Margareten.]

Deutsch schwach, aber Religion zweifellos gut.

Und ich kenne noch so einen. In dessen Tagebuch vom vorigen Frühjahr

ist zu lesen: Es will wieder Frühling werden, und ich gehe jeden

Morgen von meinem Dorf den Weg zu den nächsten Hügeln hinauf. Links

und rechts vom Weg auf den Äckern und Wiesen steht alles voll von

Obstbäumen, keiner ist wie der andere. Die Kirschbäume gleichen sich

noch am meisten. Aber die Birnbäume, das ist ein Baumvolk von Riesen

und Zwergen, Krummen und Buckligen, Übermütigen und Melancholikern. Die

zwischendrin versteckten kleinen Apfelbäume sind seltsame Käuze. Sie

fahren mit ihren eckigen und in allen Richtungen gekrümmten Zweigen

in der Luft herum, daß man meint, sie wüßten nicht, wo hinaus vor

Leichtsinn und Übermut. Die bescheidensten sind noch die Kirschbäume.

Aber auch unter ihnen gibt es manche, die die Kraft ihres Stammes zu

früh in dicken Ästen vergeuden, so daß dann nichts Rechtes mehr für die

Höhe übrigbleibt, wie das so gern die Art der Birnbäume ist. Überhaupt

sieht man den Bäumen im Frühjahr, kurz vor dem Ausschlagen, am

besten an, was sie wirklich sind. In den Formen und Linien des kahlen

Gezweigs, in dem der Saft schon quillt, kommt ihr ganzes Temperament

zum Ausdruck. Viele stehen da in strotzender Kraft, während andere ihr

verfehltes Leben im ganzen Aussehen verraten. Manchen sieht man es an,

wie sie sich trotz ärmlicher Verhältnisse gewalttätig durchgesetzt

haben, und manche stehen auf gutem Boden und im vollen Licht recht

ängstlich da und bekümmert, wie Geizhälse, die mitten im Reichtum

verhungern wollen. Über die Baumvölker ragt aber ein Kirschbaum empor

wie eine junge Königin. Er steht auf einem ganz kleinen Hügel und

gefiel mir auf einem Spaziergang durch die selbstbewußte, frohe Art,

wie er von dem glatten runden Stamm seine Zweige mit einer gewissen

Feierlichkeit nach allen Seiten in die Luft streckte. Kein bißchen Moos

war auf seiner Rinde zu sehen, und seine Zweige verästelten sich zu

Tausenden dunkler Fingerchen. Etwas wie frohe Erwartung lag über der

gesunden Gestalt dieses Baumes, und das grüngestrichene Bänkchen neben

seinem Stamm schien ganz stolz darauf zu sein, gerade hier stehen zu

dürfen. Als alle anderen Bäume noch kahl wie im Winter waren, war eines

schönen Tags der Kirschbaum über und über mit grünen Spitzchen besetzt,

und rund um ihn herum waren Hunderte von Maßliebchen aufgegangen. Es

war kein Zweifel, er würde der erste sein, der im Lande blühte. Am

gleichen Abend zeigte er schon seine ersten weißgrünen Knospen. Eines

Morgens stand er im Brautstaat da.

Ich weiß, man wird nun über mich lachen, weil ich glaube, daß der

Kirschbaum genau wußte, wie schön er an diesem Morgen war. Aber ich

will zu meiner Entschuldigung doch anführen, daß ein großer deutscher

Maler vor einer mächtigen Trauerweide, die gar nicht weit von dem

Kirschbaum stand, weinen mußte, so ergriff ihn die hoheitsvolle,

tragische Gebärde des Baumes. Und wenn man meint, nur Dichter und Maler

und derlei überspannte Leute glaubten an solche Dinge, so weiß ich

einen berühmten Musiker, der beim unvorsichtigen Abbrechen von Zweigen

ein direktes Schmerzgefühl empfand und in solchen Fällen tat, als ob es

sich um eine Verwundung eines lebenden Wesens handelte ... Nur wenige

unter den Tausenden von Sommerfrischlern, die jetzt die Bergheiden und

Waldwiesen überschwemmen, haben Respekt vor dem _Besitz_ des Bauern und

hausen in dieser Richtung oft wie die Tiere. Aber noch weniger Menschen

gibt es, die nicht nur aus Furcht vor dem Gesetz, sondern aus einer

heiligen Achtung vor einer jeden Art von Leben heraus, auch wenn es

nur Pflanzenleben ist, weder unnötig Blumen am Weg abreißen, noch den

Rasen der Wiesen zertreten; einfach, weil sie nicht können.

Es wird heute so viel vom Erleben geredet, ohne daß man sich eine

Vorstellung davon macht, was nun wirklich ein Erlebnis ist. Daß man

auch eine Wiese erleben kann, das scheint vielleicht nicht ohne

weiteres wahrscheinlich. Und doch ist es so. Es ist gleichbedeutend mit

dem, was Goethe immer wieder das Schauen nannte.

Ein Wanderer tritt aus einem dunklen Tannenwald in eine breite

Lichtung. Da blühen zwischen feinem Berggras die goldenen Sterne der

Arnika und recken sich hoch über das niedere Volk der Skabiosen,

die, fast demütig vor den Majestäten unter den wilden Bergblumen,

ihre hellvioletten Blütenkörbe gerade nur über die Grasspitzen in

die Höhe halten. Noch weiter unten im grünen Teppich, fast am Boden,

bietet der rote Klee den summenden Bienen und Hummeln verborgene

Liebeslager dar. Aber alles das sieht der Wanderer nicht nacheinander,

sondern zugleich. Daß die Sonne hinter seinem Rücken steht und die

eigentliche Veranlassung dazu ist, daß der rote Klee aus den heimlichen

Grasgemächern hervor und die bescheidenen violetten Skabiosen und

die stolzen Arnikasterne sich wie grüßend zu ihm wenden, das ist ihm

gleichgültig. Das Leben verspürt Leben. Des Wanderers Seele tritt in

Fühlung mit dem eigentlichen Sein der Pflanzen und Blumen, und ihm ist

auf einmal, als ob er entschwand in eine Region des Daseins, wo es

keine Trennung mehr gibt zwischen allem Erschaffenen. Das mag ungefähr

der Marschendichter Allmers empfunden haben, als er das wunderbare Lied

wie von unsichtbaren Elfen ins Ohr gesagt bekam:

»Ich ruhte still im hohen, grünen Gras

Und sende lange meinen Blick nach oben;

Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß,

Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin

Durchs tiefe Blau, wie schöne, stille Träume.

Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,

Und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.«

Vom Wald.

Was das eigentlich ist, der Wald, das vermag ich beim besten Willen

nicht zu sagen. Nicht als ob es nicht Forstassessoren und Botaniker

genug gäbe, die einem sehr sauber und leichtfaßlich erklären könnten,

daß der Wald immer eine Ansammlung von dicht beieinander stehenden

Bäumen aller möglichen Arten sei; einige gelehrte Männer sind sogar

dahintergekommen, daß der Wald eine Art sozialer Gemeinschaft mit

bestimmten Gesetzen ist, daß er einen grimmigen Kampf mit der

feindlichen Heide führt, die mit ihrem niederen Fußvolk, den Tausenden

von bedürfnislosen Erikasträuchern, in jede Bresche eindringt und den

mächtigsten Baumriesen mit den rauschenden Kronen das Leben sauer und

schließlich unmöglich macht, so daß die Majestäten fallen unter dem

unvermeidlichen Vordringen des Zwergvolkes, das ihren Wurzeln auf eine

listige Art -- durch Bodenverfilzung -- Wasser, Licht und Luft entzieht.

Alles das ist sehr interessant, und es gibt z. B. von Francé im

Kosmosverlage gute Büchlein, die ein jeder gelesen haben sollte, der

den Wald liebt. Aber deshalb liebt man nicht den Wald, und all dies

erklärt nicht das, was hinter dem Wald steckt, das eigentliche --

_Walden_.

Ich möchte also nur alle ehrlichen Kameraden vom Wanderstab warnen vor

der Einbildung, als wüßten sie, was der Wald ist.

Das haben zu allen Zeiten nur immer wenige Begnadete unter Millionen

geahnt, und die sagten es dann, ein jeder in seiner besonderen Art,

nicht so klar, daß man es ohne weiteres verstehen konnte. Aber wirklich

gewußt, was es mit dem Wald auf sich hat, das hat z. B. Richard

Wagner, und gesagt hat er es in den paar hundert Takten im Siegfried,

im »Waldweben«, wo der junge Siegfried auf einmal die Stimmen der

Waldvögel versteht und das ganze geheime Raunen zwischen Sonnenlichtern

und Blätterrauschen. _Gemalt_ hat den Wald eigentlich nur Moritz v.

Schwind, dann und wann einmal auch Arnold Böcklin und Hans Thoma.

Es gibt ja viele Bilder sehr berühmter Kunstmaler, auf denen die

Baumstämme und das Moos und das Blattwerk »viel natürlicher« gemalt

sind; aber man sucht in ihnen vergebens nach jenem ruhevollen, auch in

der dunklen Schattenkühle allgegenwärtigen Leuchten, das zu uns reden

kann wie die tröstenden Worte einer Mutter; vor dem einem aber auch

manchmal etwas wie Angst in die Kehle steigt, weil man es gerade in

diesem Augenblick unaussprechlich klar empfindet, daß man noch lange

nicht ein ordentlicher Mensch geworden ist. Ich meine, der wirklich

ordentliche Mensch, den zu werden man sich heimlich vornahm, als man so

zwischen vierzehn und zwanzig war und einmal so »ungeheuer edel« werden

wollte.

Von den vielen Dichtern, die vom Wald gesungen, war im Grunde nur

Eichendorff ein Eingeweihter. Was an Heimlichkeit und stiller Größe,

an schlichter Reinheit und unaufdringlicher Stärke im deutschen Wald

lebt, das hat er, der so viele der Lieder weckte, die in allen Dingen

schlafen, fast als einziger Sänger des deutschen Waldes zu sagen

vermocht.

Ich bin kein Teutschtümler und glaube nicht an alleinseligmachendes

Ariertum, aber daß die Teutonen in den Wald gehen mußten, wenn sie

ihrem Wodan näher sein wollten, das begreife ich ganz ohne Nachdenken.

Das Gescheiteste war es schon nicht, als Fridolin vom Oberrhein und

andere Bekehrer zum Umhauen der alten Eichen und Taxusbäume ihre

Zuflucht nehmen mußten, um sich in Ansehen zu setzen.

Einmal -- vor bald zehn Jahren -- da sind wir zu fünft durch den

Bergwald gewandert. Zwei Stunden lang ging's unter den lichtgrünen

Dächern des frühsommerlichen Laubwaldes dahin. Die Sonnenstrahlen, die

durch das nicht ganz geschlossene Blätterwerk der Baumkronen heimliche

Wege fanden, trieben allerhand fröhlichen Unsinn mit dem wenigen

Schmuck, den die zwei mitwandernden Frauen am Hals oder an den Fingern

trugen. Nahgerückte Berggipfel sahen in das ganz stille, rauschende,

lichte Glück des sprossenden Frühsommerwaldes, und zwischen Stämmen

hindurch schlang sich ein verhaltenes Singen von einem nie gekannten,

in den tiefsten Tiefen des Menschenherzens wohnenden Frieden, den die

Welt doch einmal beschert bekommen würde. Einmal sicher! Ein wenig

warnungsvoll und mit feierlicher Stille wanderte das Glück zwischen den

Schatten der alten Buchen und Eichen mit uns, ohne uns einmal aus den

Augen zu lassen, und keines von uns fünf wagte während der seltsamen

zwei Stunden mit einem einzigen Wort die duftende Kühle des jungen

Waldes zu stören. Wir sahen dem Spiel der Eichhörnchen zu, hörten das

siegreiche Jubeln der Waldvögel, vernahmen in der Ferne das behagliche

Grunzen eines Wildebers, all das sahen und vernahmen wir mit frohen,

wissenden, segnenden Augen -- aber wir wollten nichts für uns selbst.

Ich weiß, in jenen zwei Stunden haben wir alle fünf etwas gewußt vom

Wald und seinem Geheimnis, das gewebt ist aus den kreisenden Aureolen

des Sonnenlichts und aus der Finsternis, die mit tausend Augen in der

Nacht zwischen den Stämmen in der Wildnis hinausschaut ins sternenhelle

Land, gewebt aus dem beseligenden Rieseln jungfräulicher Birken und der

stummen, unbeweglichen Wucht, mit der die Fürsten des Waldes den Sturm

und sein Höllengesindel ganz außer Rand und Band bringen; denn an ihrer

gelassenen Kraft erschöpft sich ihr zügelloses Rasen.

Was das damals war, das weiß ich nicht gewiß. Aber da es in den Märchen

von »Tausendundeiner Nacht« Galoschen des Glücks gibt, in denen ein

richtiger »Ali« nur »Mutabor« zu sagen brauchte, um in einer Sekunde

von Kopenhagen nach Konstantinopel zu kommen, warum soll es heute,

nach tausend weiteren Jahren, nicht auch so eine Art Galoschen --

des Herzens geben, mit denen man durch die ungeahnten Geheimnisse

und Wunder des deutschen Waldes schreiten kann, natürlich ganz

unverdienterweise!

[Illustration: Phot. Prof. ~Dr.~ Hausrath.

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