Lebe wohl und gedenke deiner Giulietta.« --

Ich verabschiedete mich von Anna und Jakob, die mir dankten, daß ich

Anlaß gegeben hatte zu einem Wiederaufleben ihres Liebesglückes. Als

ich in meine Wohnung kam, las ich den lieben Brief noch einmal. Es war

mir wirklich ein Stein vom Herzen, zu wissen, daß mich Giulietta ganz

und gar und ohne Kränkung frei gegeben hatte. Sie maß mir keine Schuld

bei und so konnte ich ohne Schuldbewußtsein aus Oesterreich scheiden.

Bei blankem Himmel fuhren wir mit vielen Schweizern, Franzosen und

Engländern auf dem Dampfer nach dem schweizerischen Ufer.

So endete unsere Reise.

* * * * *

Hier sei es mir gestattet, noch einer Nachricht zu gedenken, die ich

nach Jahresfrist empfing und die mir Giuliettens Wesen noch deutlicher

machte. Meine Schwester Ellen ging nämlich auch nach Oesterreich, um

sich das Land anzusehen, von dem ich gerne erzählte. Sie brachte den

letzten Theil des Winters 2021 in Wien zu und blieb dann noch einige

Wochen, um auch auf dem flachen Lande sich umzusehen. Sie hatte mit

Lydia, der Tochter eines eingewanderten Amerikaners, Freundschaft

geschlossen, und diese erleichterte ihr die Nachforschungen, die sie

anstellen wollte.

Hier traf sie, ohne es zu wollen, mit Giulietta zusammen und den Theil

ihres Reiseberichtes, der sich auf diese Begegnung bezieht, lasse ich

hier folgen.

* * * * *

In Höflein angekommen bat ich meine Begleiterin, mich mit den Frauen

und Mädchen bekannt zu machen, und wir wanderten daher nach dem

Parke, wo zu dieser Stunde lebhaftes Treiben herrschte. Unter einem

mächtigen Baume war eine große Anzahl von Damen versammelt und nachdem

Lydia sich genannt hatte, stellte sie mich vor: »Miß Lydia West aus

Boston.« -- Man erinnerte sich, daß im vergangenen Jahre ein Amerikaner

meines Namens in dieser Gegend weilte, und ich bekannte, daß er mein

Bruder sei und daß ich durch seine Schilderungen bewogen worden war,

gleichfalls dieses Land zu besuchen, um es kennen zu lernen und mich

insbesondere über die Stellung der Frauen aufzuklären.

Die Vorsteherin der Frauencurie, welche anwesend war, sagte mir alle

Aufschlüsse zu, die ich wünschen möge. Ein Mädchen von strahlender

Schönheit und stark sinnlichem Gepräge sah mir forschend ins Angesicht,

als ich mein Verlangen kundgeben, und, indem sie mir die Hand

entgegenstreckte, sagte sie: »Liebe Schwester, gestatte, daß ich dir

meinen Namen nenne; ich heiße Giulietta Chiari und will dir helfen,

deine Wißbegierde zu befriedigen.« Ich dankte lächelnd und wandte mich

anderen Frauen zu.

Als sich nach einer Weile die Gruppe aufzulösen begann, schob

Giulietta ihren Arm in den meinen und sagte: »Erlaube jetzt, daß ich

dich entführe nach jenem Hain.« -- Sie rief einen Knaben, der in

der Nähe spielte, und als sich Peterchen langsam erhoben hatte und

herangetrippelt war, brachen wir nach dem schattigen Wäldchen auf.

Lydia verabschiedete sich von mir und rief mir zu, daß wir beim

Abendessen um neun Uhr uns finden und dann beim Einbruche der Nacht

heimkehren wollten.

Da mich Giulietta mit sich fortzog, fragte sie: »Sage mir, Schwester

Ellen, ist dir mein Name bekannt?« Ich antwortete mit einem ehrlichen

nein! und sie sagte, nachdem sie sich umgesehen hatte, um sich zu

überzeugen, ob Peterchen seiner »Mama« folge. »So ist dein Bruder doch

verschwiegen.« -- »Hast du ihn näher gekannt?« -- »Gewiß, und was er

pflichtgemäß verschwiegen, will ich dir ohne Scheu anvertrauen, denn

wir Schwestern haben keine Geheimnisse unter uns.«

Giulietta versprach, mich am nächsten Donnerstage in die Versammlung

der Frauencurie in Höflein einzuführen, und schilderte ihre Verfassung

und Wirksamkeit. Jeden Donnerstag nach Tische versammelt sich die

Frauencurie im großen Bibliothekssaale und ist zu dieser Zeit das ganze

Stockwerk Männern und jungen Leuten verschlossen. Die Frauencurie

besteht aus allen Mädchen und Frauen, die das achtzehnte Lebensjahr

vollendet haben. Sie bestellt eine Vorsteherin und einige Lehrerinnen,

welche die Pflicht haben, heranwachsende Mädchen zur geeigneten Zeit

in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einzuweihen und sie in allem

zu unterrichten was erforderlich ist, um sich die Achtung der Männer

und den Frieden unter den Frauen zu erhalten. »Innerhalb dieser Grenzen

aber lassen wir umso größere Freiheit walten. Auch die staatlichen

Gesetze betreffend die Ehe, die Zeugung, die Familie, die Erziehung

und die Rechte der Mutter und Ehefrau sind Gegenstand des Unterrichtes.

So auch der Inbegriff aller jener Geheimnisse, die es uns erleichtern,

den Bedürfnissen der Gesellschaft zu entsprechen.«

»Nun liebe Freundin, haben die Bekenntnisse, die du mir versprochen,

eine Beziehung zu dem Frauenleben?«

»Gewiß und sie werden umso größeren Eindruck auf dich machen, weil dein

Bruder in meine Erzählungen verflochten ist. Sage ihm auch, wenn du

zurückkommst in dein Land, daß ich ihn der Pflicht der Verschwiegenheit

entbinde, wenn er dir seinerseits Bekenntnisse machen will, um dir noch

bessere Einsicht in unsere Verhältnisse zu gewähren.«

Wir ließen uns abseits vom Wege auf eine Bank nieder und Peterchen, der

sich neben einem Bache ins Gras legte, verfiel alsbald in Schlaf.

Ich sagte zu Giulietten mit einem Blicke auf den Knaben: »Bist du denn

verheirathet?«

»Nein, der Knabe ist verwaist und ich bin seine Pflegemutter. Das hängt

ein wenig mit der Begegnung zusammen, die ich mit deinem Bruder hatte.«

Giulietta erzählte mir ihre Lebensgeschichte; ich bat sie aber, darüber

hinwegzugehen, denn darüber hatte mir Julian berichtet, nur hatte er

mir keinen Namen genannt.

»Sage mir aufrichtig, liebe Schwester, hat er sich auch der Gunst

berühmt, die ihm jene Ungenannte erwiesen?«

»Ich kann diese Frage wahrheitsgemäß verneinen.«

»Nun,« sagte Giulietta, »mir ist es nicht verwehrt, davon zu sprechen,

denn es ist nur _=mein=_ Geheimniß. Höre.«

»An einem heißen Julitage badete ich in einer etwas abgelegenen Bucht

des Meeres bei Triest, als ich in einiger Entfernung einen Mann gewahr

wurde, der sich in den Fluthen tummelte. Ich war damals gegen meinen

Willen frei geworden eines Versprechens, das mich seit zwei Jahren

an einen Jugendfreund band. Die Bewerbungen anderer junger Männer,

welchen mein Schicksal bekannt war, hatte ich zurückgewiesen, eben weil

ich ihnen vorher mit der Hoheit einer für die Ehe geweihten Jungfrau

begegnet war und sie nicht den Gedanken fassen sollten, aus meinem

Unglücke Vortheil zu ziehen. Aber das Weib regte sich in mir, das

Verlangen, zu beglücken und darin selbst mein Glück zu finden, brach

zuweilen hervor und die Natur erinnerte mich daran, daß sinnliche

Begierden Gewalt über uns haben. Meiner Rechte war ich mir bewußt und

so wurde das Verlangen nach den Umarmungen jenes Fremdlings immer

stärker. Dein Bruder, jener Fremdling, ist ein Apollo und da er sich

mit dem Wasser balgte, bald mit mächtigen Stößen die Fluthen theilte,

bald untertauchte, dann wieder emporschnellte, verlor ich mich in

Betrachtung, ließ mich vom Wasser tragen und legte meine Wange auf

die glatte Fläche, ohne meine Glieder mehr zu bewegen, als nöthig war,

um nicht unterzusinken. Nun wurde jener Mann auf mich aufmerksam und

wie er errathen haben mochte, daß dort ein Weib bade, wandte auch er

seinen Blick nicht mehr von mir. Er näherte sich langsam, nicht ohne

mir Zeit zu lassen, mich zu flüchten, und da ich die Gelegenheit nicht

ergriff, meine Augen auch nicht von ihm ließen, steuerte er endlich

an meine Seite und grüßte achtungsvoll. Er bat um die Erlaubniß, in

meiner Nähe zu bleiben, und nun durchmaßen wir die Bucht und schwätzten

von unserer Heimath und dergleichen. Julian schlug mir vor, ins weite

Meer hinauszuschwimmen, und da ich sah, daß er sich in den Schranken

zu halten wisse, die wir den Bewerbungen der Männer setzen, willigte

ich ein, sagte aber scherzhaft, ich wolle mich versichern, daß er mich

nicht etwa auf der weiten Wasserwüste allein verschmachten lasse,

wenn er meine Gesellschaft würde satt haben. Ich band einen Kahn, in

welchem ich meine Kleider abgelegt hatte, vom nahen Ufer los, zog die

lange Leine hervor und knüpfte sie an seinen linken Fuß. Er lachte und

zog das Fahrzeug, als er mit mir ins Meer hinausschwamm, sich nach.

Obwohl er nun nur _=ein=_ Bein zum Schwimmen frei hatte, ging es doch

rasch vorwärts, denn Julian ist von herkulischer Kraft und wunderbarer

Gewandtheit, was ich in der Erregtheit, die ich fortwuchern ließ, mit

Wohlgefallen bemerkte. Bald waren wir soweit ins Meer hinausgekommen,

daß wir kaum mehr die Ufer unterscheiden konnten, und Julian regte

den Gedanken an, daß wir uns jetzt von den Fluthen tragen lassen und

das Gesicht dem Himmel zuwenden sollten. Obwohl mein Schwimmkleid den

Oberkörper nicht verhüllte, wies ich diesen Vorschlag nicht zurück

und so lagen wir nun eine Weile wie Gatten auf einem endlos weiten

Brautbette. Julian verschlang mich mit den Augen, hielt aber immer

auf Armeslänge von mir, und so schwelgten wir im wechselseitigen

Anschauen. Nun näherte ich mich selbst und schob meinen Arm unter des

Gefährten Schultern. Er that desgleichen, aber da wir so verstrickt

neben einander lagen, wagte der Genosse dieser süßen Stunde doch nicht,

seine Lippen den meinigen zu nähern, und so zog ich ihn jetzt an meine

Brust und besiegelte mit einem Kusse das Bündniß, nach dem wir beide

verlangten. Und denke, auch jetzt noch beschränkte sich sein Mund auf

meine Lippen und darum vergrub ich meine Finger in seine Haare und

lenkte ihn sanft nach meinem Busen: Da erfaßte ihn wilde Begierde --

und doch, da ich sagte: »Julian, sei vernünftig, laß mich die Zeit

wählen,« riß er sich los und wir trennten uns wieder. Nur seine Augen

ließen nicht mehr von mir und zu unbefangenem Plaudern konnte ich ihn

nicht mehr bringen.«

»Ich war jetzt seiner Selbstbeherrschung gewiß und so forderte ich ihn

bald auf, den Kahn heranzuziehen. Wir nahmen in selbem Platz und Julian

ruderte mich ans Land.«

»Als wir uns dem Ufer näherten, bat Julian um die Erlaubniß, mir die

Dienste einer Zofe zu leisten, und ich erlaubte ihm, mich zu bekleiden.«

»An jenem Abend genoß ich das Liebesglück in seinen Armen; das erste

Mal in den Armen eines Mannes!«

»Welcher Sturm des Genießens, welche Leidenschaft! Ich hätte

mich wahrlich willig erdrücken lassen. Das Weib fühlt sich in

diesem Augenblicke dem Universum verbunden und glaubt, in sich

zusammenzufassen alles Liebesglück, das unzählbare Menschen in Aeonen

genossen.«

»Eine Woche später trafen wir hier zusammen. -- Ich hatte mich von

meiner Heimath losgerissen und war am Tage der Eröffnung dieser jungen

Gemeinde hier eingetroffen. Der Zufall führte uns auf dem Gelände

zusammen. Er warb noch einmal um meine Gunst, indem er sich eines

Fingers bemächtigte und ihn zärtlich drückte. Nach kurzem Besinnen

erwiderte ich den Druck und gab ihm so meine Einwilligung zu erkennen,

ihm wieder anzugehören.«

Während dieser Erzählung hatten wir unseren Ruheplatz verlassen und

Giulietta hatte ihren Schützling in ihre Arme genommen. Der hatte

ein paarmal im Schlafe aufgeredet, dann lag er wie ein Mehlsack an

ihrer Brust, das Gesicht auf ihrer Schulter. Wir betraten Giuliettens

Stube und nachdem sie Peter in seinem Bettchen niedergelegt, den

Schlummernden entkleidet und ihm zärtlich die Wange geküßt hatte, fuhr

sie fort.

»In diesem Stübchen warb dein Bruder wieder um mich. Er war weniger

rücksichtsvoll als in Triest. Ich mußte ihn mehr als einmal

zurechtweisen.«

»Endlich siegte sein Werben über meine Zurückhaltung und da ich ihm

willfahren wollte, entließ ich ihn auf kurze Zeit aus meiner Gegenwart

unter dem Vorwande, daß ich nach einer Rose begehrte, die er mir aus

dem Garten holen solle.«

»Ich hatte dort eine herrliche Rose gesehen, in deren innerstem

Kelche ein Insekt, halbbetäubt vom Dufte, wie taumelnd nach einem

Auswege suchte. Es kam mir vor, wie ein verliebter Mann, der seinen

Wunsch erfüllt sah und nun nach Freiheit begehrt. Ich wollte es nicht

entkommen lassen und meinte, es solle im Uebermaße des Wohlgeruches den

Tod finden. So nahm ich ein Stück vom Spinnengewebe, das sich von einem

Zweige der Rose zum andern spann, und versperrte ihm alle Auswege.

Dieser Rose erinnerte ich mich und Julian sollte sie mir bringen. Als

er, schönen Lohnes sicher, davon gerannt war, um die Rose zu holen,

bereitete ich mich und mein kleines Gemach vor, ihn zu empfangen. Da

er wieder kam und sich an meine Brust warf, wurde er die Gelegenheit

gewahr, die ich ihm bot; er bemächtigte sich ihrer und holte sich aus

der losen Hülle seine Najade hervor. Da er sah, daß ich unserer ersten

Zusammenkunft gedacht, hob er mich mit einem Freudenrufe in seine

Arme und bettete mich auf meinem Lager. Noch einmal schwelgten wir im

Entzücken des Liebesgenusses. Aber da kam dann eine Enttäuschung. Es

bemächtigte sich meiner ein süßes Gewöhnen, ich suchte nach dauerndem

Glücke, ich träumte davon, mich immer wieder aufs Neue zu berauschen,

ich glaubte, wir sollten uns immer angehören. Er konnte ja hier bleiben

oder mich nach Amerika mitnehmen. Ich war mir nicht klar, wie es werden

sollte, aber ich wurde für einen Augenblick Sclavin einer Leidenschaft.«

»Als wir uns später im Garten begegneten, mochte er ebenso, wie ich,

gedacht haben, was werden solle. Ich glaubte aber zu bemerken, daß

seine Neigung zu mir weniger ernst sei; ich zweifelte daran, daß er

meine Gunst nach ihrer ganzen Größe zu schätzen wisse, und da nahm

ich die Rose aus meinem Haare und entließ das Insekt. Er deutete die

symbolische Handlung offenbar richtig, protestirte nicht, und ich war

überzeugt, daß er der Freiheit, die ich ihm eröffnete, sich bemächtigen

wolle. So schieden wir und ich suchte mein Verlangen niederzukämpfen.«

»Von meinem Fenster sah ich noch, wie er, vorgebeugt und innerlich

zerrissen, nach meiner Stube blickte. Aber bald darauf hörte ich auf

der Landstraße einen Reiter davon stürmen und ich wurde Herr über meine

Schwäche.«

»Und hast du deine Ruhe wieder erlangt, liebe Giulietta?«

»Es hat mich einen Kampf gekostet, aber ich habe deinen Bruder

großmüthig freigegeben und der Liebe ganz entsagt. Seit dem Liebesfeste

in Triest schien mir, als hätte ich den Gipfel des Glückes erreicht

und als ob die zweite Hälfte des Lebens nur noch geringen Werth hätte.

Ich hätte damals aus dem Uebermaße des Glückes willig in das Reich

der Schatten hinüberschlummern mögen. Und als ich dann sah, daß die

Liebe, losgelöst von der reinen Freude des Mutterglückes, nicht dauernd

befriedigen kann, beschloß ich, ihr zu entsagen.«

»Kann man das, wenn man vom Kelche der Liebe gekostet?«

»Mir war es möglich, denn ich hatte zweimal mit aller Gluth geliebt und

war zweimal um das Glück betrogen worden.«

»Und hast du dich wirklich wiedergefunden?«

»Das habe ich. Mein väterlicher Freund Dr. Kolb pflegt zu sagen, unsere

Gesellschaftsordnung sei einem gesunden Organismus zu vergleichen, der

einen mächtigen Heiltrieb in sich birgt. Alle Wunden vernarben schnell.

Bei mir hat dazu dieser kleine Schatz viel beigetragen.« -- Giulietta

wies auf ihren schlummernden Schützling und erzählte mir, daß sie den

Knaben das erstemal gesehen habe, als sie mit Julian das letztemal im

Garten gesessen. Sie habe ihn adoptirt und lebe jetzt nur der Pflicht,

einen rechten Menschen aus diesem Kinde zu machen. »Dr. Kolb nennt das

einen antiseptischen Verband,« sagte Giulietta lachend.

Es war mittlerweile dunkel geworden und als Giulietta Licht gemacht

hatte, sah ich verwundert, daß ihre Stube reizend decorirt war und

viele Kunstschätze barg. Eine in Holz geschnitzte Nymphe erkannte ich,

da mir Julian davon erzählt. »Ich sehe daß Julian viel an Dich gedacht

hat, denn von dieser Nymphe sprach er oft und gerne, und niemals wollte

er sagen, wo er dies Meisterwerk gesehen. Aber ich bemerke da vielerlei

was er mir wohl würde beschrieben haben, wenn es ihm bekannt gewesen

wäre. Du nimmst wohl eine hohe Stellung im Staate ein, da dich solche

Pracht umgiebt?«

»Nein, Ellen, ich bin nur Vorsteherin einer Unterrichtsanstalt für

die Strohflechterei, in welchem Berufe ich mir wohl große Verdienste

erworben habe, weil ich ebenso erfinderisch als ökonomisch bin. Aber

diese kleine Schatzkammer verdanke ich nicht meiner Stellung.«

»War Julian nie hier?«

»Doch, unsere Schäferstunde haben wir hier genossen und gerade

darum möchte ich die Stube nie vertauschen. Aber ich war erst aus

Italien angekommen, was da angesammelt ist, hat sich nach und nach

zusammengefunden. Zuerst sandte mir ein gewesener Arzt, Dr. Kolb, der

jetzt ein großer Bildhauer ist, diese Broncefigur, eine Venus. Ich habe

sie redlich verdient, denn ich stand ihm Modell zu der Marmorstatue,

die er auf Wunsch der Kaiserin anfertigte, welche damit den Gemahl

zu Weihnachten überraschte. Mit ihrer Erlaubniß hat der Künstler das

Werk in verkleinertem Maße copirt und mir diesen reizenden Bronceguß

übersandt. Aber das kostbarste in meinem Besitze ist diese Glastafel.«

Sie nahm eine Glastafel vom Fenster und hielt sie gegen das Licht, um

mich das merkwürdigste Kunstwerk sehen zu lassen.

»Das hat der Bruder meiner verstorbenen Mutter, __Matteo Folco,__

gemacht. Er ist der berühmteste Glasschleifer des Kontinents und

seiner Arbeiten hätte sich der erste Gemmenschneider der alten Welt

nicht zu schämen. Die Civilliste hatte ihn angeworben und er bedang

sich viele Vortheile aus. Er hat sich und seine Kunst außerordentlich

vervollkommt und viele Schüler ausgebildet. Mit fünfundvierzig Jahren

wurde er vertragsmäßig in Ruhestand versetzt, und die Civilliste hat

ihn bis an sein Ende zu erhalten und ihm alle Vortheile zu gewähren,

die er früher genossen hat. Er arbeitet jetzt nur, wenn es ihm

Freude macht, und alle seine neuen Werke stehen für dreißig Jahre zu

seiner alleinigen Verfügung. Erst nach dieser Zeit fallen sie an die

Civilliste. Er mag sie in seinem Besitze behalten, oder Freunden und

Verwandten überlassen, oder verdienten Männern widmen, das ist seine

Sache. Da ich sein Liebling bin und er gerade mir auch, weil ich

Kränkung erlitten, nach seinem Vermögen eine Freude bereiten wollte,

hat er mir dies Kunstwerk übersandt. Sieh nur, diese Pracht! Adam und

Eva im Paradiese, die Menschheit in ihren Anfängen. Glücklich, in der

Hoffnung ewigen Lebens auf dieser Erde; nicht von Sorge, Krankheit,

Arbeit oder Schuld bedrückt, Urbilder menschlicher Schönheit. In

trauter Gemeinschaft schreiten sie durch das hohe Gras, Adam mit

Früchten des Waldes beladen, Eva mit Blumen tändelnd, die beiden

Gruppen unseres Reichthums vertretend, das Nützliche und das Schöne.

Dem entspricht auch die Riesenkraft des Urvaters und die Anmuth seiner

Genossin. Das Paradies zeigt uns den Urwald, die reich bewachsene Flur,

die strotzende Ueppigkeit des Pflanzenwuchses und alles Gethier umgibt

das Menschenpaar, ihm unterthan. Welche Fülle der Formen und Gestalten

hat der Künstler hier in den Bereich seiner Darstellung ziehen können.

Herrlich sieht man dort zur Rechten zwischen Bergen in das weite

Meer hinaus und in den leicht gekräuselten Wellen spiegelt sich die

Sonne, welche eben emporsteigt. Der Rand ist mit farbigen Ranken und

Blumen aus gesponnenem Glase umgeben. Die Spiegelscheibe, die Matteo

nöthig hatte, könntest Du in Amerika für dreißig Cents kaufen; was

aber hat die Kunst des Oheims daraus gemacht! Er selbst hat niemals

etwas von dieser Vollendung und diesem Reichtum geschaffen. Der beste

Zeichenkünstler in Oesterreich hat ihm das Bild entworfen und die

Arbeit von zwei Jahren ist darauf gewendet worden. Ein englischer Lord

hat zehntausend Pfund Sterling dafür geboten. Aber mir steht natürlich

kein Recht zu, das Werk zu veräußern, wie ich auch kein Geld besitzen

darf, und der Civilliste ist es gar nicht feil. Es wäre auch dem Volke

gegenüber nicht zu verantworten, wenn man das Meisterwerk außer Landes

gehen ließe. Im Gegentheile ist auch die Civilliste eifersüchtig

darauf, daß kein __Matteo Folco__ in ihren Sammlungen fehle.«

»Und du verbirgst diesen Schatz neidisch?«

»Nein, das wäre eine Sünde; alles, was schön ist, soll genossen werden.

In ganz Europa ist bekannt, daß hier diese Merkwürdigkeit zu sehen ist,

und kein Reisender versäumt es, hier abzusteigen.«

»Da müssen dir doch die Besuche lästig werden.«

»Wenn ich alle empfangen müßte, die hierher pilgern, das wäre eine

Qual! Aber es hängt von mir ab, wen ich zu meiner Stunde vorlassen

will. Das Werk wird meistens in den Stunden besichtigt, die ich in

der Schule verbringe. Nur berühmte Männer und schöne Frauen, die ich

begünstigen will, lasse ich in den Stunden vor, die ich für den Empfang

gewählt habe.«

»Das mag dir viel Anregung bieten.«

»Es wird mir vielleicht noch lästig werden, aber jetzt macht mir der

Besuch merkwürdiger Menschen noch viel Vergnügen. Für nächste Woche

erwarte ich den Besuch des Kaisers und der Kaiserin. Die Erzherzoge

waren alle da; aber den Kaiser haben die Jagden und die Empfänge in der

Hofburg bisher abgehalten. Nun hat mich die Kaiserin bitten lassen, Tag

und Stunde für den kaiserlichen Besuch zu bestimmen. Ich ließ sagen,

daß ich sie am nächsten Sonntage um 12 Uhr erwarte, es müsse aber der

Kronprinz mitkommen und mir erlaubt sein, ihn zu küssen. Wir sind

nämlich dem Prinzen sehr zugethan, weil er den Jakob aus dem Wasser

gezogen.«

»Davon erzählte mir Julian.«

»Er soll ein allerliebster Junge sein und ich freue mich, ihn bei mir

zu sehen. Die Kaiserin versprach, den Prinzen mitzubringen, meinte

aber, den Kuß sollte ich erlassen. Ihr Sohn sei im vierzehnten Jahre,

man wolle ihm die Unbefangenheit bewahren. Aber ich bestehe auf meinen

Bedingungen; es wird ihm nicht schaden, wenn er bei Zeiten küssen

lernt.«

»Du scheinst mir eine Egoistin zu sein.«

»Ellen, wo denkst du hin! Der Prinz muß es sich zur Ehre rechnen, wenn

ihn ein schönes Mädchen küßt, und die Kaiserin hat auch nachgegeben.«

»Bei uns würde man einen Dollar Eintrittsgeld bezahlen.«

»Das kann ich mir denken. Nun aber habe ich doch auch allerhand

Vortheile. Man sendet mir mancherlei schöne Sachen aus allen Theilen

Europas. Teppiche, Vasen, Broncen, kostbare Möbel, Vorhänge und Tapeten

haben sich nach und nach angehäuft. Es ist nicht das Kunstwerk allein,

das mir Freunde macht, man will mir, so gut es geht, wettmachen, was

ich verloren. Freilich ersetzen mir die zahllosen Tropfen von Liebe,

die die Mitmenschen auf mich niederträufeln lassen, das weite Meer

des Glückes nicht, das ich einmal geträumt habe, aber ich wäre eine

Närrin, wollte ich die Freundlichkeiten zurückweisen. -- So hat sich

nach und nach alles hier verändert, nur das Bett lasse ich mir nicht

vertauschen.«

Und unverwandt den Blick auf diese Lagerstätte gerichtet, wandte sie

ihr Antlitz mit einem reizenden Lächeln mir zu und küßte mich beinahe

inbrünstig.

»Frachtgut,« sagte sie dann, mich etwas coquett anlachend. --

»Ich will es an die Adresse befördern,« sagte ich darauf. »Aber sage,

Giulietta, soll Julian wiederkommen?«

»Um Gotteswillen, nein. Das Meer, das uns zusammengeführt, liegt jetzt

zwischen uns und so soll es bleiben. Siehst du, ich denke mir, daß

Julian sich nicht entschließen konnte, sein Vaterland zu verlassen,

und daß er zu gewissenhaft war, mich zur Expatriirung zu bestimmen.

Darin liegt ja doch noch keine Kränkung, wenn man es nicht vermag,

dem Geliebten das Vaterland zu ersetzen, das Größte was der Mensch

besitzt. Käme er wieder, so begänne vielleicht eine neue Reihe von

Enttäuschungen, welchen ich nicht gewachsen wäre. Und andererseits

denke ich, wenn ich bei dem mein Glück nicht fand, dem ich das

kostbarste Geschenk darbrachte, das ich nicht wieder bieten kann, wie

sollte ich bei irgend einem Manne auf jene nie verlöschende Gluth der

Leidenschaft rechnen, ohne die mir die Liebe eine Unwürdigkeit scheint.«

Ich stellte jetzt die Frage:

»Hast du der Gesellschaft vergeben?«

»Das habe ich allerdings. Zuweilen träume ich von dem Glücke, das ich

mir in jungen Jahren ausgemalt. Mein Giacopo sitzt wieder zu meinen

Füßen, er flüstert von unseren Hoffnungen, und rasch zieht Bild um

Bild an meiner Seele vorüber. Die Vorbereitung der Trauung, die süße

Bangigkeit der Braut, die Hochzeitsfeierlichkeit, die Besitzergreifung

vom heißersehnten Glück, die zärtliche Besorgtheit des jungen Gatten;

jetzt glaube ich, daß sich ein neues Glück ankünde, ich sehe den Mann

frohlocken über meine Botschaft, dann umstehen Frauen mein Bett,

bereit, mir beizustehen und jetzt will ich den Sprößling an meine Brust

drücken. Da grinst mir ein sieches, unschönes Geschöpf entgegen und

mit einem Angstruf werde ich wach. Mache ich dann Licht und sehe den

blühenden Schützling neben mir sorglos schlummern, so fühle ich mich

wie erlöst.«

»Dr. Kolb pflegt zu sagen: Gut und bös, schön und häßlich streiten sich

um die Materie, ohne welche nichts ist. Wir müssen alle Materie für die

Schönheit gewinnen, die Erde muß ein Himmel werden. Ich bin dem Schönen

zu sehr ergeben, daß ich mich ihm in den Weg stellen möchte.«

Nach einer Pause sagte ich, um Giulietta aus ihren Träumereien zu

reißen:

»Julian wird mich fragen, was aus seinen Bekannten geworden ist.«

»Man erinnert sich gerne an ihn und ich kann mir denken, was ihn

interessiert. Dr. Kolb hat zwar nicht mit seiner ‘Braut,’ wohl aber

mit der ‘Venus’ den ersten Preis errungen, ist Akademiker geworden

und hat vom Staate unbeschränkte Mittel angewiesen erhalten, seine

Kunst zu pflegen. Er will Tulln nicht verlassen, hat dort aber einen

Kreis von Schülern um sich versammelt, die ihn in der Ausführung großer

Werke unterstützen. Anna hat noch am Tage der Abreise deines Bruders

sich mit Jacob trauen lassen. Da die kaiserliche Familie noch in

Bregenz war, nahm diese an den Hochzeitsfeierlichkeiten theil und der

Kronprinz selbst überbrachte Anna einen herrlichen Blumenstrauß. Jacob

war zur Stunde gesund geworden, denn er wollte wohl noch am selben

Tage für Nachkommen sorgen. Und Anna hofft auch, am 7. Mai Mutter zu

werden. Jacob ist jetzt sehr stolz. -- Die Hochzeitsferien brachten die

‘jungen’ Eheleute auf dem Rigikulm zu; der Kaiser hat den Aufwand zu

Lasten der Civilliste übernommen. -- Aber Jacob wollte auch mit seiner

Anna die »Jungfrau« besteigen. Das hatte einige Schwierigkeiten. Es

müssen zwölf gewandte Bergsteiger mit eigenem Geräthe zusammenwirken,

um den Verstümmelten auf solche Höhe zu schaffen. Das Geräthe

übersandte man von Tulln aus und im Berner Touristenvereine fanden sich

auf Empfehlung des Schwestervereines von St. Pölten ein Dutzend junge

Männer, die das Wagniß unternahmen und glücklich durchführten.«

»Lori ist zweite Vorsteherin der Krippe in Tulln und hat nach dem

Zeugnisse des Arztes eine vollendete Geschicklichkeit und Kenntniß in

der Pflege der Neugeborenen erworben, unter welche wohl noch im April

ihr eigener Sprößling wird aufgenommen werden. Ihren Mann haben sie

zum Tribun erwählt und er zeichnet sich durch Besonnenheit, Festigkeit

und persönliche Würde vor allen seinen Amtsgenossen aus.«

»Martin ist Wagenlenker am kaiserlichen Hofe und Selma oberste

Verwalterin der Kleiderkammer unserer Kaiserin.«

»Die jüngere Schwester der Lori ist die Braut des Erzherzogs Adolf

geworden. Die Hochberg'schen Mädchen sind zur Liebe geschaffen, aber

wehe dem Manne, der nicht Treue hielte. Der Erzherzog ist etwas

verliebter Natur. Ich sah ihn in den ersten Tagen meines Hierseins

beim Verwaltungsbeamten. Er fand später oft einen Vorwand, unsere

Montagabende zu besuchen und bald verrieth er sich: er hatte Gefallen

an mir gefunden. Obgleich er ein schöner junger Mann ist, wollte ich

meinem Vorsatze nicht untreu werden, und ich ermunterte ihn nicht.

Als er eines Abends immer nur mit mir tanzte und sich noch einmal um

einen Tanz bewarb, willigte ich zwar ein, aber unter der Bedingung,

daß er demnächst einen allgemeinen Tanzabend in Höflein besuche und

mit allen Mädchen ohne Unterschied tanze. Das sagte er lachend zu,

aber er kam nicht mehr zum Montagempfange. Als nun im Dezember die

Wintertanzabende begannen und wir im tollsten Tanze begriffen waren,

hörten wir auf der beschneiten Landstraße lustiges Schellengeklingel

und schon hielt ein Zug Schlitten vor dem Gemeindepalast und Erzherzog

Adolf entstieg mit vielen Herren und prächtigen Mädchen den Pelzen und

warmen Decken, um an unserem Feste theilzunehmen. Der Prinz begrüßte

mich hochachtungsvoll und sagte, er wolle sein Wort einlösen, und so

tanzte er denn auch mit allen Mädchen und jungen Frauen, nur nicht

mit mir. Er sagte, den jungen Männern habe er Ersatz mitgebracht für

das, was sie an ihn und die Herren seiner Begleitung verlören. Die

Wiener Mädchen waren durchweg hervorragende Schönheiten der Residenz,

allen voran die jugendliche Schwester des Erzherzogs. Sie unterhielten

sich vortrefflich, etwas ungezwungener vielleicht, als auf den Bällen

in Wien, und Erzherzog Adolf verabschiedete sich am Morgen mit einem

Händekuße von mir und sagte, er habe sich Hoffnungen auf meine Gunst

gemacht, halte aber seine Bewerbungen für abgelehnt. Ich erwiderte ihm

daß ich keinem Manne Gehör schenken würde und meine Zurückhaltung ihn

nicht kränken solle. Als die Gesellschaft heimfuhr, stiegen einige

junge Männer zu Pferde und geleiteten die Gäste mit Fackeln bis

Klosterneuburg. Die Mädchen riefen ihnen zum Abschiede zu, sie hätten

sich königlich unterhalten.«

»Ich erzähle mehr als billig von mir, liebe Ellen aber es ist mir, als

spräche ich mit Julian.«

»Von Mary Lueger hast du mir noch nichts berichtet.«

»Mary! Sie ist eine Convertitin geworden.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Mary war voll Liebenswürdigkeit und voll Herzlosigkeit. In den ersten

Monaten ihrer Ehe spielte sie mit ihren Manne wie die Katze mit der

Maus. Lächelnd beobachtete sie seine Werbungen, lächelnd ergab sie sich

ihm, lächelnd ruhte ihr forschendes Auge auf ihm, wenn er seine Lust

gebüßt hatte. Es wollte sich kein rechtes Glück in der Ehe einstellen.

Sie glaubte ihn unzufrieden und mit Tändeleien und Coquetterien

führte sie ihren Mann immer wieder zu sich zurück, wenn es schien,

er werde gleichgiltig. Es kam zu keiner Aussprache. Es erweckte aber

doch einiges Mißbehagen in Marys Gemüth, da sie zu entdecken glaubte,

daß Lueger sich unglücklich fühle. Sie war sich klar darüber, daß

ihr Mann nicht nur Leidenschaft fühlen, sondern auch erwecken wolle.

Sie war aber von Natur kalt und glaubte, da sie seine Frau wurde,

es wäre genug, wenn sie den stürmischen Mann gewähren ließe. Sie

fühlte aber später doch, die »Lebensart« fordere etwas mehr, und es

widerstrebte ihr, eine Dissonanz in ihrem Verkehre mit dem Manne ihrer

Wahl aufkommen zu lassen. Aus purer Güte und geselliger Gentilliezza

spielte sie jetzt ein wenig die Sinnliche. Sie lächelte weniger,

zeigte sich unruhig, schien sich in seinen Armen zu erwärmen, drückte

ihm dankbar die Hand und da sie früher mit ihren Reizen Verschwendung

trieb, wurde sie zurückhaltend, als wünsche sie den Mann zu größerer

Leidenschaft aufzustacheln. Dieser zeigte sich freudig überrascht, die

erste Leidenschaft kehrte zurück und je stürmischer er wurde, umso

weniger konnte sie es über sich bringen, die Maske fallen zu lassen

und einzugestehen, daß sie sich verstellt habe. Im Gegentheil, je

glühender der Mann wurde, umso größere Wollust heuchelte die Frau. Da,

im vierten Monate der Ehe, löste sich der Bann. Eines Tages, fühlte

Mary in den Umarmungen ihres Gatten wirkliche Wollust, ein elektrischer

Schlag durchzuckte ihren weißen Leib und sie sah mit Sehnsucht und

Verehrung auf ihren Mann. Immer mächtiger wurde ihr Liebesbedürfniß,

sie umschlang den Gatten mit einer Gluth, die ihm bisher fremd war, und

einmal, da er gleichgiltig schien, warf sie sich vor ihm auf die Kniee

und warb in sinnloser Begierde um seine Liebe. Er streichelte ihr erst

mitleidig die Haare und da sie nicht müde wurde, seine Sinnlichkeit

herauszufordern, zog er sie endlich entzückt in seine Arme und es

folgte eine jener süßen Stunden, in denen sich zwei Menschen alles

sind.«

»Lori hatte ihre Freude daran, als ihr Mary bekannte, sie sei jetzt von

Sinnlichkeit beherrscht, wie jede andere Frau. Es habe ja so kommen

müssen, sagte Lori, Kälte sei unnatürlich an einer Frau.«

»Seid ihr so offen gegenseitig?« fragte ich.

»Die Frauen untereinander schenken sich jedes Vertrauen. Uns

Unvermählten gegenüber sind sie sonst verschlossen, wie auch wir den

verheiratheten Frauen gegenüber eine geschlossene Kaste bilden. Wir

tauschen unsere Erfahrungen sonst nur theoretisch aus und lassen

Offenheit nur walten, wo sie durch die Gesetze geboten ist, die wir uns

selbst gegeben.«

»Welcher Art sind diese Gesetze?« fragte ich.

»Sie zielen darauf ab, die Männer uns unterthan zu erhalten in allem,

was die Liebe betrifft. Sie sollen nicht erkalten, aber auch nicht

in stumpfe Sinnlichkeit verfallen, es soll ihnen nicht gelingen,

Uneinigkeit unter uns zu säen. Kein Ehemann darf Gehör finden, wenn er

sich von seiner Frau wendet, ausgenommen, er erwirkt die Scheidung und

wird von der Frauencurie schuldlos befunden.«

»Fürchtet ihr nicht die Geschwätzigkeit der Männer, wenn ihr

untereinander keine Geheimnisse habt?«

»Wir führen ein strenges Regiment. Es ist vorgekommen, daß ein

Unersättlicher sich, um eine Umworbene willfähriger zu machen, auf

Gunstbezeugungen berief, die ihm andere Mädchen erwiesen. Das wurde

hart geahndet. Ein solcher Rebell wurde für ein halbes Jahr unter

Bann gethan und wir kehrten ihm alle den Rücken, bis er seine Strafe

abgebüßt hatte.«

»Sollte sich da keine Schwache unter euch finden, die den Verbrecher

heimlich begünstigt?« entgegnen ich.

»Das halte ich für unmöglich. Jede einzelne von uns hat heiligen

Respect vor der Curie.«

»Und woran ist denn die Vervehmung erkennbar?«

»Wir haben genügende Mittel, uns untereinander zu verständigen, unsere

Rache verfolgt den Verbrecher bis an die äußerste Grenze des Reiches.«

»Und wie bist du, eine Unvermählte, hinter die Geheimnisse Marys

gekommen?« forschte ich weiter.

»Ich bin exemt« sagte Giulietta. »Ich gelte für eine Philosophin und

Gelehrte in Liebessachen, die sich darüber nur aus wissenschaftlichem

Interesse informirt, daher ich auch zu Rathe gezogen werde und

Anwartschaft habe, zur Vorsteherin gewählt zu werden. Ich vereinige

auch eine große Summe von Erfahrungen in mir. Ich bin halb und halb

Frau, denn ich war nahe daran, mich zu vermählen. Ich habe die Liebe

gekostet und bin dann doch Vestalin geworden. Seither habe ich die

Frauenliebe in den edelsten und abschreckendsten Formen zum Gegenstande

des Studiums gemacht. In unserer Frauenbibliothek habe ich alles

durchforscht, was auf die Liebe Bezug hat; Geschichte, Dichtung,

Psychologie und Physiologie habe ich unermüdlich ausgebeutet, um die

Frage zu erschöpfen, was Leib und Seele in der Liebe gewirkt, genossen

und gelitten haben. Und gerade diese theoretische Befassung mit dem

großen Räthsel »Liebe« hat mich gefeit gegen jede Versuchung, meinem

Vorsatze untreu zu werden. Ich habe viele Vorträge in der Frauencurie

gehalten, und da man erfahren hat, wie sehr meine Wissenschaft und

Lehre meinen Schwestern nützlich werden kann, tragen mir alle Bausteine

zu für den Aufbau meiner Theorieen. Allerdings habe ich mir das

Vertrauen aller erworben, da ich keinen Mißbrauch mache von dem, was

man mir mittheilt.«

»Unter diesen Umständen wage ich nicht zu forschen, wie Marys Eheroman

weiter verlaufen.«

»Ich rechne darauf, daß du und Julian mich nicht blosstellen werdet.

Amerika ist weit und du bist gewiß nicht weniger gewissenhaft, als sich

dein Bruder erwiesen hat.«

»Mary und Lueger wurden die verliebtesten Eheleute, die man sich

vorstellen kann. Mary, welche vorher kalt wie Eis war, fürchtete, in

unersättliche Sinnlichkeit zu verfallen und sich gegen alle anderen

Reize des Lebens abzustumpfen. Auch regte sich die Eifersucht, bevor

noch ihr Mann ihr den geringsten Anlaß zu Befürchtungen gegeben,

und eines Tages, als Lueger mit seiner Frau tändelte, zog sie einen

scharfgeschliffenen Dolch hervor und ließ ihn die Inschrift lesen,

die darauf eingeprägt war: ‘Jeder, der ein Weib, mit Begierde nach

ihr, ansieht, hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinen Herzen.’

Betroffen sah er auf und seine blonde, gleichmütige, immer freundliche

Mary war ganz verändert. Sie küßte ihren Mann und sagte: ‘Ebenso

heilig, wie dir die Gattenrechte deiner Brüder sein sollen, muß dir

auch das Recht sein, das ich auf dich habe. Gieb mir je Anlaß, an dir

zu zweifeln, und, ich schwöre es dir zu, diese Waffe wird das Band

lösen, das dich an mich kettet.’ Er umarmte sie stürmisch und versprach

ihr Treue auch in Gedanken.«

»Mary wurde nun gewahr, daß sie von einem Fehler in den

entgegengesetzten verfallen war. Sie wurde ungesellig, abstoßend

gegen andere Männer, sie schloß sich mit ihrem Manne ein, und unsere

»Medizinschwester,« wie wir die Frau Doktor nennen, machte ihr

Vorstellungen. Die junge Frau wurde bleich, die Augen verloren den

Glanz, sie war oft in Gedanken verloren, wenn ihr Mann abwesend war,

es drohte Gefahr, daß ihr Nervensystem erschüttert werde, und da

rieth ich zu theoretischen Studien über die Liebe. Ich sagte, sie

solle ihren Mann auffordern, ihr Geschichtsvorträge über die Liebe

und Ehe zu halten. Er sammelte Material und that ihr ihren Willen.

Gewöhnt, die Geschichte mit philosophischem Geiste zu erfassen und

zu tradieren, wurden diese Vorträge ihm und seiner Frau zu einer

heilsamen Belehrung und mittlerweile hatte ich Mary auch unser

reichhaltiges Materiale erschlossen, und so hielt auch sie dem Gatten

Vorträge, in welchen zu seiner Ueberraschung neue historische Bilder

und philosophische Theoremen zu einem Ganzen verwebt waren, wobei Mary

aber gewissenhaft allem auswich, was zu unseren Geheimlehren gehört.

Die Eheleute vermieden es, die Folgerungen auszusprechen, die sie aus

der Wissenschaft auf das eigene Eheleben zogen, aber Erkenntniß macht

weise, und sie fanden von selbst den Weg zu der Ausgeglichenheit im

Leben, welche zu dauerndem Glücke erforderlich ist.«

Nun that sich die Thüre auf und ein paar Prachtmenschen traten ein.

Giulietta erhob sich: »Professor Lueger und Frau; Miß Ellen West.«

Die Beiden standen eine Weile vor mir; Mary, sich an den Arm ihres

Mannes hängend und den Kopf in zärtlicher Vertraulichkeit an seine

Schulter gelehnt, betrachtete mich und sagte dann, mir die Hand

entgegenstreckend: »Wie ähnlich unserem Freunde Julian. Wie geht es

ihm und was macht Mr. Forest, der stumme Begleiter?« Da ich Antwort

geben wollte, kamen Dr. Kolb und Lori. Ich erkannte sie nach den

Medaillons, die ich gesehen, und rief erfreut ihre Namen, bevor

Giulietta sie mir vorgestellt hatte. »Ich habe, bevor wir uns in das

Wäldchen verloren, Auftrag gegeben, die Freunde für den Abend zu mir

zu bitten; sie würden Julians Schwester bei mir finden,« erklärte sie.

»Sie haben ihre Verabredungen für den Abend gerne fahren lassen, nur

Zwirner ist durch Amtsgeschäfte verhindert. Macht es euch bequem, wir

werden uns mit Stühlen versorgen müssen!«

Eben kam Lydia, die einige Bekannte aufgesucht hatte, und von Giulietta

geladen worden war, und dann ein hübsches, halbwüchsiges Mädchen,

mit dem Giulietta einiges bei Seite zu verabreden hatte. Bald darauf

brachte man ein paar Tischchen und Stühle und während wir Frauen

Platz nahmen, lud Giulietta die Männer ein, sich ein Tabouret in die

Fensternische zu rücken; sie wisse, daß die Freunde das Schachspiel

lieben, sie möchten ein Match machen.

Da Mary, die neben mir saß, bemerkte, daß mein Auge teilnahmsvoll auf

Lori gerichtet war, flüsterte sie mir ins Ohr: »Ich habe auch seit

ein paar Monaten Hoffnung auf Nachkommenschaft.« Die böse Frau hatte

ein halbes Jahr gegen ihren Beruf gesündigt, war aber, wie in allem

anderen, auch darin zur Pflicht zurückgekehrt. »Ich necke meinen

Mann damit, daß ich ihm drohe, den Schlingel, wenn es ein Knabe ist,

Boanerges zu taufen, denn er wird gewiß ein großer Redner vor dem

Herrn. Die Luegers kommen immer mit viel Geschrei auf die Welt.«

Mittlerweile -- Giulietta hatte mit Lori geplaudert -- kam das Mädchen

von vorhin mit einer großen Last von nützlichen und angenehmen Dingen.

Der Oesterreicher kann in der Regel seine Mahlzeiten einnehmen, wo es

ihm beliebt. Unsere Bewirthung machte also Giulietten keine Auslagen.

Aber in Fällen, wo Fremde oder auswärtige Freunde irgendwo zu Gaste

sind, pflegt die Verwaltung auch ein übriges zu thun, so weit die

Vorräthe reichen. Es waren also viele köstliche Dinge gebracht worden.

Den großen Samowar füllte Giulietta mit Wasser aus der Leitung und dann

ging sie daran, den Punsch zuzubereiten, der uns in fröhliche Stimmung

versetzen sollte. Dazwischen hatte Giulietta mit Peter zu thun, der

aufgewacht war. Sie kleidete ihn an, rückte ihn im Kinderstühlchen

an unseren Tisch, ließ ihn seine schwierigsten Worte sagen und

das Bilderbuch erläutern und ging dann wieder an ihre Arbeit. Wir

plauderten eine Weile und dann rief Giulietta: »Fertig! Laßt jetzt die

Königin in Bedrängniß allein auf Rettung sinnen und kommt herüber, wir

brauchen Männer, die uns den Hof machen.«

Die Herren übersiedelten zu uns und während wir uns ans Genießen

machten, warf Dr. Kolb die Frage auf, was der Sommer bringen solle.

»Da wir jetzt so gute Freunde geworden sind, lieber Professor, so

plane ich für den Sommer Reisen und Ausflüge mit dir. Ich habe bei

der Hofcentralverwaltung angefragt; man stellte mir für das Frühjahr

die Wahl zwischen Gödöllö, Abbazzia und Miramar frei, im Hochsommer

ein Schloß in den Karpathen oder Amras. Was sagst du zu Amras? Es hat

eine reizende Lage auf dem Mittelgebirge; der Garten, den Erzherzog

Karl Ludwig anlegen ließ, ist jetzt mit uralten Bäumen bewachsen, und

außerordentlich poetisch ist der alte Park in den Bergen und Schluchten

hinter dem Schlosse mit zahllosen Brücken und Grotten und einem

verwirrenden auf und ab wohlgepflegter Wege, die oft einer tief unter

dem anderen sich kreuzen.«

»Ich glaube,« sagte Mary, »du machst die Rechnung ohne den Wirth,

Doktor. Willst du mit meinem Manne sein, so mußt du dir das alles aus

dem Kopfe schlagen.«

»Ich wüßte nicht, Mary,« sagte der Professor »daß wir andere Pläne

hätten.«

»Deine kleine Frau hat schon an den Sommer gedacht.«

»Laß hören, ich bin neugierig.«

»Vor allem kannst du ja nicht über deine Zeit verfügen, wie Dr. Kolb,

du mußt deine Vorlesungen pünktlich einhalten, kein Tag wird dir

geschenkt und zum ersten September hast du wieder einzutreffen. Für

die Ferien habe ich meinen Plan festgelegt -- das heißt, wenn mein

gnädiger Herr mir huldvoll beistimmen will, -- und Dr. Kolb rathe ich,

im Frühjahre nach Schottland oder den schwedischen Fjords zu reisen

und im Juni das Nordkap zu besuchen, der Mitternachtssonne wegen;

vielleicht interessieren ihn diese Naturschönheiten auch, wenn er sich

schon sattgesehen an den Herrlichkeiten, die er an seinen Modellen

zwischen dem Kinn und den Knöcheln zu suchen gewöhnt ist.«

»Jeder bleibe bei seinem Leisten,« sagte Dr. Kolb lachend, »die

Mitternachtssonne gebührt den Malern.«

»Und im Herbste schicke ich unseren Doctor auf eine Studienreise nach

Griechenland und Kleinasien.«

»Das läßt sich hören,« sagte dieser, »und was ist's mit den

Ferienplänen?«

»Ich glaube,« sagte Mary, »mein Mann könnte sich nicht auf sechs Wochen

von seiner armen Frau trennen.«

»Bewahre; du mußt mitkommen, sage nur wohin du willst.«

»O bitte, das geht nicht so, deine Frau hat ein Amt.«

»Ich weiß, Frau Bibliothekarin, aber es gibt ja Urlaube.«

»Ich habe mit dem Verwaltungsbeamten gesprochen, aber er will nur von

vierzehn Tagen wissen. Er sagt, ich hätte nicht mehr Anspruch, und« --

sagte der Schelm, wie zögernd und nachdenklich vor sich hinblickend,

-- »mein Einfluß reicht nicht so weit, einen österreichischen Beamten

zu verführen.«

»Vierzehn Tage, das geht nicht, was fangen wir mit vierzehn Tagen an!«

»Deine kluge Frau hat alles bedacht. Es wird vielleicht meinem Herrn

Gemahl belieben, sich der Tage zu erinnern, die er mit seiner Braut in

Königstetten verbrachte. Die Hochbergs residieren heuer wieder dort,

ihre zweite Tochter vermählt sich und der einzige Sohn ist bei seinem

Regimente in Sibirien; da wollen die alten Leute den Sommer in der

Nähe Loris verbringen und bis dahin haben sie ja auch ein Enkelchen in

Tulln.«

»Du hast recht, ich werde mit der Fürstin sprechen; wir lassen uns

dein Zimmerchen zum ehelichen Gemache umgestalten. Weißt du noch, wie

ich dir dort zuweilen vorlesen durfte? den wilden Jäger, Ekkehard

--« »-- und was ich dir losem Werber anderes vorzulesen verwehrte.«

»Das stimmt, Gestrenge, -- und wie ich im übrigen mit unverzeihlicher

Härte behandelt wurde.« -- »Ja;« sagte Mary, »aber du sollst heuer

dort allein wohnen.« »Was soll das heißen?« »Scheidung von Tisch und

Bett, mein Lieber,« sagte Mary lachend. »__Divorçons!__« »Eine neue

Variante,« sagte Lueger schmunzelnd. Mary verrieth nur unmerklich, daß

das Wort ihre Heiterkeit errege, und wir blickten so harmlos, wie nur

immer möglich. Lori warf nun ein: »Es wird nicht zu hart ausfallen.«

»Siehst du,« erklärte jetzt Mary, »ich habe allerlei ausgebrütet. Du

sollst deine Ferien haben und ich will dir die Kette etwas verlängern,

aber aus den Augen laß ich dich nicht. Ich werde in Tulln wohnen.«

»Und die Bibliothek in Wien besorgen? Wie reimt sich das zusammen?«

»Frage Lori.«

»Wenn du einverstanden bist, guter Professor, so tauscht Mary für die

Ferienwochen mit der Bibliotheksverwalterin in Tulln. Ich habe das auf

ihren Wunsch ins Reine gebracht. Es ist eine ziemlich alte Wittwe, die

den Wunsch hat, einmal Wien recht nach Herzenslust zu genießen. Ihre

Tochter ist dort verheirathet und außerdem haben wir Veranstaltungen

getroffen, daß ihr alle möglichen Annehmlichkeiten bereitet werden.«

»Das wäre ja vortrefflich, die Verwaltung wird das gewiß erlauben.«

»Hat schon!« sagte Mary.

»Aber jetzt sehe ich nicht ein, wozu die Trennung,« sagte Lueger.

»Bleibe bei mir in Königstetten, der Fürst läßt dich täglich nach Tulln

fahren und im Wagen zurückbringen.«

»Ich danke schön,« sagte Mary, »du weißt, in welchem Zustande ich mich

befinden werde zu jener Zeit. Meinst du, die schöne Mary hat Lust,

unter den Damen in Königstetten zu erscheinen mit verzerrtem Gesichte

und entstelltem Leibe? -- Das nicht. Aber vielleicht wird es,« sagte

sie mit heuchlerischer Miene, die Arme über der Brust gekreuzt und das

Haupt demüthig vor ihrem »Herrn« gesenkt, »meinem Gebieter gefallen,

einmal nächtlicher Weile sich aus dem Schlosse wegzustehlen und seine

»Magd« zu Tulln aufzusuchen.«

»Vortrefflich! Bei der eigenen Frau fensterln!« lachte der Professor.

»Und wenn sich eine Vermummte abends im Schlosse einschleicht, beim

Professor eindringt und demüthig an der Thüre stehen bleibt?«

»Dann wird sie der Professor nicht wieder fortlassen, bis die Lerchen

zu schlagen anfangen.«

»Und wenn die Schwestern aus dem Schlosse mir dann klatschen kommen,

das wird ein »Jux« werden.«

»Die Sommerpläne wollen wir uns überlegen,« sagte der Professor.

Schweigend hatte man den letzten Reden Marys zugehört und Dr. Kolb

war aufgestanden, um einige ihm noch unbekannte Kunstgegenstände zu

betrachten. Giulietta brachte das Gespräch plötzlich auf ein anderes

Thema und Mary nahm daran unbefangen, aber etwas ernst theil. Peter

war nach seinem Mahle wieder eingeschlafen und von Giulietta zu Bette

gebracht worden.

Da es Zeit zum Aufbruche war, stellte man noch einige Fragen an mich,

wie es Julian gehe, was sein Beruf wäre, ob er bald heirathen würde und

ich sollte Vergleiche anstellen zwischen Oesterreich und Amerika. Ich

sagte, ich sei zu patriotisch, als daß ich Vergleiche ziehen möchte,

die meinem Vaterlande nicht zum Vortheile gereichen könnten, und man

drang nicht weiter in mich. Die Kleine kam wieder und sagte, der

Verwaltungsbeamte habe uns Wagen gesandt, weil wir den letzten Zug

versäumten, und als wir uns von Giulietta verabschiedet hatten und die

Treppe hinabgestiegen waren, standen zwei Wagen bereits vor dem Hause.

Höflein ist halbwegs zwischen Wien und Tulln gelegen und wir hatten

zwei Stunden scharfen Fahrens vor uns. Es war nur _=ein=_ junger Mann

da, die Pferde zu lenken, und da Dr. Kolb seine Dame nicht verlassen

durfte, übernahm jener dieses Gefährte und bat Lueger, unseren Wagen

zu fahren. Mary wollte Protest einlegen; die Nachtluft sei gefährlich;

aber der Professor war gut versorgt und mußte sich fügen, wenn wir

nicht hier bleiben wollten. Es war niemand zu finden, dem man die

Wagenlenkung hätte übertragen können.

Der junge Mann gab noch seine Weisungen, nach welchem Stalle Pferde und

Wagen zu bringen seien, und wir nahmen Platz.

Mary sagte: »Jetzt können wir englisch sprechen.« Ich nahm dankbar an

und erwähnte, daß wir einen recht frohen Abend verbracht hätten. »Wenn

ich mich nur nicht gegen das Gefühl meiner Schwestern vergangen hätte,«

sagte Mary unbefangen. »Du hättest Lori nicht an ihr Aussehen erinnern

sollen,« sagte Lydia. »Das war es wohl nicht; Lori hat wohl selbst das

Gefühl, daß sie jetzt nicht viel unter fremde Leute gehen möchte. Aber

man hat gewiß gefunden, daß ich zu frei geredet.« »Seid ihr so streng?«

»Es ist schwierig, die richtige Linie einzuhalten und nicht langweilig

zu werden. Man findet, man dürfe die Männer nicht an leichtfertige

Reden gewöhnen; sie würden nur zu leicht in Rohheit verfallen. Ich

bin schon einigemale getadelt worden. Auch sollen Eheleute alles aus

dem Spiele lassen, was an ihr vertrautes Leben erinnert.« »Ich habe

aber schon sehr vertrauliche Mittheilungen aus Frauenmund hierzulande

gehört.« »Das mag sein, zu zweien oder in einer Curiatsversammlung.

Gewiß nicht vor Männern oder aus muthwilligem Scherze.« »Das ist

wohl richtig. Wird das Vorkommniß Folgen haben?« »Ich glaube, unsere

Vorsteherin wird mir Vorstellungen machen, aber das geschieht mit

größter Schonung.« »Wer wird ihr denn davon Mittheilung machen?«

»Giulietta. Es war ja ihr Territorium und sie ist eine Haarspalterin.«

»Führt das nicht zu Verdruß zwischen ihr und dir? Eine Denunciation!«

»Das haben wir unter uns abgemacht; in der Curie darf alles zur Sprache

gebracht werden und niemand darf eine Beschwerde, wenn sie auch

ungerecht befunden wird, nachtragen.« »Die Geheimnisse des Ehelebens

sind doch gewiß unantastbar,« sagte ich inquisitorisch. »Nicht so

ganz unbedingt, ausgenommen sie bleiben eben unentdeckt.« »Was gehen

die die Curie an?« »Ich will dir von meinen Erlebnissen erzählen und

du magst daraus entnehmen, welche Gewalt die Curie über uns hat. Ich

wollte keine Kinder haben. Ich war zu eitel und es fehlte mir an Muth

und Selbstverleugnung. Zum mindesten wollte ich Frist haben. Das wurde

mir nun von der Vorsteherin vorgehalten. Sie sagte, ich hätte auf die

Ehe verzichten sollen, wenn es mir an Standhaftigkeit fehle. Mein Mann

habe das Recht, zu fordern, daß ich ihm Kinder schenke, und auch die

Gesellschaft rechne darauf. Ich brauchte Ausflüchte und schützte Zufall

und Schwäche vor. Die Vorsteherin ließ sich aber nicht irre machen.

Die Frau Doctor habe mir einige Besuche gegen meinen Willen gemacht,

die Ursache meiner Unfruchtbarkeit sei nicht zweifelhaft. Diese

Angelegenheit wurde wiederholt erörtert, immer mit großer Schonung,

und die würdige alte Frau hatte mehrere Monate Geduld. Da vollzog sich

dann ein Umschwung in meinem Gemüthe; mein Mann sprach wiederholt von

seiner Hoffnung, Vater zu werden, und so -- wurde er es auch,« sagte

Mary mit reizendem Lächeln, »das heißt in __spe__.« »Entstehen aus

solchen Einmengungen dritter Personen keine Mißhelligkeiten?« »Wir sind

von früher Jugend daran gewöhnt, uns der Frauencurie zu unterwerfen,

und die Vorsteherin ist immer eine Frau, die sich die Liebe und das

Vertrauen aller zu erhalten weiß. Sie schont auch die Empfindlichkeit

auf das sorgfältigste und wir haben uns unserer kleinen Fehler nicht zu

schämen, weil niemand davon frei ist.« »Diese Institution erinnert an

die Beichte,« sagte ich. »Doch mit einem sehr wichtigen Unterschiede.

Wir werden zu keiner Selbstanklage verhalten, wir werden nicht von

einer ordinirten Person, sondern von einer selbstgewählten Vorsteherin

beraten und vielleicht zuweilen getadelt und es darf sich kein Mann

in Dinge mischen, welche ihm wahrlich Scheu und Ehrfurcht einflößen

sollten.« »Es kann aber doch vorkommen, daß die Vorsteherin nicht das

Vertrauen aller Schwestern ihrer Gemeinde hat.« »Gewiß, dann bezeichnet

man eine Schwester der Vorsteherin als Vertraute und diese bedient sich

ihrer als Vermittlerin.«

Eben hielt der Wagen vor meinem Wohnhause und ich verabschiedete mich.

_=Nachwort.=_

Ich folge dem Beispiele Tolstois, wenn ich, wie er in der

Kreuzersonate, dem vorstehenden Buche ein Nachwort folgen lasse. Denn

es entspricht unserer Zeit, die an der Wende einer neuen Weltordnung

angelangt ist, daß eine Vision vorangeht und ihre Deutung nachfolgt.

Meine Vision wendet sich nicht nur gegen Bellamy und Michaelis,

sondern auch gewissermaßen gegen Tolstoi und ganz besonders gegen

seinen sonderbaren Posdnyschew. Tolstoi hat zwar den barbarischen

Reinheitsfanatismus seines Helden im Nachworte gemildert, aber er

findet das Ideal des Christenthums nicht in der Menschenliebe, sondern

in der Vergeistigung und Entmaterialisirung des Menschen. Er sagt mit

Recht, das Christenthum setze ein Ideal, das in seiner Vollkommenheit

nie erreichbar sein wird, uns aber darum doch immer vorzuschweben

hat. Dessen nächste Wirkung muß, wie ich meine, sein, uns über den

das Christenthum überwuchernden Pharisäismus hinüberzuhelfen. Das

christliche Ideal ist aber im Sinne Tolstois nicht die Liebe, sondern

die Askese, wenn auch nicht die Askese im gottesdienstlichen Sinne, so

doch die Askese im Sinne einer unnöthigen Verleugnung der thierischen

Natur des Menschen. Nach Tolstoi hätte Christus gesagt: »Liebe deinen

Nächsten wie dich selbst, dich selbst aber hasse.«

Hierin ist Leo XIII. Tolstoi weit überlegen, denn in seiner __Encyklika

de conditione opificum__, die in der Erörterung der socialen Frage

herzlich unbedeutend ist, sagt Leo XIII. doch, daß der Mensch auch

Thier sei, und zwar, daß die thierische Natur in ihrer Ganzheit und

Vollkommenheit zum _=Wesen=_ des Menschen gehöre (Absatz 4). Und das

entspricht auch ganz der Lehre Christi. Christus hat dem Menschen, der

ißt und trinkt, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Pharisäer

waren es, die Christus einen Fresser und Weinsäufer schalten und

Christus antwortete darauf: »Jawohl, des Menschen Sohn ißt und trinkt.«

Er vergab sogar der öffentlichen Sünderin. »Ihr werden viele Sünden

verzeihen werden, denn sie hat viel geliebt.«[P] Johannes sagt von

ihm: (11, 5.) »Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester Maria

und den Lazarus.« Christus sagte: Meine Lehre ist in Wahrheit Brod und

Wein, Nahrung und Getränke, und nicht im mystischen Sinn. Er setzte

das gesellige Abendmahl als einzige religiöse Handlung ein und seine

Anforderung geht schließlich nur auf wirthschaftliche Arbeit, denn

wenn er beim letzten Gerichte verdammend ruft: Ich war hungrig und

du hast mich nicht gespeist, ich war durstig und du hast mich nicht

getränkt, ich war ein Fremdling und du hast mich nicht beherbergt,

ich war nackt und du hast mich nicht bekleidet, ich war krank und im

Gefängnisse und du hast mich nicht besucht, -- so sagt Christus doch

nichts anderes, als daß der Mensch gerade als Thier Forderungen an

den Menschen zu stellen und daß dieser gerade als Thier und Arbeiter

Schulden zu zahlen hat, und diese wirthschaftlichen Verpflichtungen

sind es, die den wahren Cultus des Christenthums ausmachen. Der

Gottesdienst geht bei Christus in Menschendienst, der Menschendienst

in Arbeit auf und diese Anforderungen setzen gerade die Fortdauer des

thierischen Menschen mit seinen thierischen Bedürfnissen bis ans Ende

der Zeiten voraus und dort ist das Ideal des Christenthums gewiß nicht

zu suchen, wo es Tolstoi zu finden glaubt.

Wenn Christus sagt: ‘Mann und Weib sind zwei in einem Fleische’, so

gibt er der Geschlechtsliebe einen gerade wegen der materiellen

Fassung charakteristischen Ausdruck und bestätigt die Berechtigung der

Animalität auch in der Liebe, und da er sagt, jener, die viel geliebt,

wird auch viel vergeben werden, bestätigt er weiter, daß auch darin

sich die Nächstenliebe bekunden kann und immer wird.

Sagt er: ‘Nicht was zum Munde eingeht, sondern was zum Munde herausgeht,

verunreinigt den Menschen, denn was zum Munde hineingeht, kommt in

den Magen und nimmt seinen natürlichen Ausgang, aber, was zum Munde

herausgeht, kommt aus dem Herzen und verunreinigt den Menschen,’ so

sagt Christus damit ganz offenbar, nicht durch die Paarung verunreinigt

sich der Mensch, sondern durch die Paarung ohne Liebe. Posdnyschew

sucht die Dissonanz am unrechten Orte; nicht die Verunreinigung durch

einen sinnlichen Genuß ist abscheulich, sondern die Fälschung der

Liebe darin, daß man nur eigene Befriedigung sucht, nicht zugleich,

ja mehr noch, die des anderen. Ich habe nicht ohne Grund, und ohne

Zögern, Julian West sagen lassen, daß die Oesterreicherin der Zukunft

dem Fremden gegenüber Gastfreundschaft gewährt, und niemand wird mich

überzeugen, daß darin Frivolität liegt, oder, daß ich darin den Boden

des Christenthums verlassen habe. Weßhalb sollen wir härter sein gegen

die Oesterreicherin, die nicht gebunden ist, als Christus gegen die

Ehebrecherin?

Aber eine egoistische Liebe, eine Liebe, die mit Geld bezahlt und sich

mit Geld bezahlen läßt, eine Liebe, die nicht fragt, welchen Schaden

wirst du davon haben, oder ob ein Herz davon brechen wird, mit einem

Worte der Egoismus in der Liebe, dessen Abscheulichkeit Posdnyschew

richtig erkannt hat, eine solche Liebe ist dem Christenthume, der

Nächstenliebe zuwider.

Allerdings ist eine Askese aus Menschenstolz, wie sie Tolstoi

imaginirt, edler, als eine Askese aus pietistischem Hasse gegen das

Fleisch. Aber Reinlichkeit ist nicht Reinheit und das hat Christus

classisch gelehrt mit dem, was er vom Händewaschen sagt. Die bloße

Paarung ohne alle Liebe ist vielleicht um ein Geringes unästhetischer,

als gieriges Essen, oder unmäßiges Trinken, aber die Liebe, angetrieben

von dem Verlangen, zu beglücken, ist gewiß nicht unrein und der

Instinkt, der uns lehrt, uns zurückzuziehen, wenn wir lieben, und

unser Glück vor anderen zu verbergen, zeugt keineswegs von schlechtem

Gewissen oder davon, daß wir einer bloß verzeihlichen Schwäche opfern,

sondern er weist uns darauf hin, ganz und gar in der Geliebten

aufzugehen. Und ich sage in meinem Sinne absichtlich: der Geliebten,

denn wehe der Frau, die aufhörte, die Geliebte zu sein.

Auch August Bebel in seinem kostbaren Buche: »Die Frau und

der Socialismus«, verkennt das Christenthum, wenn er lehrt,

das Christenthum predige die Verachtung der Frau, es verlange

Enthaltsamkeit und Vernichtung des Fleisches.[Q] -- Christus, der

dem Weibe volle Gleichberechtigung zuerkannte, da er, über Moses

hinausgehend, auch dem Weibe ein Recht auf Gattentreue zusprach,

Christus, dem so viele Frauen nachfolgten, bei dessen Kreuzigung

nur Frauen ausharrten, der der Ehebrecherin selbst keine andere

Zurechtweisung ertheilte, als: »Geh' und sündige nicht mehr,« dessen

Freundschaft zu Maria und Martha eine so menschlich edle war, soll

Verachtung der Frauen gepredigt haben, und er, dessen Schlußlehre war:

»Gebt den Menschen zu essen und zu trinken, kleidet sie, beherbergt sie

und besucht sie, wenn sie krank sind, _=anderen Gottesdienst gibt es

nicht=_« -- er soll Vernichtung des Fleisches gefordert haben, als ob

nicht gerade dessen Erhaltung allein das Endziel jener Werke nicht der

Liebe, sondern der christlichen Gerechtigkeit, der productiven Arbeit

wäre? Dabei will ich aber nicht unterlassen, zu bemerken, daß im Sinne

Christi jener uns ernährt, kleidet und beherbergt, der seine Hände

rührt, nicht der Parasit, der blos seinen Beutel aufmacht. Christus

wird verlästert von jenen, die ihn einen Asketen schelten. Noch einmal,

er lehrt, daß der Menschensohn ißt und trinkt. Gewiß ist, daß er sagt:

»Geht alle hin, verlasset Güter und Häuser, Weiber und Kinder um des

Himmelreiches willen,« aber er fügt hinzu, »dann werdet ihr hundert

Güter und Häuser, und hundert Kinder haben und das ewige Leben dazu.«

Mein Roman zeigt, daß, wer alles verläßt in dem Sinne, wie es Christus

versteht, nämlich zur Begründung des Collectivismus, reicher wird und

nicht ärmer, und ein Bild dafür ist der verstümmelte Jacob, der mehr

Beine hatte, als irgend einer seiner Volksgenossen. Christus fordert,

daß wir das Himmelreich suchen, aber er lehrt, _=daß die Aufgabe des

Himmelreiches sei, Nahrung, Kleidung und Wohnung nach Gerechtigkeit

zu vertheilen=_[R], daß es also eine irdische und höchst praktische

Einrichtung ist. Das Christenthum ist helle Freude am Leben, das

Christenthum ißt und trinkt nicht nur, es liebt auch, und die Aesthetik

des Christenthums ist nicht Enthaltsamkeit sondern göttergleiche

Mäßigkeit und vor Allem Gerechtigkeit gegen unsere Tafelgenossen.

Auch Paulus, leider neben Johannes der erste Dogmatiker, versteht das

Christenthum in meinem Sinne. Auch er ist liberal gegen die animalische

Natur des Menschen und sagt im ersten Briefe an die Corinther 6, 12:

»Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll die Herrschaft über mich

erhalten,« und nach diesen Grundsätzen lasse ich die Oesterreicher der

Zukunft leben; diese Lehre des Paulus ist nicht pietistisch, sondern

philosophisch.

Wie thöricht es ist, das helle, lebensfreudige Christenthum der Askese

anzuklagen, zeigt Paulus an die Colosser 2, 20. 21. 22. 23. Paulus

spottet über die pharisäische Lehre: »Rühret nicht an, kostet nicht,

tastet nicht an,« und tadelt, »den selbstgewählten Dienst und die

Verdemüthigung und Nichtschonung des Lebens, dem man keine Ehre gibt

zur Sättigung des Fleisches.«

Askese zu _=üben=_ ist ganz und gar nicht christlich und Askese zu

_=fordern=_ geradezu unchristlich.

Irregeführt ist Bebel durch das, was Christus von der Ehe sagt, indem

dieser bestätigt, daß es nicht gut heirathen sei. Allein Christus

sprach in Räthseln und gerade an diesem Orte erklärte Christus, daß

er nicht sagen könne, was er denke. »Wenige verstehen dieses Wort«

und »wer es fassen kann, der fasse es.« Es ist also gewiß gerade diese

Lehre Christi am wenigsten wörtlich zu nehmen und Bebel nimmt sie

gerade so brutal wörtlich, wie die russischen Skopzen. Ich glaube, daß

Christus nicht im entferntesten meinte, _=alle=_ sollen verschnitten

sein, und daß er unter Verschneidung zwar eine _=Entsagung=_, aber

keine _=asketische=_ Entsagung verstand. Ich glaube, Christus meinte,

daß sein »Reich« unmöglich sei, wenn alle Familien gründen wollen,

er setzte voraus, daß _=viele=_, aber keineswegs, daß _=alle=_ dem

Familienglücke entsagen würden, damit das »Reich« bestehen könne.

Die Entsagung betrifft also die Zeugung, nicht die Liebe. Auch ich

glaube, daß der sociale Staat unmöglich ist, wenn nicht ein großer

Theil des Volkes der Familie gänzlich entsagt. Ob aber diese Annahme

richtig ist, wird erst die Erfahrung zeigen, wenn die neue Ordnung wird

eingeleitet sein. Alle Beobachtungen unter den heutigen Verhältnissen

sind trügerisch. Aber die Beschränkung der Zeugung war zu allen

Zeiten und bei allen Völkern bekannt und selbst bei jenen, die noch

im Naturzustande leben, wie Azara von Wilden in Südamerika berichtet.

Es giebt zwingende Verhältnisse, die alle Theorie und aprioristische

Moral zu Schanden machen und darum möge man ein endgiltiges Urtheil

über vieles aufschieben, was ohne Anstellung vielfältiger Beobachtungen

nicht beurtheilt werden kann.

Malthusianismus scheint gewiß verwerflich zu sein, aber eine

Propagation bis an die Grenze der von der Natur gebotenen Möglichkeit

halte ich für ein Absurdum. Doch wir brauchen Erfahrungen, die unter

der heutigen Weltordnung nicht gesammelt werden können.

Auch darüber hat sich Bebel in seinem Buche: »Die Frau und der

Socialismus« ausgesprochen, aber seine Lehre halte ich, ich _=halte=_

sie für eine irrthümliche. Wenn er Spencer citirt, der sagte: »Immer

und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungs_=fähigkeit=_

einander entgegengesetzt,« so bleibt noch immer die Frage, ob Spencer

nicht hätte sagen müssen: »Immer und überall sind Vervollkommnung

und Fortpflanzungs_=wille=_ einander entgegengesetzt,« denn

aus der _=thatsächlichen=_ Vermehrung eines Volkes auf dessen

Fortpflanzungs_=fähigkeit=_ zu schließen, ist absurd. Was bisher aber

alle Sociologen übersehen zu haben scheinen, ist das, daß es sich nicht

darum handelt, wieviele Menschen die Erde und, da man doch nicht die

Auswanderung zur Regel machen kann, wieviele Menschen die heimathliche

Erde ernähren kann. Nicht die Erde ernährt die Menschen, sondern die

produktive Bevölkerung und der Mensch lebt ja nicht allein vom Brode.

Die Frage ist daher, wie viele Kinder ein Erwachsener erziehen und

verpflegen kann. Mit Hilfe von ausgebeuteten Lohnsklaven allerdings

kann man auch zehn und zwanzig erziehen und ernähren, aber jeder für

sich? Können wir, wenn die Kinder sich verdreifachen, sie erziehen und

ihnen Häuser bauen? Da von sechs Kindern, die geboren werden könnten,

nur eins geboren wird[S], so muß doch ein anderer Factor auf die Zahl

der Geburten einwirken, als blos die Begrenztheit des natürlichen

Zeugungsvermögens. Da liegt ein noch ungelöstes Räthsel und eine Seite

der Frage, die noch nicht ins Auge gefaßt worden ist.

Damit widerlegt sich auch, was Bebel mit Berufung auf Liebig Seite 259

und 260 ausführt. Denn durch rasche Vermehrung der Geburten vermehren

sich vorerst nur die Zehrer, aber nicht die arbeitenden Hände, und ohne

diese vermehrt sich ja auch die Bodenrente nicht, noch weniger aber

vermehren sich die Wohnhäuser.

* * * * *

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Oswald Schmidt Leipzig-Reudnitz.

Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman · 第 42 / 44 题