Wandervögel.]

Schlicht, fast dürftig kommen sie dahergezogen, die fünf Wörtlein im

alten Liede »vom Wandern«, ja »vom Wandern« -- und bergen unter ihrem

unscheinbaren Gewande ganze Welten. Stürmisch und laut jubelnd, dann

wieder mit gedankenschwerer Bedächtigkeit oder vor sich hinschlendernd

mit leichten Sinnen, dann aber auch einmal ausschreitend in festem

Schritt stämmiger Männlichkeit und schließlich leise auf den

Zehenspitzen gehend und geheimnisvoll nickend und mahnend, so kommen

sie immer anders wieder im Kehrreim des Liedes, die tiefen, schlichten,

kleinen Worte.

Was ist's, das aus ihnen singt wie helle, hohe Knabenstimmen an einem

keuschen, kühlen Taumorgen? Was ist's, das aus der Zeile schwingt

wie dumpfes Geläut von versunkenen Glocken? Was klingt aus ihnen wie

klarer, harter Männergesang von rauhem Felsenweg herab? Und was ringt

sich aus ihnen los und nickt und winkt wie verborgene Weisheit?

Es ist das Leben, das brausende und sausende, das liebe und trübe; das

Leben, in dem nicht weit von den Wiegen die Särge stehen; das Leben,

das Glück und Leid nebeneinander auf die gleiche Bank gesetzt hat; das

Leben, wo der Männerklarheit sentimentale Schwäche ins Handwerk pfuscht

und wo die Weisheit nicht so weit von der Narrheit wohnt, daß sich die

beiden nicht die Hände reichen könnten.

Mensch sein, das heißt nicht nur Kämpfer, sondern auch Wanderer sein.

In allen Dingen. Wer nicht gelernt hat, _alles_ als Wanderer anzusehen,

mit hellen, unbestechlichen Augen, aber auch mit dem warmen Glanz

der Güte; wer nicht weiß, stets vor sich hinzusehen auf den Pfad und

dessen Hindernisse, anstatt die Nase in der Luft zu tragen; wer nicht

ohne Wehmut und ohne Haß alles hinter sich lassen kann, Schönes und

Häßliches, an dem er einmal vorbeigeschritten ist, der kennt nicht das

Geheimnis des Wanderns.

[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.

Der Wanderer · 第 40 / 110 题