Und während die Ebene sich schmückt, reicher denn eine Braut, haben die
Berge alle Arbeit, mitzukommen. Aber wenn sie einmal in Feststimmung
sind, dann geht es da droben in flottem Zeitmaß, und kaum ist die
letzte Schneegrube versickert, da verwandelt schon die violette Pracht
des mannshohen Wolfsmilchlattichs auch die greulichsten Schluchten in
zauberhafte Hochzeitssäle für das leichtsinnige Volk der Mücken und
Schmetterlinge. Die schwarzen Tannen regnen aus den Wipfeln Wolken
von schwefelgelbem Blütenstaub über ihre eigenen Zweige. Kaum hat
man sich's versehen, da bräunt sich schon nach einem kurzen heißen
Sommer der spärliche Hafer auf den steinigen Feldern. Und noch einmal
so lange, dann glühen die roten Beerenbüschel in dem Gezweig der
Ebereschen, die überall im Schwarzwald längs der breiten, sauberen
Straßen stehen wie Spaliere für heimliche Fürsten der Wanderkunst,
unter denen manch einer oft nichts als eine erheblich flickbedürftige
Kluft sein eigen nennt. Drunten in der Ebene vollzieht sich die Zeit
des Werbens und der Erfüllung in viel majestätischeren Formen. Da
wogen zuerst grün, dann blaßgelb und schließlich braungolden die
Fruchtfelder, und überall erklingt das Lied vom Reichtum der Natur
und der Armut der Menschen, die das Glück überall da suchen, wo es
nicht ist, und es fast nicht mehr für menschenwürdig halten, wenn sie
sich nicht in allerhand Sommerfrischen mindestens ebenso gelangweilt
haben wie innerhalb ihrer eigenen Pfähle, anstatt in ihrer so nahen
und für sie doch so unnahbaren Herrlichkeit. Denn sie haben fast alle
Augen, die nicht sehen; Augen, vor allem, die nichts davon wissen, daß
alles, was man über Bäume, Wolken, Wälder, Bäche sagen kann, nichts
ist als dürftiges Wortgestammel. Sie wissen nichts davon, daß auch
der ärmlichste Baum keine Viertelstunde lang am gleichen Tage der
gleiche ist, und daß der Wind und die Sonne und die Luft und das in ihr
verborgen schwebende Wasser und tausend andere Dinge diesen einfachen
Baum fast jede Minute verändern und aus ihm ein wechselndes Schauspiel
für jede empfängliche Iris machen.
Auch was wir vom Winter wissen, ist nur erst der Anfang und nicht
viel mehr, als was der feine Feuilletonist der Bibel, Jesus Sirach,
mindestens auch schon wußte: »Durch des Herrn Wort fällt ein großer
Schnee, und er läßt es wunderlich durcheinander blitzen, daß sich der
Himmel auftut und die Wolken schweben, wie die Vögel fliegen. Er macht
durch seine Kraft die Wolken dicht, daß Hagelsteine herausfallen. Durch
seinen Willen wehet der Südwind und der Nordwind, und wie die Vögel
fliegen, so wenden sich die Winde und wehen den Schnee durcheinander,
daß er sich zu Haufen wirft, als wenn sich die Heuschrecken niedertun.
Er ist so weiß, daß er die Augen blendet, und das Herz muß sich wundern
solches seltsamen Regens. Er schüttet den Reif auf die Erde wie Salz,
und wenn es gefriert, so werden Eiszacken wie die Spitzen an den
Stecken. Und wenn der kalte Nordwind geht, dann wird das Wasser zu Eis.
Wo das Wasser ist, da wehet er überher und zeucht dem Wasser einen
Harnisch an.«
So kannte Jesus Sirach in dem Libanonwinter, der um Damaskus herum sich
sogar zum Skilaufen eignen soll, die Winterherrlichkeit, die wir jetzt
erst entdeckt zu haben glauben, schon vor zweitausend Jahren.
So ist der Wellengang der Jahreszeiten, von dem ich nur ein dürftiges
Bild aus der Heimat selbst geben kann, in allen Gauen Deutschlands ein
anderer, je nach der Bodengestaltung, dem Wasser- oder Waldreichtum und
der Beschaffenheit der Ackererde. Aber in der gleichen Gegend fällt es
keinem Frühling ein, genau so Einzug zu halten wie sein Vorfahre des
vergangenen Jahres. Und so wie jeder Sommer und Herbst läßt es sich
auch kein Winter nehmen, durch angenehme und unangenehme Überraschungen
die Menschen immer wieder das alte »πάντα ῥεῖ« (alles fließt) zu
lehren. »Mehr Freude!« heißt heute die Parole. Einverstanden. Aber wenn
nur jeder Mensch versuchte, anstatt immer in sein Sorgenherz täglich
aus dem Fenster heraus die tausend kalendermäßigen und ordnungswidrigen
Szenenwechsel seiner allernächsten Umgebung zu beobachten.
Aber jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und so ist denn, wo auch das
Wandern im Winter zu den trivialsten Alltäglichkeiten gehört, wird das
Bekenntnis nicht mißverstanden werden, daß unter den Jahreszeiten meine
heimliche Liebe der Winter ist.
Meine eigen heimliche Liebe ist doch die Zeit, wo in heimlichen
Nächten die stille weiße Himmelsware des ersten Schnees auf die Welt
herabsinkt, alle Ecken und Kanten in der Welt polstert und wattiert,
den Wagen das Knarren und den Öfen das Faulenzen vertreibt, den Gäulen
vor den Schlitten das Schellenzeug anhängt, und wo in der weißen
Einsamkeit über heimliche Waldwiesen sich der erste Jauchzer eines
beglückten Schneeschuhmenschen in die helle, kalte Winterluft schwingt.
Das ist Tod und Leben zugleich, der weiße Tod um uns und das blutrote
Leben in uns. Der schönste Gegentakt im Rhythmus zwischen Mensch und
Natur.
[Illustration: Phot. ~Dr.~ Biehler.]
Allerlei Heimatschutz.
[Illustration: Phot. Hans Müller-Brauel.