Heimkehr vom Felde.]

Jeder Wandersmann kann auf dem Lande bei den Bauern, die weder die

»braven Menschen« noch die »hinterlistigen Brüder« sind, als die

sie Oberflächlichkeit und Gescheittuerei gewöhnlich bezeichnen,

unsagbar viel lernen, sowohl für den praktischen Sinn als auch für

sein innerstes Leben. Denn die Helden des Alltags, die oft einem

überschweren Schicksal eine harte Stirn bieten und mit hellen Augen in

die unsichere Weite sehen, die sind am ehesten bei den »dummen Bauern«

zu finden.

Wer also nicht nur für schöne alte Bäume und malerische Felsstücke

sich ins Zeug wirft, sondern für die Härte und Tragik eines rechten

Bauernlebens auch Sinn und Achtung hat, erst der ist ein eifriger

Schützer der Heimat. Es gibt seit uralten Zeiten einen Sport, und der

heißt »das Volk lieben«. Man ist »leutselig«, geht unter die »niederen

Klassen«, und wie das alles heißt. Besonders aber den Bauern treten

Städter als vorübergehende Sommerfrischlinge mit taktloser Zuneigung

nahe oder sie biedern sich, oft auch mit dialektischen Sprachversuchen,

in Bauernstuben an, ohne zu ahnen, wieviel _Weltgift_ sie hinaustragen

aufs Land und wie sie bei allem guten Willen _Heimatverderber_ sind.

Mögen sie's lassen! Unsre Liebe zur Heimat sei _Liebe_! Aber das

persönliche Verhältnis zur Heimat der andern Menschen, besonders der

Bauern, sei achtungsvoller Abstand und unaufdringliche Freundlichkeit.

Schauen, nicht schwärmen!

Das Natur_schwärmen_ ist vom Übel. Es ist unmännlich, krankhaft

und verschließt uns die Natur, anstatt sie uns zu erschließen. Das

Schwärmen ist die letzte Betätigungsmöglichkeit entarteter Menschen.

Sie machen aus dem Leiden eine Wollust und nennen sich gefühlvoll, ob

es nun wehmütig verzückt auf Werthersche Art oder schmerzlich-frech

nach Heine geschieht. Sie sehen die Natur mit _sentimentalen_ Augen

und erwählen sie zu ihrer Freundin, weil sie es unter den Menschen

und im Kampfgewühl nicht mehr aushalten. Aber über das gewaltige,

unbeugsame Leben in der Natur sehen sie hinweg. Sie ahnen nichts von

dem heroischen Kampf zartester Keimkräfte gegen die brutalen Gewalten

von Kälte und Sturm. Sie sehen nichts von dem ständigen Sieg des nie

erschlaffenden Werdenwollens und vernehmen nichts von den ewigen Wehen

der unerschöpflich fruchtbaren Gebärerin. Das aber ist _heroische_

Naturbetrachtung. Aus dieser Art des Schauens der Natur kann am

ersten der Menschen Zusammenhang mit der großen Macht des Weltalls

durchgespürt werden. Sie allein, die _heroische Naturbetrachtung_, ist

des jungen Riesen Antäus würdig, der immer wieder lernen kann aus der

unbeugsamen Zähigkeit alles Niedergetretenen. Und jeder junge Mann,

jeder noch nicht in unveränderlicher Satzung verkalkte Mensch ist ein

Antäus, der darauf zu achten hat, daß er auf der Erde bleibe -- der

festen.

Aber auch an einem anderen Kraftquell sollte er öfters trinken, der

Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts.

»Die Welt ist innerlich ruhig und still, und so muß auch _der_ Mensch

sein, der sie betrachten will« -- hat einmal einer der tiefsten

Erlauscher der Stille der Natur und einer der kraftvollsten Dichter

und Kämpfer gesagt, Gottfried Keller. Die Welt der Großstadt, des

Tramwaygeklingels, der Schaufenster und der Plakatsäulen hat uns die

Zugänge zu der Stille der Welt verschlossen, in der die unterirdischen

Quellen alles Seins rauschen. Wir müssen wieder danach auf die

Suche gehen. Wir alle, die wir im Zeitalter der Erkenntnis und der

kritischen Naturforschung glauben, das Leben zu haben.

Erkenntnis als Resultat spekulativer Dialektik ist etwas Großes. Aber

diese Erkenntnis allein tut es nicht. Das Wissen ist eine Macht;

aber wenn es meint, alles zu wissen, so wird ein Wähnen daraus, eine

blasierte Aufgeblasenheit, von der es zum geistigen Stillstand nicht

weit ist.

Es gibt noch andere Organe, um die Natur zu erfassen, als den

kritischen Verstand: das unmittelbare Schauen, die tief ursprüngliche

Empfindung, das _intuitive Erlebnis_. Diese bewahren uns vor der

geistigen Verknöcherung, die sich auf dem Wahn gründet, alles kritisch

erlernen zu können.

Wir dürfen das _Staunen nicht verlernen_. Die Großstadt hat es fast so

weit gebracht, daß die Menschen glauben, sie könnten alle Rätsel der

Natur in kinematographischen Theatern und wissenschaftlichen Vorträgen

gegen bescheidenes Eintrittsgeld gelöst bekommen. Wer aber nur einmal

auf Bergeshöhen dem schweigenden Atmen der Natur gelauscht, wer je die

fragenden Augen geschaut, die uns aus aller großen Einsamkeit ansehen,

der legt vor dieser Stille bescheiden seinen Dünkel nieder.

Das nimmt uns nicht die Lust, Kämpfer und Eroberer zu sein. Alles ist

unser. Die Welt ist unser. Aber wir müssen in ihr bleiben, wie sie in

uns -- _bleiben möchte_. Und wenn wir ihr das verwehren, dann werden

wir mit der Zeit mürbe, wurmstichig und innerlich zerfallen, trotz

aller hohen Ziele.

[Illustration: Bad Tönnisstein in der Eifel.]

Wenn wir uns selbst im Lichte stehen.

[Illustration: Phot. Ad. Saal.

Der Wanderer · 第 55 / 110 题