Vor wenigen Tagen erst habe ich gelesen, was einer unserer feinsten
Wanderer und besten Erzähler, Hermann Hesse, über seine indische Fahrt
berichtet hat. Es war so viel Kühlheit, so viel vom Sichfremdfühlen
in der Schilderung all der östlich-südlichen Pracht; sein _Herz_ ging
erst auf, als er auf dem höchsten Berg Ceylons in herber, großer
Felsenlandschaft, umzogen von gewaltigen Wolkengebilden, die wer weiß
was alles an Sturm und Donner, an Blitz und Licht gebären wollten,
wieder an die Größe unserer nordischen Heimat erinnert wurde, »darin
wir uns das verlorene Paradies selber bauen müssen, weil wir dort im
alten Eden fremd geworden sind«. -- Gott sei Dank, hätte ich fast
gesagt zu dieser ergebenen Entschlossenheit des wehmütigen, wenn auch
klaren Heimatsuchers und Dichters.
Vom Rhythmus der Jahreszeiten.
Wir fangen wieder an, etwas vom ewigen und beglückenden Wechsel der
Dinge zu verstehen, obwohl uns die farbenschreiende Eintönigkeit
des Stadtlebens die Sinne zur Wahrnehmung des Gewöhnlichsten in
der Erscheinungswelt langsam geraubt hat. Wir ahnen es wieder, daß
Leben nichts als Bewegung und Bewegung nichts als Wechsel ist.
In der modernen Tanzkunst wird der Rhythmus, der nichts ist als
bewußt geleiteter und organisch geordneter Wechsel, als Erlöser von
Gedankenflucht und ähnlichen allgemein verbreiteten Nervenübeln, d. h.
unrhythmisch ablaufenden unbeherrschten Körperfunktionen, mit Erfolg
verwendet. Die Statistik entdeckt auf allen Lebensgebieten den Rhythmus
als wichtiges Gesetz.
Aber vom großen Rhythmus der Jahreszeiten, der besonders in unserer
gemäßigten Zone die unterschiedlichsten Bewegungskurven aufweist, kennt
die Menschheit, als Ganzes genommen, vorerst nur das grob Sinnfällige,
die gegenseitige Erhöhung aller Schönheitsunterschiede. In den vier
Jahreszeiten wird zwar auch schon vom harmlosen Gemüte genossen, aber
die leisen Übergänge und die zahllosen verstohlenen Kostümwechsel,
an denen sich die Natur in jeder Jahreszeit ergötzt, die sind auch
Wanderern von langjähriger Vereinsvergangenheit immer noch mit mehr als
sieben Siegeln verschlossen. Da gibt's nur eine Hilfe: »Schauen lernen!«
In meiner Heimat fängt's schon an im Vorfrühling, wenn der müde Winter
mit dem jungen Lenz seinen Strauß ausficht, und man, wie einmal
Goethe seiner Frau v. Stein schrieb, »im streichenden Februarwind den
kommenden Frühling riechen kann«. Da blühen bei uns neben schmutzigen
Schneezungen ganz schüchtern die ersten blaßgelben Primeln, und
in den vom Schneewasser der Berge dunkeln Bächen lassen sich die
goldenen Sumpfdotterblumen rütteln, daß man nicht weiß, ob's ihnen
dabei eigentlich angst oder wohl ist. Am Rande dunkler Wälder, die in
ahnungsvollem Schweigen darauf warten, was denn da wieder kommen will,
schluchzen sehnsüchtige Drosseln, die sich nichts mehr weismachen
lassen von dem immer schwächer werdenden Tyrannen, obwohl er noch
jeden Morgen mit Schneeschauern, seinen letzten Rückzugskanonaden, dem
leisen Knospen in allen Tälern bange machen will. Vorsichtig nimmt
der große Himmelsmaler von seiner Palette vorerst einmal nur die
ganz lichten, dünnen Farben: blasses Smaragdgrün für die sprießenden
Wiesen, schüchternes Indischrot für die treibenden Buchenwälder und ein
milchiges Blau für das Firmament. Damit lasiert er mehr, als daß er
forsch darauflospinselt, denn: man kann nicht wissen!
[Illustration: Hohentwiel. Von Norden gesehen.]
Aber in irgendeiner lauen, von Feuchtigkeit schwangeren Nacht und
gerade dann, wenn natürlich kein Mensch es ahnt, wird heimlich alles
neu; zuerst, wie es das Jungfräuliche an sich hat, voll beglückter
Verschämtheit, dann aber mit der rasenden Inbrunst und mit der vollen
Gewalt der Natur, wenn sie auf nichts mehr aus ist als auf das »Glück
des heißen Diebstahls«. Mit satten Farben dringt die Schöpfung ans
Licht, und der Himmel feiert wieder Hochzeit mit der alten Mutter Erde,
die sich so gut auf die kosmetischen Künste, vielleicht sind es auch
kosmische Künste, ewiger Verjüngung versteht.
[Illustration: Zur Verfügung gestellt von der Dampfschiffgesellschaft
Oberweser, Hameln.