Gib acht! Das Kleid ist ein Steckbrief, und ahnungslos schreibst du ihn
dir selber. Die Hotelportiers und Kellner, die mit einem unbestechlich
kalten Blick das Äußere der ankommenden Gäste und besonders den Zustand
und die Preislage der Stiefel überfliegen und danach ihren Mann in
irgendeinem Schubfach einrangieren, haben so unrecht nicht. Die Methode
ist zwar grob, aber fürs Gröbste genügt sie. Damit wollte ich nur auf
die Gefahr jedes »Kostüms« hinweisen.
Anderseits geht es nicht gut an, vor einer Wanderung nur deshalb die
Wandlung zu einem frischen, schlichten, frohen Menschen durchzumachen,
damit nach der einzig richtigen Methode das äußere Gewand uns sozusagen
von innen heraus anwachse, die Kleidung sozusagen das Symbol des
Herzens werde und ja niemandem der edle Kern unter der angenehm
bescheidenen Hülle entgehe.
Und drittens hinwiederum läßt sich das alles eben überhaupt nicht
_machen_, sondern es geschieht mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit,
nach der alles von innen nach außen wird. Da helfen alle Faxen nicht.
Ich kenne einen Mann, der trägt manchmal, obwohl er nicht in Oberbayern
wohnt, bei fröhlich festlichen Gelegenheiten »Gamslederne« mit
gestickten Hosenträgern, aber niemand käme auf den Gedanken, er habe
sich kostümiert. Denn er ist darin der gleiche Mensch wie im Gehrock.
Und ein anderer lebt schon jahrelang in den Bergen. Als er aber einmal
mit seinem gemildert prätentiösen Asphaltschritt in »Gamsledernen«
und im grünem »Hüterl« einem alten Oberbayern begegnete, da blieb
dieser mit grinsendem Erstaunen stehen und fragte mit der unzarten
Herzenseinfalt solcher Gebirgler: »Ja, sag mei Liaba, wie bist au du
nur in des G'wandl eini kimme?«
_Das ist's._ Das G'wandl!
Man erwarte also von mir keine Vorschläge in der Richtung der einzig
richtigen Wander»kluft«. Schon deshalb nicht, weil sich ein jeder ja
doch so anzieht, wie er es für am wirkungsvollsten hält.
Es gehört ja nicht zu den erfreulichsten Seiten der modernen
Wanderbewegung, daß wir im Wald und auf der Heide, in Bahnhöfen und in
Großstadtstraßen immer mehr fragwürdige Gestalten von tragikomischer
Ausrüstung sehen. Ihre gefärbten Hahnenfedern auf dem grünen
Jägerhütchen, ihre mit Bändern von allen Regenbogenfarben geschmückten
Zupfgeigen und ihre ausgesucht auffallend gemusterten Strümpfe über
den erbarmungswürdigen Waden reizen nur um so mehr zu Spott, als sie
die blasierte Fadheit der dazugehörigen Gesichter nur desto mehr
hervorheben. Diese Beckmesser der deutschen wandernden Jugend sind zum
Glück nicht in der Überzahl. Denn den meisten unter der Jungmannschaft,
auf deren Schultern ein großer Teil unserer Zukunftshoffnungen liegt,
ist es doch schon aufgegangen, daß nur _der_ beseligt aufgehen kann in
der Herrlichkeit und Größe der Allschöpfung, der mit keiner Faser mehr
danach strebt, die Aufmerksamkeit auf seinen sonderbar ausstaffierten
Leichnam zu lenken.
Also: jeder suche sich _sein_ Wanderkleid! Denn die Einförmigkeit des
graugrünen »Sportanzuges« mit Gürtel und Quetschfalten, der für den
deutschen »Vergnügungsreisenden« schon so witzblätterhaft typisch
geworden ist wie früher der großkarierte Nanking für den Engländer,
ist auch nichts Erhebendes. Das erste sei _Haltbarkeit_! Denn wer sich
aus Angst für seinen Hosenboden nicht auf jeden Felsen oder Baumstamm
setzen kann, der ist ein armer Mann und ein Spott von Wind und Wetter
und der eigenen Kameraden. Alles junge Wandervolk, das oft noch am
Nachmittag nicht weiß, wo am Abend das Haupt hinlegen, braucht außer
einer widerstandsfähigen »Kluft« einen nicht zu schweren Wettermantel,
einen Lodenumhang, und womöglich ein Stück von wasserdichtem
Mosettigbatist (etwa 1,50 auf 1,50 ~m~ groß), der, auf Handbreite
zusammengelegt, sich bequem in die Tasche stecken läßt und bei
unvorhergesehenen Freilagern gute Dienste gegen Feuchtigkeit leistet.