Heimkehr.]

Die Klage über die Leerheit und Öde des Daseins in so vielen Berufen,

besonders in Beamtenkreisen, rührt nicht zum mindesten daher, daß das

Leben dieser Unzufriedenen geregelt ist wie ein langweilig pendelndes

Uhrwerk. Wenn sie einmal aufgezogen sind, dann wissen sie genau, wie

der Tag verläuft, wie ihre Karriere sein wird, wann sie befördert und

wann sie pensioniert werden, um »in Ruhe« ihre letzten Tage genießen

zu können. Das Unerwartete, das Unerhörte, kurz das Abenteuer spielt

in ihrem wohlregistrierten Leben keine Rolle mehr. Ihre Existenz ist

ein unveränderliches Programm mit festliegenden Nummern. Ihr Dasein

ist so sicher eingeschachtelt, daß es nicht wundernehmen kann, wenn

die Sehnsucht nach nervenpeitschenden Sensationen und nach einem

schrillen Gegenklang zu ihrem inhaltlosen Normaldasein gerade in diesen

Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben unendlich vieler tüchtiger

Menschen ist so »ordentlich«, so grauenhaft ordentlich geworden, daß

Unordentlichkeiten bis zu starken Exzessen in aller Heimlichkeit als

Ausgleich dienen müssen.

Was wäre für diese Armen das Wandern, ja das Wandern?

Die Lust nach Unvorhergesehenem und der Drang nach zeitweiliger

Verrückung des normalen Ablaufs der Dinge nimmt in unserer Zeit deshalb

so beängstigend ab, weil wir nichts mehr wissen von dem leichten Sinn

und dem sonnigen Humor derer, denen das Wandern eine Kunst war und die

auch durch des Lebens Gefilde lieber tanzend schritten als keuchend.

Da muß ich an meinen alten Onkel Schang denken, der sein Leben lang

ein Wagnergesell war und bis über die Siebzig hinaus wandernd Europa

durchzog, von Schweden bis nach Italien und von Paris bis in die

Türkei. Er rührte, was nicht unwichtig ist, bis zum fünfzigsten Jahr

keine geistigen Getränke an und arbeitete überall nur so lange, bis er

wieder einige Monate lang ein freies Leben führen konnte. Alle paar

Jahre kam er einmal ins Heimatdorf, aber lange hielt er es nicht aus.

Seine alten Kameraden fragten ihn zu viel, und er war sein Lebtag nie

fürs viele Reden. Als sie ihn aber einmal gar zu zäh ausforschten,

warum er wieder in der Welt umherfahren wolle, er, ein so geschickter

Krummholz, der zu Hause doch ein schönes Geld verdienen könnte, da hob

er den Zeigefinger in die Höhe und hielt einen seiner ganz seltenen

kleinen Vorträge: »Schaut,« sagte er, »es gibt halt zweierlei Menschen

auf der Erde: wir, die wandern, und ihr, die andern! Ihr seid einfach

ein wenig zu kurz gekommen. Euch fehlt halt etwas, wißt ihr was?«

Natürlich brachten's die Zuhörer nicht heraus, was er meinte, und der

Onkel Schang fuhr fort: »Euch fehlt das große ~W~! Alles Große fängt

mit einem ~W~ an. Das große ~W~ ist das erste, was wir schon von der

Geburt an kennen lernen: Das Weh!« Die Bauern lachten, er aber fuhr

ganz ernst weiter: »Die Welt fängt mit einem großen ~W~ an und der Wald

und das Wandern und die Weibervölker und die Wunder, von denen ihr

nichts versteht; und die Weisheit, die ihr noch lange nicht mit Löffeln

gefressen habt, wenn ihr's auch meint; und die Wahrheit, die ich euch

jetzt um die Ohren schlage!« Er machte eine Pause und sagte zuletzt

ganz leise: »Und der Wein!« Denn er hatte bei dieser Rede die Fünfzig

schon überschritten.

So wird's mit dem Onkel Schang schon gewesen sein wie mit dem

Taglöhner, von dem die Ebner-Eschenbach erzählt. Er war ein lustiger

Geselle, spielte gern die Laute und wurde im Dorf für einen Taugenichts

gehalten. Er starb zu gleicher Zeit wie ein anderer Sohn des Dorfes,

der in die Welt gegangen und ein berühmter Schriftsteller und Dichter

geworden war. Beide wurden zu gleicher Stunde begraben. Kein Mensch

gab dem »Dorflumpen« die letzte Ehre. Da trat eine große, schöne Frau

in wallendem Gewand an sein Grab, legte einen Lorbeerzweig auf den

Tannensarg und sagte mit einer Stimme, wie sie nur den Göttinnen eigen

ist: »Das war ein Dichter!« Dann ging sie hinüber an das Grab des

berühmten Mannes, das von einer großen Menschenmenge umstanden war,

schritt auf den reichgeschmückten Sarg zu, blickte die Menschenmenge

ruhig an und sprach: »Das war ein Taglöhner!«

Ja, die Dichter, die haben's mit dem Wandern. Wenn sie durch Wald und

Felder ziehen, dann offenbart sich ihnen das Leben. Aber ein anderes.

Es wird schon so sein, daß es mehr als eines gibt; nicht im Jenseits,

von dem wir nichts wissen, sondern im Diesseits.

[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.

Der Wanderer · 第 42 / 110 题