Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet Theophrast[22]

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Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in

Antiqua. Es gibt außerdem einige griechische Ausdrücke.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

gesperrt: #Raute#

Latein: ≈Doppelwelle≈

Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend

korrigiert. Uneinheitliche Schreibweisen von Eigennamen wurden wie im

Original belassen.

Die Fußnoten des Vorworts wurden als Endnoten an das Ende des Vorworts

gesetzt.

Seite 45: der Begriff „hinzunehmen” wurde wie im Original belassen.

Vom Zusammenhang her wäre jedoch vermutlich „hinzuzunehmen” zu

schreiben (das Urteil des Calvus an manchen Stellen hinzunehmen?)

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Unterricht

in der Beredsamkeit

Von

Marcus Fabius Quintilianus

Übersetzt von W. Nicolai

Neue, verbesserte Ausgabe

von Prof. ≈Dr.≈ #Otto Güthling#

Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig

Holzfreies Papier

Druck von Philipp Reclam jun.

Leipzig

Einleitung

#Marcus Fabius Quintilianus#[A], über dessen Lebensverhältnisse uns nur

wenige Zeugnisse erhalten sind, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Daß

Calagurris[B] in Spanien und nicht Rom sein Geburtsort gewesen ist, ist

wohl nicht zu bezweifeln. Weniger sicher ist die Angabe seines

Geburtsjahres. Früher hat man das Jahr 42 angenommen, es ist indessen

besonders aus seinen eigenen Erwähnungen des im Jahre 59 verstorbenen

Domitius Afer wahrscheinlich, daß diese Zeit um einige Jahre zu spät

ist, und das Jahr 35 wahrscheinlich das Jahr seiner Geburt ist. Seinen

Vater, der Rhetor war, erwähnt er IX, 3, 73. Wenn er auch bisweilen

seinen Jugendunterricht erwähnt (I, 2, 23; II, 4, 26), so nennt er doch

nirgends seine Lehrer; nur die ausgezeichneten Redner führt er an, die

zu hören er Gelegenheit gehabt hat, wie Julius Africanus (X, 1, 118;

XII, 11, 3), Servilius Novianus (X, 1, 102), Galerius Trachalus, Vibius

Crispus, Julius Secundus (XII, 9, 11). Nachdem er um das Jahr 59 in

seine Heimat zurückgekehrt war, hielt er sich daselbst als Lehrer der

Beredsamkeit acht Jahre (bis 68) auf, in welchem Jahre ihn Galba, der

Statthalter im tarrakonensischen Spanien war, mit sich nach Rom

zurücknahm.

Seit dieser Zeit begann er in Rom teils als Sachwalter aufzutreten,

teils rhetorischen Unterricht zu erteilen.

Daß er auf dem Forum in Prozeßsachen geredet, sagt er IV, 2, 86, und an

einer andern Stelle (VII, 2, 24) beklagt er sich über die

Nachlässigkeit der Stenographen, welche seine Reden in ganz

verfälschter Form unter das Publikum gebracht hatten. Dagegen gelangte

er als Lehrer der Beredsamkeit zu großem Ansehen, so daß sein Name

sprichwörtlich gebraucht wurde. Und als Vespasian Gehälter für die

Lehrer aus dem Fiskus anwies, neben welchen natürlich das Honorar der

Schüler bestehen blieb, war Quintilian der erste, der ein solches

erhielt; angeblich bezog er ein Gehalt von 18000 Mark. Unter seinen

Schülern sind die berühmtesten der jüngere Plinius (Briefe II, 14, 10;

VI, 6, 3) und die Enkel der Schwester Domitians, Domitilla, die Söhne

des später (95 oder 96) hingerichteten Flavius Clemens, vielleicht auch

Cornelius Tacitus. Aus seinem Unterrichte sind die ≈libri duo artis

rhetoricae≈ (zwei Bücher über Rhetorik), vielleicht auch die gegen

seinen Willen in die Öffentlichkeit gelangten ≈sermones≈ (Gespräche)

hervorgegangen; eine Frucht seiner Studien war auch die Schrift ≈de

causis corruptae eloquentiae≈ (Über die Ursachen des Verfalls der

Beredsamkeit), die man früher irrigerweise in dem Dialoge des Tacitus

über die Redner wiederzuerkennen vermeint hat.

Nach zwanzigjährigem öffentlichen Lehramte trat er etwa um 91 von

demselben zurück und erhielt bald darauf durch Domitian ≈consularia

ornamenta≈ (Rang und Vorteile eines Konsuls). In dieser Zeit begann er,

von vielen Seiten aufgefordert, die Abfassung des umfassenden Werkes

≈de institutione oratoria≈ (Unterricht in der Beredsamkeit), das

innerhalb zweier Jahre vollendet, dann aber einer wiederholten Feile

und Durchsicht unterworfen wurde. Jedenfalls ist es vor dem 96

erfolgten Tode Domitians vollendet worden, denn nur so lassen sich die

auffallenden Schmeicheleien gegen diesen abscheulichen Kaiser (IV, 1,

2; X, 1, 91) und das bereitwillige Eingehen auf die Verdächtigung der

Philosophie, die gerade unter dieser Regierung den heftigsten

Verfolgungen ausgesetzt war, erklären, aber nie und nimmer

entschuldigen. Dem Werke geht eine kurze Zuschrift an den berühmten und

unserm Schriftsteller befreundeten Buchhändler Trypho voraus, auf

welche die Widmung an den Rhetor Marcellus Victorius folgt, dessen Sohn

Quintilian unterrichtet hatte.

Von seiner Gattin, die ihm im noch nicht vollendeten 19. Lebensjahre

durch den Tod entrissen wurde, hatte er zwei Söhne, von denen der eine

im 5., der andere im 10. Lebensjahre starb. In ergreifender Weise gibt

er seinem Schmerze über diese Schicksalsschläge im Vorwort zum VI.

Buche Ausdruck. Sein Todesjahr läßt sich nicht nachweisen;

wahrscheinlich hat er ein Alter von ungefähr 70 Jahren erreicht. Die

Annahme, er sei 118 gestorben, ist sicherlich nicht richtig.

Den Inhalt der zwölf Bücher „Unterricht in der Beredsamkeit” gibt

Quintilian in dem Vorwort zum I. Buche also an:

„Das erste Buch wird nämlich das enthalten, was dem Berufe des Rhetors

vorangeht. Im zweiten werden wir die ersten Anfänge bei dem Rhetor und

die Fragen über das Wesen der Rhetorik behandeln. Fünf weitere Bücher

sollen der Erfindung (denn daran wird sich auch die Anordnung

anschließen) und vier dem rednerischen Ausdruck (wobei das

Auswendiglernen und der Vortrag seine Stelle erhält) gewidmet werden.

Dazu kommt noch ein Buch, in welchem der Redner selbst von uns

herangebildet werden soll, und worin wir, soweit es unsere schwache

Kraft vermag, über die Sitten desselben handeln wollen, über die

Grundsätze, nach welchen er Prozesse übernehmen, sich davon

unterrichten und sie führen soll, welche Gattung der Beredsamkeit er

wählen, wann er aufhören soll, Prozesse zu führen, und von seinen

nachherigen Studien.” Also ein vollständiges Lehrbuch der Rhetorik, das

von dem ersten Jugendunterrichte an bis zu dem Auftreten des

ausgebildeten Redners enzyklopädisch alles umfassen sollte, was auch in

einer der öffentlichen Beredsamkeit nicht sehr geneigten Zeit

erforderlich war. Quintilian stellt an den Redner höhere sittliche

Ansprüche und baut auf sittliche Grundsätze sein System des gesamten

rhetorischen Wissens. Er hat weniger die zahlreichen Werke griechischer

Autoren benutzt, als vielmehr sich seinem großen Meister und Vorbilde

Cicero angeschlossen (VII, 3, 8: Ich wage kaum, in meiner Ansicht von

Cicero abzuweichen). Daher sind die Beziehungen auf griechische Quellen

(Dionysios von Halikarnaß und Cäcilius) im ganzen selten, und selbst da

ist nicht immer sicher, ob er auch wirklich aus Originalen geschöpft

hat; wenigstens lassen sich so die Ungenauigkeiten erklärten. Dagegen

sind überall zahlreiche Belege für ein eindringendes Studium

ciceronianischer Schriften vorhanden, das auch auf die Reinheit und

Sauberkeit der Darstellung den besten Erfolg geübt hat.

So ist es denn nicht zu verwundern, daß dies reichhaltige Lehrbuch zu

allen Zeiten großes Ansehen genossen hat und selbst im Mittelalter

vielfach benutzt worden ist. Auch #Friedrich der Große# hat den

Quintilian sehr hoch geschätzt; das beweist das Kabinettsschreiben des

Königs an den Staatsminister von Zedlitz vom 6. September 1779:

„Da ich gewahr geworden, daß bei den Schul–Anstalten noch viele

Fehler sind, und daß besonders in kleinen Schulen, die Rhetoric und

Logic, nur sehr schlecht oder nicht gelehrt wird, dieses aber eine

vorzügliche und höchst nothwendige Sache ist, die ein jeder Mensch,

in jedem Stande, wissen muß, und das erste Fundament, bei Erziehung

der jungen Leute sein soll, denn wer zum besten raisoniret, wird

immer weiter kommen, als einer, der falsche consequences zieht, so

habe euch hierdurch Meine eigentliche Willens–Meinung dahin bekannt

machen wollen: wegen der Rhetoric, ist der Quintilien, der muß

verdeutschet, und darnach in allen Schulen informirt werden, sie

müssen die jungen Leute ≈traductions≈ und ≈discourse≈ selbst machen

lassen, daß sie die Sache recht begreifen, nach der Methode des

Quintilien, man kann auch ≈Abrégé≈ daraus machen, daß die jungen

Leute, in den Schulen, alles desto leichter lernen, denn wenn sie

nachher auf Universitäten sind, so lernen sie davon nichts, wenn sie

es nicht aus den Schulen schon mit dahin bringen.”

#Friedrich August Wolf# nennt Quintilian „einen trefflichen Autor,

teils der Sache, teils der herrlichen Sentiments wegen, besonders das

zehnte Buch, welches eine Repetition der griechischen und römischen

Literatur sei”. Das zehnte Buch bildet ein in sich abgeschlossenes

Ganzes, das auch ohne speziellere Kenntnis der übrigen Bücher

verständlich und von allgemeinerem Interesse ist. Vgl. #Karl Eduard

Güthling# in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1869, S. 881 ff.,

und #Eckstein#, Lateinischer und griechischer Unterricht 1887,

S. 268 f.

Der Neubearbeitung der Nicolaischen Übersetzung von Quintilians

Unterricht in der Beredsamkeit, Buch X, habe ich eine #Einleitung# und

#erläuternde Anmerkungen# hinzugefügt; beides hielt ich zur Förderung

des Verständnisses der Schrift für nötig. Zugrunde gelegt habe ich, von

einigen Änderungen abgesehen, die Ausgabe von #E. Bonnell#, 6. Auflage

von #H. Röhl#, die, wie auch die Ausgabe von #G. T. A. Krüger#, 3.

Auflage von #G. Krüger#, mir bei der Übersetzung und Erklärung gute

Dienste geleistet hat.

Goldschmieden bei Breslau,

den 1. Juni 1926.

#O. Güthling#.

[A] Dies ist die richtige Schreibung des Namens, nicht Quinctilianus,

eine durchaus nicht genügend beglaubigte Form.

[B] Heute Calahorra, Stadt der Vaskones im tarrakonensischen Spanien.

≈ERSTES KAPITEL≈

Vom Wörtervorrat

Die bisher angegebenen stilistischen Regeln[1] sind zwar für die

Theorie unentbehrlich, tragen aber zur wirklichen Beredsamkeit wenig

bei, wenn nicht jene sichere Gewandtheit hinzukommt, welche bei den

Griechen ἕξιϛ heißt; ob wir diese nun in höherem Grade durch Schreiben,

durch Lektüre oder durch Übung im Reden erreichen, ist, wie ich weiß,

noch eine offene Frage, mit welcher wir uns eingehender zu beschäftigen

hätten, wenn wir uns mit einem von diesen drei Dingen begnügen könnten.

Allein sie sind alle so unzertrennlich miteinander verwachsen, daß man

sich vergeblich in einem bemüht, wenn man die anderen unberücksichtigt

läßt. Denn die Beredsamkeit wird weder Festigkeit noch Kraft besitzen,

wenn sie nicht durch Übung im Schreiben erstarkt ist, und ohne das

Vorbild der Lektüre wird wiederum jene Arbeit der rechten Ausbildung

entbehren[2]. Wer aber Stoff und Form der Beredsamkeit beherrscht, die

Worte jedoch nicht für alle Fälle in Bereitschaft hat, macht sich zum

Wächter toter Schätze[3]. Nun wird jedoch manches – trotz seiner

Notwendigkeit – für den Redner nicht gleich von vornherein große

Bedeutung haben. Denn da des Redners[4] Beschäftigung im Sprechen

besteht, so ist Gewandtheit hierin offenbar durchaus erforderlich und

hiermit zu beginnen, darauf folgt dann die Nachahmung und endlich

fleißige Beschäftigung mit Schreiben. Wie man aber einerseits die

höchste Vollendung nur durch Anfangen von unten erreichen kann, so

erscheint andererseits dem schon weiter Fortgeschrittenen der Anfang

bereits recht unbedeutend. Wir aber führen hier nicht aus, wie der

künftige Redner zu bilden ist – worüber wir schon hinlänglich oder doch

so gut, wie es uns möglich war, geschrieben haben[5] –, wir haben es

vielmehr mit der Frage zu tun, wie der Athlet, welcher von dem Lehrer

schon durch alle Stufen hindurchgeführt ist, zum Kampfe vorbereitet

werden muß. Wir wollen also einen Schüler unterrichten, welcher mit der

Auffindung und Disposition des Stoffes bereits vertraut ist und sich

mit der Wahl des Ausdrucks, sowie mit der Wortstellung hinreichend

beschäftigt hat; dieser soll jetzt erfahren, wie das von ihm Gelernte

auf die leichteste Art anzuwenden ist.

Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich der Schüler

gleichsam Schätze sammeln muß, die er nach Belieben verwenden kann;

diese bestehen aber in dem gehörigen Vorrat von Worten und Gedanken.

Die Gedanken sind aber in jedem einzelnen Falle verschieden oder doch

nur in wenigen Fällen gleich, die Worte muß er für alle in Bereitschaft

haben. Wenn nun nur ganz bestimmte Worte zur Bezeichnung der einzelnen

Gegenstände verwendet würden, so würde hierdurch die Arbeit sehr

vereinfacht, denn die Worte würden sich dann zugleich mit den

Gegenständen aufdrängen. Da aber bei verschiedener Gruppierung des

Inhalts bald diese, bald jene Ausdrücke treffender oder glänzender oder

wirkungsvoller oder wohlklingender erscheinen, so müssen dieselben

nicht allein in vollem Umfang bekannt, sondern auch stets in

Bereitschaft sein und dem Redner gleichsam vor Augen stehen, so daß er

sie urteilend mustern und ihrem Werte entsprechend auswählen kann. Ich

kenne Leute, welche alle gleichbedeutenden Redewendungen auswendig zu

lernen pflegten, damit ihnen sofort von der ganzen Fülle eine zur Hand

sei, und welche dann, sobald sie eine davon angewendet hatten, um die

Wiederholung zu vermeiden, eine andere gleichbedeutende Wendung

wählten, wenn kurz darauf ein ähnlicher Ausdruck notwendig war. Das ist

knabenhaft und erfordert unfruchtbaren Kraftaufwand, ja es ist nicht

einmal von Nutzen: man häuft so eine Menge auf, von der man dann ohne

Urteil das erste beste wählt. Wir aber müssen uns einen Vorrat mit

Urteil anschaffen, indem wir künftige rednerische Tüchtigkeit, nicht

marktschreierische Gewandtheit im Auge haben. Dies werden wir dadurch

erreichen, daß wir die besten Schriftsteller lesen und hören. Durch ein

derartiges Studium lernen wir nicht nur, die Gegenstände zu bezeichnen,

wir erfahren auch, welche Bezeichnung in jedem einzelnen Falle die

beste ist. Denn fast alle Worte – einige wenige, welche das Schamgefühl

verletzen, ausgenommen – lassen sich in der Rede anwenden. Denn wenn

die Jambendichter[6] und die Dichter der alten Komödie[7] auch bei

Anwendung solcher Ausdrücke sich Ruhm erworben haben, so genügt es uns,

uns auf unser Fach zu beschränken. Alle Worte, mit Ausnahme der

genannten, sind irgendwo ganz besonders gut verwendbar. Denn oft muß

man auch gewöhnliche und volkstümliche gebrauchen; was nämlich an

glänzenden Stellen durch seinen unreinen Klang verletzen würde,

erscheint, wo es am Platze ist, als treffend. Um darüber ein Urteil zu

gewinnen und nicht allein die Bedeutung der Worte kennenzulernen,

sondern auch ihre Flexionen und Quantität der Silben, so daß wir sie

überall nur an passenden Stellen anwenden, dazu müssen wir viel lesen

und viel hören, wie wir ja durch das Hören von Anfang an die Sprache

gelernt haben. Daher haben auch Kinder, welche auf Befehl irgendeines

Königs von stummen Ammen in der Einsamkeit erzogen wurden[8], zwar

einzelne Laute ausgestoßen, zusammenhängend aber nicht gesprochen.

Es gibt aber auch andersgeartete Ausdrücke, welche trotz der

Verschiedenheit der Laute ein und dasselbe bezeichnen, ohne daß im

Gebrauch ein Unterschied der Bedeutung fühlbar wäre, wie die beiden

Ausdrücke für Schwert (≈ensis≈ und ≈gladius≈), andere wieder bezeichnen

im eigentlichen Sinne allerdings etwas Verschiedenes, übertragen haben

sie jedoch die gleiche Bedeutung, so die beiden Ausdrücke ≈ferrum≈ und

≈mucro≈ (Eisen und Spitze). Nennen wir doch mißbräuchlicherweise

„Erdolcher” (≈sicarii≈) auch alle diejenigen, welche mit einer

beliebigen andern Waffe einen Mord vollbracht haben. Andere

Bezeichnungen gewinnen wir durch Umschreibung mit mehreren Worten.

Hierher gehört ≈pressi copia lactis≈, eine „Menge gepreßter Milch” (für

„Butter”)[9]. Eine große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks erhalten wir

jedoch hauptsächlich durch Umgestaltungen wie ≈scio≈ „ich weiß”, ≈non

ignoro≈ „ich weiß wohl”, ≈non me fugit≈ oder ≈non me practerit≈ „es

entgeht mir nicht”, ≈quis nescit?≈ „wer weiß nicht?”, ≈nemini dubium

est≈ „es ist keinem zweifelhaft”. Aber auch von dem Nächstliegenden

kann man entlehnen. Denn ≈intellego≈, ≈sentio≈, ≈video≈ („ich verstehe,

erkenne, sehe ein”) sagen oft dasselbe wie ≈scio≈ („ich weiß”). Reiche

Fülle an solchen Ausdrücken wird uns die Lektüre geben, so daß wir

dieselben nicht, wie sie uns einfallen, sondern wie es der Sinn

erfordert, anwenden. Denn nicht immer haben diese Wendungen dieselbe

Bedeutung, und wie ich von einer Wahrnehmung des Geistes nicht richtig

sage: ≈video≈ „ich sehe”, so von einer sinnlichen Wahrnehmung nicht

richtig: ≈intellego≈ „ich sehe ein”, und wie einerseits ≈mucro≈ „die

Spitze” zu dem Begriffe ≈gladius≈ „das Schwert” gehört, so nicht auch

andererseits „Schwert” zu dem Begriffe „Spitze”. --

Aber macht man sich auch auf diese Weise eine Menge von Ausdrücken zu

eigen, so muß man doch nicht nur, um seine Wortkenntnis zu erweitern,

lesen oder Zuhörer sein. Denn in allen Fächern, welche wir lehren, sind

Beispiele weit wirksamer als die aufgestellten Kunstregeln, sobald der

Schüler so weit gekommen ist, daß er die Beispiele ohne ein

Fingerzeichen auffassen und aus eigenen Kräften befolgen kann: denn

worauf der Lehrer der Beredsamkeit nur hinweisen kann, das offenbart

der Redner.

Bald fühlen wir uns beim Lesen, bald beim Hören mehr angeregt. Der

Redner wirkt auf unser Gemüt schon durch den lebendigen Hauch[10],

durch seinen Geist, er reißt uns hin, nicht durch das Bild von einem

Gegenstand, sondern durch den Gegenstand selbst. Alles hat Leben und

Bewegung; das gleichsam erst Entstehende hören wir mit wachsender

Teilnahme. Nicht nur der Ausgang eines Prozesses, auch die Person des

Redners flößt uns Interesse ein. Dazu kommt die Aussprache, die

angemessenen Bewegungen, ein den Anforderungen jeder Stelle

entsprechender Vortrag – wohl das Wichtigste, alles dies ist zum Lehren

in gleicher Weise geeignet.

Hingegen ist beim Lesen das Urteil weit sicherer, da es beim Hören

öfter von der persönlichen Zuneigung und dem Geschrei der Menge

beeinflußt wird. Eine geheime Scheu warnt uns vor zu großem

Selbstvertrauen, wenn gleichzeitig selbst Fehlerhaftes der großen Menge

gefällt, und die Zuhörer auch das, was ihnen mißfällt, loben. Freilich

kann auch das Gegenteil eintreten, daß nämlich ein verkehrtes Urteil

auch den besten Reden nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt. Von solchen

Einflüssen ist das Lesen frei und nicht, wie die Gerichtsrede, rasch

vorüberrauschend, im Gegenteil läßt dasselbe eine häufigere

Wiederholung zu, sei es, daß man über den Inhalt eines Werkes noch

zweifelhaft ist, oder es dem Gedächtnis fester einprägen will. Ich gebe

aber den Rat, das Gelesene immer und immer wieder gründlich zu

behandeln; denn wie wir Speisen erst kauen und mit Speichel anfeuchten,

bevor wir sie hinunterschlucken, damit sie besser verdaut werden, so

soll das Gelesene nicht im rohen Zustande, sondern erst, nachdem es

durch häufiges Wiederholen seine Sprödigkeit vollständig verloren hat,

dem Gedächtnis zur Nachahmung eingeprägt werden.

Lange Zeit nun dürfen nur die besten Schriftsteller, welche das ihnen

geschenkte Vertrauen am wenigsten täuschen, gelesen werden, und zwar

muß dies mit Genauigkeit und einer sich bis auf den Buchstaben

erstreckenden Sorgfalt geschehen: mit einem Durchstöbern einzelner

Teile ist nichts getan, sondern das von uns gelesene Buch ist wieder

ganz von vorn anzufangen, besonders wenn es sich um eine Rede handelt,

deren Vorzüge häufig mit Absicht verborgen gelassen werden. Denn oft

bereitet der Redner vor, verbirgt seine Ansicht, lauert auf und, was

erst in der Mitte seine Wirkung tun soll, bringt er im ersten Teile

vor. So gefällt es uns an seinem Platze nicht sonderlich, solange wir

noch nicht wissen, warum es gesagt ist. Wir müssen es daher

wiederholen, nachdem wir von allem Kenntnis genommen haben. Es ist aber

von größtem Nutzen, die Prozesse zu kennen, wenn wir die zugehörigen

Reden in der Hand haben, und womöglich die Gerichtsreden von beiden

Parteien zu lesen: so die gegnerischen Reden von Demosthenes und

Äschines[11], so die Reden des Servius Sulpicius und des Messalla[12],

von denen der eine für die Aufidia, der andere gegen sie gesprochen

hat, so die des Pollio und des Cassius bei Gelegenheit der Anklage des

Asprenas[13] und sonst viele. Ja, wenn beide auch keineswegs von

gleichem Werte sind, so wird man doch von ihnen Kenntnis nehmen müssen,

um den Prozeß kennenzulernen: so ist gegen Ciceros Reden[14] die des

Tubero gegen Ligarius und die des Hortensius für Verres zu halten. Auch

wird man mit Nutzen untersuchen, wie verschiedene Leute den gleichen

Prozeß geführt haben. So hat über das Haus Ciceros Calidius[15]

gesprochen, und Brutus für Milo eine Rede zur Übung verfaßt, wenn auch

Cornelius Celsus[16] irrigerweise annimmt, er habe sie auch gehalten.

Pollio und Messalla haben dieselben Personen verteidigt, und in meiner

Jugend waren glänzende Reden von Domitius Afer[17], Crispus

Passienus[18] und Decimus Lälius[19] für Volusenus Catulus[20] im

Umlauf.

Auch soll man beim Lesen nicht von vornherein der Überzeugung sein, daß

alles, was die hervorragendsten Schriftsteller gesagt haben, unter

allen Umständen vollkommen sei. Auch sie straucheln ab und zu, sie

erliegen der Last, sie zeigen sich nachgiebig gegen die Willkür ihres

Genies, auch sie sind nicht immer in voller Anspannung und werden müde;

scheint doch dem Cicero[21] ein Demosthenes und dem Horaz selbst sogar

Homer manchmal zu schlafen. Denn, wie hoch sie auch stehen, sie sind

doch Menschen, und denjenigen, welche in jedem ihrer Worte das Gesetz

der Beredsamkeit ausgedrückt finden, passiert es gar oft, daß sie die

schwächeren Partien nachahmen (das ist nämlich leichter) und die

höchste Stufe der Ähnlichkeit erreicht zu haben glauben, wenn sie den

Großen ihre Fehler abgesehen haben. Gleichwohl muß man ein Urteil über

so große Männer in bescheidener und besonnener Weise aussprechen, um

nicht – was so häufig geschieht – das zu tadeln, was man nicht

versteht. Und wenn man einmal nach einer Seite hin irren muß, dann

möchte ich noch lieber, daß ihren Lesern alles gefalle, als daß ihnen

vieles mißfalle.

Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet Theophrast[22], sei das

Lesen der Dichter, ein Urteil, dem sich viele anschließen. Und das mit

Recht. Denn bei ihnen kann man den hohen Gedankenflug, Erhabenheit im

Ausdruck, mannigfache Bewegung im Affekte und angemessene Behandlung

der Charaktere erwerben. Besonders sind es die durch tägliche

Anwaltstätigkeit auf dem Forum abgenutzten Talente, welche durch die

Süßigkeit der Poesie ihre Frische wiederfinden, und das ist der Grund,

weshalb Cicero meint[23], man müsse in dem Lesen der Dichter Erholung

suchen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß der Redner nicht in

allen Stücken dem Dichter folgen darf, nicht in der freien Wahl der

Worte und der Ungebundenheit der Konstruktionen. Die Poesie ist der

Darstellung des schönen Scheins gewidmet, und sie hat – abgesehen

davon, daß sie nur dem Genusse dient und diesem Ziele zustrebt, indem

sie Nichtwirkliches, ja sogar Nichtglaubliches darstellt – auch darin

einen besonderen Schutz, daß sie, gebunden an die Gesetze der Metrik,

nicht immer den treffendsten Ausdruck benutzen kann, sondern gezwungen

ist, von dem geraden Wege abweichend auf gewisse Auswege im Ausdruck zu

verfallen, wobei nicht allein einzelne Worte mit anderen vertauscht

werden müssen, sondern auch Verlängerungen, Verkürzungen, Umstellungen

und Teilungen einzutreten haben. Doch wir (Redner) müssen kampfgerüstet

im Felde stehen, über die wichtigsten Dinge entscheiden und nach dem

Siege streben. Dann dürfen freilich die Waffen durch langes Liegen und

Rosten nicht leiden, sondern sie müssen einen schreckenverbreitenden

Glanz haben, wie es der des blinkenden Stahles ist, welcher Sinn und

Auge blendet, nicht wie es der des Goldes und Silbers ist, welcher –

unkriegerisch, wie er ist – dem Besitzer eher Schaden als Nutzen

bringt.

Auch die Geschichtswerke, wie sie in breitem, erfreulichem Strom

dahinfließen, können dem Redner Nahrung zuführen; allein auch sie muß

man mit dem Bewußtsein lesen, daß die meisten ihrer Vorzüge für den

Redner Fehler bedeuten. Denn die Geschichte steht der Poesie[24] sehr

nahe, und was sie bietet, ist gewissermaßen ein Gedicht in ungebundener

Sprache, ihr Zweck ist Erzählung, nicht aber Beweise zu geben, und ihr

ganzes Ziel richtet sich nicht auf gerichtliche Tätigkeit oder auf eine

Kampfbereitschaft für den Augenblick, sondern ihre Werke werden verfaßt

der Nachwelt zum Gedächtnis, dem Verfasser zum Ruhm. Deshalb muß sie

durch seltenere Ausdrücke und freiere Konstruktionen Abwechslung in die

Darstellung zu bringen suchen. Daher müssen wir (die Redner) dem

Richter gegenüber, der von vielerlei Gedanken eingenommen und häufig

auch ungebildet ist, nicht, wie gesagt[25], nach der Kürze des Sallust

greifen, die dem Ohre des unbeschäftigten und gebildeten Zuhörers in so

hohem Grade vollkommen erscheint, ebensowenig wird der Richter, dem es

nicht sowohl auf den Glanz der Darstellung als auf die Zuverlässigkeit

des Gesagten ankommt, bei einem Redner von der reinen, gesunden Fülle

des Livius hinreichend Aufklärung finden. Deshalb hält M. Tullius[26]

nicht einmal Thukydides oder Xenophon zur Ausbildung des Redners für

nützlich, obwohl er von dem einen sagt, daß er „die Kriegstrompete

blase”, von dem andern, daß „die Musen durch seinen Mund gesprochen

hätten”. Gleichwohl dürfen wir bei Abschweifungen auch diesen der

Geschichtschreibung eigenen Glanz anwenden, nur müssen wir wohl im

Gedächtnis haben, daß wir für unsere Gerichtsreden nicht

Athletenmuskeln, sondern Soldatenarme brauchen, und wir dürfen nicht

meinen, daß das bunte Gewand, dessen Demetrius aus Phaleron sich, wie

man sagt, bediente, in dem Staub des Forums wohl angebracht sei. Noch

in anderer Beziehung kann man Nutzen, der gar nicht unbedeutend ist,

aus der Lektüre der Historiker ziehen – das gehört allerdings nicht

hierher –, nämlich indem man Kenntnis der Tatsachen und Beispiele

erhält, mit denen der Redner hauptsächlich ausgestattet sein muß, damit

er in seinen Zeugnissen nicht auf den Prozeßführenden angewiesen ist,

sondern die Hauptmenge derselben mit sorgfältiger Auswahl dem Altertum

entnehmen kann; diese eignen sich um so besser dazu, als sie von dem

Vorwurf der Parteilichkeit frei sind.

Wenn aber die Redner von der Lektüre der Philosophen vielfach abhängig

waren, so geschah das zu ihrem Schaden, da sie jenen doch selbst in den

besten Teilen ihrer Reden nachstanden. Denn über das Rechte, Gute und

Nützliche und die entgegengesetzten Begriffe reden sie hauptsächlich,

auch sind ihre Beweisführungen scharf, und in Rede und Gegenrede können

die Sokratiker[27] den künftigen Redner vorzüglich bilden; aber auch

für sie gilt das gleiche Urteil. Wir müssen uns nämlich darüber klar

sein, daß selbst, wenn wir über die gleichen Gegenstände sprechen, ein

großer Unterschied zwischen Gerichtsrede und wissenschaftlicher

Untersuchung, zwischen Forum und Hörsaal, Prozeß und gelehrter

Vorschrift besteht.

Da wir nun der Meinung sind, daß ein so großer Nutzen in der Lektüre

liege, so werden, glaube ich, die meisten fordern, daß wir auch das in

unser Werk aufnehmen, welche Schriftsteller gelesen werden sollen, und

worin der besondere Vorzug der einzelnen Autoren besteht. Aber jeden

für sich zu behandeln, würde eine Arbeit von endloser Ausdehnung sein.

Wenn nämlich M. Tullius im Brutus in so viel tausend Zeilen nur über

die römischen Redner spricht und dennoch über alle seiner Zeit

angehörige, mit denen zusammen er lebte, mit Ausnahme des Cäsar und

Marcellus[28] Stillschweigen beobachtet, wo wird da ein Ende zu finden

sein, wenn ich jene und die, welche später gelebt haben, und sämtliche

Griechen durchgehe? Daher war jene kurze Anweisung, welche sich in dem

Briefe des Livius an seinen Sohn findet[29], die kürzeste und

sicherste: nämlich man solle Demosthenes und Cicero lesen und die

anderen, je nachdem sie Demosthenes oder Cicero ähnlich wären. Das ist

zweifellos die Quintessenz auch unseres Urteils. Denn nur wenige oder

vielmehr kaum einer von denen, welche aus dem Altertum zu uns

herübergerettet sind, wird sich finden, der mit richtigem Urteil

gelesen nicht einigen Nutzen bringen wird; wie denn auch Cicero

bekennt, von jenen Schriftstellern des Altertums, die bei all ihrem

Geist der Kunst entbehren, sehr viel gelernt zu haben. Und nicht viel

anders urteile ich über die neueren. Denn wer hofft nicht, wenn auch

nur für den kleinsten Teil seines Werkes, ein Gedenken der Nachwelt?

Sollte es wirklich einen solchen geben, so werden wir ihn gleich bei

der Lektüre der ersten Zeilen erkennen und ihn dann so rasch aus der

Hand legen, daß uns das Experiment keinen großen Zeitverlust kostet.

Aber nicht das, was für einen beliebigen Teil unserer Wissenschaft

Bedeutung hat, ist in gleicher Weise auch zur Bildung des rednerischen

Ausdrucks, wovon wir hier sprechen, geeignet.

Bevor wir uns jedoch auf das einzelne einlassen, müssen wir erst

einiges Allgemeine über die verschiedenen Ansichten vorausschicken.

Einige nämlich meinen, daß man nur die Alten lesen müsse, und urteilen,

daß in allen anderen nicht die natürliche Beredsamkeit und männliche

Kraft sei; andere entzückt das Pikante und Üppige des Modernen und die

Kunst, mit der sie die Lust der unerfahrenen Menge zu erregen wissen.

Auch von denen, welche den rechten Weg zur Beredsamkeit verfolgen

wollen, halten die einen nur das Knappe und Dürftige und der

Verkehrssprache Nahestehende für das Gesunde und in Wahrheit Attische,

während andere für einen höheren Geistesflug und für eine erregtere,

geistvollere Schreibweise eingenommen sind; auch gibt es nicht wenige

Liebhaber des milden, glänzenden und blühenden Stils. Über diesen

Unterschied will ich ausführlicher reden, wenn ich die Schreibweise

untersuchen werde; unterdessen will ich in großen Zügen andeuten,

welche Lektüre diejenigen wählen müssen, welche sich eine sichere

Fähigkeit in der Redekunst erwerben wollen; einige nämlich – und gerade

die hervorragendsten – will ich herausgreifen. Es ist dann für die

aufmerksamen Leser leicht zu beurteilen, welche den von mir genannten

am nächsten stehen; es möge sich daher keiner beklagen, daß ich

vielleicht einige übergangen habe, die seinen besonderen Beifall

finden; denn das gebe ich zu, daß eine größere Anzahl gelesen werden

muß, wie ich nennen werde. Jetzt will ich aber die verschiedenen Arten

der Lektüre durchgehen, die ich für die, welche sich dem Rednerberuf

widmen wollen, für nützlich halte.

Wie also Aratus[30] mit Jupiter anfangen zu müssen glaubt, so werden

wir geziemend mit Homer beginnen. Denn wie dieser selbst sagt, daß dem

Ozean aller Flüsse und Quellen Lauf entspringe[31], so ist er Muster

und Ursprung für alle Arten der Beredsamkeit. Ihn dürfte niemand in

Behandlung eines bedeutenden Stoffes durch Erhabenheit, der Schilderung

alltäglicher Vorgänge durch Schlichtheit des Ausdrucks übertreffen. Er

ist zugleich blühend und kurz, lieblich und ernst, bald durch seine

Fülle, bald durch seine Kürze bewundernswert und nicht nur als Dichter,

sondern auch als Redner hervorragend. Denn um hier über diejenigen

seiner Reden, welche Worte des Lobes, der Ermahnung, des Trostes

enthalten, zu schweigen: entwickelt nicht das neunte Buch, welches die

Gesandtschaft an Achilles enthält, oder der in dem ersten Buche

erzählte Streit der Führer oder die im Rate gehaltenen Reden des

zweiten Buches alle Kunstregeln, die in Prozessen und Ratsversammlungen

angewendet werden? Daß dieser Dichter milde und erregte Leidenschaften

in seiner Hand gehabt habe, wird auch der Ungebildetste nicht leugnen.

Weiter, hat er nicht in dem Eingang seiner beiden Werke in wenigen

Versen das für Anfänge gültige Gesetz, ich sage nicht beobachtet,

sondern auch aufgestellt? Denn er macht sich den Hörer geneigt durch

die Anrufung der Göttinnen, welche, wie man glaubt, die Beschützerinnen

der Sänger sind, er erweckt die Aufmerksamkeit desselben, indem er die

Größe des Gegenstandes vor Augen stellt, und er führt ihn in das

Verständnis ein, indem er die Hauptsachen kurz zusammenfaßt. Wer aber

könnte kürzer erzählen, als der Bote, welcher den Tod des Patroklus

meldet[32], wer anschaulicher als der, welcher die Schlacht zwischen

den Kureten und Ätolern berichtet[33]? Auch die Gleichnisse,

Steigerungen, Beispiele, Abschweifungen, Bezeichnungen der Gegenstände

und Beweise, sowie die übrigen Arten von Beweisführung und Widerlegung

sind so mannigfaltig, daß auch die, welche über die „Künste”

geschrieben haben, die meisten Beispiele diesem Dichter entnehmen.

Endlich welcher Epilog ließe sich wohl vergleichen mit den Bitten des

den Achill anflehenden Priamus[34]? Geht Homer nicht überhaupt in

Worten, Sentenzen, Figuren und in der Anlage des ganzen Werkes über das

dem menschlichen Geiste gesteckte Maß hinaus? So ist es schon etwas

Großes, nicht: seine Vorzüge nachzuahmen – denn das ist unmöglich, aber

sie mit Verständnis zu erfassen. Er aber läßt zweifellos alle in jeder

Art der Beredsamkeit weit hinter sich, besonders die Epiker, eben weil

eine Vergleichung in einem ähnlichen Gegenstand am deutlichsten wird.

Ganz selten reicht an ihn heran Hesiod[35], dessen Gedicht zum großen

Teil mit Namen angefüllt ist. Gleichwohl sind seine Sentenzen wegen der

in ihnen enthaltenen Vorschriften von Wert. Ebenso verdient die

Leichtigkeit der Wortfügung und Komposition Billigung, und ihm muß der

Preis in der mittleren Stilgattung[36] zuerkannt werden. Bei

Antimachus[37] dagegen wirbt die Kraft und Würde und das über das

Gewöhnliche Erhabene des Ausdrucks um Beifall. Aber obwohl ihm die

Gelehrten fast übereinstimmend den zweiten Rang zuerkennen, so fehlt es

ihm doch so sehr an Schwung, Lieblichkeit, guter Anordnung und

überhaupt an Kunst, daß es ein deutliches Beispiel dafür ist, daß „an

zweiter Stelle stehen” und „ebenbürtig” sein etwas sehr Verschiedenes

ist. Panyasis[38], der von beiden etwas hat, erreicht, wie man meint,

in der Rede die Vorzüge beider nicht, den einen übertrifft er jedoch in

der Wahl des Stoffes, den andern in der Anordnung. Apollonius[39] ist

in den von den Grammatikern aufgestellten Kanon nicht gekommen, weil

Aristophanes und Aristarch[40] keinen ihrer Zeitgenossen darin

aufgenommen haben, er hat jedoch ein nicht zu verachtendes Werk verfaßt

von einem gewissen gleichmäßigen Fluß. Dem Stoff des Aratus[41] fehlt

das bewegende Moment, da keine Abwechslung, keine Leidenschaft, keine

Person, keine Rede von irgend jemand darin vorkommt. Seine Kräfte

reichen jedoch für das Werk aus, dem er sich gewachsen gefühlt hat.

Bewundernswert ist in seiner Art Theokrit[42]; aber jene ländliche

Hirtenmuse meidet nicht nur scheu das Forum, sondern selbst auch die

Stadt. Doch ich glaube von allen Seiten mir Namen verschiedener Dichter

zurufen zu hören. Wie? Hat Pisander[43] nicht die Taten des Herakles

schön besungen? Und sind dem Nikander[44], Macer[45] und Vergil[46]

umsonst gefolgt? Wie? Sollen wir den Euphorion[47] übergehen? Hätte

derselbe nicht den Beifall des Vergil gefunden, so würde dieser es

gewiß nicht in den Eklogen des mit chalkidischem Verse geschmückten

Gedichtes gedacht haben[48]. Wie? Stellt Horaz[49] ohne Grund den

Tyrtäus[50] dem Homer an die Seite? Und doch steht gewiß keiner der

Kenntnis dieser Dichter so fern, daß er nicht leicht ein Verzeichnis

derselben aus einer Bibliothek entlehnen und seiner Bibliothek

einverleiben könnte. Ich weiß daher recht wohl, welche ich übergehe,

und verwerfe sie keineswegs, da ich gesagt habe, sie wären alle von

Nutzen. Aber zu jenen werden wir erst zurückkehren, wenn die Kraft

schon ausgebildet und gefestigt ist, sowie wir uns bei großen

Gastmählern oft der Abwechslung wegen zu den geringen Speisen wenden,

nachdem wir uns an den besten gesättigt haben. Dann werden wir auch

Zeit finden, die Elegie zur Hand zu nehmen, für deren bedeutendsten

Vertreter Kallimachus[51] gilt. Den zweiten Platz nimmt auf diesem

Gebiete nach der Meinung der meisten Philetas[52] ein. Aber bis wir

diese mit Leichtigkeit verbundene Festigkeit, von der ich gesprochen

habe, erreicht haben, müssen wir uns an die besten Schriftsteller

gewöhnen und den Geist mehr durch vieles Lesen als durch das Lesen

vieler bilden und Kolorit gewinnen lassen. So wird von den drei[53]

durch das Urteil des Aristarch aufgenommenen Jambendichtern zur

Erlangung der ἕξις (Fertigkeit des Stils) hauptsächlich Archilochus nur

beitragen. Dieser besitzt die größte Kraft des Ausdrucks, kurze,

kräftige und blitzende Gedanken, viel Blut und Nerven, so daß einige

meinen, wenn er manchmal weniger bedeutend erscheine, so sei das eine

Folge des Stoffes, nicht seines Talentes. Von den neun lyrischen

Dichtern[54] ist bei weitem der hervorragendste Pindar durch den

prachtvollen Schwung seines Geistes, seine Sentenzen und Figuren und

durch einen äußerst glücklichen Reichtum an Gedanken und Figuren, den

man mit der Fülle eines Stromes vergleichen könnte; daher glaubt

Horaz[55] mit Recht, es könne ihn keiner nachahmen. Wie geistesgewaltig

Stesichorus[56] ist, zeigen schon seine Stoffe, wenn er große Kriege

und berühmte Führer besingt und die Last epischer Stoffe mit der Lyra

bewegt. Er verleiht nämlich den Personen im Handeln und Reden die

nötige Würde, und würde, wenn er nur Maß gehalten hätte, am nächsten an

Homer heranreichen, aber er leidet an übertriebener Breite und fließt

über, was zwar zu tadeln ist, jedoch als ein Fehler, der aus innerem

Reichtum entsprungen ist. Alcäus[57] wird für einen Teil seines

Werkes[58] nicht mit Recht mit dem goldenen Plektron beschenkt, da

nämlich, wo er bei Verfolgung der Tyrannen[59] auch zur Stärkung des

sittlichen Gefühls beiträgt, und wo er in der Rede kurz, großartig und

an Gewalt der Worte hauptsächlich einem Redner ähnlich ist; aber er

versteht auch zu scherzen und sich zu Liebesgetändel herbeizulassen;

für erhabenere Stoffe ist er jedoch geeigneter. Der sonst schlichte und

einfache Simonides[60] kann doch wegen des Treffenden seines Ausdrucks

und einer gewissen Anmut empfohlen werden; besonders besteht sein

Vorzug in Erregung des Mitleids, so daß einige in dieser Beziehung ihn

allen Schriftstellern, welche derartige Gegenstände behandelt haben,

vorziehen.

Die alte Komödie bewahrt die echte Grazie der attischen Sprache fast

allein, besonders aber besitzt sie auch eine redselige Freimütigkeit

und ist in Verfolgung des Lasters von vorzüglicher Schärfe; jedoch auch

in den anderen Beziehungen besitzt sie sehr viel Kraft. Denn sie ist

erhaben, gewählt und anmutig, und es steht vielleicht kein poetisches

Erzeugnis – abgesehen von Homer, den man wie Achill immer ausnehmen muß

– der Redekunst näher oder ist mehr geeignet, Redner heranzubilden. Es

gibt eine größere Anzahl von Dichtern dieser Gattung; Aristophanes

jedoch, Eupolis und Kratinus sind die bedeutendsten[61].

Tragödien hat zuerst geschaffen Äschylus[62], der erhaben und ernst und

gewichtig, häufig bis zur Fehlerhaftigkeit, aber meist auch

ungeschliffen und ungeordnet ist. Daher haben die Athener den späteren

Dichtern erlaubt, seine Dramen in verbesserter Gestalt[63] in den

Wettkampf zu bringen, und auf diese Weise sind viele mit dem Preis

gekrönt worden. Aber viel glänzender sind die Leistungen des Sophokles

und Euripides[64] auf diesem Gebiete: wer von diesen beiden – bei dem

eigentümlichen Wege, den ein jeder von ihnen eingeschlagen hat – der

bessere Dichter sei, ist eine vielbesprochene Streitfrage. Ich nun

beantworte diese Frage, welche mit dem gegenwärtig behandelten Stoffe

nichts zu tun hat, nicht. Das jedoch muß jeder zugeben, daß für die,

welche sich auf eine rednerische Tätigkeit vorbereiten, Euripides von

viel größerem Nutzen sein wird. Denn er nähert sich in seiner

Ausdrucksweise (welche natürlich von den Leuten getadelt wird, denen

der Ernst, die Erfahrenheit und der Klang der Sophokleischen Verse

erhabener erscheint) mehr der Manier des Redners, reich an Sentenzen,

wie er ist, und den Weisen verwandt in den Aussprüchen, welche von

jenen überliefert sind, und in Rede und Gegenrede jedem von denen

vergleichbar, welche auf dem Forum für beredt gegolten haben,

bewundernswert aber besonders in der Darstellung aller Affekte, und

wohl unübertroffen in der Zeichnung der Mitleid erregenden. Ihn hat

nach seinem eigenen Zeugnis in hohem Grade bewundert und – allerdings

auf einem andern Gebiete – nachgeahmt Menander[65], welcher schon

allein, meiner Ansicht nach wenigstens, fleißig gelesen, zur Ausbildung

alles dessen, was wir vorschreiben, hinreichen würde; eine so

glückliche Erfindungsgabe und Redegewalt besitzt er, so beherrscht er

alle Verhältnisse, Personen, Affekte. Etwas Richtiges haben daher gewiß

die gesehen, welche glauben, daß die dem Charisius[66] zugeschriebenen

Reden von Menander verfaßt seien. Aber mir scheint Menander als Redner

weit mehr Billigung als in seinen dichterischen Werken zu verdienen,

was mir jeder zugeben wird, wenn er nicht etwa die Gerichtsreden,

welche „Epitrepontes”, „Epikleros” oder „Locroe” enthalten, für

schlecht erklären, oder behaupten will, die außergerichtlichen Reden in

„Psophodee”, „Nomothetes”, „Hypobolimäus” seien nicht in jeder

Beziehung vollendete rednerische Meisterwerke. Ich glaube jedoch, daß

er von um so größerem Vorteil für die Kunstredner sein wird, weil diese

jeder Lage der Streitfrage entsprechend mehrere Rollen übernehmen

müssen, von Vätern und Söhnen, von Soldaten und Bauern, von Reichen und

Armen, von Zornigen und Abbittenden, von Sanftmütigen und Rauhherzigen.

In allen diesen Rollen wird von unserem Dichter ein bewundernswerter

Takt beobachtet. Er hat allen Dichtern dieser Gattung den Ruhm

vorweggenommen und sie alle durch den Glanz seiner Berühmtheit

verdunkelt. Gleichwohl bieten auch andere Komiker, wenn sie mit

Nachsicht gelesen werden, manches Nachahmenswerte, besonders

Philemon[67], welcher zwar verkehrterweise in dem Urteil seiner

Zeitgenossen oft dem Menander vorgezogen wurde, immerhin aber dem

allgemeinen Urteil zufolge für den zweiten zu gelten verdient.

Geschichte haben viele vortrefflich geschrieben; zwei jedoch scheinen

zweifellos vor allen übrigen durchaus den Vorrang zu verdienen, deren

Vorzüge trotz ihrer Verschiedenheit fast in gleicher Weise Lob geerntet

haben. Gedrängt, kurz und sich selber in Zucht haltend ist

Thukydides[68]; angenehm, durchsichtig und von einer gewissen Breite

Herodot[69], jener ist in Darstellung von heftigen Affekten, dieser in

der Schilderung milder Regungen vorzüglicher, jener ist für die

öffentliche Rede, dieser für das Privatgespräch vorbildlich, Thukydides

wegen seiner Gewalt, Herodot wegen seiner Liebenswürdigkeit

bewundernswert. Theopomp[70] steht diesen am nächsten, in der

Geschichtschreibung zwar weniger bedeutend, wie die genannten, einem

Redner aber näher verwandt, da er lange Redner war, bevor er zu diesem

Werk sich entschloß. Auch Philistus[71] verdient nach diesen der Schar

der guten Schriftsteller beigezählt zu werden als Nachahmer des

Thukydides, der zwar bedeutend weniger kraftvoll, aber auch viel klarer

als sein Vorbild ist. Ephorus[72] bedarf nach Ansicht des Isokrates der

Sporen. Bei Clitarch[73] lobt man das Talent, zieht aber seine

Glaubwürdigkeit in Frage. Der lange Zeit nachher lebende Timagenes[74]

verdient schon deshalb Beachtung, weil er die unterbrochene Tätigkeit

auf dem Gebiete der Geschichtschreibung mit neuem Ruhme wieder

aufgenommen hat. Xenophon habe ich nicht zu erwähnen vergessen; er muß

aber unter den Philosophen aufgeführt werden[75].

Es folgt nun die große Schar der Redner, da ja bekanntlich zu Athen in

einem Zeitalter zehn gelebt haben[76]. Unter diesen war bei weitem der

hervorragendste und beinahe der Maßstab für jede rednerische Tätigkeit

Demosthenes[77]: eine solche Gewalt besitzt er, so gedrängt ist bei ihm

alles, so gleichsam mit Muskeln umkleidet und frei von überflüssigen

Zutaten und so maßvoll, daß man kein fehlendes und kein überflüssiges

Wort bei ihm entdecken kann. Von größerer Fülle und Breite und

erhabenerer Ausdrucksweise ist Äschines[78] in demselben Maße, wie er

Demosthenes nachsteht an Kraft und Knappheit; er hat mehr Fleisch und

weniger Muskeln. Besonders anmutig und geistreich ist Hyperides[79],

aber er ist einem weniger bedeutenden Vorwurf mehr gewachsen, um nicht

zu sagen, für einen solchen mehr begabt. Der Zeit nach geht ihm

Lysias[80] voraus, welcher scharfsinnig und geschmackvoll ist und

überaus vortrefflich, wenn es für einen Redner genug ist, zu belehren;

denn bei ihm ist nichts Phrase, nichts Gesuchtes – doch ist er einer

reinen Quelle ähnlicher wie einem mächtigen Strome. Isokrates[81], der

in den verschiedenen Gattungen der Rede glänzend und geschmückt und der

für die Ringschule besser als für den Kampf geeignet ist, erstrebt

jeden nur möglichen Reiz des Ausdrucks, und das mit Recht. Für Hörsäle

ist er gerüstet, nicht aber für Gerichtsverhandlungen. In der Erfindung

voll Leichtigkeit, voll Eifer für das Wohlanständige, in dem Ausbau so

sorgfältig, daß seine Sorgfalt Tadler gefunden hat. Ich glaube nun

nicht, daß die von mir besprochenen Redner nur gerade diese Vorzüge

besessen haben, wohl aber, daß diese ihre hervorragendsten gewesen

sind; ferner bestreite ich nicht, daß auch andere bedeutend gewesen

sind. Ja, ich gebe zu, daß Demetrius von Phaleron[82], obwohl er zuerst

die Beredsamkeit heruntergebracht hat, viel Talent und Redegewandtheit

besessen hat, wie er auch deswegen der Erwähnung wert ist, weil er von

den Attikern ungefähr der letzte ist, welcher den Namen eines Redners

verdient, und da ihn Cicero in der mittleren Art der Beredsamkeit allen

anderen vorzieht.

Ich komme zu den Philosophen, aus welchen M. Tullius für die

Beredsamkeit sehr viel gewonnen zu haben behauptet; wer zweifelt, daß

unter ihnen besonders Plato[83] durch die Schärfe seiner

Schlußfolgerungen sowie durch eine Art göttlicher und homerischer

Beredsamkeit den Vorrang verdient? Denn vieles geht hinaus über die

Prosa, welche die Griechen als eine „Rede zu Fuße” bezeichnen, so daß

er mir nicht von einem menschlichen Geiste beseelt, sondern gleichsam

durch das Delphische Orakel beseelt erscheint.

Was soll ich die Anmut des Xenophon[84] erwähnen, die frei ist von

jeder Affektation und durch keine solche zu erreichen? Scheinen doch

die Grazien selbst seine Sprache gebildet zu haben, und man könnte auf

ihn mit Recht das übertragen, was die alte Komödie über Perikles

bezeugt: „Auf seinen Lippen habe die Göttin der Überredung gethront.”

Wozu soll ich an die Eleganz der übrigen Sokratiker erinnern, wozu an

Aristoteles[85]? Muß man doch bei ihm zweifeln, ob er sich durch seine

wissenschaftlichen Kenntnisse oder durch die Menge seiner Schriften

oder durch die Kraft und Milde seiner Beredsamkeit oder durch den

Scharfsinn seiner Neuerungen oder durch die Mannigfaltigkeit seiner

Werke einen größeren Ruhm erworben hat.

Unterricht in der Beredsamkeit · 第 1 / 6 段