Am Untersee]

Ich weiß es wohl, daß viele lächeln werden über dieses unmoderne

und »lebensverneinende« Programm. Aber -- abgesehen davon, daß es

_lebensbejahend_ im höchsten Sinne ist! -- weiß ich auch ein

anderes: Manche _haben_ das schon fertiggebracht! Junge Männer bis

in die Mitte der zwanziger Jahre! Und viele andere werden nicht

anders _können_, als entschlossen zu nicken zu diesem stillen Aufruf:

_Freiwillige vor!_ Und diese werden ohne Anmeldung und ohne Uniform

der Welt dem All, oder wie sie das in ihrer Sprache nennen mögen, ihr

junges Leben zur Verfügung stellen.

Den Geist und die Kraft aber zu solchem Vorhaben werden sie am ehesten

finden in den Bergen, im rauschenden Wald, wenn das erste Morgenlicht

durch die Bäume in den zerzausten Rasen des Waldes fliegt oder beim

Wandern im roten Mittagszauber der Heide oder wenn ein herber Wind am

Abend über sonnenumspielte purpurne Kuppen streicht -- oder überall wo

»der Mensch noch nicht ist mit seiner Qual«. Das heißt in der _Natur_,

die Spinoza gleichsetzt mit dem Maß des All: »~Natura sive deus~«.

Auf diesem Kampffeld wird der neue Krieg, der heilige Krieg um innere

Größe, Reinheit und Stärke beginnen:

Vom Grund bis zu den Gipfeln,

So weit man sehen kann,

Jetzt blüht's in allen Wipfeln,

Nun geht das Wandern an:

Und die im Tal verderben

In trüber Sorgen Haft,

Der Dichter möcht sie werben

Zu dieser Wanderschaft.

Da wird die Welt so munter

Und nimmt die Reiseschuh,

Sein Liebchen mitten drunter,

Die nickt ihm heimlich zu.

Und über Felsenwände

Und auf dem grünen Plan,

Das wirbt und jauchzt ohn' Ende --

Nun geht das Wandern an!

(Eichendorff.)

An die jungen Mädchen.

Siehe zunächst unter: »An die jungen Männer«. Sodann noch mit der

gebührenden Höflichkeit einiges Besondere:

Über das Wandern der jungen Leute mit Mädchen in Horden oder auch in

kleinerer Anzahl läßt sich Allgemeingültiges nur schwer sagen. Das ist

immer eine _reine Personenfrage_. Auch haben, seitdem die Welt steht,

alle jungen Menschenkinder verschiedenen Geschlechtes, welche der Mai

des Lebens zusammenführte, auch ohne die Ratschläge von Wanderbüchern

und sogar ohne das Einverständnis besorgter Mütter und Tanten es

verstanden, ihre Wanderungen durch Wald und Feld zu machen, allein in

der verständnisinnigen und verschwiegenen Gegenwart von Bäumen und

Wiesen, die sich durch den Glanz ihrer jungen reinen Liebe beglückt

fühlten. Aber die Frage des Zusammenwanderns als Normalzustand läßt,

nachdem wir noch nicht einmal die Koedukation haben, doch auch bei

unbefangenen älteren Leuten einige Bedenken aufkommen.

Vor allem haben mir junge Freunde oft gesagt, mit Mädchen sei

(abgesehen von den »technischen Schwierigkeiten beim Übernachten«,

wie sie das diskret nannten) _hordenweise_ nicht gut wandern. Die

Gründe dafür lassen sich auf einen besonders gelungenen Satz eines der

jungen Kameraden, der mir frisch und unbefangen seine Meinung sagte,

zusammenbringen: »Nämlich, man befindet sich fortwährend auf einem

schmalen Grat mit den Mädels. Auf der einen Seite gähnt die Gefahr, daß

sie sich durch gänzliche Gleichstellung in ihren Rechten, aber auch in

ihren Pflichten mit den Jungens vernachlässigt fühlen, und im Abgrund

auf der anderen Seite lauert die größte Wahrscheinlichkeit, daß die

Mädels durch das sogenannte ritterliche Benehmen der Jungens verwöhnt

werden, und damit die Möglichkeit von Mißhelligkeiten im Quadrat, sei

es der Gleichstellung, sei es der Ritterlichkeit, wächst. Und an Krach

fehlt's wahrhaftig, wenn wir ganz unter uns sind, auch nicht, so daß es

absolut noch mehr sein müßte!«

So der junge Weltweise und Wandervogel, seines Zeichens dazumal

Oberprimaner, Sohn einer kinderreichen Familie und überall geliebt als

ein »famoser Kerl«. Er war ein »Kenner«, trotz seiner jungen Jahre.

Mir persönlich mangeln eigene Erfahrungen in dieser Richtung. Aber ich

halte mich immer daran, daß noch jeder tüchtige junge Kerl, dem es

später wahrhaftig an Eroberungen nicht fehlte, sich immer _gegen_ das

Zusammenwandern von »Mädels und Jungens« aussprach. Nur die verdächtig

Frühreifen und die »Schmachter«, die später, wie damals schon, von

der Weiblichkeit nicht recht ernst genommen wurden, nur die waren für

»moderne Auffassung« und fürs Zusammenwandern.

Zum Schluß nur noch eine kurze Erzählung einer wirklichen Begebenheit

für diejenigen Frauen und Jungfrauen, die immer noch das parlanische

»~Mulier taceat in ecclesia~«, das nur in der konzentrierten

lateinischen Fassung grob klingt, als eine Kürzung der Frauenrechte

auffassen. Ich selber bin für Zulassung der Frau zu allen dem Mann

zugänglichen Ständen. Man muß alles _probieren_. Aber die Entwicklung

in den Wandervereinen, wo manchmal auch junge Mädchen offizielle

Mitglieder sind, spricht sehr _für_ den Apostel Paulus.

Hatten da in einer süddeutschen Universitätsstadt die Mitglieder

eines akademischen Wanderklubs das Empfinden, es sei »zeitgemäß«,

den weiblichen Mitgliedern auch Stimmrecht und Redefreiheit zu

gewähren. Die Diskussionen über die einfachsten Vereinsangelegenheiten

hatten nämlich unter den männlichen Mitgliedern bis weit über die

Mitternachtsstunde gedauert. Da hoffte man von der Neuerung eine

Besserung. Es wurde statt dessen aber »furchtbar«. Da griff eine kluge

alte Frau ein und riet den jungen Leuten, sie sollten die »Mädels«

an den Sitzungen teilnehmen lassen, aber ohne Stimm- und Rederecht.

Der Erfolg war ein solcher Wetteifer der jungen Männer um kurzes,

sachliches und treffendes Sprechen angesichts der Damen, daß alles

Geschäftliche in längstens einer Stunde erledigt und besser erledigt

war als früher.

Ich will keine zu weitgehenden Schlüsse hieraus ziehen, aber die

Tatsache spricht -- wie man wohl etwas übertrieben sagt -- Bände.

Von Wiesen und Bäumen.

Der umbrische Wandersmann, der vor acht Jahrhunderten mit einigen

Gefährten die oberitalienischen Ebenen und Hügelländer durchstreifte,

kommt wieder in Mode. Ich habe das gute Zutrauen zu meinen Lesern, daß

sie durch die Tagesmode hindurch zu diesem großen liebenswürdigen Manne

von Assisi selbst vordringen, zu diesem sonderbaren Heiligen, der nicht

nur mit den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft wie mit Kameraden

sprach und die Sonne und den Mond als Schwester und Bruder anredete,

wenn es ihm gerade darum war, sondern auch in einem innigen Verkehr mit

Bäumen und Wiesenblumen stand. Das wird manchem verrückt vorkommen. Es

ist es auch, wenn man daraus eine schwüle Gefühlsschwärmerei macht,

die häufiger nur ein Surrogat für gesunde, aber unterdrückte Triebe

ist. Aber in der Wirklichkeit gibt es dieses Verhältnis zwischen Natur

und Mensch, und wenn es nicht der holländische Brillenschleifer und

Mathematiker Spinoza gehabt hätte, dann wäre es ihm nicht möglich

gewesen, in der Natur Gott zu sehen. Ohne dieses Hindurchblicken durch

äußere Hüllen hätte aber auch Hermann Hesse seinen Peter Camenzind in

dem gleichnamigen Roman nicht alle Abend nach der großen Kiefer auf

dem Hügel sehen lassen können, deren Wohl dem Schwärmer noch mehr als

das anderer Bäume am Herzen lag. Zu den gleichen heimlichen Jüngern

des Franz von Umbrien gehört auch der junge deutsch-amerikanische

Mediziner, der einmal in einer Gesellschaft sagen sollte, wie er

über die Religion denke, und darauf die allgemein für dumm gehaltene

Antwort gab: »~Well~, wenn ich spazierengehe und ich möchte eine Blume

pflücken, tue es aber nicht, weil ich gut zu ihr fühle und spüre, daß

sie auch möchte geliebt sein und Samen bringen, ~well~, das ist ~my

religion~!«

[Illustration: Phot. B. Haldy.

Der Wanderer · 第 86 / 110 题