Das Erziehungspersonal hatte nur ein beschränktes Strafrecht. Dieses
stand der Mutter oder Wahlmutter zu und einem störrigen Kinde wurde
angedroht, daß man vor der Mutter Klage führen würde. Dieser wurde
dann nach Tisch berichtet und sie verhängte oft die strengste Strafe,
nachdem die Erzieherin und etwa andere Kinder Zeugnis abgelegt hatten.
War sie zu nachsichtig, so vermied man, ihr Verhalten vor den Kindern
zu rügen, aber die Sache kam dann vor den Pädagogen, der seinen Einfluß
geltend machte. Nur im Nothfalle wurde von dem Rechte Gebrauch gemacht,
der Mutter das Erziehungsrecht abzunehmen. --
Giulietta kam noch immer nicht. -- Ich träumte von ihrer Herrlichkeit.
Seit ich Anselma geschaut, war ich erst kundig geworden, welchen
Inbegriff von Schönheit ein Frauenleib in sich schließt. Giulietta
war der Typus der österreichischen Frauen. Augen und Haare waren vom
schönsten Glanze, die etwas gebräunte, fleckenlose Haut hatte einen
Perlenschimmer und stellenweise leuchtete das blaue Geäder hervor, an
der Außenseite der feinen Hände aber trat es deutlich und kräftig zu
Tage. Die gleichförmigen enggeschlossenen weißen Zähne bedeckte zum
guten Theile das korallenrothe Zahnfleisch, die breiten Schultern
verbanden sich mit zart geschwungenen Bögen, weder zu flach, noch zu
steil, dem schlanken Halse, und all diese Pracht war in beständiger
anmuthiger Bewegung, wie auch das Mienenspiel unaufhörlich Rede
und Gegenrede begleitete. Das Leibchen trug sie wie ein kreuzweise
geschlungenes Busentuch, nicht viel mehr als ein Flor; es verrieth die
jugendlichen Formen in den Umrissen, stellenweise auch in der Farbe,
und es konnte wohl Giulietta noch viele Jahre des Mieders entrathen,
das die Oesterreicherin erst trägt, wenn sie zu verblühen beginnt.
Es ist unter ihnen Tradition, daß Mäßigkeit in Allem, besonders in der
Liebe -- aber auch in der Enthaltsamkeit -- die Schönheit bewahrt und
daß auch heftige Gemüthsbewegung, Kränkung, Eifersucht, Zorn den Zauber
vom Frauenleib nimmt. Auch dieser Glaube ist heilbringend. Und davon
geleitet, überließ sich Giulietta nicht allzusehr dem Kummer, der sie
doch immer an verlorenes größeres Glück gemahnte. --
Giulietta war noch nicht herabgekommen. Sehnsucht nach ihrem Anblicke
quälte mich. --
Sie war zur Vorsteherin einer Strohflechtschule bestimmt worden, da
sie in dieser Arbeit eine außerordentliche Geschicklichkeit erworben
hatte. Diese Industrie beschäftigte tausende von Mädchen und Frauen
im Lande und es sollte eine Schule in Höflein unterhalten werden.
Wenn mein Liebling pädagogische und ökonomische Fähigkeiten zeigte,
so konnte sie es zum Range eines Pädagogen bringen, womit große
Vortheile, insbesondere ein sechswöchentlicher Urlaub, Arbeitsbefreiung
vom zurückgelegten fünfzigsten Lebensjahre und etwas größerer Aufwand
für Kleidung und Wohnung verbunden waren. Ihrer Schönheit, Anmuth
und Bildung wegen hatte die Verwaltung den Auftrag erhalten, ihr
allwöchentlich den Zutritt zu den geselligen Abenden der Residenz
oder der höheren Beamten anzuweisen, worauf andere nur einigemale
des Jahres und während der kurzen Ferien Anspruch hatten. Es war
überhaupt Grundsatz der Staatsverwaltung, solche Mädchen, die in
ihren Hoffnungen getäuscht worden waren und den Bedürfnissen der
Gesellschaft ein so schweres Opfer bringen mußten, durch jede mit der
Gerechtigkeit vereinbare Bevorzugung zu entschädigen. Dabei wirkte
nicht nur die Frauencurie mit, die sich außer Stande erklärte, ihre
Zusagen zu erfüllen, daß die weibliche Hälfte der Gesellschaft sich
den allgemeinen Bedürfnissen unterordnen wolle, wenn nicht die größte
Rücksicht für die Opfer dieser Interessen geübt würde, sondern es war
in allen Theilen der Bevölkerung das Gefühl vorherrschend, daß solche
Mädchen besondere Rücksichten verdienen, und mußte es das Bestreben
aller werden, Giulietten mit ihrem Schicksale auszusöhnen. --
Wo bleibst Du, Berückende? Willst Du mich verschmachten lassen? Welches
Bild gaukelt vor meinen Sinnen? -- --
Vor kaum vierundzwanzig Stunden hatte sie ihr Tagewerk in Triest
beendet und mit dem nächsten Morgen um sechs Uhr sollte sie ihr
neues Amt antreten. Es war wohl vorauszusetzen, daß Giulietta bald
ein gern gesehener Gast im Schlosse zu Königstetten sein und im
freundschaftlichen Verkehre mit Dr. Kolb stehen würde, wodurch sie in
Kurzem mit vielen bedeutenden Personen des Bezirkes bekannt werden
konnte. Die Sonntage brachte das kunstsinnige Mädchen wohl in den
zahlreichen Museen der Residenz zu und auch an italienischer Musik
konnte sie sich satt hören, die in Wien eifrig gepflegt wurde. Es soll
uns nicht bange sein um Giuliettens Zukunft. -- Noch eine Aufgabe hatte
sie übernommen. --
Ein Kleid rauscht in meiner Nähe, ich erwache aus meinem Traume. -- Sie
ist es nicht.
Wie in allen deutschen Gemeinden gab es auch in Höflein viele
Gemeindegenossen, die einige Jugendjahre in einer italienischen
Gemeinde zugebracht hatten, um sich die italienische Sprache eigen
zu machen, wie andere der ungarischen oder einer slavischen Sprache
mächtig waren. Denn es war in Oesterreich beinahe zum Gesetze geworden,
daß die Angehörigen aller Nationen sich die deutsche Sprache und die
Deutschen wieder eine zweite Reichssprache aneigneten, um die lebendige
Verbindung aller Nationen unter einander herzustellen. Und dadurch war
Oesterreich in gewisser Hinsicht der geistige Mittelpunkt der Welt
geworden, wo alle Völker der Erde ihre geistigen Schätze austauschten
und verbanden.
Ja, man hatte auch allen orientalischen Völkern eine Heimstätte
errichtet und es wurde allen Culturnationen des Erdkreises ermöglicht,
eine Hochschule in Oesterreich zu unterhalten. Die Chinesen, Japanesen
und Perser, Araber und Türken hatten ebenso, wie Spanier, Franzosen
und Engländer, Dänen und Schweden, Russen und Finnländer, in Wien
Hochschulen, die mit den österreichischen Anstalten wetteiferten, und
an welchen Oesterreicher gemeinschaftlich mit den Gästen fremder Länder
Unterricht ertheilten und genossen.
Die Deutschen aber, welche eine zweite Reichssprache sich eigen gemacht
hatten, suchten in ununterbrochener Uebung zu bleiben und unterhielten
nach Sprachen gegliederte Vereine, von welchen die Literatur dieser
Sprachen verfolgt wurde. Giulietta nun, die ihre Muttersprache in
herrlicher Vollkommenheit sprach und schrieb und die italienische
Poesie leidenschaftlich liebte und auch selbst improvisirte, sollte
dem italienischen Club präsidiren. So hatte sie mir in ihrem Stübchen
mitgetheilt. --
Ich fuhr auf aus meinen Träumen. -- Es wogte noch fröhliches Leben
um mich herum. Alle mieden, wie auf Verabredung, meinen Tisch und
wenn die Kinder in meine Nähe kamen, wurden sie weggerufen. Man hatte
offenbar bemerkt, daß ich allein sein wolle, und da, wie es schon
finster zu werden beginnt, tritt dort Giulietta aus ihrem Wohnhause.
Ein züchtiges, hellfärbiges Kleid umschloß die Gestalt der schönen
Sünderin, ein goldschimmernder Gürtel hielt sie umfangen und im
Haare trug sie die noch frische Rose mit dem Gefangenen. Gemächlichen
Schrittes näherte sie sich mir und ließ sich mit freundlichem Nicken an
meiner Seite nieder.
Die Aufwärterin trat an unseren Tisch und fragte nach Giuliettens
Begehren: »Bist du nicht Schwester Giulietta aus Triest?«
»Das bin ich, ich heiße Giulietta Chiari. Wie nennst du dich, Kleine?«
»Ich heiße Josepha Ohnewas und bin von Klosterneuburg herübergekommen.
Der Verwaltungsbeamte hat mir aufgetragen, dich für morgen abends in
seine Empfangsgemächer zu laden. Er will einige hervorragende Glieder
der neuen Gemeinde zusammenführen, damit sie engere Bekanntschaft
knüpfen.« -- »Sage ihm meinen Dank, ich werde gerne kommen. Und nun
reiche mir deine Hand, freundliche Botin, und werde mir eine treue
Freundin.« -- »Das will ich dir sein,« sagte sie mit einem Händedrucke.
--
»Was ist das für ein furchtsames Bübchen?« fragte Giulietta, indem
sie freundlich den Knaben am Kinn faßte, der, ängstlich ihr in die
Augen schauend, sich an Josephas Rockfalten hielt. -- »Es ist meiner
Schwester Kind. Sie ist vor wenigen Tagen gestorben, ihr Mann schon
früher, und nun ist der Kleine verwaist.« -- »Willst du ihn unter
deinen Schutz nehmen?« -- »Es soll ihm eine Wahlmutter bestellt werden.
Ich wurde befragt, ob ich ihn an Sohnesstatt nehmen wolle, aber ich
sähe es lieber, wenn diese Sorge nicht auf mich fiele, denn ich werde
in einigen Jahren meine eigene Familie gründen und ich halte es nicht
für gut, wenn die Mutter eigener Kinder auch Verpflichtungen für ein
fremdes Kind zu erfüllen hat.« -- »Wolltest du mich zur Mutter haben?«
fragte Giulietta den Knaben; dieser aber sagte: »Du bist nicht meine
Mutter!« -- Giulietta und Josepha sahen sich an, als ob sie sich
dieselbe Frage stellen wollten. Diese sagte dann: »Ich habe Vertrauen
zu dir. Möchtest du Mutterpflichten auf dich nehmen?« -- »Es wäre eine
Wohlthat für mich,« sagte Giulietta seufzend. »Doch laß mich den Knaben
einige Tage beobachten und besprechen wir uns darüber. Wir müssen
uns erst kennen lernen.« -- »Ich will es mir bedenken und wir können
dann dem Verwaltungsbeamten einen Vorschlag machen. Einstweilen ist
Peterchen in meiner Obhut.« -- Damit schied Josepha.
Giulietta saß sinnend neben mir. Zuweilen sahen wir uns an, wir
sprachen aber nicht.
Nach einer Weile bediente Josepha auch Giulietta und da diese sah, daß
mein Glas noch unberührt war, trank sie mir freundlich lächelnd zu. Sie
nippte, ich aber leerte mein Glas auf einen Zug bis auf die Neige. Sie
sah ernst auf mein leeres Glas und verband damit wohl einen sinnigen
Gedanken. Wir verharrten im Schweigen, aber sie ließ es geschehen,
daß ich verstohlen ihr dankerfüllt das Händchen drückte. Es war jetzt
badefrisch und frostig; ich hätte es gerne warmgehaucht, wenn es hätte
ungestraft geschehen können.
Der Tag war gewichen, Stern um Stern flackerte auf, dort im Westen
einer im wechselnden Lichte, als ahmte er das Funkeln der Augen meiner
Giulietta nach. Es wurde stiller um uns, die Tische wurden abgeräumt.
Alles war zur Ruhe gegangen; Giulietta sprach auch jetzt nicht, aber
sie schien zu glauben, daß sie den Gast nicht verlassen dürfe. Sie nahm
jetzt zögernd, als wäre sie nach einem Kampfe mit sich selbst zu einem
Entschlusse gelangt, die Rose aus dem Haare, befreite den Gefangenen
und lächelte mir, Vergebung kündend, zu. -- Nun sagte ich mit einem
Händedrucke -- ein Kuß war mir hier durch strenge Sitte verwehrt --:
»Gehe auch zur Ruhe, Liebste.« Sie erhob sich, freundlichen Gruß im
Auge, und ging. Unter der Thüre wandte sie sich noch einmal langsam um,
winkte grüßend und verschwand. Bald darauf erhellte sich das Fenster
ihres Gemaches, sie wurde noch einmal sichtbar, dann, nach kurzem
Verweilen, fielen die Blenden. -- Zu dieser Stunde in ihr Gemach zu
dringen, war mir durch unerbittliche Satzungen verboten.
Jetzt erhob ich mich, ging nach den Ställen, zeigte meine
Aufenthaltskarte vor und bat die Stallwache um ein feuriges Pferd.
So jagte ich, mein Bündelchen am Sattelknopfe befestigt, im Sturme
nach meinem Quartier, den flackernden Stern vor mir. Ein junger
Mann, der die Nachtwache hatte, grüßte mich, als ich von den Ställen
nach der Ansiedlung kam. Ich dankte schweigend und ging nach dem
Bibliothekssaale, der, wie alle anderen Räume, offen stand, drehte
eine Glühlampe auf und schrieb einige Zeilen an Giulietta. Ich kündete
ihr, daß unsere Wege auseinander gingen, ich ihrer aber niemals
vergessen würde. Ich bekannte mich unwürdig der königlichen Gunst, mit
der sie mich beglückt.
Den Brief warf ich in den Briefkasten für die östliche Fahrt und nun
suchte ich mein Lager auf.