Leicht und hell sollen wir wandern: über Berg und Tal, im Ringen um die
Anhöhe einer befreienden Weltanschauung, im Kampf um Brot und Heim, wie
auch im dunkeln, dumpfen Gedränge der feindlichen Gewalten in unserer
Brust; immer sollen wir Wanderer sein, vom Frühling bis in den Winter
unseres Lebens. Immer müssen wir bereit stehen mit gegürteten Lenden
und dem Stab in der Hand, weiter zu gehen, vorwärts zu dringen und
aufwärts.
So ist das Leben oder soll es sein. Leben sollen wir und streben, nicht
kleben.
Das müßte aber ein schlechter Wanderer sein, der immer nur Sonnenschein
und linde Lüfte erwartete für seine Fahrten und es nicht erfahren
hätte, daß Regen und Sturm und Nebel und Kälte nichts sind als gütige
Gaben, die wir mit ebenso dankbaren Händen nehmen sollten wie die
Himmelsbläue und die Balsamdüfte der guten Tage. Denn wir werden der
ganzen Herrlichkeit des strahlenden Himmelslichts nur inne, weil es
nicht _immer_ scheint. Alles Immerwährende wird Zustand. Und »Zustand«
-- hat Goethe einmal gesagt -- »ist ein grauenhaftes Wort«. Leider ist
in der Zeit des Goethedienstes das Wort fast unbekannt. Jeder Zustand,
auch der schönste, wird auf die Dauer gähnende Langeweile. Wer einmal
eine lange Prozession wolkenloser Sonnentage im weiten Süden über sich
ergehen lassen mußte, der weiß erst recht den wirren Wechsel unseres
Klimas zu schätzen. Nur ständiger _Wechsel_ ist beglückendes Leben, und
das Wandern beglückt und entzückt uns nur aus dem gleichen Grunde.
Das Wandern von allem zu allem im Weltall, das allein erhält das Leben
und läßt es nicht versinken. Das Eisenmolekül wandert durch die Adern
unserer Schläfen; der elektrische Funke wandert in seinem rasenden
Tempo durch die Meere von Erdteil zu Erdteil; die Berge wandern,
langsam abbröckelnd, in Jahrmillionen durch die Flüsse in die Ebene und
ins Meer; und unsere Mutter Erde wandert seit Jahrmilliarden dankbar
und treu um ihre Lebenspenderin -- die Sonne.
Das monotone Motto der ständigen Bewegung, wie es der griechische Weise
in den zwei Worten: »Alles fließt« geprägt hat, müßte farbiger und
richtiger heißen: »Alles wiegt, alles wogt, alles wandert.«
»Das Wandern, ja das Wandern!«
Da kommen sie schon wieder, die fünf klugen, kleinen Worte, wohlgemut
und froh. Und es ist auf einmal, als ob ein Tor aufgeschlagen würde,
durch das wir aus dumpfer Enge weit hinaussehen in die sonnige Welt;
es ist, als ob wir einen einsam über Hügelhöhen schreitend erblickten,
einen Wandergesellen, der, aller Abenteuer gewärtig, frohgemut den
Stecken schwingt und in die reinen Lüfte singt, was seine Brust
erfüllt. Das Wehen und das Rauschen des Walddoms, das übermütige
Geglucker der kleinen Wiesenquellen, das Bimmeln und Läuten ziehender
Herden -- alles das lebt in den fünf kleinen Worten. Sie singen vom
Frohlocken eines heimlichen Königskindes, das sich verlaufen hatte und
in Gefangenschaft geraten war und nun jubelt über die wiedergewonnene
Freiheit -- des heimlichen Königskindes, das sich nun wieder tragen
lassen darf von den Wogen eines größeren Lebens, auf denen es neue
Fahrten wagt nach neuen Ufern.
Denn zu den Wogen gehört das Wagen. Etwas einsetzen können, das ist der
wirklichen Menschen Lust. Das Leben ist umsonst, der Tod ist umsonst,
und da ist es doch verständlich, daß wir uns nicht lumpen lassen
wollen und auch mit etwas herausrücken. Und was haben wir zu geben.
Nichts als das Leben.
Das macht die Wanderfahrten kühner Menschen so wunderbar, daß sie aus
der stumpfen Behaglichkeit ausziehen auf gefahrvolle Entdeckungsreisen,
deren Ertrag erst durch den ständigen Einsatz ihres Lebens seinen
ganzen, großen Wert erhält.
[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.