Als wir nach Tulln gekommen waren, fühlten auch wir das Bedürfniß,
etwas auszuruhen, und so ließen wir den Plan, schon diesen Morgen
abzureisen fahren und verschliefen einen Theil des Vormittags. Dann
fuhren wir auf den Rath des Dr. Kolb, der sich uns bisher schon zuviel
geopfert hatte, nach Klosterneuburg mit der Absicht, abends der
Eröffnung und Besiedelung einer neuen Gemeinde im Bezirke, nämlich des
früher verfallen gewesenen und jetzt wieder aufgebauten Dorfes Höflein
a. d. Donau beizuwohnen.
Klosterneuburg, berühmt wegen seines vortrefflichen Weines, ist
gegenwärtig Vorort eines Bezirkes und zählt etwa 1500 Einwohner.
Aus alter Zeit steht nur noch die Abtei mit der Kirche, die aber
ohne Priester und Mönche sind. Wir besuchten den weitausgedehnten
Klosterbau, der gegenwärtig nur zur Aufbewahrung bibliographischer
Raritäten und historischer Urkunden dient und ein unermeßliches
Material birgt. Alle europäischen Staaten haben nicht nur ihre
Archive der historischen Forschung geöffnet, sondern auch ihre
Urkundenschätze, theils im Facsimile, theils in modernen Lettern
gedruckt, vervielfältigt und sich dadurch gegenseitig zugänglich
gemacht. Dieser unermeßliche Urkundenschatz ist im Bezirke
Klosterneuburg in den verschiedenen Gemeinden aufgetheilt und lockt
unzählige Forscher nach diesem Bezirke. Die Centralsammlung aber
befindet sich im ehemaligen Kloster von Klosterneuburg und füllt
dort alle Räume und auch die ehemalige Kirche, in welcher riesige
Schränke aufgestellt sind, die bis zur Decke reichen. Zahlreiche Beamte
verwalten den Schatz und ist jedermann die Forschung dort freigegeben.
Wir besuchten den Bau und wurden von einem Castellane auch in den
Kreuzgang geführt, der noch erhalten ist. Nebst einigen Grabmälern
fesselte uns ein prachtvolles Marmorbildniß, Maria, die, in Trauer
aufgelöst, den Leichnam ihres gekreuzigten Sohnes auf dem Schooße
liegen hat, darstellend. Unser Führer machte uns auf die Schönheit
des Meisterwerkes aufmerksam, fügte aber bei, daß das Kunstwerk den
Evangelien widerspreche, da Maria zur Zeit der Kreuzigung nicht in
Jerusalem gewesen sei und überhaupt mit Christus, seit er das Lehramt
angetreten, keine Gemeinschaft gehabt habe. Es könne kaum einem Zweifel
unterliegen, daß Maria der allmächtigen Secte der Pharisäer angehört
und darum Christo die Gesellschaft seiner Brüder vorgezogen habe, die
nach Johannes Gegner Christi waren. Darum sagte Christus verzweifelnd,
daß er nirgends weniger gelte, als in seiner Familie, darum sagte er,
wenn man seiner Mutter und Brüder erwähnte, nur jene seien ihm Mutter
und Brüder, die den Willen Gottes thun, und daraus erkläre sich, daß
die Seinigen, zu welchen auch seine Mutter gehörte, ihn in Gewahrsam
nehmen wollten und aussprengten, er sei wahnsinnig. So auch berichteten
die Evangelien nichts davon, daß Christus nach der Auferstehung nach
seiner Mutter verlangt habe, wohl aber, daß er seine Freundinnen und
Schüler zu sehen begehrte.[L]
Wir mußten uns von dem eifrigen Bibelforscher verabschieden, denn wir
hatten auf Zureden unserer Freunde die Absicht gefaßt, der Eröffnung
der Gemeinde Höflein beizuwohnen, welche für vier Uhr den 2. August
2020 angesetzt war. Da die Zeit schon vorgeschritten war, entlehnten
wir von der Verwaltung ein paar Zweiräder und kamen gerade noch zu
rechter Zeit an, um der Eröffnungsfeierlichkeit beizuwohnen.
Da die Bevölkerung in Oesterreich sich jährlich um mehr als 200.000
Seelen vermehrt, werden alljährlich etwa 200 Gemeinden neu aufgebaut,
um die Bevölkerungsüberschüsse aufzunehmen. Man zieht es vor, in
dieser Weise vorzugehen, statt die Gemeinden zu vergrößern, weil
durch eine solche Ausdehnung der Gemeinden die Verwaltung erschwert
und mancherlei, insbesondere das Schulwesen, in Verwirrung gebracht
würde. Die Besiedlung geschieht im Wege der freiwilligen Anmeldung
und da es einerseits immer Unzufriedene gibt, welche durch eine
Veränderung ihre Lage zu verbessern hoffen, andererseits aber bei der
stets fortschreitenden Cultur die jüngeren Ansiedlungen meistenteils
Annehmlichkeiten bieten, die in den älteren noch nicht eingeführt
werden konnten, so ist die Zahl der Anmelder immer weit größer als
die der frei werdenden Wohnstellen. Die allgemeinen Grundsätze für
die Auswahl der neuen Ansiedler sind folgende: Zunächst wählt die
Regierung für die Verwaltung, den ärztlichen Dienst und das Lehrfach
besonders tüchtige Männer aus, weil es schwieriger ist, unter einer neu
zusammengewürfelten Bevölkerung den Dienst erfolgreich zu versehen,
als in einer Gemeinde, in welcher die Mehrzahl der Bewohner zusammen
aufgewachsen ist, und unter einer längeren stabilen Verwaltung
bereits sich Ordnung eingelebt hat. Sodann ist man bedacht, für die
Produktionszweige welche in der neuen Gemeinde betrieben werden
sollen, tüchtige Leiter und Vorarbeiter zu gewinnen. Auch sollen alle
Lebensalter dergestalt vertreten sein, daß die verschiedensten Aufgaben
der Erziehung, des Unterrichtes und der Versorgung sofort die ganze
Administration beschäftigen. Das wird auch dadurch erreicht, daß man
überall die Ueberzähligen zur Uebersiedlung bestimmt und auf diese Art
ein gewisses Gleichgewicht auch dort herstellt, wo es gestört wurde.
Darum findet man nirgends überfüllte Schulklassen und die Lehrer können
ihren Schülern überall eine ziemlich gleiche Sorgfalt widmen. Endlich
werden die der neuen Gemeinde näher wohnhaften Anmelder vor jenen
bevorzugt, welche aus größerer Ferne her zuwandern wollen, damit doch
eine möglichst homogene Bevölkerung größere Gewähr eines friedlichen
Zusammenlebens biete.
Da das Gemeindegebiet von Höflein an der Donau nicht groß ist
und wenig Gelegenheit zur Viehzucht bietet, hatte man eine große
electrotechnische Fabrik dort errichtet. Diese Industrie machte ohnehin
eine Erweiterung nothwendig. Dagegen war der Viehstand gering und
rechnete man nicht nur auf keine Ueberschüße von Milch zur Butter- und
Käsebereitung, sondern man erwartete, daß auch der tägliche Bedarf
an roher Milch aus dem fruchtbaren Gebiete des Tullner Bodens würde
theilweise zugeführt werden müssen. Große Obstculturen waren bereits
auf dem Gemeindegebiete, das von Nachbargemeinden abgetrennt werden
mußte, errichtet, und war also Obstbau ein wichtiger Produktionszweig.
Besonders Beerenobst wurde hier reichlich gewonnen und lieferten die
Johannisbeeren auch ein erfrischendes Getränk.
Die hierher bestimmten Thiere waren bereits zugetrieben und theilweise
auch der Eisenbahn zugeführt worden und sollten die Wärter die Thiere
heute noch dem Wartepersonale der neuen Gemeinde übergeben und dann
abreisen.
Die Fabrik und die Stallungen standen hart an der Bahn auf der
Flußseite. Aber die Wohnungsansiedlung war an beiden Abhängen des
malerischen Margarethenthales, das gerade der Eisenbahnstation
gegenüber liegt und sich durch sehr milde Luft und vortreffliches
Trinkwasser auszeichnet, aufgebaut worden, so zwar, daß man von den
Wohnhäusern über die ihres hohen Alters und ihrer romantischen
Lage wegen erhaltene Kirche einen entzückenden Ausblick über die
Donau genießen konnte. Das Bett des tiefen Baches, der sich murmelnd
durch das Thal windet, war zwischen den Bauten hindurch über die
selbe verbindenden Gärten geleitet worden und hatte man, um weitere
Aushöhlungen zu verhindern, das Gerinne gepflastert und die Ufer durch
Faschinen und Mauerwerk versichert. Reizende Brücken verbanden die Ufer
und es führten von der Wohnungsansiedlung steile Wege über steinerne
Stufen, die theilweise von Eisengeländern begleitet waren, in die
Obstgärten, welche sich höher und höher hinanzogen.
Als wir um 4 Uhr den großen Speisesaal betraten, stellte der
Bezirksbeamte von Klosterneuburg den Ortsbeamten der versammelten
Gemeinde vor, worauf dieser die Leitung der Eröffnungsverhandlung
übernahm. Er stellte den Gemeindegenossen nun seinerseits den Arzt, den
Pädagogen und die Lehrer, dann die Produktionsleiter vor und ließ ein
gedrucktes Verzeichnis der Gemeindemitglieder unter Anführung ihres
Berufes, Alters, der bisherigen Ortsangehörigkeit, der Verwandtschaft
und solcher Daten vertheilen, welche es jedem möglich machen sollten,
sich bald bekannt zu machen und für die Wahl des Tribuns, welche noch
heute Abend stattfinden sollte, vorzubereiten. Auch sollten die neuen
Gemeindemitglieder nach Rang und Alter sich die Wohnzimmer auswählen
und sich heute in Urversammlungen und Sectionen einzeichnen, damit
sofort auch für die Berathung öffentlicher Angelegenheiten die
erforderliche Constituirung erfolgen könne.
Der Beamte hielt dann eine Ansprache, in der er die neuen
Gemeindegenossen ermahnte, Frieden zu halten, sich wechselseitige
Förderung zu gewähren und die Bestrebungen der Verwaltung zu
unterstützen. Er erinnerte daran, daß an dieser Stelle in früheren
Zeiten bereits eine Gemeinde bestanden habe, die allerdings arm war
und dann in Verfall gerathen sei; man habe aber doch alle darauf
bezüglichen Daten, Kirchenbücher, Baupläne, Volkszählungsacten und
dergleichen zu sammeln nicht unterlassen, und verweise er übrigens
auf ein Bildniß, das im Bibliothekssaale hänge und einen Mann
darstelle, der deshalb Interesse einflöße, weil er schon im neunzehnten
Jahrhunderte, wo die sociale Bewegung kaum in Fluß gerathen war,
kräftig eingegriffen und durch eine gedruckte Flugschrift: »Die
weißen Sclaven der Tramway« auf die hartherzige Ausbeutung des
Bedienungspersonales der Straßenbahn mit dem Finger hingewiesen
und großen Erfolg gehabt habe. Er habe auch mit Hinweisung auf
die Statistik, die damals freilich noch in den Windeln lag, die
Ungerechtigkeit und Unhaltbarkeit der damaligen Zustände beleuchtet und
so unserer Epoche, soviel es seine Stellung zuließ, vorgearbeitet.
Hierauf wurde dem Andenken dieses Mannes ein donnerndes Hoch
ausgebracht und mit Befriedigung vernommen, daß die erwähnte
Flugschrift und andere von demselben Manne, dem damaligen Pfarrer
Rudolf Eichhorn, herrührende Aufsätze und Schriften gesammelt wurden,
und jetzt den Grundstock des neuen Gemeindearchives bildeten.
Der Beamte verkündete dann noch, daß der heutigen
Eröffnungsfeierlichkeit zwei amerikanische Gäste, die er den
Gemeindegenossen vorstellte, beiwohnten und Antheil an der Mittagstafel
nehmen würden, worauf ein kräftiges __»Cheer«__ erscholl. Endlich wurde
bekannt gemacht, daß die Bezirksverwaltung anläßlich der heutigen
Feier und in der Absicht, aus dem Feste zugleich ein Verbrüderungsfest
unter den neuen Gemeindegenossen zu machen, einige Fässer köstlichen
Klosterneuburger Weines übersandt habe, der zwar nicht hundert Jahre
alt sei, aber aus dem besten aller bisherigen Weinjahre, dem Jahre
1985, stamme.
Da die neuen Gemeindegenossen bereits alle Wohnräume in Augenschein
genommen hatten, wurden sie aufgefordert, während des Mittagessens
ihre Wünsche auf ein neben jedem Teller aufliegendes Blatt Papier zu
schreiben, und werde dann noch vor Schluß der Tafel die Vertheilung
der Wohnräume bekannt gegeben werden. Mit einem Hurrah auf den Kaiser,
das Vaterland und den Völkerfrieden ging es dann zu Tische. Das
Personal für die Bedienung der Küche und der Wohnhäuser war für heute
ausnahmsweise aus den benachbarten Gemeinden herangezogen worden und
sollten alle Arbeiten von heute Abend an an die theils ernannten,
theils hierzu erwählten Angehörigen der neuen Gemeinde übergehen.
Denn nach dem Grundgedanken der staatlichen Organisation wurde die
ökonomische Leitung des Küchenwesens einem von der Staatsverwaltung
ernannten Organe übertragen, die Leitung der Speisenbereitung aber
besorgten solche Personen, die von den Gemeindegenossen gewählt wurden.
Nach Schluß der Tafel besichtigten wir alle Räume, durch welche die
Ankömmlinge streiften, um alles noch genauer in Augenschein zu nehmen,
und bevor noch die Berathungen wegen der Wahl des Tribuns begannen,
verließ ich, nachdem ich mit Mr. Forest verabredet hatte, daß wir
um acht Uhr nach Tulln fahren wollten, die Ansiedlung, um den Berg
hinanzusteigen, von wo aus ein weiter Ausblick über die Gegend jenseits
der Donau zu gewinnen war. Immer höher stieg ich hinan, ab und zu mich
zurückwendend, um das immer mehr sich ausdehnende Gebiet zu meinen
Füßen zu betrachten.
Sieh! was kommt dort für ein schwarzer Krauskopf langsam herab?
Giulietta, ich will's verrathen; meine Giulietta. Sie reichte mir
fröhlich die Hand zog mich mit fort und sagte, sie habe mich heute
schon gesehen, als die Amerikaner der Gemeinde vorgestellt wurden. Nun
gings an ein wechselseitiges Ausfragen und Giulietta bekannte, daß sie
weit weg von ihrer Heimath verlangt habe, um eines Mannes willen, den
sie liebte, und den sie nicht besitzen solle. Er hätte sich in ihrer
Heimath vermählt und obgleich sie wußte, daß sie entsagen müsse, und
auch längst entsagt hätte, auch die glückliche junge Frau ihr eine
liebe Freundin sei, so habe sie es doch nicht über sich vermocht,
neben diesem glücklichen Paare auszuharren, und so habe sie gebeten,
weit weg versetzt zu werden, um leichter zu vergessen. Das habe die
Verwaltung berücksichtigen müssen und viele, die sich in gleicher
Lage befänden, versuchten dasselbe Heilmittel, immerhin oft mit
Erfolg. Wie wir so dahin schlenderten, schlug ihr Ernst bald wieder
in fröhliche Heiterkeit um, sie sprach von tausend Dingen, von der
Reise, die sie zurückgelegt, und den Eindrücken in ihrer neuen Heimat,
von der Neugierde, sich in Wien umzusehen, und vielem anderen. Dann
erinnerte sie sich, gehört zu haben, daß der heutige Tag für unsere
Abreise bestimmt gewesen. Ich sagte, daß ich ungern aus Oesterreich
scheide, und sie frug, wie in Gedanken weit hinaus ins Thal blickend,
aber mit einem leisen Anfluge von Heiterkeit die sich doch nicht auf
einen Gegenstand in jener Ferne beziehen konnte, ob ich nicht noch ein
wenig zurückzuhalten wäre. Und da ich wirklich zu halten war, nahm
ich ihre Hand und sagte, ich sei schon entschlossen, meine Abreise
aufzuschieben. Darauf eine kurze Pause und dann drückte ich das liebe
Händchen leise und nach einem ganz kurzen Intervalle kam der Druck
zurück. -- -- -- Und so kamen wir dann als gute Freunde, die sich
wiedergefunden, ins Dorf hinab.
Mr. Forest hatte eine Botschaft hinterlassen, er wolle mich in Tulln
treffen. Das hatte gute Weile. -- Und er?
Hier sei es erlaubt, meine Erinnerung an Mittheilungen einzuschalten,
die ich in Giuliettens Heimat erhalten hatte und die erklären, weshalb
diese blühende Schönheit sich die Ehe versagen mußte. Sie hatte das
siebzehnte Jahr erreicht, als ihr Mutter und Vater im rüstigen Alter
starben. Die Leichenöffnung ergab, daß beide vom Krebs befallen waren,
und zwar hatte er beiden dasselbe Organ zerstört. Da in früheren Zeiten
die Leichenöffnung noch nicht allgemein war, war die Constitution der
Vorfahren nicht in Betracht gezogen worden, als die Eltern Giuliettens
sich vermählten. Es wurden aber die Krankengeschichten mehrere
Generationen zurück verfolgt und noch wohl erhaltene Photographien
verglichen und ging das Gutachten der Aerzte und des Lehrkörpers dahin,
daß die erbliche Uebertragung auf die Nachkommen der betreffenden
Familien wahrscheinlich sei. Trotz Einsprache Giuliettens und ihrer
Wahlmutter wurde ihr und ihren Brüdern und Schwestern die Ehe versagt.
* * * * *
Die Ansiedler wurden zur Wahl berufen, von welcher Giulietta nicht
fern bleiben durfte. Ich benützte die Zeit und erbat mir von einer
jugendlichen Aufwärterin, die in Abwesenheit ihrer stimmberechtigten
Schwestern geschäftig ihres Amtes waltete, die Zuweisung einer
Badekammer. Auch wünschte ich, da der Tag glühend heiß gewesen und
ich nicht aus den Kleidern gekommen war, frische Wäsche, weshalb die
Kleine mir pedantisch Kragenweite und Aermellänge abmaß und mich mit
allem Nöthigen versah, auch mit einer Tasche aus Wachstaffet für meine
Siebensachen. So kühlte ich mich im Staubbad und kam wie neugeboren in
den Garten. Da die Wahl soeben beendet war, strömten die Ansiedler aus
dem Verwaltungsgebäude und eben schlug es sieben Uhr.
Ich fragte nach Giuliettens Wohngemach. Die Zimmerwärterin war wohl
verständigt worden, daß ich kommen würde, denn sie ließ mich bei
Giulietten ein, ohne ihre Erlaubniß einzuholen. Diese war guter Dinge.
Sie hatte sich schon wohnlich eingerichtet. Blumen in Töpfen standen
am Fenster, alles war nach ihrem Geschmacke zurechtgerückt, das Bett,
mit dem Kopfende an der Wand, ragte in die Mitte des Zimmers, eine
kunstreich gestickte seidene Decke war darüber gebreitet, die Kissen
waren gleichfalls geziert und alles, was zum Schmucke dient, Vorhänge,
schwere Teppiche auf dem Ruhebette, gestickte Kissen, waren Erzeugnisse
vieljährigen Fleißes meiner geliebten Giulietta, welche sie aus ihrer
Heimat hatte mitbringen dürfen.
Beim Eintritte in das Zimmer wurde man das Bett nicht gewahr, weil ein
großer dreitheiliger Wandschirm davor stand. Die Rahmen waren aus Holz
geschnitten und mit zierlichem Laubwerke umgeben. Die Füllungen waren
aus reizendem Strohgeflechte von Giuliettas Hand. Vor dem Wandschirme
stand ein Schaukelstuhl, mit Stickereien belegt. An den Wänden waren
schöne Photographien mit Darstellungen von Landschaften aus ihrer
Heimat und Bildnisse ihrer Eltern angebracht. Auch hier wiesen die
Holzrahmen außerordentlich feine Schnitzereien auf. Sie nannte mir den
Künstler, mit dem sie an der Adria aufgewachsen war.
Mit Stolz zeigte mir Giulietta eine herrliche, in Holz ausgeführte
Arbeit desselben Künstlers, eine jugendliche Nymphe, die Hände
rückwärtsgelegt, und an eine Säule gelehnt, wie sie das Gevögel zu
ihren Füßen betrachtet, das die gestreuten Körner aufpickt. Im Munde
hat sie ein Weizenkorn, nach dem ein Sperling lüstern blickt, der ihr
auf die Schultern geflogen war und bei der nächsten Wendung des Kopfes
als begünstigter Liebling darnach haschen zu dürfen hofft.
Die prachtvollen Glieder der Nymphe erschauend warf ich betroffen
und zürnend einen Blick auf das Antlitz meiner Schönen und prüfte
die Umrisse ihrer jugendlichen Gestalt. Giulietta beantwortete den
eifersüchtigen Zweifel, den ich nicht ausgesprochen, indem sie lächelnd
sagte: »Der Künstler, ein dalmatinischer Fischer, der seine Ferien
alljährlich an den Bildhauerschulen verbringt, aber weder Heimat noch
Beruf verlassen will, ist mein Wahlbruder nach den Sitten südlicher
Länder. Er weiht mir sein Leben und seine Kunst ohne Wunsch für sich.
Ich bin überall seines Schutzes und seiner Rache sicher, wenn ich sie
gegen einen Beleidiger anrufe.«
Auch ein paar feingeschliffene Kristallgläser standen auf dem Tische.
Wir saßen am geöffneten Fenster einander gegenüber und plauderten.
Manchmal näherte ich meinen Mund ihren Lippen, aber sie bog sich zurück
oder hielt mir die Rosenfinger entgegen. Nur einmal that sie, als
vergäße sie sich, und da ich die Gelegenheit erhaschte, stellte sie
sich böse.
Giulietta nahm, während wir schwätzten, eine Knüpfarbeit zur Hand
und da sie sah, daß mich brennender Durst quälte, ließ sie mich eine
Caraffe aus der Wasserleitung neben der Thüre mit frischem Wasser
füllen, und träufelte mir etwas Fruchtsaft in mein Glas, mir so
gewissermaßen Gastfreundschaft in ihrem engen Heim anbietend. Als
ich auf ihren Wunsch das Fläschchen mit Fruchtsaft in ihren Schrank
stellte, strömte mir der Duft von Rosenblättern entgegen, die sie
zwischen ihre Hemdchen und Schürzen gestreut hatte.
Ich suchte meine Giulietta auf ein gefährliches Gebiet zu lenken,
erwähnte die Gallerien in Wien und sprach von den Meistern, deren Werke
man dort bewundern kann. Von den Bildern Bordones und seinen üppigen
Frauen, kam ich auf Rubens' Bilder, dann zu Tizians Diana und Kallisto,
um endlich zu Corregios Io zu gelangen, und versuchte ich auf diese
Art dem Gespräche eine Wendung zu geben, die Giulietta außer Fassung
bringen sollte. Aber die Schöne ging den Weg dieser Vorstellungen ohne
merkliche Erregung mit, indem sie mich beständig im Zaume hielt und
mich fühlen ließ, daß ich meine Worte auf die Wagschale legen müsse.
Sie war mit den Bildern nicht unvertraut. Zwar war ihr von ihrem
Besuche in Wien nichts im Gedächtnisse geblieben. Sie war damals ein
unreifes Kind und man hatte zu jener Zeit den Grundsatz, der später
für irrthümlich gehalten wurde, Kinder in Bildersammlungen nicht zu
führen, in welchen, wie man glaubte, die Phantasie vergiftet werden
könnte. Aber jede Gemeinde hatte zahlreiche Stiche in der Bibliothek
und die Sammlungen der Bezirksvororte waren sogar sehr reich. Von jenen
Bildern, insbesondere von Correggios Meisterwerken, gab es mehrere
Reproductionen und Giulietta hatte sie genau studirt und verglichen.
Tizians Diana und Kallisto verwarf sie, die Bilder Rubens' waren nicht
nach ihrem Geschmacke, obgleich sie das Genie des Malers bewunderte.
Ich bemerkte, daß Correggios Io das anstößigste Bild sei, das ich
kenne. Giulietta sagte, sie theile diese Meinung gar nicht. Das
Anstößige entziehe sich dem Beschauer und es wäre eine armselige
Phantasie, die es sich hinzudächte. »Dagegen welch zarte Poesie in
diesem Doppelbilde. Die nach Regen lechzende Erde als liebendes und
empfangendes Weib darzustellen und die Umarmungen des Mannes zu
idealisiren durch das Naturbild des allbelebenden Elementarvorganges.«
--
Hier flog eine Wolke über die Stirne meiner Freundin, die aus dem
Kreislaufe der sich immer verjüngenden Natur ausgeschlossen war. Aber
meine Berechnung hatte fehlgeschlagen, denn ich hatte mein Gegenüber
nicht mit einer neuen Vorstellung überfallen, sondern auf einen
Gegenstand gebracht, mit dem sie vertraut war.
Ich schämte mich meiner Niederlage, aber ich schätzte Giulietta umso
höher wegen der Feinheit ihrer Empfindung. Es war etwas eigenes um
diese mit ein wenig Seelenschmerz versetzte sprühende Lebenslust.
Sie verlangte, ich solle ihr von meinen Bekannten hier erzählen, mit
welchen sie bald auch im geselligen Kreise zusammenkommen würde. Da
ich von meinem Mißgeschicke mit Selma -- nicht ohne einigen Rückhalt
-- berichtete, machte sie ein ernstes Gesicht und meinte, ich sei
zu gelinde bestraft worden. Die Erwähnung des Liebesglückes der
Neuvermählten machte sie verdrießlich, ein Schatten legte sich auf ihre
Stirne, und um sie zu zerstreuen, sprang ich schnell ab und schilderte
die Streiche des kleinen Gauklers, der so putzige Kunststücke
aufgeführt hatte. Jetzt lachte sie. Sie sagte aber dann: »Wir lieben es
nicht, wenn einer von uns die Menschengestalt dem Gelächter preisgibt.
Wir sind Halbgötter und nicht Hanswurste.«
Ich nannte Dr. Kolb unter meinen Freunden und da wollte sie mehr
wissen. Sein Ruf war in ihre Heimath gedrungen, wo die Kunst höher
in Ehren stand als irgendwo und besonders die Bildhauerkunst war
gefeiert. Da wußte ich nun, wo ich zu verharren hatte. Ich schilderte
auch das verhüllte Bildwerk nach den Mittheilungen meines Freundes; ich
verfolgte den begehrenswerten Feind mir gegenüber und brachte ihn in
immer größeres Gedränge; schon schossen Feuerblitze aus ihren Augen,
ihr Busen wogte stärker, die Lippen bebten, Unruhe bemächtigte sich der
Schönen; ich drang immer mehr auf sie ein.
Da unterbrach sie mich, als wollte sie, daß ich innehalten sollte,
und sagte: »Freund, eine Bitte! Ich sah im Garten eine halb geöffnete
köstliche Rose. Du wirst sie leicht finden. Der Strauch blüht neben
der Statue der Göttin der Fruchtbarkeit. Ein Insect hat sich in den
innersten Blättern verstrickt, aus welchen es vergeblich den Ausweg
sucht, denn ich habe ein Stück eines Spinnegewebes darüber gebreitet.
Bringe mir die Rose und den Gefangenen.«
Als ich mich jetzt erhob und über sie beugte, bog sie sich zwar zu
mir aufschauend zurück, aber sie breitete, um ihre Wehrlosigkeit zu
bekennen, die Arme weit auseinander und drückte ihre Hände an die
Mauer, an der sie saß, und da sich unsere Lippen festsogen, ergoß sich
sengendes Feuer aus den Sternen der Italienerin in meine Augen. Wie
verheißungsvoll ist doch eine Bitte aus schönem Frauenmund!
Ich stürmte in den Garten hinab, konnte aber das Gesuchte eine geraume
Zeit nicht finden. Da ich die Statue erblickte, standen Frauen im
Gespräche dort und ich wollte den Raub lieber verschieben. Endlich
schnitt ich verstohlen die kostbare Rose, die das Insect noch in ihrem
Kelche gefangen hielt, ab und jagte zu Giulietten zurück.
Jetzt aber war mattes Licht im Gemache, das von Wohlgeruch erfüllt
war, und Giulietta stand im herabfließenden Hausgewande einer stolzen
Römerin, an den Seiten bis zur Hüfte geöffnet, vor meinen entzückten
Augen, die noch den Anblick der rosigen Zehen eines göttlichen
Frauenfußes erhaschten, der unter dem Saume hervorguckte; und schon
lagen wir Brust an Brust. Ihre weichen Arme umstrickten meinen Hals,
sie küßte mich stürmisch und dann barg sie ihren Kopf an meinem Busen.
Da erspäht mein Blick zwei Knöpfe auf ihren Schultern. Ich löse sie,
das Gewand gleitet mir aus den Fingern. Ich hebe dies köstliche
Geschenk der Natur auf meine Arme, trage die Herrliche auf ihr Lager,
lege die Rose auf den schimmernden Busen, den ich mit Küssen bedecke,
und so überläßt sich dieser Prachtleib mit geschlossenen Augen, das
selige Lächeln des Beglückens auf den Lippen, im Wonneschauer erbebend,
meinen Umarmungen.
* * * * *
Es war halb neun Uhr, als ich in den Speisegarten kam. Es dämmerte
schon und ich suchte einen einsamen Tisch, an dem ich mich niederließ.
Lauter Lärm wogte um mich herum, weil die neuen Ansiedler suchten, mit
einander bekannt zu werden. Die Mütter nannten mit Stolz die Namen
ihrer Kinder; diese jagten sich zwischen den Tischen herum und ab und
zu hörte man einen warnenden Ruf, dem sogleich aufhorchend entsprochen
wurde. Die Aufwärterin, ein junges Mädchen, trat an meinen Tisch, um
meine Wünsche zu erfragen. -- Bald brachte sie das Abendbrod und ein
Glas feurigen Weines. »Du bist unser Gast aus Amerika?« -- »Ja wohl.«
-- »Wie gefallen dir Land und Leute?« -- »Vortrefflich, besonders die
Leute.« -- »Eure tausendjährigen Bäume fehlen uns allerdings.« -- Und
sie wandte sich zum gehen.
Ich sah mit Wohlgefallen auf die Kinder, die sich in meiner Nähe
tummelten. Die Tracht der Kinder war einfach. Bis zum Alter der
Selbständigkeit unterschied man die jungen Leute nicht in der
Kleidung, etwa nach dem Range der Eltern, und bis zum Eintritte in
die Schule trugen Knaben und Mädchen eine ganz einfache Sommertracht,
die doch reizend stand. Meistens trugen sie an den Füßen etwas, was
halb Schuh, halb Sandale war. Kurze Höschen und ein von einem Gürtel
zusammengehaltenes Röckchen von weißem, dünnen Stoff ohne Aermel, dann
ein großer Basthut waren die ganze Kleidung, Beine und Arme nackt, der
Hals frei; Reinlichkeit, Schönheit und Frohsinn gewannen ihnen alle
Herzen. --
Ich sehnte mich nach Giulietta, die herabzukommen versprochen hatte. Wo
blieb sie? --
Wir hatten oft dem Treiben der Jugend zugesehen. Die jungen Leute
waren, bis die Eltern von der Arbeit nach Hause kommen, in Schaaren,
beiläufig nach dem Alter gesondert, unter Aufsicht von Frauen oder
Mädchen, die älteren Knaben auch oft unter den Befehlen der Lehrer. Es
wurde alles mögliche gespielt, nur nicht Krieg. Man spielte Besuch,
Schule, Hochzeit, Gericht und Strafe, Häuserbauen, Pfänder, Charaden.
Die älteren Knaben versuchten sich im Vortrage über aufgeworfene
Fragen, dann wurde gerungen oder um die Wette gelaufen, und dann
wählten sich die Knaben vorerst eine Preisrichterin, welche der Sieger
küssen durfte.
Bald zerstreuten sich die Kinder auf Befehl der Erzieherin, um in den
Wäldern Schwämme und Erdbeeren zu suchen, bald sammelten sie sich
wieder auf ein Häuflein, um einer Erklärung oder einer Geschichte
zu lauschen, deren jede Erzieherin viele Hunderte für jedes Alter
wußte. Dann durfte wieder ein halberwachsenes Mädchen den Bübchen
etwas vorlesen, und dann ging es wieder weiter. Regen und Sonnenbrand
kümmerte sie gar wenig und wenn sie nach einigen Stunden heimkamen,
hatten sie oft das ganze Gemeindegebiet durchstreift.
Große Aufmerksamkeit wendete man daran, den Ortssinn zu entwickeln. Ehe
die Kinder in die Schule kamen, hatten sie schon jeden Weg und Steg
im ganzen Bezirke inne, wußten überall die kürzesten Verbindungen zu
finden, lernten sich in fremden Gegenden orientiren und hatten einen
Begriff von der Größe ihres Vaterlandes, das man sie lehrte, als ihren
Besitz zu betrachten. Auch mit den heimischen Thieren und Pflanzen
und dem Nutzen, den sie gewähren, waren sie vom zartesten Alter auf
vertraut, wie man auch nicht versäumte, sie am nächtlichen Himmel
mit den Sternbildern bekannt zu machen und ihre Liebe zur Natur und
insbesondere zur Heimat zu wecken. --