»Ich han myn Bündel nun gesnallt,
Muß snallen noch myn Herz.«
Wer so empfindet, der bleibe lieber zu Hause, bis »syn« Herz wieder
ganz frei geworden ist. _Frei_ muß der Bursch sein, wenn er wandern
will, vorausgesetzt, daß er nicht lieber allein mit seinem übervollen
Herzen loszieht. Denn in solchem Falle gibt es nichts Besseres als
seine Gefühle, die wirklichen wie die vermeintlichen, zu verlaufen und
-- zu verschwitzen. Das sind gemütlose Bemerkungen -- ich weiß es --
aber sie sind probat!
Beim Rucksackpacken muß Feiertagsstimmung sein, und man muß, wie
der alte deutsche Mystiker Ekkehardus so schön sagt, »sich aller
Dinge ledig wissen«. Der Deutsche unserer Tage ist gewöhnt, daß ihm
in Büchern alles klein vorgekaut wird, und der Ratschläge, was ein
richtig gepackter Rucksack alles enthalten müsse, gibt es zahllose. »Je
weniger, desto besser,« ist ein schlechter Rat. Noch schlechter aber
ist der andere: »Ja nichts vergessen!« Es gibt treffliche Menschen,
wahre Ritter der Peinlichkeit, die können vor der Ausfahrt ein ganzes
Haus unglücklich machen, weil sie drei Tage lang vorher mit langen
Zetteln, worauf »alles verzeichnet ist«, herumgeistern. Wegen einer
in ihrem tiefsinnig ausgeklügelten Nähzeug fehlenden Sicherheitsnadel
können sie es bei Mutter und Schwester zu geradezu erschütternden
Auftritten kommen lassen, die des Hauswesens ruhigen Bestand ernstlich
gefährden. Andre wieder sehen selig lächelnd der Stunde des Abmarsches
entgegen, und wenn ihnen nicht irgendein guter Geist den Rucksack
packt, so nehmen sie ihn eben »so« mit.
Die Wahrheit liegt in der Mitte.
Lerne zu Hause schon entbehren, mache dich unabhängig von dem
Beefsteak, ohne das du angeblich nicht leben kannst! Vermeide das
»Glas Bier«, ohne das du angeblich nicht schlafen kannst, und lasse
die vielen Zigarren und Zigaretten, ohne die du allerdings meist nicht
nur angeblich, sondern wirklich den Humor verlierst! Habe den Mut, ihn
zu verlieren! Die Bäume draußen im Wald und die grünen Matten werden
ihn nicht entbehren, wenn du schnaubend hindurchrasest, um wieder
dein eigener Herr zu werden. In alledem aber werde kein Fanatiker
und kein Prahlhans deiner Enthaltsamkeit. Hast du dann noch wieder
gelernt, was des alten Adam erste Beschäftigung war, als der Herr ihm
»einen lebendigen Odem« in die Nase blies, nämlich _atmen_, _richtig
atmen_, _menschenwürdig atmen_, das heißt von der Luft zu einem guten
Teil _leben_, dann kannst du's wagen, wagen mit einem Rucksack, der
nicht mehr enthält als zwei Woll- oder Lahmannhemden (ich kenne keine
alleinseligmachende Unterwäsche!), mit zwei leichten Unterbeinkleidern
(es gibt jetzt sehr bequeme nur bis an die Knie, die zugleich als
Badehose benutzt werden können), einigen Taschentüchern, zwei
Halsbinden, Seife, Nähzeug usw., und was außerdem deine persönlichen
Bedürfnisse, Skizzenblock, Farbenschachtel usw. sind. Von Strümpfen
und Socken ist im nächsten Kapitel besonders die Rede. Hast du noch
alle Schul- und Erwerbssorgen so gründlich zu Hause gelassen, daß sie
nicht die Lust ankommt, dir nachzureisen, dann bist du ein freierer,
fröhlicherer Wanderer als alle, die in jeder Stadt auf ein noch nicht
angekommenes oder schon wieder an die besorgte Mutter zurückgegangenes
Paket warten und nie ohne Befürchtung und Wünsche sind. Allerdings muß
man bei solch leichtem Gepäck manchmal an einem Waldbach einen halben
Wäschetag veranstalten, was aber auch seine Reize hat.
Leicht' Gepäck, mein Jung', das ist das halbe Glück auf Erden überhaupt
-- und beim Wandern insbesondere.
Es wäre nun auch noch vom Kochzeug zu reden. Ich will gar nicht
behaupten, daß es nicht noch besseres Kochgeschirr und praktischere
Apparate gebe als die, welche ich im Gebrauch habe. Aber ich persönlich
habe nur die besten Erfahrungen mit den Aluminiumausrüstungen von
Ecklöh in Lüdenscheid gemacht!
Die Zupfgeige ist kein so unentbehrliches Geräte beim Wandern, daß
man da besondere Ratschläge geben müßte. Es wird auch schon so genug
gezupft, und bei all dem Guten, was die wiederauflebende einfache Kunst
unserer Urgroßeltern mit sich gebracht hat, an dem Stück spielerischer
Unwahrheit, dem »Holdrio«-Ton und so manchem anderen Gespielten ist die
Zupfgeige zum Teil schuld. Es gibt Wanderer, deren innerer Mensch an
ihrer guten Stimme und an ihrer schönen Zupfgeige langsam, aber sicher
zugrunde geht.
Also hüte dich! Das Wandern ist mehr als das Zupfgeigen. Und nun noch
ein Wort zum Preis des Rucksacks. Das Schönste am Rucksack ist das
Glück des Bündelschnallens, jene selige Unrast -- nicht die unselige
Hast! --, die uns beschleicht, wenn es endlich nicht mehr zu bezweifeln
ist, daß wir gehen können. Denn was kommt nicht immer noch alles
dazwischen, besonders bei uns älteren Semestern!
Wenn nun der »Bündelestag«, wie sie im Wald droben sagen, da ist,
dann wird der Rucksack lebendig, der alte, treue, höchst unfein
dreinschauende Rucksack! Alles, was er mit uns erlebt, schwebt aus
seinem wettergebleichten, einmal grasgrün gewesenen Segeltuch heraus
und sagt viele, viele Male: »Weißt du noch?«
Ach, wenn ich an den Lederranzen, an die ungefügige Reisetasche
denke, die auch noch Scheffel, der Bruder Josephus vom dürren Ast
als Juniperus durch die Täler da oben trug, und an den damals
vorgeschriebenen »achteckigen« Reiseschal, wie groß wird dann die
Bewunderung vor dem genialen Erfinder dieser einfachsten aller
Wandertaschen, des Rucksacks, dieses Gehäuses für alles, was eines
Wanderers Herz begehrt und braucht. Tintenkleckse, Harzflecken, die
Spuren zerbrochener Toilettenwasserfläschchen (denn auch ich war einst
in Arkadien geboren!) und so vieles andere zeugt vom bewegten Leben
seines richtigen Wandererherzens, und an allen Lasten des Erdendaseins
hab' ich schwerer getragen als an meinem jetzt graugrünbraunen
Rucksack, der -- nach dieser schönen Rede! -- alle Brüder von ähnlich
bewegter Vergangenheit hiermit grüßen läßt. Er ist ein Wissender
geworden in all den Jahren, aber er liebt das Schweigen -- Gott sei
Dank -- mehr wie sein Herr, der über all das »schreiben« muß.