3. Von den Schuhen und den Füßen.

Beide sind des Wanderers eigentlichster Lebensuntergrund. Es ist

niemals ganz gleichgültig, auf welchem Fuße wir leben, aber für den

Wanderer wird die Fußfrage zur Alternative: Sein oder Nichtsein! In

unserem Falle heißt das: Wandern oder Nichtwandern.

Es ist etwas Erhebendes, wenn der Mensch nach dem schönen Wort des

Dichters das Haupt in den Wolken trägt; wenn er aber hinter einer

morgenfrischen, trittfesten Schar junger Wanderer, bei allem Heroismus

der Schmerzüberwindung, doch so vorsichtig einhergeht, als ob die

Straße voll frischer Eier läge, so ist solches nicht sehr erhebend.

Die Grenzen unserer Bedürfnisse, soweit sie der Rucksack enthält,

sind dehnbar und von unserer Persönlichkeit und unserem Vorleben

abhängig; aber unerbittlich sind die Satzungen für unsere Füße, die

zwar des Wanderers treueste Diener, aber auch seine Despoten sind.

Sie entscheiden über sein Wohl und Wehe. Jedem Rekruten wird es unter

Mithilfe von ernstlichen Suggestionen in der Richtung von drei Tagen

Mittelarrest beigebracht, daß der Schutz des Vaterlandes im innigsten

Zusammenhang stehe mit dem Zustande seiner »Untertanen«. Und doch,

wie mancher Jüngling und wie manche Jungfrau zogen schon aus, um

bereits am ersten Tag der Wanderschaft ihr Damaskus zu erleben, d. h.

ihre Bekehrung zum einzigen Götzendienst, den der Wanderer mit den

Gliedmaßen seines Körpers treiben darf. Die Fußpflege ist das Abc der

Wanderkunst, so peinlich das poetisch veranlagte Gemüter auch berühren

mag. Vor allem ist die Ferse jedes Wanderers seine -- man vergebe

diesen sachlich einwandfreien Kalauer! -- Achillesferse. Schon manchmal

ist einer wegen einer einfachen Wasserblase auf der Strecke geblieben,

und andere, härtere Naturen, die sich nicht ergaben, wissen, wie eine

solche Lappalie uns völlig genußunfähig machen kann. Keinem passiert es

zum zweitenmal.

Der Fuß des Wanderers soll vor dem Antritt jeder größeren Tour eine

zweckentsprechende Behandlung erfahren; zunächst durch kleine und

stufenweise in Dauer und Schwierigkeit wachsende Märsche, sodann durch

Abhärtung und schließlich _durch Gewöhnung an den Wanderschuh_.

Die heute so beliebte Abhärtung durch Barfußgehen oder durch das Tragen

von Sandalen macht die Fußhaut zwar unempfindlicher gegen Wind und

Wetter, aber desto empfindlicher gegen die während einer langen Zeit

nicht mehr in Betracht gekommene Reibung der oberen Fußhaut an den

Schäften geschlossener Schuhe. Andere als geschlossene Schuhbekleidung

kann aber beim Wandern nicht in Betracht kommen. Das lästige Eindringen

von Sand und Steinen in die Sandalen und Halbschuhe ist auf die Dauer

nicht auszuhalten.

[Illustration: Tafel V

Chr. Meisser phot.

Der Wanderer · 第 76 / 110 题