Am rauschenden Bach, der zwischen hellen Matten und dunklem Wald
dahinschoß, sah ich gestern ein Mädchen, das reihte an einer dünnen
Gerte weiße Gänseblümchen und violettes Knabenkraut auf. Ein zwei-
und ein dreijähriges Kind, Mädel und Bub, sahen ihm mit beglückten
großen Augen bei der Arbeit zu. Der junge Adam bekam einen Reif aus
blühendem Sauerampfer und rotem Klee, und die kleine Eva einen aus
Orchideen und Hahnenfuß. Ihr solltet einmal gesehen haben, mit welch
würdiger Bescheidenheit so ein kleines Mädchen oder mit wieviel
schämiger Andacht der wilde Bube seinen Kranz trägt. Sie wissen noch,
daß sie dazu gehören. Zu alledem: zu den blühenden Wiesen und den
grünen Hainen, zu den Vögeln, die durch die Lüfte schwirren, und
zu den Käfern, die, grüngolden, sich nach allen Seiten hin retten,
wenn so ein Niedeckkind aus seiner Burg stampfend und trampelnd in
ihre winzige Insektenwelt geraten ist. Das sind noch Königskinder
gewesen, verlaufene! Und als das Mädeli mit der dunkeln Krone auf den
goldblonden Locken und das Bübli mit dem herberen Schmuck eines Ringes
aus rötlichen Kleeblüten über dem kurzen Haar anfingen zu singen:
Alles neu macht der Mai,
Macht die Seele frisch und frei,
da tauchte vor mir die versunkene Stadt Vineta wie ein sonniges
Nebelbild wieder auf, oder, um es modern auszudrücken, ich erlebte
wieder ein Stückchen Himmelreich.
Packet also eure Rucksäcke, ergreift eure Stäbe, gehet hin und tuet
desgleichen! Wir wollen _nicht_ werden wie die Kinder. Bewahre! Dies
Bemühen hat seine bedenklichen Gefahren; denn vom Kindlichen zum
Kindischen ist es nicht weit. Aber »das Himmelreich annehmen als ein
Kind« -- das ist es. Das ist die gute Übersetzung des alten Textes
vom alten ~Dr.~ Martinus Luther, der zwar keineswegs meine ganze
schwärmerische Verehrung besitzt, der aber ein -- Lautherr war und sich
auf Deutsch verstand, noch besser sogar als mancher deutsche Oberlehrer
oder Gymnasialprofessor.
Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen?
Vom einsamen Wandern will ich nicht reden. Das _muß_ man entweder oder
man ist gar nicht dafür geschaffen. Eine Bücherfrage ist das nicht --
sondern Privatsache.
Zu zweit? »~Two is no society~,« sagen die Engländer, und die verstehen
sich auf Lebens- und Wanderkunst. Aber es gibt Ausnahmen von dieser
Regel. Wenn ein junger Mann mit seiner Braut, ein Mann mit seinem Weib
die graue Alltäglichkeit des Lebens vertauschen mit dem freien Wandern
über Berg und Tal, dann sind die beiden »~society~«. Sie erfassen die
Welt mit einer verstärkten Anziehungskraft der Seelen, und in ihrem
doppelten Augenpaar spiegelt sich alles Sichtbare doppelt schön. Die im
psychischen Wechselstrom ihrer Empfindungen erzeugte hohe Voltspannung
ihrer geeinigten Seelen leuchtet tiefer in die halb milde, halb herbe
Verworrenheit der deutschen Landschaft, und ihre Sinne erfüllen sich
weit mehr mit den vollen Lauten des rauschenden Daseins, als wenn sie
allein wären. So leben sie im Widerspiel gegenseitiger Erhöhung des
Innern wie des Äußern. Und darum ist solches Gehen zu zweit die höchste
Form des Wanderns.
Solche Zweisamen wandern gar nicht zu zweit. Sie sind _eins_. Sie
brauchen nicht unter allen Umständen Mann und Frau zu sein. Es gibt
auch Jünglingsfreundschaften, die das Wandern zu einem hochsinnigen
Leben machen. Aber sie sind selten. Solche Wandererkameraden sind, wie
der Koran sagt, »von Gott gelehrt«. Und der helle Blick des einen läßt
aus des anderen Mund wortarme, aber reine Weisheit über die Schönheit
der Welt hervorbrechen. Kennt ihr sie nicht, die zwei, die man da und
dort einmal sieht und die leichten Schritts und mit leuchtenden Augen
die Wonne des Daseins fest und frei, froh und stark ergreifen und
genießen? Der Eine und die Eine?
[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.