Wir kamen nachmittags nach Bregenz. Der Bodensee bot im hellen
Sonnenscheine einen entzückenden Anblick. Tausende von Booten aller
Größen drängten sich an den Ufern, in der Ferne sah man zahlreiche
Dampfer, welche heute viele Tausende von den schweizerischen und
deutschen Ufern des Sees herangebracht hatten, laviren.
Es war Donnerstag der 6. August, der Vorabend unserer Abreise aus
dem uns liebgewordenen Oesterreich. Vom Bahnhofe bis zu den schönen
Gebäuden der Stadt und die Ufer entlang war ein Gedränge von Menschen
zu sehen, worunter auch Fremde aller Zungen und aus allen Welttheilen.
Wir eilten zu Tische, denn in kurzem stand die Ankunft des Kaisers und
des kaiserlichen Hofes bevor. Die Nachrichten liefen von Zeit zu Zeit
ein, wie der kaiserliche Zug die Stationen durchfuhr und nun eilten
viele zum Bahnhofgebäude, den Monarchen zu empfangen.
Die Kaiserin am Arme, gefolgt vom Kronprinzen und dessen jüngeren
Brüdern, dann von zahlreichen Erzherzogen und Prinzessinnen und dem
Hofstaate, schritt der Fürst, begrüßt und grüßend über den mit
Teppichen belegten kurzen Weg nach dem mächtigen Portale des herrlichen
Baues, der heute eröffnet werden sollte. Er war noch verschlossen und
am Eingange harrten die Baumeister und die Werkleute in alterthümlicher
Tracht, die kunstreich angefertigten Schlüssel in den Händen, um,
nachdem einige der Feier angemessene Reden gewechselt worden waren, die
Thore zu öffnen, über deren Schwelle voran der Kaiser und die Kaiserin
schritten und ihnen nach die Prinzen und Prinzessinnen, dann hohe
Beamte und Mitglieder des Adels, Einheimische und Fremde flutheten und
in kurzem beinahe den Riesensaal füllten. Der Seeseite gegenüber an der
Längswand, von wo aus man durch hohe Fenster und Glasthüren in einen
herrlichen Wintergarten blickte, war eine erhöhte Bühne, mit Teppichen
bedeckt, aufgerichtet, welche der Kaiser mit seiner Familie, dem Adel
und den hohen Beamten hinanstieg und, nachdem der Saal gefüllt und Ruhe
eingetreten war, nahm der Kaiser, die Kaiserin zur Rechten und den
Kronprinzen zur Linken, auf dessen goldgelockten Kopf er seine Hand
legte, das Wort, um eines Ereignisses in seiner Familie zu gedenken,
das Anlaß zum Baue des Palastes und zur heutigen Feier bot.
Am selben Tage vor drei Jahren war der Kronprinz, der jetzt in
blühender Gesundheit neben dem Kaiser stand, im Bodensee, wo er, noch
des Schwimmens unkundig, badete, von einer Welle ergriffen und in den
See, der ziemlich bewegt war, hinausgetragen worden. Händeringend
stand die Mutter am Ufer und zwei Schiffer stürzten sich ins Wasser, um
den Prinzen zu retten. Sie wollten nichts von Dank wissen und sagten
freimüthig, es sei ihnen um das Menschenkind, nicht um den Prinzen
gewesen, und der Kaiser, darum nicht weniger dankbar, beschloß, zur
Erinnerung an diese That der Nächstenliebe die Stadt Bregenz mit einem
Palaste zu beschenken, der auf Kosten der Civilliste erbaut werden
sollte. Nachdem der Kaiser noch einmal den Rettern, die weder genannt
werden wollten, noch bei der heutigen Feier erschienen waren, den Dank
ausgesprochen, erklärte er, den Bau nunmehr den Einwohnern der Stadt zu
übergeben, damit sie hier sollten frohe Stunden verleben und den vielen
Gästen, die das ganze Jahr über hier zusammenströmten, bereiten können.
Dann gab der Kaiser, der stehend und unbedeckten Hauptes gesprochen,
das Wort dem obersten Beamten der Provinz, der die Festrede hielt, in
welcher er die Nächstenliebe pries und schilderte, was sie schon Großes
in Oesterreich vollbracht habe.
Nach Beendigung der Festrede intonirten die anwesenden Sänger eine
passende Cantate, worauf man den Rundgang im herrlichen Baue antrat,
der in den letzten drei Jahren ausgeführt worden war und, wie wir
Amerikaner sagen würden, mehr als zwei Millionen Mark gekostet hatte.
In Oesterreich schätzte man den Bau auf zweitausend Arbeitsjahre.[O]
Die Gesammtanordnung war dieselbe, die alle diese Bauten zeigten.
Doch war das Geschoß, welches den großen Saal enthielt, höher, als
gewöhnlich und erreichte eine Höhe von sechzehn Metern. Die Pfeiler
zwischen den bis zur Decke reichenden Fenstern und die Säulen, welche
die Decke und den darüber errichteten Bau trugen, waren mit Stuck
bekleidet, die Stuckadorung der Gesimse und der Decke war weiß mit
Gold und an den Pfeilern sah man, gestützt von Consolen, die Büsten
des Kaisers und der Kaiserin, dann der Prinzen, endlich die der
Reichstribunen und der Provinzialtribunen des Jahres. Die Büsten der
Lebensretter durften nicht aufgestellt werden, weil diese es nicht
gestatteten.
Der Ausblick nach der Seeseite war ebenso entzückend, wie der Blick
nach dem gegenüberliegenden Wintergarten, der mit Palmen und anderen
Gewächsen geziert war. Auch der Bibliothekssaal war reich geschmückt
und war dort die Statue des Dichters Hermann von Gilm aufgestellt.
Diesen großen Saal, der sechshundert Quadratmeter maß, umgaben sechzehn
kleinere Säle, die in den verschiedensten Stilarten auf das herrlichste
ausgestattet und eingerichtet waren, und befanden sich dort zahllose
Broncen, Marmorbildwerke und Gemälde.
Für die Ventilation hatte man ein neues System angewendet, das nach
vielen Versuchen und Verbesserungen allgemein anwendbar war gemacht
worden. Man erzeugte durch Maschinen, die im Dachraume angebracht
waren, große Kälte in einem geschlossenen Raume, in dem die von außen
eingeführte Luft stark abgekühlt wurde, und diese wurde dann durch im
Mauerwerke und den Säulen angebrachte Röhren zum Fußboden der Säle und
dem des großen Speisesaales geleitet.
Dagegen waren die hohen Saalfenster an den Decken der zu ventilirenden
Räume zu öffnen und zog dort die verdorbene und erwärmte Luft umso
rascher ab, weil die am Fußboden nachströmende kältere und schwerere
Luft sie verdrängte. Die Luft, die man den Räumen zuführte, wurde
aus dem angrenzenden Fichtenwalde eingesaugt und duftete auf das
köstlichste.
Auch von außen bot der Bau einen schönen Anblick. Die Thürme an den
vier Ecken, welche die Stiegen enthielten, waren mit Epheu umrankt
und ragten hoch über den Bau hinweg, oben mit einer Brustwehr
abgeschlossen. Auch die Hauptmauern des Baues waren weit über das obere
Geschoß hinaufgeführt und über dem eigentlichen Dache eine flache Bühne
aus starker Construction errichtet, welche theils mit Erde bedeckt,
theils gepflastert, einen reizenden Garten bildete, in dessen Mitte der
obere Theil des Bibliothekssaales emporragte. Zum Baue gehörte auch
noch ein Schatz von Glas und Porzellan, Tafelsilber und Tafelwäsche,
sowie die kostbare Einrichtung der Küche und der unterirdisch
angebrachten Bäder.
Nachdem der Bau in allen Theilen war besichtigt worden, strömte nach
und nach alles zu den drei großen Ausgängen, die nach dem See führten,
und da sah man zuerst den Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen und
dann das Gefolge und die Sänger, Fremde und Einwohner heraustreten,
um über den Vorplatz und die Treppen nach den Schiffen zu gelangen.
Zuerst füllte sich das reich geschmückte kaiserliche Boot und dann
die Sängerpontons. Es waren drei berühmte Sängervereine zum heutigen
Feste gekommen. Voran der Wiener Verein, der noch immer den ersten
Platz behauptete und dessen Leitung in den Händen eines Mannes lag,
dessen Aeußeres kaum den Künstler verrathen hätte. Ein breites
etwas rothbrüchiges Gesicht, eine große knochige Gestalt, ein etwas
verkürztes Bein waren Merkmale, die an einen berühmten Sänger aus
alter Zeit erinnerten, dessen Name und Gedenken den Oesterreichern
überliefert waren. Aber auch die Stimme war dieselbe, ein entzückender
lyrischer Tenor, der, sobald er nur anschlug, sich schon alle Herzen
gewann. Der Name des Sängers war Rieger.
Dann waren hier die Kölner, die lange rangen, es den Wienern
zuvorzuthun, aber auch mit der zweiten Stelle zufrieden sein konnten,
und der dritte Verein war der Berner Sängerbund.
Die Pontons für die Sänger waren auf großen Booten, die die schwere
Last zu tragen vermochten, errichtet und konnte jedes über vierhundert
Sänger fassen. Die Fortbewegung geschah durch eine verstellbare
Schiffschraube, die vom Verdecke aus mit der Hand in Bewegung gesetzt
werden konnte. Diese Pontons schwammen langsam in den See hinaus, das
kaiserliche Boot und einige andere Boote in die Mitte nehmend und von
außen von tausenden kleiner Boote und den Dampfern umschwärmt. Die
Berner eröffneten das Sängerfest, dann folgten die Kölner und dann
harrte man erwartungsvoll des altberühmten Sanges der Wiener. Ein
mächtiger Chor begann und nachdem er leise verhallt war erhob sich der
himmlische Tenor des Wiener Meisters in getragenen, anschwellenden und
wieder verklingenden Weisen. Nach wenigen Tönen hatte diese herrliche
Stimme alle Herzen bezaubert, aller Lärm erstarb und nicht nur die
Menschen lauschten athemlos, auch der Wind und die Wellen, die eben
noch spielten, schienen sich zu legen, kein Ruder rührte sich und die
Vögel des Himmels ließen sich auf den Booten nieder, um zu hören.
Andächtig folgte man den Tönen, die, vom Wasser getragen, so leise sie
auch klangen, doch weithin hörbar waren.
Da plötzlich ein markerschütternder Schrei: »Jakob, mein Jakob!«
und da man sich nach einem Boote mitten zwischen den Sängerschiffen
wandte, sah man auch die Kaiserin erschreckt und mit herzbrechendem
Jammer sich nach dem Wasser neigen. Doch der Kaiser gebot mit einer
Handbewegung Ruhe, daß kein Ruder ins Wasser tauche und kein Boot
in dem fürchterlichen Gedränge sich bewege, und sieh', da taucht
ein Blondkopf neben dem Sängerschiffe auf, der Kronprinz erfaßt die
Planken, die sicheren Halt bieten, und indem er sich hinaufschwingt,
zieht er aus dem See den halbtodten Jakob nach, der unfehlbar hätte
ertrinken müssen, wenn der Prinz sich nicht, ehe ihn die Kaiserin
zurückhalten konnte, ins Wasser gestürzt und das eigene Leben gewagt
hätte, -- und dort, wo tausende von Booten eingekeilt und sich
stoßend, das Emporkommen erschwerten. Allgemeiner Jubel erscholl und
die arme Anna, die schon fürchtete, den Schützling zu verlieren, fiel
der Kaiserin und dem Kronprinzen um den Hals. Eine mächtige Bewegung
pflanzte sich über den See und bis ans Ufer fort, als man erfuhr, was
vorgegangen war. Sie nahmen den armen Jakob, der sich bald erholte, auf
das kaiserliche Schiff und nachdem man die Geretteten ans Land gerudert
hatte, um ihnen trockene Kleider zu besorgen, traten die ersten Sänger
zusammen, um sich auf das Lied zu einigen, das für diese Stunde sich
am besten zu eignen schien. Es war das Lied: Freiheit, Gleichheit und
Menschenliebe, das die drei Chöre vereint erschallen ließen. Voran
die Berner die Strophe von der Freiheit, wo dem Chore eine mächtige
Baßstimme folgte, dann die Kölner die Strophe von der Gleichheit,
die ein sympathischer Bariton pries, und am Ende die Wiener, welche
abwechselnd mit dem Tenor die Menschenliebe besangen.
Mittlerweile flammten auf den Bergen in Vorarlberg und der Schweiz die
Freudenfeuer auf, die der alten Sitte gemäß den Kaiser begrüßten und
deren Schein vortrefflich zu der Stimmung paßte, welche sich über so
viele hier verbreitet hatte.
So hatten wir am letzten Abende unseres Aufenthaltes in Oesterreich
Zeuge sein können, wie der Kronprinz für seine Rettung den einzigen
Dank abstattete, der dem empfangenen Dienste ebenbürtig war. Und da
nun, spät am Abende, nachdem längst alle Schiffe waren beleuchtet
worden, die gesammte Flotte den Bernern, die nach Rorschach fuhren, das
Geleite gab, schlossen wir uns an und kehrten erst um Mitternacht nach
Bregenz in unsere Quartiere zurück.
Des anderen Morgens ließ mir die schöne Anna sagen, ich möge sie
besuchen und ihr Hilfe bringen. Jakob liege im Fieber und wenn er ab
und zu zu sich komme, zeige er eine unbegreifliche Melancholie. Er
beklage, daß er nicht den Tod im See gefunden, und härme sich ab, daß
seine Anna, an einen Krüppel gekettet, ihr Leben vertrauere, wie er
sich ausdrückte. Hier theile niemand die Sorge um ihn mit der Gefährtin
und da er jetzt krank liege, bedrücke ihn der Gedanke, daß sie sich
ihm opfere. Gewiß habe sie längst bereut, wolle aber ihrem Worte nicht
untreu werden. Der Freund möge kommen und versuchen, ob er rathen
könne.
Ich hatte noch einige Stunden vor unserer Abreise vor mir und bat
Mr. Forest, die Geschäfte mit der Verwaltung abzumachen, während ich
zu dem unglücklichen Paare eilte. Gerade gingen die Kaiserin und der
Kronprinz, dem das kalte Bad nicht geschadet hatte, vom Krankenbette
weg. Erstere grüßte freundlich und erinnerte sich, daß wir nun schon
zum dritten male zusammentrafen. Dem Kronprinzen reichte ich die Hand,
indem ich seiner muthigen That rühmend gedachte. Er ergriff sie zögernd
und befangen.
Als ich bei Anna eintrat, fand ich die zwei in Verzweiflung. Jakob ließ
sich nicht überreden. Das Opfer sei unnatürlich. Da zog ich ein uraltes
vergilbtes Zeitungspapier aus der Tasche und bat um die Erlaubniß,
ihnen daraus vorlesen zu dürfen. Er lächelte wehmüthig und willigte
ein. Folgendes war meine Erzählung.
»Eine Storchengeschichte.
Auf einem holsteinischen Gute, so erzählt die »Kieler Zeitung,«
ereignete sich vor elf Jahren, daß ein Storch im Kampfe mit einem
eifersüchtigen Nebenbuhler dermaßen verletzt wurde, daß er
flügellahm vom Neste herabpurzelte. Trotz sorgsamer Pflege, die dem
armen Invaliden zu Theil wurde, gelang es nicht, ihn so weit wieder
herzustellen, daß er seine Schwingen gewohntermaßen gebrauchen
konnte. Vielmehr wanderte Meister Rothbein von jetzt an trübselig
auf dem Hofe umher, drückte sich in Scheunen und Ställen herum und
schien an seinem Schicksale schwer zu tragen.
Gleichwohl blieb er am Leben und als seine Kameraden sich im
Spätsommer aufmachten, um ihre Winterheimath am Nilstrome
aufzusuchen, sah Peter -- so hatte man den Verunglückten getauft --
ihnen sehnsüchtig und traurig nach, fand sich aber schließlich in
das Unvermeidliche. Der Winteraufenthalt wurde ihm von dem
Hofbesitzer nach Möglichkeit erleichtert; um für Peter die
erforderliche Nahrung allezeit bereit zu halten, ließ man Fische
von einem benachbarten Küstenorte kommen und so gewöhnte sich der
rothbeinige Invalide im Laufe der Jahre so sehr an seine Lage, daß
er ganz zahm wurde und seinem Herrn, freilich auch nur diesem,
überallhin folgte. Die traurige Zeit während der elf Jahre war für
Peter nur immer diejenige, wann im Frühjahr seine Kameraden aus
Afrika heimkehrten und es sich auf den Dächern im behaglichen Neste
bequem machten. Dann stand er in der Regel auf dem höchsten Punkte
des Gehöftes, dem Mistberge, und blickte traurig und liebeskrank zu
den Glücklicheren seines Geschlechtes empor, die auf dem Dache ihre
Zurüstungen zum Ehe- und Familienleben trafen. Vor zwei Jahren nun
sollte auch für Peter eine glücklichere Zeit anbrechen; ein
freundlicher Sonnenstrahl fiel in das Einerlei seines verkümmerten
Daseins. Ein junges Storchenfräulein schwebte an einem schönen
Frühlingstage auf die Einsamkeit des Misthaufens hernieder und --
mitleidig, wie gute Mädchen nun einmal sind -- fand sie Gefallen an
dem Krüppel und kam seinem Liebeswerben freundlich entgegen.
Ja die barmherzige Storchenlady ließ sich sogar bereit finden,
entgegen ihrer Gewohnheit, auf dem Dachfirste zu nisten, mit einem
Bau auf ebenem Boden in der Nähe eines Lusthauses fürlieb zu
nehmen. So verlebte denn Peter an der Seite eines geliebten Weibes
einen glücklichen Sommer, wurde Vater mehrerer Kinder und Alles
wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht der Herbst gekommen. Als
die Zugzeit herankam, siegte auch in Peters Gattin das Heimweh über
Liebe und Treue und eines schönen Tages flog sie sammt ihren
Kindern davon, ihren Peter in der Einsamkeit zurücklassend. Der
arme Strohwittwer war den Winter über mehr denn je in sich gekehrt
und war schier untröstlich, als im nächsten Frühjahre seine junge
Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Hatte die Ungetreue ihn so schnell
vergessen? Eifersucht vergrößerte die Qual seines Herzens. Doch was
half's? Er mußte sich in sein Schicksal fügen. Und der Sommer
verging und wieder kam der Winter und nach ihm der neue Frühling.
Wie alljährlich stand Peter vor einigen Wochen auf seinem Mist und
verfolgte den Flug der heimkehrenden Freunde. Da, wer beschreibt
seine Freude, kommt's rauschend herabgeflogen und vor ihm nach
anderthalbjähriger Trennung steht frisch und gesund die verloren
geglaubte Gattin.
Alles schien in Ordnung, nur auf dem flachen Erdboden schien das
wiedervereinigte Paar nicht wieder bauen zu wollen. Der Hofbauer
merkte das an Peters vergeblichen Versuchen, auf das Dach des
Lusthauses zu gelangen, und ließ sofort eine bequeme Leiter bauen.
Diese wurde von Peter auch richtig benutzt und heute nistet das
Paar einträchtig auf dem Dache des Pavillons. In der Umgegend aber
gehen schon jetzt die Leute Wetten ein, ob die Storchenmadame ihren
Peter auch in diesem Jahre wieder verlassen wird oder nicht.«
»Nun, Jakob, was sagst Du zu dieser Erzählung, die über 100 Jahre alt
ist?«
Jakob war nachdenklich geworden und sprach lange nicht: »Sollte es wahr
sein, daß das Thier selbst daran Freude findet, sich dem Unglücklichen
zu opfern? So wärst Du meine Störchin,« sagte er heiterer auf seine
Anna blickend. -- »Es ist wohl so,« sagte diese lächelnd, »ich habe
nichts lieberes auf der Welt, als dich. Was wir lieben, machen wir uns
zum Schatze und ihn zu verlieren, ist unser Verderben.«
Nach einigem Besinnen sagte Jakob: »Wenn du meine Störchin bist,
mußt du mich als deinen Storch gelten lassen. Was wäre dir denn von
mir geblieben, wenn ich ertrunken wäre? Storch und Störchin hielten
beisammen aus, aber sie hatten ihr Nest.« Anna wurde ernst und
antwortete nicht. Jakob sagte dann wieder: »Lasse deinen Trotz fahren,
liebes Weib, lasse dich mit mir regelrecht trauen und schenke mir
Kinder, dann zweifle ich nicht mehr.«
Anna jubelte auf: »Aber Beine müssen die Jungen haben,« und damit fiel
sie dem Kranken um den Hals. »Natürlich, denn wo fände sich eine Zweite
wie du?« --
Jakob in den Armen haltend blickte Anna jetzt lustig zu mir auf und
rief: »Nicht blos unsertwillen habe ich dich herüberbitten lassen. Ein
Brief ist für dich eingelangt und er duftet nach Rosen, er wird von
Frauenhand sein.«
Sie gab mir ein Schreiben, das ich sofort erbrach. Es war von
Giulietta. Hier folgt es:
»Lieber Julian! Ich empfing deinen Brief aus Tulln. Er war frostiger,
als ich denken mochte, obschon ich nicht zweifelte, was der Ausgang
meines Romanes sein müsse. Freilich ist ja die Geschraubtheit des
Amerikaners mit Schuld daran. Euch fehlen die Grazien. Ich mache dir
keinen Vorwurf. Ich bereue nicht, was ich gethan; ich habe eine süße
Stunde genossen und dir bereitet, aber ich habe auch erfahren, daß wir
Frauen anders lieben, als ihr. Wir wollen erhalten, ihr wollt vermehren
und verändern, ihr seid unersättlich.
Ich hatte am Sonntag kein Ziel, keine Absicht leitete mich; aber
unvermerkt verband sich, da ich mich dir hingab, mit dem Entzücken des
Augenblickes die Vorstellung von einem dauernden Glücke. Ich hoffte
nicht, denn du machtest mir keine Hoffnungen, aber es schien, als ob
das Glück werth wäre, festgehalten zu werden.
Hätte ich kühl überlegt, so hätte ich nicht geirrt, aber wie könnten
wir Frauen überlegen, wenn wir liebend beglücken!
Wie bald wurde ich gewahr, daß du nicht vom selben Wunsche erfüllt
bist, wie ich, und daß du nicht daran denkest, die Schwierigkeiten zu
überwinden, die uns Frauen niemals abhalten, Liebe zu vergelten. Kein
Mann wird Giulietta mehr umarmen. Ich habe nicht von dir, ich habe von
der Liebe Abschied genommen, nicht ohne das Gefühl eines Menschen, der
das bessere Gut verliert und sich an ein geringeres klammert, aber
nur um zu erfahren, daß ihm auch dieses versagt ist. Gräme dich aber
nicht darüber. Ganz ohne bange Zweifel konntest du nicht abgereist sein
und ich will dich beruhigen. Es ist mir genug geblieben, daß du ohne
Gewissensbisse in dein Land zurückkehren kannst. Ich bereue nicht und
die Gewißheit, einem lieben Menschen eine Stunde seligen Entzückens
geschaffen zu haben, bleibt mir doch.
Nun sieh' aber, was mir ein günstiges Schicksal gewährt hat. Peterchen
wird doch mein Söhnlein. Ich habe ihn beobachtet und mir über ihn
berichten lassen. So klein der Kerl ist, so weiß man doch, daß er gute
Anlagen und das beste Gemüth hat. In so jungen Jahren vergißt er seine
Mutter doch leicht und er wird an mir hängen. Der Verwaltungsbeamte hat
ihn mir überlassen, nachdem Josefa und andere Verwandte dazu riethen.
Der Abend beim Beamten verlief sehr angenehm. Man hat gesungen und
getanzt und ich bin gebeten worden, zu improvisieren. Die Italiener
lieben es, über ein aufgeworfenes Thema Gedichte zu rezitiren, die der
Augenblick gebiert.
Ich hatte großen Beifall und freute mich, unter Deutschen meine
göttliche Sprache zur Geltung zu bringen.
Die Empfangsräume der Mitglieder des Vorstandes der Gemeinde --
wozu wir auch die Lehrer rechnen -- sind, dem Fortschritte und dem
Aufschwunge unseres Staatswesens entsprechend, ganz besonders prächtig.
Sie reichen durch zwei Stockwerke des Wohnhauses, in dem ich meine
Stube habe, und sie bilden zwei große und zwei kleine Säle, von welchen
man auf einer Seite in einen reizenden kleinen Garten gelangen kann,
und auf einer anderen Seite in einen blumengeschmückten Glassaal. Der
schönste Saal ist mit Stuckmarmor, Spiegeln, Broncecandelabern und
Lustern reich verziert. Die Herren vom Vorstande haben sich darüber
geeinigt, daß sie hier abwechselnd ihre Abende geben werden. Jeder
bestimmt seine Einladungen nach seinem Gutdünken. Es wird zwar niemand
ganz ausgeschlossen, aber der Zutritt wird nicht ganz gleichmäßig
vertheilt werden. Diesmal war auch ein Erzherzog auf kurze Zeit zu
sehen, der im Auftrage gekommen war, die neue Gemeinde zu begrüßen.
Dr. Kolb war da. Ein gesprächiger Mann. Es machte ihm Freude, zu hören,
daß ich von ihm weiß und daß ich die Bildhauerkunst hoch schätze. Auch
die Arbeiten meines Wahlbruders haben ihm sehr gefallen. Er vertraute
mir an, daß er den Auftrag habe, -- er sagte mir nicht, von wem, --
eine Venus in Marmor auszuführen. Ich solle ihm Modell stehen. Werde
mir nicht eifersüchtig, kein Mann soll mich mehr schauen. Der Künstler
aber erklärte mir den Vorwurf und er ist nicht von der Art, daß ich
seinem Wunsche nicht willfahren könnte. Peterchen wird nackt ausgezogen
und mir als Amor in den Nacken gesetzt, um mir die Augen zuzuhalten.
Wir streiten uns darum, ob der kleine Gott auf den Schultern knieen
oder rittlings hingesetzt werden soll. Wir neigen jetzt dem letzteren
Gedanken zu.
Ich wollte einige alte Toilettestücke verwenden, um die den Absichten
des Künstlers entsprechende Kleidung anzufertigen. Aber er wehrte mir;
man brauche da nicht zu sparen, der Stoff müsse von der Art sein, daß
der Faltenwurf schön ausfalle. Es werde eine Bekleidungskünstlerin aus
der Residenz kommen und man werde es sich etwas kosten lassen, um etwas
wahrhaft Schönes zustande zu bringen.
Wir -- Dr. Kolb und ich -- werden uns oft treffen, denn ich soll mehr
als andere Mädchen von der Geselligkeit in meiner neuen Heimath und
wohl auch in der Residenz genießen.
So magst du, Lieber, voraussetzen, daß Giulietta geachtet und glücklich
leben wird.