Das tun wir leider fast alle, ohne es zu wissen. Wir ahnen es nicht,
weshalb der »andere in uns«, der ewige Grübler oder -- wie er nicht
übel in einem neuen Roman genannt wird -- der »ewige Deutsche«, unserem
wirklichen helleren »Ich« so oft beim Schauen das Auge trübt. Wir hören
es ja oft genug, daß wir beim Schauen die Sorgen und die Gedanken und
die ungelösten Probleme zu Hause lassen sollen! Aber sie haben so lange
Beine, unsere Grillen und Sorgen, und haben uns so lieb -- und wandern
mit.
Wie wird man sie denn los und dazu den »anderen in uns«, der immer
etwas zu befürchten, etwas auszuklügeln hat und sich noch Gott weiß
was darauf einbildet, daß er ein so sorgender Mensch ist, der »an
alles denkt«? Und dabei stiefelt er _mit den Augen am Boden_ durch die
Herrlichkeiten der Welt und über die Freiheit der Berge und wagt es
nicht auch einmal, ordentlich zu niesen, anstatt auch einmal in den Tag
hineinzuleben wie ein halber Herrgott. -- Wie ein halber, bitte!
Wer ist eigentlich dieser fatale Weggenosse, der uns beim Alleinwandern
anhängt wie eine Klette und uns immer zuflüstert: »Ach, laß das alles
da draußen, die Berge, Wolken, Felder! Was ist das? _Du_ bist das
Wichtigste, der Wichtigste (oder die Wichtigste) bei alledem! _Du_,
_deine_ Gedanken, _deine_ Pläne, _deine_ Sorgen!«
Wenn man sich einmal klar darüber geworden ist, daß es sich hier nur
um eine der tausend Masken der lieben Eitelkeit handelt, dann ist
man der Befreiung von diesem störenden Gesellen schon um ein gutes
Stück näher. Und es ist nichts anderes als lächerliche Eitelkeit,
wenn wir z. B. beim Beschauen eines herrlich gewachsenen alten
Baumriesen oder bei der Entdeckung feiner, für die meisten Wald- und
Wiesenbummler verborgener Farbenübergänge auf einmal ganz im stillen
bemerken, wie sich in diesen gedankenlosen Vorgang (und _solche_
Gedankenlosigkeit kann nicht genug empfohlen werden!) ein seltsames
Sehnen hineinschleicht, ein Etwas, das uns ganz verbindlich mitteilt,
es sei doch eigentlich sehr nett, daß wir all diese Herrlichkeiten mit
solcher Intensivität des Erlebens erfassen -- _als einer der wenigen
unter den vielen_!
Das ist der Vorgang bei der so ziemlich gröbsten Form der Störung des
reinen Schauens durch das reflektierende Treiben der Gedanken, die sich
zwischen uns und das Geschaute wie eine Nebelwand stellen. Anstatt uns
zu helfen und uns die vor Augen liegenden Herrlichkeiten zu offenbaren,
strahlen unsere »Gedanken« und »Gefühle« nur ihre eigene Dürftigkeit
auf uns zurück. Daher das Wort »Reflexion«! was nichts anderes als wie
_Zurückstrahlen_ bedeutet. Der Mensch fühlt sich durch diese Reflexion
beleuchtet als _Einzahl_, als »derjenige, welcher!«
So werden wir vom »anderen in uns« ahnungslos um die tiefsten
Eindrücke betrogen. Statt objektiv die Natur zu erleben, genießen
wir subjektiv uns selbst. Das geschieht bei den meisten Menschen
automatisch, ganz ohne ihr Zutun. Aber jedesmal, wenn die Reflexion
mit biederer Ehrlichkeit uns auf die Achsel klopft und uns z. B. in
der Phantasie ausmalt, wie wir uns ausnehmen würden, wenn dieser oder
jener Bekannte uns, in ein solches Landschaftsbild versunken, _so_ in
dieser hingerissenen Stellung sehen könnte, dann empfinden wir doch als
Warnung ein fatales Gefühl im Hals!
Das ist dann die unwillkürliche Reflexbewegung einer gesunden Psyche.
Folge ihr! So viele Wanderer, die über steigende Nervosität auf
ihren Fahrten klagen, mögen sich einmal auf diesen Punkt hin selber
ausforschen. Wenn nicht anhaltende Überanstrengung die Ursache ihrer
verminderten Genußfähigkeit ist, dann treffen sie ganz sicher hier ihre
wunde Stelle.
Die Heilung liegt, wie die Heilung der allermeisten seelischen
Störungen, in der Befolgung des Losungswortes: _Los von dir selbst!_
Die neueste Psychologie hat ja die Ursache der meisten seelischen
Erkrankungen im Bewußtsein entdeckt!
Möglich ist die Heilung aber nur dadurch, daß man diesen _verneinenden_
Imperativ in einen bejahenden verwandelt. Der kann aber immer nur
lauten: _Bewußte und innige Hingabe an das Ganze!_
[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Vogesenklub.