2. Der Rucksack.

»Ich han myn Bündel nun gesnallt,

Muß snallen noch myn Herz.«

Wer so empfindet, der bleibe lieber zu Hause, bis »syn« Herz wieder

ganz frei geworden ist. _Frei_ muß der Bursch sein, wenn er wandern

will, vorausgesetzt, daß er nicht lieber allein mit seinem übervollen

Herzen loszieht. Denn in solchem Falle gibt es nichts Besseres als

seine Gefühle, die wirklichen wie die vermeintlichen, zu verlaufen und

-- zu verschwitzen. Das sind gemütlose Bemerkungen -- ich weiß es --

aber sie sind probat!

Beim Rucksackpacken muß Feiertagsstimmung sein, und man muß, wie

der alte deutsche Mystiker Ekkehardus so schön sagt, »sich aller

Dinge ledig wissen«. Der Deutsche unserer Tage ist gewöhnt, daß ihm

in Büchern alles klein vorgekaut wird, und der Ratschläge, was ein

richtig gepackter Rucksack alles enthalten müsse, gibt es zahllose. »Je

weniger, desto besser,« ist ein schlechter Rat. Noch schlechter aber

ist der andere: »Ja nichts vergessen!« Es gibt treffliche Menschen,

wahre Ritter der Peinlichkeit, die können vor der Ausfahrt ein ganzes

Haus unglücklich machen, weil sie drei Tage lang vorher mit langen

Zetteln, worauf »alles verzeichnet ist«, herumgeistern. Wegen einer

in ihrem tiefsinnig ausgeklügelten Nähzeug fehlenden Sicherheitsnadel

können sie es bei Mutter und Schwester zu geradezu erschütternden

Auftritten kommen lassen, die des Hauswesens ruhigen Bestand ernstlich

gefährden. Andre wieder sehen selig lächelnd der Stunde des Abmarsches

entgegen, und wenn ihnen nicht irgendein guter Geist den Rucksack

packt, so nehmen sie ihn eben »so« mit.

Die Wahrheit liegt in der Mitte.

Lerne zu Hause schon entbehren, mache dich unabhängig von dem

Beefsteak, ohne das du angeblich nicht leben kannst! Vermeide das

»Glas Bier«, ohne das du angeblich nicht schlafen kannst, und lasse

die vielen Zigarren und Zigaretten, ohne die du allerdings meist nicht

nur angeblich, sondern wirklich den Humor verlierst! Habe den Mut, ihn

zu verlieren! Die Bäume draußen im Wald und die grünen Matten werden

ihn nicht entbehren, wenn du schnaubend hindurchrasest, um wieder

dein eigener Herr zu werden. In alledem aber werde kein Fanatiker

und kein Prahlhans deiner Enthaltsamkeit. Hast du dann noch wieder

gelernt, was des alten Adam erste Beschäftigung war, als der Herr ihm

»einen lebendigen Odem« in die Nase blies, nämlich _atmen_, _richtig

atmen_, _menschenwürdig atmen_, das heißt von der Luft zu einem guten

Teil _leben_, dann kannst du's wagen, wagen mit einem Rucksack, der

nicht mehr enthält als zwei Woll- oder Lahmannhemden (ich kenne keine

alleinseligmachende Unterwäsche!), mit zwei leichten Unterbeinkleidern

(es gibt jetzt sehr bequeme nur bis an die Knie, die zugleich als

Badehose benutzt werden können), einigen Taschentüchern, zwei

Halsbinden, Seife, Nähzeug usw., und was außerdem deine persönlichen

Bedürfnisse, Skizzenblock, Farbenschachtel usw. sind. Von Strümpfen

und Socken ist im nächsten Kapitel besonders die Rede. Hast du noch

alle Schul- und Erwerbssorgen so gründlich zu Hause gelassen, daß sie

nicht die Lust ankommt, dir nachzureisen, dann bist du ein freierer,

fröhlicherer Wanderer als alle, die in jeder Stadt auf ein noch nicht

angekommenes oder schon wieder an die besorgte Mutter zurückgegangenes

Paket warten und nie ohne Befürchtung und Wünsche sind. Allerdings muß

man bei solch leichtem Gepäck manchmal an einem Waldbach einen halben

Wäschetag veranstalten, was aber auch seine Reize hat.

Leicht' Gepäck, mein Jung', das ist das halbe Glück auf Erden überhaupt

-- und beim Wandern insbesondere.

Es wäre nun auch noch vom Kochzeug zu reden. Ich will gar nicht

behaupten, daß es nicht noch besseres Kochgeschirr und praktischere

Apparate gebe als die, welche ich im Gebrauch habe. Aber ich persönlich

habe nur die besten Erfahrungen mit den Aluminiumausrüstungen von

Ecklöh in Lüdenscheid gemacht!

Die Zupfgeige ist kein so unentbehrliches Geräte beim Wandern, daß

man da besondere Ratschläge geben müßte. Es wird auch schon so genug

gezupft, und bei all dem Guten, was die wiederauflebende einfache Kunst

unserer Urgroßeltern mit sich gebracht hat, an dem Stück spielerischer

Unwahrheit, dem »Holdrio«-Ton und so manchem anderen Gespielten ist die

Zupfgeige zum Teil schuld. Es gibt Wanderer, deren innerer Mensch an

ihrer guten Stimme und an ihrer schönen Zupfgeige langsam, aber sicher

zugrunde geht.

Also hüte dich! Das Wandern ist mehr als das Zupfgeigen. Und nun noch

ein Wort zum Preis des Rucksacks. Das Schönste am Rucksack ist das

Glück des Bündelschnallens, jene selige Unrast -- nicht die unselige

Hast! --, die uns beschleicht, wenn es endlich nicht mehr zu bezweifeln

ist, daß wir gehen können. Denn was kommt nicht immer noch alles

dazwischen, besonders bei uns älteren Semestern!

Wenn nun der »Bündelestag«, wie sie im Wald droben sagen, da ist,

dann wird der Rucksack lebendig, der alte, treue, höchst unfein

dreinschauende Rucksack! Alles, was er mit uns erlebt, schwebt aus

seinem wettergebleichten, einmal grasgrün gewesenen Segeltuch heraus

und sagt viele, viele Male: »Weißt du noch?«

Ach, wenn ich an den Lederranzen, an die ungefügige Reisetasche

denke, die auch noch Scheffel, der Bruder Josephus vom dürren Ast

als Juniperus durch die Täler da oben trug, und an den damals

vorgeschriebenen »achteckigen« Reiseschal, wie groß wird dann die

Bewunderung vor dem genialen Erfinder dieser einfachsten aller

Wandertaschen, des Rucksacks, dieses Gehäuses für alles, was eines

Wanderers Herz begehrt und braucht. Tintenkleckse, Harzflecken, die

Spuren zerbrochener Toilettenwasserfläschchen (denn auch ich war einst

in Arkadien geboren!) und so vieles andere zeugt vom bewegten Leben

seines richtigen Wandererherzens, und an allen Lasten des Erdendaseins

hab' ich schwerer getragen als an meinem jetzt graugrünbraunen

Rucksack, der -- nach dieser schönen Rede! -- alle Brüder von ähnlich

bewegter Vergangenheit hiermit grüßen läßt. Er ist ein Wissender

geworden in all den Jahren, aber er liebt das Schweigen -- Gott sei

Dank -- mehr wie sein Herr, der über all das »schreiben« muß.

Der Wanderer · 第 75 / 110 题