und blieben in demselben Grade hinter ihm

zurück, wie jener sich von den Alten entfernte. Denn es wäre nur zu

wünschen, daß sie jenem Manne ebenbürtig oder wenigstens ähnlich

geworden wären, aber er gefiel ihnen nur durch seine Fehler, von

welchen ein jeder diejenigen, welche er gerade kannte, nachzubilden

bemüht war; und wenn sich dann einer rühmte, er schreibe denselben

Stil, so brachte er den Seneca in schlechten Ruf. Seneca hat auch im

ganzen betrachtet viele bedeutende Vorzüge: Reichtum des Geistes und

Leichtigkeit der Produktion, einen unermüdlichen Fleiß und viele

Kenntnisse, wobei es ihm jedoch häufiger widerfuhr, daß er von denen,

welchen er Einzeluntersuchungen übertragen hatte, getäuscht wurde. Er

hat übrigens fast jedes Gebiet des Wissens in seine Behandlung gezogen;

denn man hat von ihm Reden, Gedichte, Briefe und Dialoge. In der

Philosophie ist er zwar nicht sorgfältig genug, durch seinen Kampf

gegen die Unsittlichkeit jedoch von hervorragender Bedeutung. In seinen

Werken finden sich viele herrliche Aussprüche und vieles, was seines

sittlichen Gehaltes wegen lesenswert ist; aber in seinem Stile ist viel

Verschrobenes, was deshalb so äußerst verderblich wirkt, weil es voll

von anziehenden Fehlern ist. Man möchte wünschen, daß er mit seinem

Geiste, aber mit dem Urteile eines andern geschrieben habe; denn wenn

er manches als geringwertig erkannt hätte, wenn er das Auffallende

nicht bevorzugt hätte, wenn er nicht alles ihm Entsprungene gut

befunden hätte, und wenn er den gewichtigen Inhalt nicht durch die

Fülle kleinlicher Details verdeckt hätte, dann würde er mit der

allgemeinen Beistimmung der Gebildeten und nicht mit der Vergötterung

von Knaben belohnt werden. Gleichwohl ist er auch so den schon Sicheren

und durch strengere Lektüre Gefestigten zum Lesen zu empfehlen, schon

deshalb, weil er immerhin das Urteil zu üben vermag. Denn vieles ist an

ihm billigens–, vieles auch bewundernswert. Nur treffe man die richtige

Auswahl, was er selbst hätte tun sollen; denn seine natürliche Anlage

berechtigt uns zu dem Wunsch, daß ihm ein edleres Ideal vorgeschwebt

hätte; was ihm als künstlerisches Ideal erschien, hat er auf jeden Fall

zum Ausdruck gebracht.

≈ZWEITES KAPITEL≈

Von der Nachahmung

Unterricht in der Beredsamkeit · 第 2 / 6 段