Beide sind des Wanderers eigentlichster Lebensuntergrund. Es ist
niemals ganz gleichgültig, auf welchem Fuße wir leben, aber für den
Wanderer wird die Fußfrage zur Alternative: Sein oder Nichtsein! In
unserem Falle heißt das: Wandern oder Nichtwandern.
Es ist etwas Erhebendes, wenn der Mensch nach dem schönen Wort des
Dichters das Haupt in den Wolken trägt; wenn er aber hinter einer
morgenfrischen, trittfesten Schar junger Wanderer, bei allem Heroismus
der Schmerzüberwindung, doch so vorsichtig einhergeht, als ob die
Straße voll frischer Eier läge, so ist solches nicht sehr erhebend.
Die Grenzen unserer Bedürfnisse, soweit sie der Rucksack enthält,
sind dehnbar und von unserer Persönlichkeit und unserem Vorleben
abhängig; aber unerbittlich sind die Satzungen für unsere Füße, die
zwar des Wanderers treueste Diener, aber auch seine Despoten sind.
Sie entscheiden über sein Wohl und Wehe. Jedem Rekruten wird es unter
Mithilfe von ernstlichen Suggestionen in der Richtung von drei Tagen
Mittelarrest beigebracht, daß der Schutz des Vaterlandes im innigsten
Zusammenhang stehe mit dem Zustande seiner »Untertanen«. Und doch,
wie mancher Jüngling und wie manche Jungfrau zogen schon aus, um
bereits am ersten Tag der Wanderschaft ihr Damaskus zu erleben, d. h.
ihre Bekehrung zum einzigen Götzendienst, den der Wanderer mit den
Gliedmaßen seines Körpers treiben darf. Die Fußpflege ist das Abc der
Wanderkunst, so peinlich das poetisch veranlagte Gemüter auch berühren
mag. Vor allem ist die Ferse jedes Wanderers seine -- man vergebe
diesen sachlich einwandfreien Kalauer! -- Achillesferse. Schon manchmal
ist einer wegen einer einfachen Wasserblase auf der Strecke geblieben,
und andere, härtere Naturen, die sich nicht ergaben, wissen, wie eine
solche Lappalie uns völlig genußunfähig machen kann. Keinem passiert es
zum zweitenmal.
Der Fuß des Wanderers soll vor dem Antritt jeder größeren Tour eine
zweckentsprechende Behandlung erfahren; zunächst durch kleine und
stufenweise in Dauer und Schwierigkeit wachsende Märsche, sodann durch
Abhärtung und schließlich _durch Gewöhnung an den Wanderschuh_.
Die heute so beliebte Abhärtung durch Barfußgehen oder durch das Tragen
von Sandalen macht die Fußhaut zwar unempfindlicher gegen Wind und
Wetter, aber desto empfindlicher gegen die während einer langen Zeit
nicht mehr in Betracht gekommene Reibung der oberen Fußhaut an den
Schäften geschlossener Schuhe. Andere als geschlossene Schuhbekleidung
kann aber beim Wandern nicht in Betracht kommen. Das lästige Eindringen
von Sand und Steinen in die Sandalen und Halbschuhe ist auf die Dauer
nicht auszuhalten.
[Illustration: Tafel V
Chr. Meisser phot.