In später Nacht nach jener Volksabstimmung saßen wir noch lange auf,
um mit Dr. Kolb zu plaudern, denn am nächsten Morgen, Sonntag, den 2.
August 2020, wollten wir Tulln verlassen und nach Tirol reisen. Es wäre
zwar schon Sonntag Abends unsere vorausbezahlte Reisefrist abgelaufen,
aber wir hatten, da wir doch einiges im Salzburgischen und in Tirol
sehen wollten, unsere Reise um fünf Tage verlängert. Da wir auch für
3000 Mark Geschenke, darunter eine herrliche Statue von Dr. Kolb, in
Bronce gegossen, bestellt hatten, die wohl schon schwimmen mochten,
so war bei der Verwaltung in Salzburg auf unser dort deponirtes
Guthaben von 9000 Mark dieser Betrag von 3000 Mark und ebenso das
Reisegeld für fünf Tage von 250 Mark angewiesen und veranlaßt worden,
daß wir unser Restconto von 5750 Mark in Bregenz, wo wir Oesterreich
verlassen wollten, in Baarem oder einem Wechsel der österreichischen
Staatsverwaltung sollten beheben können.
Die Einkäufe hatten wir im Prater gemacht, wo die Rotunde zu einer
großen Waarenhalle war umgestaltet worden. Für Einheimische und
die europäischen Staaten war dort keine Verkaufsstelle, wohl aber
konnten Fremde aus Staaten, in welchen noch Geldwirthschaft bestand,
dort Einkäufe machen. Nach den dort aufgegebenen Bestellungen wurden
dann die Aufträge wie von einem Kaufmann ausgeführt, nachdem vorher
Zahlung war geleistet worden. Oesterreich handelte damals, wie alle
europäischen Staaten, in Mark Gold und die auf diese Art einlaufenden
Beträge, welche alljährlich etwa 500 Millionen Mark ausmachten,
wurden theils zum Ankaufe von Waaren in Amerika, China, Japan und auf
englischen Gebieten verwendet, theils bestritt man davon jene Reisen
in solchen Ländern, welche Oesterreicher mit staatlicher Bewilligung
dorthin unternahmen. -- Diese Reisen wurden meistens Technikern,
Künstlern und Gelehrten ermöglicht, es hatten aber besonders
verdienstvolle Männer, Erfinder, hohe Staatsbeamte und solche, die es
im Tribunat mindestens zum Range eines Provinztribunen gebracht und
in dieser Stellung drei Jahre ohne Vorwurf gedient hatten, Anspruch
auf Reisegelder in bestimmter Höhe. Der der Staatsverwaltung für diese
Zwecke ausgeworfene Credit wurde vom Volke bewilligt und wurden dabei
die erfahrungsmäßigen Baareinnahmen, die Menge der Produkte, welche
nach dem Auslande waren verkauft worden, der Bedarf an Waaren, die von
dort bezogen werden mußten, und anderes in Betracht gezogen. Es wurde
da immer ein gewisser Credit für eine Reihe von Jahren ausgeworfen,
denn die alljährlichen Abstimmungen über solche Angelegenheiten
schienen zu lästig und man verließ sich nicht nur auf die Tribunen,
die ja in Fällen von Mißbrauch hätten Abstimmungen veranlassen können,
sondern man hielt darauf, daß die Abrechnungen über Baareinnahmen und
Baarausgaben allwöchentlich veröffentlicht und ausgewiesen wurde,
wozu die Einnahmen verwendet wurden. Auch die Civilliste konnte ihren
Antheil am Jahresprodukte innerhalb gewisser Grenzen nach dem Auslande
verkaufen und entweder Waaren dafür beziehen oder Auslandsreisen davon
bestreiten. Was aber letztere Aufwendung betraf, so mußte ausgewiesen
werden, daß ein gewisser Betrag nicht überschritten wurde. Reisen im
Unionsgebiete wurden von der Civilliste der einzelnen Länder reciproc
zugestanden und der Aufwand wechselweise ausgeglichen oder richtiger,
wechselseitige Gastfreundschaft geübt.
Nun wollten wir doch ein wenig nüchtern wie Kaufleute rechnen und
prüfen, ob wir billig daraus gekommen wären. Mr. Forest berechnete, was
uns unsere Reise in Amerika würde gekostet haben. Er bekannte, daß wir
mehr als die Hälfte von dem, was wir in Oesterreich genossen, dort gar
nicht würden haben finden können, das Uebrige aber berechnete er für
zwei Personen, die Waaren eingeschlossen, auf 2560 Dollars oder 10746
Mk. 97 Pf., so daß uns 6496 Mk. 97 Pf. Profit erwachsen waren.
Dr. Kolb meinte, daß das eine natürliche Folge des Principes sei,
nicht durch Kauf und Verkauf zu vertheilen, sondern alles direkt dem
Verbrauche und Genusse zuzuführen, wodurch eine viel vollständigere
Ausnützung erzielt wird und Handlungskosten erspart werden. Uebrigens
sei der Oesterreicher auch gastfreundlich, er habe nichts dagegen, dem
Fremden mehr zu bieten, als dieser bezahlt, da man der Meinung sei,
daß der Verkehr mit Ausländern an und für sich ein Gewinn sei. Er rege
den Geist an, entwickle neue Ideen und es sei auch nicht ohne Nutzen,
sich im Auslande Freunde zu machen. Zudem sei der Oesterreicher mit
jenen Genüssen übersättigt, die den Ausländer oft entzücken, und da
nicht nur die Berufsmenschen für Zerstreuung und Unterhaltung in immer
wechselnden Formen sorgen, sondern jeder, der nur die erforderliche
Gabe besitzt, das seinige zur Unterhaltung beitrage, so gebe es in
Oesterreich vieles, was das Volk nichts koste, im Auslande aber mit
theuerem Gelde bezahlt werden müßte. Der hohe Bildungsgrad, der in
Oesterreich erreicht wurde, sei die Ursache, daß man sich in diesem
Lande gar nicht langweilen könne. Jeder Oesterreicher reise 14 Tage
mindestens im Jahre, da man alle Feiertage abgeschafft und dafür
jedem das Recht eingeräumt habe, jährlich einen 14tägigen Urlaub
anzusprechen. In dieser Zeit stehe ihm das Reisen in Oesterreich
frei, wenn auch der Aufenthalt in den Städten beschränkt sei. Aber
es sei schon von Interesse, in anderen Provinzen sich umzusehen,
andere Gewerbe, Verfahrungsweisen, Spiele und Kunstfertigkeiten
kennen zu lernen. Nun kommen die Urlauber aus allen Theilen des
Reiches zurück, befruchtet mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, was
den Erfindungsgeist belebe und dazu führe, daß die mannigfaltigsten
Unterhaltungen und Spiele heimgebracht und wieder neues und originelles
ausgeheckt werde.
Nun baten wir unseren Freund, uns noch näher zu erklären, weshalb die
Monarchie und der Adel bei den veränderten Bedingungen, besonders
nachdem es eigentlich keine internationale Politik mehr gebe, doch
noch eine Existenzberechtigung hätten, und er sagte, das wolle er uns
begreiflich machen. Dr. Kolb hub an: »Ich werde euch die Aufgaben der
Monarchie und des Adels in unserem Lande klar machen und dabei auch
meine Eigenart und was ich für meinen, erst im höheren Alter freiwillig
gewählten Beruf halte, erläutern.
Monarchie und Adel sind bei uns erblich, sie sind ein Restchen aus
der alten Zeit des Classenstaates, aber es sei mir erlaubt, für
deren Erhaltung doch auch eine Rechtfertigung vorzubringen. Die
Aufgabe des Monarchen ist zwar zum Theile auch eine praktische, der
Monarch hat die wirthschaftlichen Angelegenheiten des Reiches unter
Mitwirkung verantwortlicher Beamten in höchster Instanz zu leiten,
auch dort, wo es sich um Ersätze von Provinz zu Provinz oder um
Differenzen zwischen Nationalitäten handelt, die oberst richterliche
Entscheidung zu fällen. Aber die Hauptfunction des Monarchen und die
Aufgabe des Adels ist die Pflege der höchsten idealen Interessen des
Volkes. Obwohl, wie wir recht gut wissen, auch die idealen Güter ihre
Rückwirkung auf die ökonomische Welt haben und sie immer Ansprüche an
die ökonomischen Güter machen oder materiellen Aufwand verursachen,
so ist doch die ästhetische Seite des Menschenlebens dem materiellen
Leben gewissermaßen entgegengesetzt; sie ist scheinbar immateriell,
weil das Materielle im Verhältnisse zum Werthe, die diese Güter für den
Menschen haben, unscheinbar und der materielle Nutzen des Aesthetischen
nicht in die Augen springend ist. Gewiß concipirt der Dichter sein
Gedicht ohne Zuhilfenahme von Materie, ausgenommen insofern das zum
Denken und geistigen Schaffen unentbehrliche Organ, sein Gehirn,
materiell ist. Will er das Gedicht aber verbreiten, so braucht er
Feder, Papier und Tinte, dann Druckerschwärze und Arbeitskräfte, deren
Erhaltung wieder materielle Mittel voraussetzt und so findet sich, daß
die Kunst, will sie auf andere wirken, auch der Zufuhr materieller
Hilfsmittel bedarf. Dagegen kann man nicht sagen, daß sie nicht auch
an die materielle Welt das wieder reichlich zurückgibt, was diese
ihr zuwendet. Genießen Millionen das, was der Dichter schafft, so
belebt das wieder die Lebensfreudigkeit jener Bevölkerung, die in der
materiellen Güterproduction wirken muß; die Kunst selbst kann zum
Schaffen anspornen, sie zeigt, wie selbst das Handwerk durch die Kunst
geadelt wird, wie das z. B. im Liede von der Glocke zum Ausdrucke
kommt; sie weist auf den Verband hin, der unter allen Thätigkeiten der
verschiedensten Menschen besteht, und, da die Leute, die mit der Hand
schaffen, durch die Kunst auch wieder zu edleren Genüssen hingeleitet
werden, so kommt sie der Oekonomie insofern zustatten, als sie von
jenen gröberen Genüssen ablenkt, welche oft die Menschen erschlaffen
machen, unter allen Umständen aber zur Vergeudung materieller Güter
führen. Bei den Wissenschaften ist der Verband zwischen der idealen
Production und der ökonomischen Welt deutlicher, bei der Kunst ist
dieser Zusammenhang beinahe unmerklich und man spricht von rein idealen
Gütern, obschon das auf einem Irrthume beruht; denn frei von Materie
kann nichts gedacht werden. Immerhin nun ist die ästhetische Seite des
menschlichen Lebens das, was am wenigsten Ansprüche an die Materie
stellt und doch in der ökonomischen Welt mächtig mitwirkt und die
Menschen lehrt, sich die materiellen Güter auf die zweckmäßigste Weise
zu Nutzen zu machen. An meinen Statuen erfreuen sich Millionen und ich
werde bald sagen können, daß es keinen Oesterreicher giebt, dem ich
nicht mit meiner Kunst einige kostbare Augenblicke freudigen Genusses
verschafft habe. Und gewiß ist mein Lohn größer, der darin besteht,
daß ich kein Dorf in Oesterreich wüsste, wo ich nicht gefeiert würde,
wenn ich meinen Fuß hinsetze, als der eines Künstlers der früheren
Welt, der mit Kunsthändlern zu schachern, mit Kritikern zu verhandeln
hatte, den dann ein reicher Mann mit Geld abfertigte und der oft in
recht gemeiner Weise das Geld wieder anzubringen bedacht war. Meine
Kunst gehört aller Welt, dafür erobere ich mir aber auch damit die
ganze Welt, denn als anerkannter Künstler bin ich überall geehrt, ich
reise wohin ich will, ich bin in Madrid ebenso willkommen, wie in
Irkutsk, und will ich fremde Welttheile durchstreifen, so wird mir
mein Vaterland die Mittel verschwenderisch anweisen, denn ich habe
mit meiner Kunst vorausgezahlt und man weiß daß der Künstler schaffen
_=muß=_, daß ihn sein Genius _=treibt=_ und daß sich alles, was ich
auf Erden sehe, wieder in Statuen umsetzen und dem Vaterlande wieder
Gewinn bringen wird. Daß ich diesem Vaterlande nicht untreu werde, das
bezweifelt niemand, und da die europäischen Staaten im engsten Verbande
stehen, würde auch, was ich den Spaniern oder Schweden schenke, für
mein Oesterreich nicht verloren sein. Der Ruhm bleibt aber doch den
Meinen, denn nie wird man vergessen können, daß ich hier geboren und
hier zum Künstler wurde, und wie ich längst in der Chronik von Tulbing
verzeichnet stehe, wo meine Wiege stand, und in der Chronik von St.
Pölten, wo ich dauernd als Kreisarzt wirkte, wird mich auch die
Geschichte von Tulln erwähnen, wo ich vieler Freunde und eines Bruders
wegen, der hier in Arbeit steht, seit drei Jahren am meisten weile und
auch am meisten geschaffen habe.«
»Aber das allein ist nicht der Nutzen, den meine Kunst schafft, daß
sie Unzähligen Freude macht. Ich begeistere mit meinen Werken für die
plastische Schönheit, ich entwickle den Sinn für die Schönheit des
Menschenleibes und predige allerorten die Lehre, daß am Menschen nur
schön ist, was gesund ist, was kräftig ist und dem Wetter ebenso,
wie den Unbilden des Lebens trotzen kann. Ich trage durch Kunstwerke
und Lehre dazu bei, eine rechte Freude an schönen Menschenkindern
wachzurufen, und so ist es dahin gekommen, daß jene, denen die Ehe
versagt ist, sich damit getrösten, daß es eine für alle heilsame
Enthaltsamkeit ist, die von ihnen gefordert wird, und daß jene, die in
der Ehe leben, sich wie Priester betrachten, die an dem ungeheueren
Werke mitarbeiten, eine Menschheit fortzuerhalten, die sich die Erde
vollkommen unterwirft und einst alle Gottheitsideale in sich verkörpern
wird. Wie das neunzehnte Jahrhundert die innerliche Einheit der
Naturkräfte feststellte, haben wir zur Evidenz gebracht, daß die Ideen
des Guten, Wahren und Schönen in ihrem Wesen nur _=ein=_ Gesetz sind
und das Gute nichts anderes ist, als das im menschheitlichen Sinne
Zweckmäßige oder Oekonomische. Was einst nur wenige träumten, erfüllt
jetzt ganz die Phantasie aller. Nicht müde werden unsere Jugendbildner,
die Worte des Jesaias einzuprägen:
‘Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde und
dessen, was vorher war, wird man nicht gedenken, noch wird es kommen
in den Sinn.’
‘Dann wird kein Kind sein, das nur Tage lebt, kein Greis, der seine
Zeit nicht erfüllt; denn ein Knabe wird nur nach hundert Jahren sterben
und ein Sünder von hundert Jahren verflucht werden.’
‘Sie werden Häuser bauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und die
Früchte davon genießen.’
‘Sie werden nicht bauen und ein anderer bewohnen, nicht pflanzen und
ein anderer davon essen, denn die Tage meines Volkes werden sein wie
die Tage des Baumes, und die Werke ihrer Hände werden ein hohes Alter
erreichen.’
‘_=Meine Auserwählten sollen nicht vergebens arbeiten, noch Kinder
zeugen mit Schrecken.=_’[H]
Und auch Petrus hat als das Werk des Zimmermannes von Nazareth uns
bezeichnet:
‘Wir erwarten nach seiner Verheißung eine neue Erde, in welcher
Gerechtigkeit wohnt.’[I]
Das alles haben wir, wenn nicht vollendet, doch vorbereitet und ich
als Künstler gebe meinen Segen dazu; auch die menschliche Gesellschaft
ringt nach jenen idealen Formen des Gleichgewichtes und der vollendeten
Harmonie, nach denen jeder Künstler auf seinem Gebiete strebt. Ich in
meinen gemeiselten Liedern vom schönsten Weibe, das, um schön zu sein,
in allen Theilen jene herrliche Ebenmäßigkeit zeigen muß, die doch auch
überall wieder, wenn wir es nüchtern betrachten, nur der Ausdruck für
die größte Zweckmäßigkeit ist.
So nun ist die ganze Welt materiell und die ganze Welt, anders
betrachtet, ideal. Kein Gebilde ohne Materie, keine Materie, die nicht
in einem Gebilde gefangen säße. Allein unsere Arbeitstheilung bringt es
mit sich, daß vielen auf dem Gebiete des Idealen das Schaffen, allen
aber auf diesem Gebiete das Genießen und Empfangen zufällt.
Die Monarchie und der Adel nun sollen vorzüglich das Aesthetische
im Leben nach ihrem Vermögen im Gange erhalten und insbesondere in
den geselligen Formen zur möglichsten Vollendung bringen. Sie sind
gewissermaßen von Geburt dazu berufen, dem Volke als Festordner zu
dienen, zu jenen schönen Formen des Verkehres unter den Menschen
anzuleiten, die zur Tradition werden müssen, die aber niemals zur
Geltung gelangen, wo nicht ein edles Gleichheitsgefühl sich Bahn
gebrochen hat. Die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, wie sie
Freund Zwirner, von dem ich vieles lernte, bereits ganz festgestellt
hat, zeigt uns, wie die Monarchie sich damals verwandelte. -- Zu Ende
des achtzehnten Jahrhundertes waren der König von Frankreich und die
Königin aus dem Hause der Habsburger auf dem Schaffotte hingerichtet
worden. Ein armer Lieutenant erklomm in wenigen Jahren den Thron von
Frankreich und wurde der mächtigste Monarch, vor dem die Fürsten
zitterten und dessen Wagen gewissermaßen deutsche Fürsten nachliefen
wie Schuljungen. Es gab da etwas zu lernen. Dieser Kaiser konnte nicht
mit seiner Umgebung verkehren, wie ein Monarch alten Schlages. Als
er einmal seinem Secretär Bourienne läutete, erklärte dieser, man
könne ihm nicht wie einem Lakaien klingeln, und der Titan mußte die
Zurechtweisung sich gefallen lassen. Die Monarchen wurden höflich.
Während der König von Spanien noch im 18. Jahrhunderte, wenn seine
Höflinge vor ihm kniebeugend defilirten, auf dem Throne saß, die Nase
zum Himmel gereckt, um dieses Gewürm nicht zu sehen, verheirathete sich
Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine deutsche Prinzessin mit einem
Arzte, der dritte deutsche Kaiser redete seine Garden mit den Worten:
‘Guten Morgen, Kameraden!’ an und ließ sich die Antwort gefallen:
‘Guten Morgen, Majestät!’ und man veränderte die Formen des Verkehrs
sichtlich nach der Richtung, die einen völligen Umschwung im socialen
Leben vorbereitete. Zwirner fand in einem Bande der ‘Neuen freien
Presse’ aus dem Jahre 1890 einen Bericht, den ich euch hier vorlese:
‘Die englischen Zeitungen berichten eine Anzahl hübscher Züge aus
dem Leben des kürzlich verstorbenen Cardinals Newman, dessen Leiche
morgen Dienstag den 19. d. M. in Birmingham feierlich beigesetzt
werden wird. Binnen kurzem sollen seine Briefe veröffentlicht
werden. -- Interessant ist seine in den Ansprachen an die
Katholiken von Dublin abgegebene Definition eines Gentleman.’
‘Ein Gentleman, sagte Cardinal Newman, ist einer, welcher niemandem
einen Schmerz verursacht. Der wahre Gentleman vermeidet alles, was
seiner Umgebung mißliebig sein oder was auch nur einen Mißton
hervorbringen könnte. Er weiß es so einzurichten, daß die Meinungen
nicht aufeinanderplatzen, die Gefühle nicht verletzt werden, kein
Verdacht ausgesprochen wird, daß kein Gegenstand berührt wird, der
bei dem einen oder dem anderen Trauer oder verletztes Ehrgefühl
wachrufen könnte. Er hat das Auge auf jeden einzelnen gerichtet, er
ist zärtlich mit den Schüchternen, mitleidvoll gegen die
Lächerlichen, er weiß sich immer zu erinnern, mit wem er spricht,
über den Dienst, den er jemandem erweist, kommt er leicht hinweg,
von sich spricht er nur, wenn er dazu gezwungen wird. Die Erfahrung
hat ihn gelehrt, sich so gegen einen Feind zu benehmen, als sollte
er dereinst sein Freund werden. Er muß nicht immer richtige
Ansichten haben, aber ungerecht ist er nie. Auch wenn er selbst
ungläubig ist, wird er den Glauben anderer weder verhöhnen, noch
bekämpfen. Er wird alle Religionen toleriren, nicht nur, weil ihn
die Philosophie Unparteilichkeit gelehrt hat, sondern auch, weil er
das milde, beinahe weibliche Gefühl besitzt, welches eine der
schönsten Errungenschaften der Cultur ist.’
Da uns diese Skizze vorgelesen wurde, gedachte ich des Kaisers Rudolf
in Lacroma. Der erste Gentleman in Oesterreich war dieser Fürst. Wie
erhob er alle zu sich, wie lehrte er alle unbemerkt Unschickliches
vermeiden, wie wußte er den gewagten Versuch, zu dem sich Anselma
verleiten ließ, vor übler Nachrede sicherzustellen, und wie blieb er,
nur noch __primus inter pares__, so ganz Kaiser.«
Dr. Kolb fuhr nun fort: »Diese Formen nun hatte der bessere Theil
der Aristokratie im neunzehnten Jahrhunderte angenommen und so hatte
sich die herrschsüchtigste und roheste Kaste in ein Element der
Versöhnlichkeit verwandelt, und der Aristokrat von wirklich guter
Erziehung war im socialen Leben gewiß von Nutzen. Freilich haben diese
Leute oft das, was sie im Stillen doch nur für Herablassung halten
mochten, dahin aufgefaßt, der Aristokrat müsse sich mit den Gemeinen
gemein machen, und sie suchten nicht das auf, worin der Mensch dem
Menschen gleicht, das Recht und die Würde, die ihm die Natur mitgibt,
sondern die Degradation, die zwar dem Einzelnen nicht anzurechnen,
die ein Erzeugniß der herrschenden Mißstände ist, der gegenüber man
duldsam sein muß, an der man aber darum nicht Antheil nehmen darf. Es
gab hohe Aristokraten überall, welche die gemeinsten Dirnen zu sich
riefen und dem Bänkelsänger um der Rohheit wegen Gehör schenkten, die
ihr Gefallen erweckte. Von dieser Versunkenheit mußte der Adel wieder
gereinigt, darüber aufgeklärt werden, daß er zu dienen hat, wie jeder
andere Stand, aber es wurde auch anerkannt, daß er im Vereine mit der
Dynastie eine bevorzugte und erbliche Stellung einnehmen könne, wenn
er sich vom wirthschaftlichen Getriebe und von der Ausbeutung des
arbeitenden Volkes ganz frei macht, sich auf vom Volke ausgeworfene
Mittel beschränkt und selbe nicht für eine exclusive, volksfeindliche
Gesellschaft, sondern im Interesse des gesammten Volkes verausgabt,
und zwar wesentlich in dem Sinne, daß die Kunst und die Geselligkeit
in ihrer edelsten Form gepflegt werden. Man findet, daß zum mindesten
die Pflege einer verfeinerten Geselligkeit und die Veranstaltung von
Festen im großen Style am besten solchen Menschen anvertraut werden
kann, welche, von Jugend auf dazu bestimmt und erzogen, eine gewisse
Tradition dafür mitbringen und auch in ihrer äußeren Erscheinung
einen gewissen Adel ausgeprägt zeigen. Das hat es möglich gemacht,
daß wir Adel und Monarchie beibehalten konnten, und wir haben uns so
zusammengewöhnt, daß wir nicht glauben, es werde je ein Antrag auf
Abschaffung der Monarchie oder des Adels die erforderliche Stimmenzahl
finden. Uebrigens ist die Zahl der adeligen Familien klein und daß man
dem Monarchen und dem Adel die richtige Stellung anwies und ihnen im
Gesammtleben des Volkes einen Platz vorbehalten konnte, erleichterte
den Sieg der neuen Ideen. Denn zur Zeit der Geburtswehen, die diesem
Umschwunge vorhergingen, hatte der alte Adel seinen Glanz und Reichthum
neben einer täglich wachsenden plebejischen Plutokratie kaum mehr
behaupten können und nur durch den Uebergang in das Lager der Reformer
konnten die Aristokraten diesem Aufwuchern neben sich Einhalt gebieten
und wieder zu einer bevorzugten Stellung gelangen. Uebrigens ist es ein
verfassungsmäßiger Grundsatz, daß die Töchter der adeligen Geschlechter
sich nicht innerhalb dieser nicht zahlreichen Familien vermählen,
und daß diese daher sich immer frisches Blut aus dem Volke holen.
Auch findet eine Art von Auslese innerhalb der männlichen Glieder
dieser Häuser insofern statt, als mißgebildete Söhne den Adel nicht
fortpflanzen.«
Wir waren mit diesen Erklärungen ziemlich zufriedengestellt, wenn auch
ein Amerikaner von Monarchie und Adel nichts wissen will, und wir
erkundigten uns, wie man es in Oesterreich mit Schwachen, Kranken und
Krüppeln halte.
»Habt ihr nicht in der Schuhmacherwerkstätte jenen verstümmelten Mann
gesehen,« sagte Dr. Kolb, »der auf einem eigens für ihn gebauten Stuhle
sitzt und eine Nähmaschine bedient, die durch den Motor betrieben
wird? Denn beide Beine sind ihm hoch über den Knieen von einer
Maschine weggerissen worden. Er arbeitet genau und unermüdlich und
stellt seinen Mann, er sagt, er wolle seine Zeche selbst bestreiten.
Unmerklich kommt ihm alles heran, was er braucht und die fertige Arbeit
verschwindet, denn andere thun für ihn, was er nicht selbst besorgen
kann, weil er keine Beine hat. Ehe er sich's versieht, hat ihn jemand
auf die Schulter genommen, wenn es zur Arbeit oder zur Mahlzeit geht.
Immer ist jemand in der Nähe wachsam, seine Wünsche zu errathen oder
ihm, was er nöthig hat, zu besorgen, und so geht's zu Tische und dann
im Rollstuhle wohin es ihn gelüstet. Man setzt ihn in seinen eigenen
Schwimmsattel, wenn er baden geht. Doch ist er niemand zur Last, denn
tausend Arme und Hände sind's, die ihm dienen. Man liest ihm von
den Augen ab, was er will, und man weiß, daß er immer dabei zu sein
verlangt, wenn die Mädels und Burschen tanzen, denn er sagt, er habe
sich so in die anderen hineindenken gelernt, daß er meine, er selber
tanze wie toll, wenn es sich im Wirbel um ihn dreht.«
»Was ihr aber nicht gesehen habt, das will ich euch jetzt verrathen.
Er hat auch sein Weib, sein eigenes liebes Weib. Es ist das jene
Stepperin, die mehr noch als alle anderen die Augen auf ihm hat, die
sich nicht am meisten an ihn herandrängt, aber gewiß immer einspringt,
wenn der Arme plötzlich durch Zufall irgendwo allein bleibt, die ihm
die besten Bissen zuträgt und mit der größten Fröhlichkeit um ihn herum
sich zu schaffen macht, als gäbe es kein größeres Glück, als die Beine
an den Mann gebracht zu haben. Sie war in jungen Jahren schwächlich
und sollte nicht heirathen und war recht verdrossen. Da erholte sie
sich, ihre Lunge kräftigte sich, sie wurde das Bild der Gesundheit und
als man sie jetzt unter die künftigen Ehefrauen einreihen wollte und
ihr die Zöpfe wachsen ließ, trotzte sie und schnitt sich die Haare
immer wieder ab. Man meinte, sie entsage aller Liebe und wolle der
Gesellschaft nicht die Kränkung vergeben, daß man sie zurückgesetzt
hatte. Da brachte man den blutenden Mann aus dem Maschinensaale, auch
verstümmelt und halb, wie das Weib, das den Mann nicht haben soll,
den es liebt, und Kinder zeugen und in den Armen geliebter Menschen
sterben. Während der langen Leiden, die der Operation nachfolgten,
pflegte sie den Armen in den Stunden, die ihr die Arbeit freigab.
Sie kam anfangs häufig, dann immer öfter, schließlich wich sie nicht
von seinem Bette und fing an, mit ihm zu scherzen und zu lachen, daß
er alles Unglücks vergaß und ein lustiger Mann wurde, der derjenigen
spottete, die Beine brauchen, um sich durch's Leben zu helfen. Sie war
die erste, die ihn im Rollstuhle ins Freie brachte, aber sie machte
doch auch anderen Mädchen gerne Platz, damit es dem Verstümmelten nicht
an Freundinnen gebräche. Wir Communisten wollen uns nicht immer nur an
_=einen=_ hängen wir wollen _=alles=_ besitzen und _=alle=_ zu Freunden
haben. Und so hielt sie sich in der Reserve und lehrte alle, wie sie
es ihm am besten machen konnten. Und da der arme Jakob nicht der Welt
nachlaufen konnte, wie wir alle, lief die Welt dem Jakob nach und er
wurde der fröhlichste Mensch in Tulln, dem es an nichts gebrach und der
nur wünschen durfte, auf einen hohen Berg zu gelangen, um sicher zu
sein, dahin gebracht zu werden.«
»Und nun brach sich der Trotz der schönen Anna. Jetzt ist der Mann
hergestellt und versorgt, jetzt soll er auch sein Weib haben. Nicht
nach den Gesetzen der Gesellschaft, nein, ihr eigenes Gesetz wollte sie
machen, der gerade sollte glücklicher werden, als alle anderen; das
jetzt in Schönheit, Gesundheit und Fröhlichkeit strahlende Weib sollte
er besitzen, gerade der sollte jetzt vor allen begünstigt sein und sie
erklärte ihm, er müsse ihr Mann werden. »So wie _=ich=_ es will, Jakob,
_=ich=_ will es so, gerade du sollst ein Liebesglück genießen, wie ein
Olympier; nimm mich und ich werde es niemals in meinem Leben bereuen.«
Und er nahm sie guten Muths, er vertraute, daß sie ihm, was sie ihm in
dieser Stunde bot, niemals wieder rauben würde. Und so geschah es; sie
sind ein glückliches Paar und niemals sah man sie verdrießlich oder
besorgt, eifersüchtig oder gleichgültig. Der Fremde sieht es kaum, daß
die zwei Mann und Weib sind. Es hat sie niemand getraut und sie haben
keine Kinder, aber sie hängen so fest zusammen, als wären sie nur ein
Leib. -- Man machte mit ihnen auch eine Ausnahme. Es ist Liebesleuten,
die nicht gesetzlich verheirathet sind, sonst das Zusammenwohnen nicht
gestattet. Auch nächtliche Zusammenkünfte werden strenge geahndet.
Aber in diesem Falle, wo so viele Gründe der Billigkeit zusammentrafen
und wo es sich um die Pflege eines Mannes handelte, der auf die Hilfe
anderer angewiesen war, gestattete man, was sonst verpönt war. Die
Gesellschaft hatte ja auch auf einen Mann Rücksicht zu nehmen, der in
der Arbeit war verstümmelt worden.«
»So verstehen wir die Nächstenliebe und so weiß sich der, dem die
gesellschaftliche Ordnung nicht ganz gerecht werden kann, sein eigenes
Glück zu zimmern. Wüchsen dem Jakob die Beine, es wäre vielleicht aus
mit seinem und seiner Anna Glücke. Und nun, Freunde, hören wir Dr.
Leete und Mr. Forest.«
»Dr. Leete hat dich, lieber West, wie folgt belehrt:«
»Ich muß auch noch erwähnen, sagte er, daß wir für diejenigen,
welche in geistiger oder körperlicher Hinsicht zu schwach sind, als
daß sie billigerweise in das Hauptheer der Arbeiter eingereiht
werden könnten, eine besondere Classe haben, die außer Zusammenhang
mit den anderen ist, eine Art Invalidencorps, dessen Mitgliedern
leichtere, ihren Kräften angemessene Arten von Arbeiten zugewiesen
werden. Alle unsere geistig oder körperlich Kranken, alle unsere
Taubstummen, Lahmen, Blinden und Krüppel und selbst unsere
Irrsinnigen gehören zu diesem Invalidencorps und tragen dessen
Abzeichen. Die Stärksten unter ihnen leisten oft beinahe die volle
Mannesarbeit, die Schwächsten natürlich nichts, aber keiner, der
irgend etwas thun kann, will die Arbeit ganz aufgeben. In ihren
lichten Augenblicken beeifern sich sogar unsere Irren, zu thun, was
sie können.«
»Die Idee des Invalidencorps ist wirklich gut,« sagte ich. »Selbst
ein Barbar aus dem neunzehnten Jahrhunderte muß das einsehen. Sie
ist eine sehr schöne Art, die Mildthätigkeit zu verhüllen, und muß
für die Gefühle der die Gaben Empfangenden sehr wohlthuend sein.«
-- »Mildthätigkeit!« wiederholte Dr. Leete. -- »Meinten Sie, daß
wir die Classe der Untauglichen, von der wir sprechen, als
Gegenstände der Mildthätigkeit ansehen?«[J]
»Wie hölzern ist die Versorgung der Untauglichen aufgefaßt, wie grausam,
alle Krüppel zu einem besonderen Corps mit besonderen Abzeichen
zusammenzuthun, und wo bleibt da das wahre Mitgefühl, wenn man die Leute
nur eben abfüttert, wie abgerackerte Hausthiere? -- Und was sagtest du,
lieber Forest?«
»Nun hat ohne Zweifel,« fuhr Forest mit großem Nachdrucke fort,
»jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit.
Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen
Theil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl
aus der sechsten Abtheilung zu geben. Das ist natürlich offenbare
Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines
»Regierungsgrundsatzes« verbirgt; denn durch die Einteilung der
Arbeiter in sechs Abtheilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen
wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit nichts ist! Demnach
werden alle diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten
der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen,
als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die
Geschichte der Menschheit uns meldet?«[K]
»Schäme dich, lieber Freund, dieser Anwandlung von Brutalität!
Unter uns ist keiner, der nicht morgen in die Lage des armen Jakob
gerathen kann. Ueberall kommen wir mit Maschinen in Berührung, die
Eisenbahn schleppt uns mit großer Sicherheit herum, aber wir haben
doch alljährlich über hundert Eisenbahnunfälle und die Statistik
beweist, daß alle Jahre einer unserer Mitbürger die zwei Beine geradeso
verliert, wie unser Jakob. Der Kaiser ist so wenig sicher davor, wie
der Tischler, der mit den besonders bösen Holzbearbeitungsmaschinen zu
thun hat, oder ein Eisenbahnbediensteter. Was wir diesen Armen thun,
thun wir uns selbst, wir wissen, daß der Oesterreicher glücklich ist,
wenn er auch zum Krüppel wird. Und wir wissen noch etwas, daß, so groß
auch das Glück ist, das uns die Gesellschaft als solche sichert, immer
noch das beste das ist, was ein liebendes Herz _=allein=_ uns sein und
_=uns=_ allein bieten will.«
»Aber auch der Faule, von dem die Parasiten des neunzehnten
Jahrhundertes mit so großer Verachtung sprachen, ist nicht mehr
schuldig, als der Krüppel. Die moralische Welt ist genau so an die
strengsten Gesetze gebunden, wie die materielle. Was immer an uns
schlecht ist, ist uns von Geburt aus mitgegeben oder durch die
Erziehung erworben. Keiner von uns thut, was seine Laune ist, sondern
er thut, was er nicht lassen kann. Alle Eigenschaften der Menschen
so auszunützen, daß sie der Gesellschaft doch wieder zum Vortheile
gereichen, das ist die Aufgabe der Verwaltung. Wo sie das aber nicht
kann, müssen wir unserer Mitbürger Gebrechen tragen lernen, wie die
üble Ausdünstung eines Kranken. Wir fahren dabei auch am besten, wir
bringen keine Opfer, wenn wir alle versorgen.«
»Läßt sich die moralische Krankheit heilen, wozu wir ja auch ein
System von Disciplinarstrafen anwenden können und in früheren Zeiten
oft angewendet haben, dann werden wir nicht anstehen, es zu thun,
aber da wir moralische Krankheiten genau so wie physische ansehen und
angeborene den erworbenen gleichstellen, so lassen wir niemand zu
Grunde gehen und die Gesellschaft hat davon nur Vortheil. Wenn aber
jemand fände, das sei ungerecht oder Räuberei, wie du das bezeichnest,
so hüten wir uns, ihm Gewalt anzuthun.«
»Nun, wie verfahrt ihr dann?« frug Mr. Forest.
»Wir erlauben ihm wie jedem anderen auszuwandern, aber wir vertreiben
ihn nicht gegen seinen Willen aus dem Lande. Wir geben ihm auch,
wenn er es wünscht, seinen Theil am Volksvermögen ein und einhalbmal
heraus, nach seiner Wahl Grund und Boden, Wohnung oder Baumaterialien,
Werkzeuge und Sämereien, und dann lassen wir ihn, indem wir ihn von
unseren _=räuberischen=_ Vertheilungen ausschließen, machen was er
will, _=er behält seine Producte und wir die unseren=_. Er bleibt auf
seinem Besitze und wir betreten ihn nicht.«
Dr. Kolb lächelte ironisch und Mr. Forest schwieg.
»Und jetzt noch eine Reminiscenz aus dem 19. Jahrhunderte. Wir lesen in
dem Jahrgange der »Heimat« vom Jahre 1891 die folgende kleine Mahnung
aus der Feder der damals viel gefeierten Dichterin Karoline Bruch-Sinn:«
»Wie lassen wir doch unsere Mitmenschen verkümmern! Ich hatte in
der Stadt zu thun und nahm den Weg durch die Währingerstraße, durch
ein Gewühl von Wagen, Reitern und Fußgängern. Da, was humpelt über
den Weg? Ich war starr -- und nun laß dir beschreiben, lieber
Leser, wie es unseren Brüdern geht. Dort drüben vom anatomischen
Institutsgebäude herüber schwang sich ein armer Schelm. Der starke
knochige Mann, er mochte 30 Jahre zählen, schmutzig und verrissen,
hatte keine Beine. Kaum drei Zoll lang waren die Stümpfe,
die über den Rumpf hinabhingen. Und der Arme hatte es eilig, er
lief wie ein Wiesel; ja er lief, glaub' es mir, lieber Leser! Die
Hände hinter sich in den Straßenkoth gestemmt, schleudert der
Unselige seinen Rumpf nach vorne, zieht die Arme wieder nach und
schlendert den unförmlichen Sack, auf dem ein leibhaftiger
Menschenkopf sitzt, weiter so fort, und jetzt geht es quer über die
Straße vor den Passanten vorbei, jetzt entgeht er einer Escadron
Cavallerie, dort streift ihn der Huf eines Tramwaypferdes, dann
hätte ihn fast ein Karrenrad gefaßt und jetzt ist er herüber und
wirft sich vor meinen Füßen auf das Trottoir, um weiter zu eilen
gegen die Nußdorferstraße, wohin ich ihm entsetzt folge. Er kann
nicht achten, wohin er seine Hände setzt, jetzt in eine Kothpfütze,
dann auf die scharfen Schienen, hier in den Pferdemist, dort in den
Auswurf eines Kranken. Und das ist ein Mensch, wie wir. Ich muß
wissen, was ihm geschehen. Endlich bei einem elenden Häuserreste
der Sechsschimmelgasse hält er vor einer Thüre, ein zänkisches Weib
öffnet und mit den Worten: ‘Da kommt das Scheusal’ läßt sie ihn in
ihre Wohnung ein.«
»Und der Mensch hat gearbeitet sein Leben lang, ist von einer
Maschine erfaßt und verstümmelt worden und war unglücklich, daß man
ihn an seinen Wunden nicht sterben ließ. Eine Wohlthat wäre es ihm
gewesen, hätte man ihn mitleidig verbluten lassen. Nein, die
medicinische Wissenschaft hatte ihn nöthig, die Klinik requirirte
ihn als »Lehrmittel«, man heilte ihn, damit man am Armen lerne, wie
man den Reichen gesund machen kann, und dann warf man ihn auf die
Straße und die Unfallskasse bezahlte ihm zu wenig zum leben und
zuviel zum sterben. Und nun ist er sich zum Eckel, den Seinigen zur
Last. Wir aber sitzen auf den Stühlen, die er gemacht hat, und
recken die Glieder, ohne zu denken, wie er sich durch's Leben
schleppen muß.«
»Und Freunde, was hat die Dichterin damit gutes gethan? Nichts, denn
wir lesen in der folgenden Nummer der ‘Heimat,’ daß die Erzählung der
mitfühlenden Frau confiscirt worden war.«
Wir gingen einige Zeit schweigend unseres Weges, denn längst hatten
wir uns aufgemacht und den Park von Tulln verlassen, um die herrliche
Nacht einem Spaziergange in die Wälder zu widmen, wobei wir unvermerkt
gar weit gewandert waren. Wir hatten Tulbing schon hinter uns und
stiegen die Anhöhe hinan, als wir am Fuße des Tulbinger Kogels laut
singen und scherzen hörten, und da eben der Mond sein mildes Licht zu
verbreiten anfing, folgten wir dem Rathe des Dr. Kolb und erstiegen
die Höhe dieses Berges. Es mochte etwa halb zwei Uhr morgens sein,
als wir aus dem Walde in eine Lichtung heraustraten, auf der heiters
Leben herrschte. Es war ein Zeltlager errichtet worden und etwa hundert
junge Leute beiderlei Geschlechtes aus verschiedenen Dörfern der
Nachbarschaft hatten sich hier zusammengethan, um einen Theil der
Nacht bei Spiel und Tanz zu verbringen und den Morgen zu erwarten, dann
aber ein wenig auszuruhen und erst gegen Mittag etwa das Lager wieder
abzubrechen. Pferde weideten am Rande des Gehölzes, welche die Zelte,
Decken und Kissen heraufgebracht hatten, und es fehlte auch nicht an
Erfrischungen und Proviant.
Eine Weile sahen wir dem fröhlichen Treiben zu und lauschten den
Wechselgesängen, die Jünglinge und Mädchen bei solchen Gelegenheiten
erschallen lassen, und erfuhren von Dr. Kolb, daß solche fröhliche
Gelage sehr beliebt seien und man dazu gerne die Nacht von Samstag
auf den Sonntag benütze, weil an diesem die Arbeit ruht. Die Zelte
rührten meist von der ehemaligen Heeresausrüstung her und dienten
jetzt hauptsächlich für die Beherbergung der Arbeiter, welche bei
Flußregulierungen, Kanal- oder Straßenbauten oder bei Erbauung
neuer Ansiedlungen beschäftigt wären, deren jährlich in Oesterreich
über zweihundert errichtet werden müssen, um für die nachwachsende
Bevölkerung Wohnungen zu schaffen.
Man schlug uns vor, uns an den Spielen zu betheiligen und den
Aufgang der Sonne, die dort über der Burg Kreuzenstein heraufkomme,
abzuwarten, und da wir die für den nächsten Morgen beschlossene Abreise
vorschützten, beredete man uns, diesen Gedanken fahren zu lassen und
noch einen Tag zuzugeben, da wir durch nichts gebunden seien.
Die frische Morgenluft war so verlockend, daß wir uns überreden ließen
und den Rest der Nacht mit den Anderen verjubelten. Dr. Kolb aber war
etwas ermüdet und legte sich in einem Zelte schlafen.
Man schlug Pfänderspiele vor und die Burschen waren nicht eifersüchtig,
wenn die Amerikaner ihre Pfänder ziemlich oft mit einem Kusse auslösen
mußten. So gingen etwa zwei Stunden herum, als der Mond zu erblassen
anfing, die Sterne erloschen und nun auch wir die lärmende Unterhaltung
einstellten. Es bildeten sich Gruppen und mancher, der liebte, legte
seinem Mädchen den Arm um den Nacken. Alles sah nach Osten, nicht
mit abergläubischen Geberden, aber in feierlicher Erwartung des
Naturschauspieles, das sich vorbereitete. -- Auch Dr. Kolb kroch aus
seinem Zelte und einzelne Schläfer wurden aufgeweckt, denn um diese
Zeit wollte keiner fehlen. Die Vögel, die schon längst den Wald mit
Gezwitscher und Gesängen erfüllt hatten, verstummten jetzt auch und ein
frisches Lüftchen strich über unsere Köpfe hin. Der Himmel war schon
hell, aber zu unseren Füßen lag das Thal im Morgengrauen und die fernen
Berge hoben sich dunkel vom Himmel ab.
Die leuchtenden Wölkchen am östlichen Horizonte glitzerten, von der
noch verborgenen Sonne beschienen, in blendendem Licht. Sie drängten
sich der Sonne entgegen, wie die Höflinge erwartungsvoll an der Thüre
des Erscheinens ihres Königs gewärtig sind.
Jetzt erstrahlte eine Bergspitze um die andere, die höchste voran, in
hellem Morgenroth, das sich leuchtend von dem Gewoge dunkler Bergreihen
abhob. Noch einige Secunden und aufschwebte die mächtige Feuerkugel,
die bald darauf frei am Himmel thronte. Ein lautes Freudengeschrei
begrüßte sie, die, wie die Erde, das gemeinsame Erbtheil aller ist, und
wußte man doch, daß viele, viele Tausende auf allen Bergen Oesterreichs
und weit hinaus über die Grenzen des Reiches jetzt desselben
Schauspieles froh wurden. Nichts belebt die Liebe zur Natur so mächtig,
als die Ruhe und Sorglosigkeit, welche das Leben des Communisten
begleitet. Das war die Frühmesse im Tullner Gebiete.
Und jetzt war überall Tag und die Sonne spiegelte sich in der Donau
dort unten. Der Hahn, der auch eine Zeit geschwiegen, rief jetzt, als
verkündete er die Beendigung dieser wahrhaft ergebenden Feier, sein
kräftiges: »___=Ite, missa est=___« und der Ruf pflanzte sich von
Dorf zu Dorf, so weit man hören konnte, fort. Und so war es fünf Uhr
geworden; jetzt erschollen die Gongs in den Dörfern, alle Schläfer zu
wecken, und bald sah man dort, weit unten, die Menschen sich regen, ab
und zu auch hörte man sie rufen.
Aber in Königstetten sahen wir deutlich unter den Linden ein weißes
Morgenkleid flattern und wir priesen den glücklich, dem eine andere
Sonne aufgegangen war, die nicht jedem dasselbe bedeutet.
Nun legten sich die anderen zur Ruhe und wir traten mit Dr. Kolb den
Rückweg an.