XIV.

Heute hatte uns Dr. Kolb warten lassen und als er sich Abends zu uns

gesellte, sagte er: »Denkt, wo ich eben war! Ich bin doch eingedrungen

in die verzauberte Höhle unserer Freunde, die sich uns ganz hatten

entziehen wollen. Zwirner ist unwohl und Frau Lori, welche übertriebene

Besorgnisse hatte, ließ mich bitten, zu kommen. Ihr Mann ist auch

in der That nicht fieberfrei, wenn es auch nicht viel auf sich hat.

-- Ich sage euch, die Leute haben's angenehm! Ein reiner Tempel für

Liebende und dazu geschaffen, ungetrübtem Liebesglücke als Hintergrund

zu dienen. Der Pavillon enthält nur die vier Zimmer, die solche

Glückliche brauchen; keine Treppe, keine Küche, nichts, was an die

Alltäglichkeiten des Lebens erinnert. Man tritt ins Plauderstübchen, wo

Bücher, Statuen und Bilder uns fesseln, dann in ein Speisezimmer für

Zwei, weiter führt der Weg in das Schlafzimmer, von da ins Badezimmer

und wieder zurück in's Plauderstübchen. Von jedem Fenster hat man

ein anderes entzückendes Bild. Das Lusthäuschen ist auf Kosten der

Civilliste für den Kaiser gebaut worden, als er noch Kronprinz war

und seine Vermählung für die nächsten Jahre erwartet wurde. Die Tage

unseres jetzigen Kronprinzen, der ein netter Junge ist, lassen sich

auf dasselbe Schlafzimmer zurückführen, in dem jetzt unser ‘armer’

Freund ein paar Tage seines Honigmondes versäumen muß, und ich will

mein Bestes thun, ihn herzustellen. Uebrigens möchten wir uns alle

krank zu sein wünschen, wenn Lori an unserem Bette säße. Sie weicht,

obwohl es offenbar nicht ans Leben geht, nicht von seiner Seite und

forderte von mir, ich solle ihr ohne Verzug ihren Mann wiedergeben,

ihren Abgott, der Gesundheit vonnöthen habe. ‘Muß das jetzt sein,’

sagte sie, ‘soll mir die Zeit gestohlen werden, in der ich meinen Mann

so an mich ketten will, daß er nicht mehr daran denken kann, meine

Fesseln zu brechen? Wir armen Frauen müssen leider abnehmen; wenn wir

am reichsten sind, geben wir uns dem, der uns liebt und den wir lieben.

Einige Wochen gehören wir zwei nur uns an. An diesem Glücke soll uns

nichts verkümmert werden, denn bis zum letzten Athemzuge soll dem

Manne die Erinnerung eine verblassende Gegenwart ergänzen.’ -- Zwirner

protestirte und sagte: ‘Holde, ich möchte immer krank sein und mich von

Dir pflegen lassen. Es wird mir so wohl, wenn deine thaufrische Hand

über meine Stirne streicht, und auch _=diese=_ Erinnerung wird mich

nicht mehr verlassen.’ Lori bedeckte seinen Mund mit Küssen und vergaß,

daß ich hier stand und die allerliebsten Erinnerungen nicht mit dem

Bilde eines Dritten vermengt werden sollten. Darum versprach ich,

etwas zu schicken, wovon alle Stunden ein Löffel zu nehmen sei, sprach

die Hoffnung aus, daß das Unwohlsein höchstens noch eine Nacht währen

werde, und verschwand unbegleitet von Lori. Das Mittel ließ ich in der

Königstettner Apotheke bereiten und beim Arzte, der sich ja auf mich

vollkommen verlassen und auf den Besuch beim Kranken verzichten konnte,

füllte ich den ärztlichen Bericht aus.

Beim Scheiden aus dem Zwirnerparadies sah ich noch, daß mein Wunsch

von den Hochbergs war erfüllt worden. Es hingen zwei Photographieen

im Schlafzimmer, die ich, um die jungen Eheleute zu überraschen,

hingesandt hatte. Eine Momentphotographie hatte ich aufgenommen von

dem Augenblicke, wo Zwirner von Lori den Lorbeerkranz empfängt, und

dann war mir die Schelmerei, die doch keinen Anstoß mußte erregt haben,

eingefallen, eine Photographie meiner »Braut« die noch niemand gesehen,

mitzusenden, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, wenn Zwirner ab und

zu lächelnd seinen Blick dahin richtete, Lori ein wenig erröthete.

Ich bin aber gewiß, daß sie keine Ahnung hat, ich sei der Bildhauer.

Ich muß überlegen, ob ich es Lori nicht schulde, meine Statue zu

zertrümmern. Ich hoffe sie aber retten zu können, denn Lori wird mir

nicht grollen, wenn sie erfährt, daß ich der Bildner sei, da sie wohl

nicht denkt, daß sie sich durch Erröthen verrathen habe. Schwört mir

auf der Stelle, zu schweigen, wie ein Grab; Oesterreichern dürfte ich

nicht erzählen, was ich gesehen und wie es zusammenhängt.«

»Fast bereue ich jetzt, daß ich in jungen Jahren, entflammt von dem

Gedanken, mich ganz der Wissenschaft zu widmen, mich nicht wollte

durch die Ehe binden lassen. Mir scheint, ich habe mehr verloren, als

gewonnen.«

Wir legten gegen diesen unehrlichen Kampf Verwahrung ein. Wir wollten

ein unbefangenes Urtheil über den Staat und die Gesellschaft fällen

und wollten uns nicht verwirren lassen durch Erzählungen von Dingen,

die wir nicht sehen können. Mr. Forest fügte auch bei, da sei nichts

von Gleichheit zu bemerken, wenn Begünstigte ihr eigenes Häuschen für

den Spielmonat der Ehe hätten. Aber Dr. Kolb sagte, daß der Pavillon

seit den Tagen der jungen Ehe des gegenwärtigen Kaisers schon oft

jungen Eheleuten zum Aufenthalte gedient habe, denn der Kaiser halte

diese Räume nicht für entweiht, wenn auch andere dort glücklich

sind. Und es gebe übrigens überall solche Plätzchen, da die Mehrzahl

der Neuvermählten diese poetische Zurückgezogenheit der lärmenden

Hochzeitsreise vorzöge, wozu auch Gelegenheit geboten sei, wenn die

jungen Eheleute lieber reisen wollten. Geradezu barbarisch wäre es,

wenn man die junge Frau am Morgen nach ihrer Vermählung in das Treiben

einer communistischen Gemeinde stürzen wollte, wenn sich auch niemand

würde beikommen lassen, sie mit einem banalen Scherze zu necken. Von

den 100 Bräuten, die sich neulich vermählt, hätte sich gewiß keine zu

beklagen, und wollte man Gleichheit in dem Sinne fordern, wie sie die

Gegner des Collectivismus schildern, so wäre die Welt allerdings recht

armselig. Im Gegentheil sei der Communismus die Quelle des Reichthumes

und gerade darum, weil jede Sache allen dient, während nach der alten

Gesellschaftsordnung dieser Pavillon für immer wäre abgesperrt worden.

Er sprang auf und rief: »Nun muß ich aber zur Volksabstimmung. Kommt

mit!«

Die Abstimmung bereitete sich schon vor. Anzeichen einer großen

Bewegung gingen durch die Bevölkerung. Alle Spaziergänger kamen heim,

die Badenden stiegen aus dem Wasser, die Kinder wurden unter die Obhut

der Mädchen gestellt, welche noch nicht volle achtzehn Jahre alt waren

und daher noch kein Stimmrecht besaßen, auf welche man sich aber

vollkommen verlassen konnte; auch aus den Ställen und Wirtschaftsräumen

und den Krankenstuben kam alles hervor, was stimmberechtigt war, und

auch Kranke, die sich weiter schleppen konnten, und Reconvalescenten

kamen in den Bibliothekssaal und wurden theilweise hereingetragen, denn

niemand soll sich der Abstimmung enthalten. Da wir Fremde waren und in

Oesterreich nicht stimmen durften, erhielten wir im Bibliothekssaale

als Zuseher und Zeugen einen abgesonderten Platz angewiesen, die

Tiroler aber und einige andere Gäste aus Polen und Ungarn sonderten

sich auch ab, weil ihre Stimmen besonders gezählt werden mußten. Am

Telephon nahmen zwei alte Herren Platz und der Beamte mit dem Tribun

bestieg eine erhöhte Bühne, von wo aus er den ersten Antrag und dann

den zweiten laut vorlas. Als die Uhr, welche nicht nur die Ortszeit,

sondern auch eine gesetzlich festgesetzte mittlere Reichszeit anzeigte,

auf 7 Uhr Reichszeit stand, forderte der Beamte die stimmberechtigten

Einwohner auf, zunächst über den Antrag Eins abzustimmen, und sollten

die »für« nach rechts, die »dagegen« nach links sich aufstellen. Es

wurde nun von den beiden Beamten genau ausgezählt und zugleich zählten

zwei Vertrauensmänner von einem erhöhten Standpunkte aus die Stimmen ab

und traten dann alle vier Stimmenzähler mit den schriftlichen Notizen

zusammen und verkündeten einstimmig, daß 810 »Nein« und 198 »Ja«

gezählt worden seien, und erklärten sie ferners, daß die beiden Beamten

und einer der Vertrauensmänner mit »Nein«, der zweite Vertrauensmann

mit »Ja« gestimmt hätten, daher 813 »Nein« und 199 »Ja« abgegeben

worden seien. In Tulln schwankte nämlich die Zahl der Stimmberechtigten

zwischen 1000 und 1100, weil es als Bezirksvorort eine Einwohnerschaft

von nahezu 1500 Köpfen hatte. Dann wurde ebenso die Stimmenabgabe für

die zweite Frage eingeleitet.

Nun stimmten die Fremden nach Provinzen und dann wurden die

Vertrauensmänner mit den beiden Beamten abgeordnet, die Stimmen im

Krankensaale abzunehmen, wodurch noch 13 beziehungsweise 10 verneinende

und 8 beziehungsweise 11 bejahende Stimmen ermittelt wurden. Das

Totale für Antrag Eins war also 826 zu 207, für Antrag Zwei aber 801 zu

232.

Vor allen Zeugen postirten sich nun der Bezirksbeamte und der

Bezirkstribun, welche ihre Stimmen als Ortsinsassen abgegeben hatten,

an das Telephon, wo auch die beiden Alten Platz genommen hatten.

Jeder dieser vier Männer ergriff nun ein Hörrohr und erwarteten sie

die Nachrichten. Zuerst lief Langenlebarn mit 425 »Nein« und 205 »Ja«

für Frage Eins ein, dann die Zahlen für Antrag Zwei, immer auch mit

besonderer Angabe der Abstimmung der Fremden, und so von Tulbing,

Königstetten, dann St. Andrä und so weiter. Nun wurden noch die

Abstimmungen von Tulln überallhin zurückgerufen, und es ging dann ein

längeres Hin- und Herverbinden der Leitungen zwischen den einzelnen

Orten an, wo man sich direct über die Abstimmung erkundigte, bis

schließlich jeder Ort des Bezirkes wußte, wie in jedem anderen Orte das

Stimmenverhältniß gewesen, und dann rechnete jede Gemeinde für sich.

Der Beamte verkündete das Stimmenresultat mit 8350, beziehungsweise

9010 »Nein« und 4110, beziehungsweise 3450 »Ja« und machte die

verhältnißmäßig hohe Ziffer der Minoritätsvoten Sensation, da man

glaubte, die Anhänger der Anträge würden eine viel größere Niederlage

erleiden. Auch die anderen Ortschaften hatten das Ergebniß der

Abstimmung im Bezirke genau übereinstimmend angegeben und war also kein

Zweifel über die richtige Stimmenzählung. Das Ergebniß wurde sofort

nach St. Pölten gemeldet. Man schritt zur Abfassung der Protocolle, die

laut verlesen, genehmigt und von dem Beamten und Tribun unterschrieben

wurden. Das Protocoll für den Bezirk fertigten der Bezirksbeamte und

der Bezirkstribun.

Nun plauderte man eine Weile und verharrte in einer etwas

erwartungsvollen Stimmung. Viele hatten mittlerweile das Abendbrot zu

sich genommen, als ein Zeichen vom Telephon erscholl und jedermann

wieder in den Saal gerufen wurde. Es lief jetzt um neun Uhr die Meldung

über das Abstimmungsverhältniß im Kreise ein, und um halb zehn Uhr

erfuhr man, wie die Provinz, um zehn Uhr, wie das Reich abgestimmt

hatte. Alle Nachrichten wurden in Gegenwart aller Anwesenden laut an

die Gemeinden des Bezirkes weiter bekannt gegeben.

Allgemeine Befriedigung wurde laut, als man hörte, daß nur etwa ein

Fünftel für Abschaffung des Adels und ein Zwölftel für Aufhebung der

Monarchie stimmten und es bestand offenbar im Bezirke eine etwas

größere Verstimmung gegen Adel und Monarchie, als anderwärts.

Nun trat Dr. Kolb zu uns und sagte, daß jetzt in allen Kreis- und

Provinzstädten besondere Zeitungsblätter gedruckt würden und daß wir

am nächsten Morgen um 7 Uhr unfehlbar im Kreisblatte, Provinzialblatte

und Reichsblatte den genauen Abstimmungsbericht, wie auch die Statistik

derjenigen finden würden, die an fremden Orten gestimmt oder sich der

Abstimmung enthalten hätten oder gar zur Abstimmung nicht erschienen

seien. So fanden wir es dann auch am anderen Morgen und es stimmten

alle gedruckten Daten untereinander ganz genau überein; man hatte sich

nirgends verzählt. So war auch genau ersichtlich, wie viele Bürger in

jeder Provinz ortsabwesend und wie viele fremd waren, und verglich man

alle Ziffern, so fand man genau, daß alle Ortsabwesenden in irgend

einer anderen Provinz gestimmt hatten.

Kolb sagte, nirgends wären die Bürger so gewissenhaft, als in

Oesterreich, und es gab, abgesehen von etwa 45.000 Oesterreichern,

die im Auslande reisten, nur 3.110 Stimmenenthaltungen, während

der abgegebenen Stimmen 22.846.010 waren.

Es interessirte meinen Freund, Mr. Forest, das Publicationswesen und

da er wußte, daß auch eine Fremdenstatistik publicirt werde und in

Tulln, als dem Bezirksorte, alle Kreisblätter aufliegen, nahm er die

Nummern vom Juli und zeigte er mir dann ganz befriedigt, daß am 13.

Juli 2020 im Bezirke Salzburg, am 14. und 15. im Bezirke Tulln &c. und

überall, wo wir die Nacht zubrachten, zwei Amerikaner notirt seien,

nur in Wien waren wir mehrere hundert Amerikaner und in Gloggnitz,

wohin das Semmeringhotel gerechnet wird, waren unser fünf, und an

einigen größeren Orten war eine größere Anzahl verzeichnet. Auch der

Chinese war da, auf den wir zweimal gestoßen, und mit der Gesammtzahl

der überall ausgewiesenen Fremden stimmte wieder der Gesammtausweis

der Einbruchstationen, welche täglich die ankommenden und abreisenden

Ausländer anzeigen und mit Hinzurechnung der Ziffer vom Vortage die

Gesammtzahl der in Oesterreich reisenden Fremden angeben. Ebenso weiß

man genau, wie viele Oesterreicher im Auslande reisen.

Wir blätterten nun in den Zeitungen der Monate Juni und Juli und zwar

sowohl in mehreren Kreisblättern, als auch in den Provinzblättern

und der Reichszeitung, und fanden überall die heute entschiedenen

Fragen erörtert. Jedes solche Blatt besteht aus zwei gesonderten

Abtheilungen, der Abtheilung der Staatsverwaltung und der Abtheilung

des Volkstribunates, und steht die Redaction dieser Abtheilungen

dem Staatsbeamten beziehungsweise dem Tribun für den betreffenden

Amtsbezirk zu. Das Tribunat veröffentlicht nicht nur seine eigene

Anschauung über schwebende Anträge, sondern es berichtet auch über

Probeabstimmungen der Gemeinden, faßt die Berichte der untergeordneten

Tribunen zusammen, erwägt Argumente für und wider und ist verpflichtet,

auch die Einsendungen Einzelner wenigstens so zu erwähnen, daß neue

Argumente und Gesichtspuncte nicht ganz verloren gehen. Insoweit es

sich um statistische Daten und andere Beobachtungen handelt, unterläßt

es kein Theil, etwa irrige Anführungen des Gegners richtig zu stellen,

und ist auch eine solche Richtigstellung oft noch in derselben Nummer

zu finden. Bei sehr wichtigen Anträgen werden auch Reden, welche

öffentlich gehalten wurden, ganz abgedruckt, wenn es das Tribunat oder

die Staatsverwaltung zweckmäßig findet.

Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman · 第 36 / 44 题