Wenn das Verhältnis nicht ähnlich ist, dann wird das Wandern zu zweit
gar leicht gestört durch Reibungen und Meinungsverschiedenheiten, zu
deren Schlichtung der dritte Mann fehlt, oder man wird sich bei dem
großen Bedürfnis des Menschen nach Wechsel allzurasch überdrüssig, ohne
es sich -- was das Schlimmste ist -- zuzugestehen.
Zu dritt oder zu viert geht es sich nur gut, wenn langjährige nahe
Beziehungen schon die Linien des Drei- oder Vierecks gezogen haben.
Eine gewisse Sicherheit des guten Auskommens fängt erst beim halben
Dutzend an, und daß beim Hordenwandern die Mindestzahl zwölf und die
Höchstzahl zwanzig beträgt, das hat seine guten Erfahrungsgründe.
In der wandernden Horde läßt sich das Bedürfnis, besonders der jüngeren
Menschen, sich einem anderen Gleichgesinnten anzuschließen oder,
objektiver und richtiger ausgedrückt, die Lücken seiner besonderen
Veranlagung auszugleichen durch den inneren Bestand des entgegengesetzt
veranlagten Freundes, viel leichter befriedigen. Dazu kommt noch die
Notwendigkeit, sich schon aus reiner Selbstsucht willig ins Ganze
einzuordnen und dem Führer unterzuordnen. Aber damit kommen wir schon
zu dem Kapitel:
Der Wanderschuh als Erzieher.
Ohne das Wort »Erziehung« geht es heute nun einmal nicht mehr. Es _muß_
erzogen werden. Die Welt ist voller tatenlustiger Schulmeister, die
umhergehen, zu suchen, wen sie erziehen könnten.
Warum läßt man denn die jungen Menschen -- und die alten dazu -- nicht
unmittelbarer, nämlich durch das Leben selbst, erziehen? Es hat es ja
noch kein Schulmeister in der Welt weiter gebracht als dazu, daß seine
Schüler nach ein oder zwei Jahrzehnten merkten: »Er hat wahrhaftig
recht gehabt!« Der Mensch läßt sich schon von Jugend an eines seiner
größten Vorrechte nicht beschneiden, das Recht, nur durch höchsteigenen
Schaden klug zu werden.
Wenn man aber von diesen Anzüglichkeiten absieht, dann allerdings muß
man sagen, daß es kaum eine bessere Schule fürs Leben gibt als die
_gemeinsamen Wanderungen_, die nun alljährlich in immer steigendem Maße
von der erwachsenen Jugend aller Bevölkerungsklassen im Sommer wie im
Winter unternommen werden. Ich will dabei ganz von den Vereinigungen
absehen, die, wie die Pfadfinder und die Freischaren, neben ethisch
hochstehenden hauptsächlich militärische Ziele im Auge haben und die
-- wohl ganz wider Willen -- in der Richtung der Entwicklung des
Heerwesens zur Miliz wirken.
Das Wandern junger (und älterer) Männer zusammen wirkt schon ohne
alle aufdringliche Erziehung in hohem Maße erzieherisch, weil es
täglich jeden Teilnehmer vor die Lösung des großen Problems der
Gegenwart: »_Menschen untereinander_« bringt. Und dies in Lagen, die
an das Gemeinschaftsempfinden des einzelnen viel höhere Anforderungen
stellen, als es bei der gewöhnlichen Art, wie junge _Menschen_ bisher
gewöhnlich _untereinander_ waren, der Fall sein konnte, nämlich auf der
Bierbank, wo reichlich Alkohol und Tabak das ursprünglich im Menschen
lebende Gefühl des Widereinander lähmten, um allerdings später desto
unverhüllter zur Geltung zu kommen. Draußen aber in den Bergen oder
auf der Heide wird es jedem unter dem Dutzend angehender Staatsbürger
täglich mehrere Male zum Bewußtsein gebracht, daß sein Wohlbefinden und
seine gute Stimmung in hohem Maße abhängig sind von der Haltung der
Wanderkameraden, die ihrerseits wieder bestimmt wird durch die Art,
wie _er_, der einzelne, seine Pflichten erfüllt, und wie er sich auch
sonst, rein von der Gemütsseite aus, zum Ganzen stellt. Das Gliedhafte
seines Daseins wird dem Wandervogel, dem Gesellen oder wie er heißen
mag, zum erstenmal ganz deutlich klar, und zwar weit mehr als in der
Schule, wo er leicht ohne große Nachteile ein egoistisch beschränktes
Einzeldasein führen konnte. In jedem Augenblick kann an den Wanderer
die Entscheidung herantreten, ob er, unter Aufgabe seiner eigenen
augenblicklichen Bequemlichkeit, eines Kameraden kleine oder große Not
zu der seinen machen will, mag es sich um die Übernahme eines Teils
der schweren Traglast des anderen handeln, um ein gutes Wort, wenn des
Kameraden Herz ihm etwas Schweres anvertraut, oder um einen Taler, den
jener nicht hat.
[Illustration: Phot. W. Riegger.