Heute hatte uns Dr. Kolb warten lassen und als er sich Abends zu uns
gesellte, sagte er: »Denkt, wo ich eben war! Ich bin doch eingedrungen
in die verzauberte Höhle unserer Freunde, die sich uns ganz hatten
entziehen wollen. Zwirner ist unwohl und Frau Lori, welche übertriebene
Besorgnisse hatte, ließ mich bitten, zu kommen. Ihr Mann ist auch
in der That nicht fieberfrei, wenn es auch nicht viel auf sich hat.
-- Ich sage euch, die Leute haben's angenehm! Ein reiner Tempel für
Liebende und dazu geschaffen, ungetrübtem Liebesglücke als Hintergrund
zu dienen. Der Pavillon enthält nur die vier Zimmer, die solche
Glückliche brauchen; keine Treppe, keine Küche, nichts, was an die
Alltäglichkeiten des Lebens erinnert. Man tritt ins Plauderstübchen, wo
Bücher, Statuen und Bilder uns fesseln, dann in ein Speisezimmer für
Zwei, weiter führt der Weg in das Schlafzimmer, von da ins Badezimmer
und wieder zurück in's Plauderstübchen. Von jedem Fenster hat man
ein anderes entzückendes Bild. Das Lusthäuschen ist auf Kosten der
Civilliste für den Kaiser gebaut worden, als er noch Kronprinz war
und seine Vermählung für die nächsten Jahre erwartet wurde. Die Tage
unseres jetzigen Kronprinzen, der ein netter Junge ist, lassen sich
auf dasselbe Schlafzimmer zurückführen, in dem jetzt unser ‘armer’
Freund ein paar Tage seines Honigmondes versäumen muß, und ich will
mein Bestes thun, ihn herzustellen. Uebrigens möchten wir uns alle
krank zu sein wünschen, wenn Lori an unserem Bette säße. Sie weicht,
obwohl es offenbar nicht ans Leben geht, nicht von seiner Seite und
forderte von mir, ich solle ihr ohne Verzug ihren Mann wiedergeben,
ihren Abgott, der Gesundheit vonnöthen habe. ‘Muß das jetzt sein,’
sagte sie, ‘soll mir die Zeit gestohlen werden, in der ich meinen Mann
so an mich ketten will, daß er nicht mehr daran denken kann, meine
Fesseln zu brechen? Wir armen Frauen müssen leider abnehmen; wenn wir
am reichsten sind, geben wir uns dem, der uns liebt und den wir lieben.
Einige Wochen gehören wir zwei nur uns an. An diesem Glücke soll uns
nichts verkümmert werden, denn bis zum letzten Athemzuge soll dem
Manne die Erinnerung eine verblassende Gegenwart ergänzen.’ -- Zwirner
protestirte und sagte: ‘Holde, ich möchte immer krank sein und mich von
Dir pflegen lassen. Es wird mir so wohl, wenn deine thaufrische Hand
über meine Stirne streicht, und auch _=diese=_ Erinnerung wird mich
nicht mehr verlassen.’ Lori bedeckte seinen Mund mit Küssen und vergaß,
daß ich hier stand und die allerliebsten Erinnerungen nicht mit dem
Bilde eines Dritten vermengt werden sollten. Darum versprach ich,
etwas zu schicken, wovon alle Stunden ein Löffel zu nehmen sei, sprach
die Hoffnung aus, daß das Unwohlsein höchstens noch eine Nacht währen
werde, und verschwand unbegleitet von Lori. Das Mittel ließ ich in der
Königstettner Apotheke bereiten und beim Arzte, der sich ja auf mich
vollkommen verlassen und auf den Besuch beim Kranken verzichten konnte,
füllte ich den ärztlichen Bericht aus.
Beim Scheiden aus dem Zwirnerparadies sah ich noch, daß mein Wunsch
von den Hochbergs war erfüllt worden. Es hingen zwei Photographieen
im Schlafzimmer, die ich, um die jungen Eheleute zu überraschen,
hingesandt hatte. Eine Momentphotographie hatte ich aufgenommen von
dem Augenblicke, wo Zwirner von Lori den Lorbeerkranz empfängt, und
dann war mir die Schelmerei, die doch keinen Anstoß mußte erregt haben,
eingefallen, eine Photographie meiner »Braut« die noch niemand gesehen,
mitzusenden, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, wenn Zwirner ab und
zu lächelnd seinen Blick dahin richtete, Lori ein wenig erröthete.
Ich bin aber gewiß, daß sie keine Ahnung hat, ich sei der Bildhauer.
Ich muß überlegen, ob ich es Lori nicht schulde, meine Statue zu
zertrümmern. Ich hoffe sie aber retten zu können, denn Lori wird mir
nicht grollen, wenn sie erfährt, daß ich der Bildner sei, da sie wohl
nicht denkt, daß sie sich durch Erröthen verrathen habe. Schwört mir
auf der Stelle, zu schweigen, wie ein Grab; Oesterreichern dürfte ich
nicht erzählen, was ich gesehen und wie es zusammenhängt.«
»Fast bereue ich jetzt, daß ich in jungen Jahren, entflammt von dem
Gedanken, mich ganz der Wissenschaft zu widmen, mich nicht wollte
durch die Ehe binden lassen. Mir scheint, ich habe mehr verloren, als
gewonnen.«
Wir legten gegen diesen unehrlichen Kampf Verwahrung ein. Wir wollten
ein unbefangenes Urtheil über den Staat und die Gesellschaft fällen
und wollten uns nicht verwirren lassen durch Erzählungen von Dingen,
die wir nicht sehen können. Mr. Forest fügte auch bei, da sei nichts
von Gleichheit zu bemerken, wenn Begünstigte ihr eigenes Häuschen für
den Spielmonat der Ehe hätten. Aber Dr. Kolb sagte, daß der Pavillon
seit den Tagen der jungen Ehe des gegenwärtigen Kaisers schon oft
jungen Eheleuten zum Aufenthalte gedient habe, denn der Kaiser halte
diese Räume nicht für entweiht, wenn auch andere dort glücklich
sind. Und es gebe übrigens überall solche Plätzchen, da die Mehrzahl
der Neuvermählten diese poetische Zurückgezogenheit der lärmenden
Hochzeitsreise vorzöge, wozu auch Gelegenheit geboten sei, wenn die
jungen Eheleute lieber reisen wollten. Geradezu barbarisch wäre es,
wenn man die junge Frau am Morgen nach ihrer Vermählung in das Treiben
einer communistischen Gemeinde stürzen wollte, wenn sich auch niemand
würde beikommen lassen, sie mit einem banalen Scherze zu necken. Von
den 100 Bräuten, die sich neulich vermählt, hätte sich gewiß keine zu
beklagen, und wollte man Gleichheit in dem Sinne fordern, wie sie die
Gegner des Collectivismus schildern, so wäre die Welt allerdings recht
armselig. Im Gegentheil sei der Communismus die Quelle des Reichthumes
und gerade darum, weil jede Sache allen dient, während nach der alten
Gesellschaftsordnung dieser Pavillon für immer wäre abgesperrt worden.
Er sprang auf und rief: »Nun muß ich aber zur Volksabstimmung. Kommt
mit!«
Die Abstimmung bereitete sich schon vor. Anzeichen einer großen
Bewegung gingen durch die Bevölkerung. Alle Spaziergänger kamen heim,
die Badenden stiegen aus dem Wasser, die Kinder wurden unter die Obhut
der Mädchen gestellt, welche noch nicht volle achtzehn Jahre alt waren
und daher noch kein Stimmrecht besaßen, auf welche man sich aber
vollkommen verlassen konnte; auch aus den Ställen und Wirtschaftsräumen
und den Krankenstuben kam alles hervor, was stimmberechtigt war, und
auch Kranke, die sich weiter schleppen konnten, und Reconvalescenten
kamen in den Bibliothekssaal und wurden theilweise hereingetragen, denn
niemand soll sich der Abstimmung enthalten. Da wir Fremde waren und in
Oesterreich nicht stimmen durften, erhielten wir im Bibliothekssaale
als Zuseher und Zeugen einen abgesonderten Platz angewiesen, die
Tiroler aber und einige andere Gäste aus Polen und Ungarn sonderten
sich auch ab, weil ihre Stimmen besonders gezählt werden mußten. Am
Telephon nahmen zwei alte Herren Platz und der Beamte mit dem Tribun
bestieg eine erhöhte Bühne, von wo aus er den ersten Antrag und dann
den zweiten laut vorlas. Als die Uhr, welche nicht nur die Ortszeit,
sondern auch eine gesetzlich festgesetzte mittlere Reichszeit anzeigte,
auf 7 Uhr Reichszeit stand, forderte der Beamte die stimmberechtigten
Einwohner auf, zunächst über den Antrag Eins abzustimmen, und sollten
die »für« nach rechts, die »dagegen« nach links sich aufstellen. Es
wurde nun von den beiden Beamten genau ausgezählt und zugleich zählten
zwei Vertrauensmänner von einem erhöhten Standpunkte aus die Stimmen ab
und traten dann alle vier Stimmenzähler mit den schriftlichen Notizen
zusammen und verkündeten einstimmig, daß 810 »Nein« und 198 »Ja«
gezählt worden seien, und erklärten sie ferners, daß die beiden Beamten
und einer der Vertrauensmänner mit »Nein«, der zweite Vertrauensmann
mit »Ja« gestimmt hätten, daher 813 »Nein« und 199 »Ja« abgegeben
worden seien. In Tulln schwankte nämlich die Zahl der Stimmberechtigten
zwischen 1000 und 1100, weil es als Bezirksvorort eine Einwohnerschaft
von nahezu 1500 Köpfen hatte. Dann wurde ebenso die Stimmenabgabe für
die zweite Frage eingeleitet.
Nun stimmten die Fremden nach Provinzen und dann wurden die
Vertrauensmänner mit den beiden Beamten abgeordnet, die Stimmen im
Krankensaale abzunehmen, wodurch noch 13 beziehungsweise 10 verneinende
und 8 beziehungsweise 11 bejahende Stimmen ermittelt wurden. Das
Totale für Antrag Eins war also 826 zu 207, für Antrag Zwei aber 801 zu
232.
Vor allen Zeugen postirten sich nun der Bezirksbeamte und der
Bezirkstribun, welche ihre Stimmen als Ortsinsassen abgegeben hatten,
an das Telephon, wo auch die beiden Alten Platz genommen hatten.
Jeder dieser vier Männer ergriff nun ein Hörrohr und erwarteten sie
die Nachrichten. Zuerst lief Langenlebarn mit 425 »Nein« und 205 »Ja«
für Frage Eins ein, dann die Zahlen für Antrag Zwei, immer auch mit
besonderer Angabe der Abstimmung der Fremden, und so von Tulbing,
Königstetten, dann St. Andrä und so weiter. Nun wurden noch die
Abstimmungen von Tulln überallhin zurückgerufen, und es ging dann ein
längeres Hin- und Herverbinden der Leitungen zwischen den einzelnen
Orten an, wo man sich direct über die Abstimmung erkundigte, bis
schließlich jeder Ort des Bezirkes wußte, wie in jedem anderen Orte das
Stimmenverhältniß gewesen, und dann rechnete jede Gemeinde für sich.
Der Beamte verkündete das Stimmenresultat mit 8350, beziehungsweise
9010 »Nein« und 4110, beziehungsweise 3450 »Ja« und machte die
verhältnißmäßig hohe Ziffer der Minoritätsvoten Sensation, da man
glaubte, die Anhänger der Anträge würden eine viel größere Niederlage
erleiden. Auch die anderen Ortschaften hatten das Ergebniß der
Abstimmung im Bezirke genau übereinstimmend angegeben und war also kein
Zweifel über die richtige Stimmenzählung. Das Ergebniß wurde sofort
nach St. Pölten gemeldet. Man schritt zur Abfassung der Protocolle, die
laut verlesen, genehmigt und von dem Beamten und Tribun unterschrieben
wurden. Das Protocoll für den Bezirk fertigten der Bezirksbeamte und
der Bezirkstribun.
Nun plauderte man eine Weile und verharrte in einer etwas
erwartungsvollen Stimmung. Viele hatten mittlerweile das Abendbrot zu
sich genommen, als ein Zeichen vom Telephon erscholl und jedermann
wieder in den Saal gerufen wurde. Es lief jetzt um neun Uhr die Meldung
über das Abstimmungsverhältniß im Kreise ein, und um halb zehn Uhr
erfuhr man, wie die Provinz, um zehn Uhr, wie das Reich abgestimmt
hatte. Alle Nachrichten wurden in Gegenwart aller Anwesenden laut an
die Gemeinden des Bezirkes weiter bekannt gegeben.
Allgemeine Befriedigung wurde laut, als man hörte, daß nur etwa ein
Fünftel für Abschaffung des Adels und ein Zwölftel für Aufhebung der
Monarchie stimmten und es bestand offenbar im Bezirke eine etwas
größere Verstimmung gegen Adel und Monarchie, als anderwärts.
Nun trat Dr. Kolb zu uns und sagte, daß jetzt in allen Kreis- und
Provinzstädten besondere Zeitungsblätter gedruckt würden und daß wir
am nächsten Morgen um 7 Uhr unfehlbar im Kreisblatte, Provinzialblatte
und Reichsblatte den genauen Abstimmungsbericht, wie auch die Statistik
derjenigen finden würden, die an fremden Orten gestimmt oder sich der
Abstimmung enthalten hätten oder gar zur Abstimmung nicht erschienen
seien. So fanden wir es dann auch am anderen Morgen und es stimmten
alle gedruckten Daten untereinander ganz genau überein; man hatte sich
nirgends verzählt. So war auch genau ersichtlich, wie viele Bürger in
jeder Provinz ortsabwesend und wie viele fremd waren, und verglich man
alle Ziffern, so fand man genau, daß alle Ortsabwesenden in irgend
einer anderen Provinz gestimmt hatten.
Kolb sagte, nirgends wären die Bürger so gewissenhaft, als in
Oesterreich, und es gab, abgesehen von etwa 45.000 Oesterreichern,
die im Auslande reisten, nur 3.110 Stimmenenthaltungen, während
der abgegebenen Stimmen 22.846.010 waren.
Es interessirte meinen Freund, Mr. Forest, das Publicationswesen und
da er wußte, daß auch eine Fremdenstatistik publicirt werde und in
Tulln, als dem Bezirksorte, alle Kreisblätter aufliegen, nahm er die
Nummern vom Juli und zeigte er mir dann ganz befriedigt, daß am 13.
Juli 2020 im Bezirke Salzburg, am 14. und 15. im Bezirke Tulln &c. und
überall, wo wir die Nacht zubrachten, zwei Amerikaner notirt seien,
nur in Wien waren wir mehrere hundert Amerikaner und in Gloggnitz,
wohin das Semmeringhotel gerechnet wird, waren unser fünf, und an
einigen größeren Orten war eine größere Anzahl verzeichnet. Auch der
Chinese war da, auf den wir zweimal gestoßen, und mit der Gesammtzahl
der überall ausgewiesenen Fremden stimmte wieder der Gesammtausweis
der Einbruchstationen, welche täglich die ankommenden und abreisenden
Ausländer anzeigen und mit Hinzurechnung der Ziffer vom Vortage die
Gesammtzahl der in Oesterreich reisenden Fremden angeben. Ebenso weiß
man genau, wie viele Oesterreicher im Auslande reisen.
Wir blätterten nun in den Zeitungen der Monate Juni und Juli und zwar
sowohl in mehreren Kreisblättern, als auch in den Provinzblättern
und der Reichszeitung, und fanden überall die heute entschiedenen
Fragen erörtert. Jedes solche Blatt besteht aus zwei gesonderten
Abtheilungen, der Abtheilung der Staatsverwaltung und der Abtheilung
des Volkstribunates, und steht die Redaction dieser Abtheilungen
dem Staatsbeamten beziehungsweise dem Tribun für den betreffenden
Amtsbezirk zu. Das Tribunat veröffentlicht nicht nur seine eigene
Anschauung über schwebende Anträge, sondern es berichtet auch über
Probeabstimmungen der Gemeinden, faßt die Berichte der untergeordneten
Tribunen zusammen, erwägt Argumente für und wider und ist verpflichtet,
auch die Einsendungen Einzelner wenigstens so zu erwähnen, daß neue
Argumente und Gesichtspuncte nicht ganz verloren gehen. Insoweit es
sich um statistische Daten und andere Beobachtungen handelt, unterläßt
es kein Theil, etwa irrige Anführungen des Gegners richtig zu stellen,
und ist auch eine solche Richtigstellung oft noch in derselben Nummer
zu finden. Bei sehr wichtigen Anträgen werden auch Reden, welche
öffentlich gehalten wurden, ganz abgedruckt, wenn es das Tribunat oder
die Staatsverwaltung zweckmäßig findet.