VII.

Zwirner war von vielerlei Geschäften in Anspruch genommen,

weil Deputirte aller Hauptrudervereine da waren, Statuten und

Preisausschreiben berathen werden sollten und internationale

Verhandlungen schwebten wegen einer Regatta, die den Sieg unter allen

Meistern Europas für die nächsten drei Jahre entscheiden und welche im

nächsten Jahre am Rhein stattfinden sollte. Wir nahmen daher seinen

Vorschlag gerne an, Reisen und Ausflüge auf eigene Faust zu unternehmen.

Wir besuchten den Badeort Baden und kamen dann auf den Semmering,

wo noch ein altes Hôtel der vormals bestandenen Südbahngesellschaft

steht. Wir sahen auf Photographien, die noch aufbewahrt waren, die

ursprüngliche Anlage, die natürlich sehr erweitert und verschönert

worden war, wie auch ein kaiserliches Lustschloß jetzt am schönsten

Punkte steht, wo heuer ein Graf Coronini Hof hielt. Wir hätten uns kaum

an diesem schönen Platze aufhalten können, der meist überfüllt ist,

wenn nicht viele Gäste eines Festes wegen nach Graz gefahren wären.

Man bat uns aber, nicht länger als bis zum nächsten Abend zu bleiben,

weil der Aufenthalt für Leute von schwacher Gesundheit bestimmt sei,

die hier Stärkung fänden.

In Bruck an der Mur, einem reizend gelegenen kleinen Orte, brachten wir

eine Nacht zu. Um ein Uhr ertönten alle Gongs. Wir fuhren erschreckt

auf und hatten nur noch Zeit, über die Stiege hinabzustürzen, da unser

Wohnhaus in hellen Flammen stand. Kein Leben wäre in Gefahr gekommen,

da überall Nachtwache gehalten und jedermann rechtzeitig gewarnt werden

soll. Pflichtvergessenheit hatte das Uebel aber vergrößert. Alle

waren guten Muthes; man half das Feuer localisiren und eine tapfere,

todesmuthige freiwillige Feuerwehr, wohl ausgerüstet, rettete, was zu

retten war.

Aber wir Armen! Wir hatten von unserer ganzen Habe nur das Hemd und

die Socken gerettet und waren in Verzweiflung, deren Eingeständniß nur

mit Lachen beantwortet wurde. Einige Männer nahmen uns, um uns vor

den Frauen zu verbergen, in die Mitte, führten uns in ein gesichertes

Gebäude, und ehe wir uns dessen versahen, waren wir mit neuer Wäsche

und Kleidern aus den Vorräthen versehen und der Verwaltungsbeamte bat

uns anzugeben, was uns sonst abhanden gekommen wäre. Wir hatten Ersatz,

aber nicht das geringste persönliche Eigenthum mehr. Wie sollten wir

nach Amerika kommen? Doch fühlten wir uns geborgen und begriffen, daß

der Communismus auch sein Gutes habe. Nun erfuhren wir aber, daß uns

alles, was noch fehlte, in Graz ersetzt werde, wo wir ja doch einige

Stunden verweilen würden.

Wir wurden auch unterrichtet, daß die bezahlte Reisegebühr auch als

Versicherung für Zufälle gelte und wir nach unserer Wahl beim Austritte

aus Oesterreich die uns zur Verfügung gestellten Sachen, die besser und

schöner waren, als was uns verbrannt war, behalten oder baaren Ersatz

begehren könnten, der nach unserer Schätzung werde bezahlt werden.

Endlich fertigte uns noch der Ortsbeamte eine Interimsreisekarte

aus. Da unsere Karten verbrannt waren, und er sagte uns zu, daß wir

Duplicate unserer Reiselegitimationen in zwei Tagen aus Salzburg in

Graz zugestellt erhalten würden.

Noch in der Nacht wurde Gericht gehalten über die schuldtragenden

Personen. Es waren drei angeklagt. -- Ein 15jähriges Mädchen hatte

sich spät nachts, nachdem es sich entkleidet hatte, im Spiegel beguckt

und dabei war das Licht dem Vorhange zu nahe gekommen. Da entstand das

Feuer. Eine Matrone, welche in den Schlafsälen der unmündigen Mädchen

die Aufsicht hatte, war auf ihrer Runde nach diesem Gemache gekommen

und hatte auf die Bitten der kleinen Uebelthäterin versucht zu löschen

und es unterlassen, das Haus und die Verwaltung zu alarmieren, was mit

einem Drucke auf eine elektrische Klingel hätte bewirkt werden sollen.

Der junge Mann endlich, welcher auf dieser Seite die Nachtwache hatte,

war im Garten auf einer Bank eingeschlafen.

Die Angeklagten wurden vor den Verwaltungsbeamten gerufen, der die

Disciplinargewalt hatte. Ein Verbrechen lag nicht vor und es kam

daher die Jurisdiction ihm zu. Der Sachverhalt war in wenigen Minuten

festgestellt, da viele Zeugen zugegen waren.

Die jungen Leute, welchen nur Nachlässigkeit zur Last fiel, kamen

gelinde durch. Es wurden ihnen die Sonntage auf ein Jahr und die

Ferien auf drei Jahre gestrichen. Der junge Mann sollte auf die

Hochschule kommen, da man ihn zum Verwaltungsdienste hatte ausbilden

wollen; daraus konnte nun wohl nichts mehr werden, weil dieser Beruf

Aufmerksamkeit, Ordnungssinn und Pflichttreue voraussetzt.

Die Matrone aber wurde am härtesten bestraft, weil sie im Amte war

und die Schuld einer Person hatte verhehlen wollen, die unter ihrer

Aufsicht stand.

Sie traf zunächst dieselbe Strafe, wie die beiden anderen, außerdem

aber verlor sie das Amt und dessen Vortheile, und wurde zu dreijährigem

Nachdienen verurtheilt. Das seit vielen Jahren vorwurfsfrei bekleidete

Amt gab ihr gesetzlichen Anspruch, nach dem vollendeten sechzigsten

Lebensjahre in Ruhestand versetzt zu werden, und ihre Zeit wäre in zwei

Jahren um gewesen. Nun sollte sie nicht nur weitere fünf Jahre dienen,

wie der einfache Arbeiter, sondern noch drei Jahre nachdienen, also

erst nach vollendetem achtundsechzigsten Jahre arbeitsfrei werden.

Sie brach in Thränen aus und bat um Milderung. Der Beamte solle

bedenken, daß ihr Sohn ein berühmter Arzt in Graz sei und sich bald

vermählen werde; sie habe gehofft, zu ihm ziehen zu können und Enkel

auf ihren Knieen zu wiegen. Sie habe doch nur aus Herzensgüte gefehlt.

Der Beamte entgegnete ihr, daß ein anvertrautes Amt gewissenhaft geübt

werden müsse, und sie selbst müsse wünschen, daß Strenge walte, denn

auch ihr Leben sei jederzeit von der Pflichttreue anderer abhängig. Sie

habe das Leben von mehr als zweihundert Menschen in Gefahr gebracht und

der Schade, der hätte verhütet werden können, sei auf mindestens 300

Arbeitsjahre zu schätzen.

Da traten die beiden jungen Uebelthäter vor und erboten sich, je vier

Jahre Arbeitszeit auf sich zu nehmen, damit die Alte davon befreit

werde.

Der Beamte lachte über diesen Vorschlag und sagte, sie seien junges

Blut und dächten leichtsinnig von einer Last, die sie für ihre alten

Tage auf sich nehmen. Er wisse, wie man ganz anders davon denke, wenn

man alt geworden. Auch hingen sie noch von jenen ab, in deren Gewalt

sie stünden, und dann stehe es nicht in Uebereinstimmung mit den

Gesetzen, daß Freiwillige für einen Straffälligen eintreten. Endlich

sei es der Verwaltung nicht gleichgiltig, wann die Arbeit geleistet

werde, die einen theilweisen Ersatz schaffen soll.

Die Matrone erklärte nun, an den Bezirksbeamten berufen zu wollen, und

bat den Tribun, sich ihrer Berufung anzuschließen. Da dieser aber die

Bitte abschlug, hatte die Arme geringe Hoffnung, daß ihre Berufung

Erfolg haben werde. Viele bezeigten ihr Mitleid, aber man fand das

Urtheil doch gerecht und nicht übermäßig hart.

Die obdachlos Gewordenen waren schon versorgt und theilweise in

benachbarten Ortschaften untergebracht und für den zweiten Tag waren

schon alle Arbeitsleute bestellt, um den Bau in kürzester Frist

wiederherzustellen.

In Graz erhielten wir alles Versprochene pünktlich übergeben.

Nichts von der Adelsberger Grotte, dem herrlichen Miramare, den

Kriegsschiffen.

Oesterreich hat kein Heer mehr, da längst ein Abrüstungstraktat in

Europa besteht; aber man unterhält eine sehr bedeutende Seewehr. Alle

Continentalstaaten, welchen im Osten Rußland gegen Subsidien und

Mannschaften vollen Schutz sichert, haben einen Küstenschutzverband

verabredet und unterhalten nicht nur Küstenbefestigungen, sondern auch

eine starke Marine, theils zum Schutze gegen England, das von Gibraltar

bis zum rothen Meere aus allen Meeren und Inseln verdrängt worden ist,

theils zum Schutze gegen die Raubstaaten in Argentinien und China, von

wo aus die Piraterie schamlos betrieben wird.

Wir erkundigten uns, ob die Seeleute für den Handels- und Marinedienst

ausgehoben würden, und erfuhren, daß man dazu, wie auch für die

Truppen, welche in Sibirien dienen, nur jene Freiwilligen nehme, welche

dafür die geringste Entschädigung fordern. Natürlich könnten sie kein

Handgeld fordern, aber sie begnügten sich meist damit, daß ihnen ein

Friedensjahr für 18, ein Kriegsjahr für 24 Monate gerechnet würde.

Auch von Abbazzia und dem großen Feuerwerke, das dort zu Ehren fremder

Gäste stattfand, brauchen wir wohl nicht zu berichten. Wohl aber will

ich einiges von unserem kurzen Besuche am kaiserlichen Hoflager auf der

Insel Lacroma erwähnen.

Wir fuhren am Freitag um drei Uhr auf einer kaiserlichen Yacht vom

Festlande auf die Insel hinüber. Der Hof mied sonst die südlichen

Gegenden in den Sommermonaten, aber auf den Wunsch der Frauen der

kaiserlichen Familie hatte man heuer versucht, den Aufenthalt im Süden

dadurch erträglich zu machen, daß man der Natur trotzte. Man schlief

vom Morgen bis zum Abende und stand um sechs Uhr abends auf. Die ganze

Insel und die weitläufigen Schloßgebäude waren die Nacht über feenhaft

beleuchtet. Man hielt die Mittagstafel um zwei Uhr morgens.

Der Kaiser und die Kaiserin blieben auf den Schlössern __incognito__

und verkehrten wie geladene Gäste. Die Repräsentation führte diesmal

ein Graf Andrassy mit seiner reizenden jungen Frau. Es war aber bereits

für Samstag die Uebersiedlung des Hoflagers nach der Rosenburg bei Horn

festgesetzt.

Da die Bewohner der Schloßgebäude noch im tiefsten Schlafe

lagen, führte mich, -- Forest hatte sich einem anderen Begleiter

angeschlossen, -- eine Aufwärterin, die Tochter des Schloßverwalters,

Anselma, in die kaiserlichen Gemächer, die den Besuchern geöffnet

waren. Eine Brise vom Meere her kühlte die Luft ab und wir

durchwanderten die weitläufigen Räume. Anselma lüftete zuweilen die

schweren Verhänge, um mich nach den Gärten und Wäldern blicken zu

lassen.

Dann kamen wir nach dem Cabinete, wo der Kaiser seine Amtsgeschäfte

erledigt, und dem Secretariate. In das Arbeitszimmer des Kaisers und

das Secretariat führen die elektrischen Drähte. In letzterem zeigte

mir meine Führerin die Phonographen mit einer Anzahl von einzulegenden

Rollen und sie sagte, daß um sieben Uhr abends die Sitzung des

Ministerrathes und der Reichstribunen am Forum in Wien begänne und

da finde eine genaue Aufnahme der Referate und abgegebenen Voten

durch die Phonographen statt. Jene würden von den Secretären im Nu

schriftlich übertragen und beinahe gleichzeitig mit den Verhandlungen

vom Cabinetschef dem Kaiser vorgelesen, der seine Entscheidungen

bekannt gebe und oft Aufklärungen fordere, oder Aufschub anordne, wenn

er schriftliche Vorlagen für nöthig halte.

Die Amtsgeschäfte des Kaisers werden meist in einer Stunde erledigt.

Ich erkundigte mich, um was sich diese Verhandlungen drehten, und

Anselma sagte, es würden immer die wichtigsten Vorkommnisse der letzten

Tage besprochen. Sie könne mir darüber Aufschluß geben, da man keine

Amtsgeheimnisse kenne und vor den Hausgenossen verhandle, die in den

Amtsräumen beschäftigt sind. Gestern sei der Brand in Bruck a. d. Mur

zur Sprache gekommen und habe besondere Aufmerksamkeit erregt, weil

seit vielen Jahren kein so großes Schadenfeuer sich ereignet habe und

die bedenkliche Thatsache vorlag, daß amtliche Pflichten verletzt

wurden. Man hatte vom frühen Morgen an Berichte über das Ereigniß

auf telegraphischem Wege eingeholt und der Statthalter in Graz war

persönlich nach der Unglücksstätte abgegangen. Das Ministerium habe

befunden, daß der Verwaltungsbeamte ohne alles Verschulden sei und

daß sowohl sein Disciplinarerkenntniß, als auch seine Verfügungen

wegen Wiederherstellung der Gebäude und ununterbrochenen Betriebes der

Produktion volle Anerkennung verdienen, weshalb seine Beförderung bei

nächster Gelegenheit ihm zugesagt wurde.

Meine Begleiterin zeigte mir zahllose Kunstwerke der verschiedensten

Art und machte mich aufmerksam, daß alles, was die Privatgemächer des

Kaisers bergen, von der Hand der Mitglieder der kaiserlichen Familie

herrühre. Seit Jahrhunderten erlerne jeder Erzherzog ein Gewerbe und

die Erzeugnisse seiner Arbeit, wohl selten ohne Beihilfe geschulter

Arbeiter zu Stande gebracht, werden in den Wohnungen der Familie

aufgespeichert. Aber auch der Kunst widmeten sich viele Erzherzoge

und zähle die Familie der Habsburger nicht nur Schriftsteller und

Compositeure, sondern auch Maler, Bildhauer, Medailleure. Dazu die

Kunstfertigkeiten der Frauen.

Man hörte klingeln und Anselma lud mich ein, die Gemächer zu verlassen,

weil sich der Kaiser eben ankleide, und dann den Weg in sein

Arbeitszimmer nehme. Sie führte mich auf mein Zimmer und ich setzte

mich in Stand, um mich beim Frühstücke einführen zu lassen.

Der Verkehr war zwanglos. Graf und Gräfin Andrassy wurden so behandelt,

als wären sie die Herren des Schlosses. Der Kaiser, dessen Ansprache

man abzuwarten hatte, sprach mit mir, als ihm mein Name auf seinen

Wunsch war genannt worden, ungezwungen über Amerika. Er sprach von

dem Präsidenten unserer Union, »seinem brüderlichen Freunde,« und

erkundigte sich nach den Eindrücken, die ich in Oesterreich gewonnen.

Ich sagte, daß ich davon sehr befriedigt sei und weit mehr Aesthetik

im öffentlichen Leben fände, als bei uns. Das freue ihn zu hören,

sagte der Kaiser; es sei, fügte er lächelnd bei, wie die Geschichte

berichtet, nicht immer so gewesen. Gerade die Aufgabe des Monarchen

sei es, auf Wohlanständigkeit im geselligen und öffentlichen Leben

hinzuwirken. Denn politische Aufgaben habe die Staatsverwaltung kaum

je mehr zu lösen. Der Reichthum von Jahrhunderten, den die Dynastie

und der Adel im Auftrage des Volkes verwalte, müsse dazu dienen, den

Schönheitssinn bei allen zu entwickeln, so daß dieser auch alle

Umgangsformen und die Beziehungen unter den Staatsbürgern beherrsche.

»Das leiseste Unrecht, ja eine bloße Rücksichtslosigkeit verletzt unser

Gefühl und man beeilt sich, jedem Genugthuung zu geben, bevor er sie

gefordert; man könnte sagen, wir haben ein verweichlichtes Gemüth. --

Aber entschuldige, junger Freund, ich muß jetzt die Gräfin Andrassy zu

mir bitten, um zu fragen, wie sie geruht hat.« -- Wie ich mich grüßend

erhob, schritt eben die Gräfin, dem freundlichen Nicken des Kaisers

folgend, auf ihn zu.

Später sah ich den Kaiser im Gespräche mit Arbeitern aus mehreren

Provinzen, die zur Besichtigung der Insel und Baulichkeiten gekommen

waren und gleich jedem anderen Oesterreicher Zutritt am Hoflager

hatten. Ich verstand nicht, wovon die Rede war, da der Kaiser nach

alter Habsburger Sitte mit jedem in dessen Muttersprache spricht.

Die Habsburger müssen ein Gehirn haben, das hundertjährige Anpassung an

eigenthümliche Bedürfnisse ganz absonderlich entwickelt hat. Auch der

gegenwärtige Kaiser spricht zehn lebende Sprachen und beherrscht sie

in Rede und Schrift. Er war von frühester Jugend auf von Männern und

Frauen umgeben, die in den verschiedensten Idiomen mit ihm verkehrten;

er lebte abwechselnd unter den verschiedensten Völkern seines Landes,

er liest, schreibt, verhandelt in allen diesen Sprachen, und auch in

einigen der wichtigsten außerösterreichischen Cultursprachen mit voller

Sicherheit. Dazu besitzt er ein ungewöhnliches Personengedächtniß

und Menschenkenntniß. Man behauptet, daß er die Namen, persönlichen

Verhältnisse und den Beruf von mehr als zwanzig Tausend Bewohnern

Oesterreichs kenne und nur in den seltensten Fällen bedürfe es einer

Nachhilfe der Personen, die seine Umgebung bilden, um sein Gedächtniß

auf die richtige Fährte zu bringen, wenn er jemanden nach langen Jahren

wieder sieht. Man liest es ihm an den Augen ab, wenn es nothwendig ist.

Eben hörte ich ihn lustig ausrufen: »Ei, die Gräfin Taaffe! Schon

wieder ausgekniffen von Ellischau?«

»Wir haben eine gar zu lederne Gesellschaft in Ellischau

zusammengewürfelt bekommen,« sagte die junge Dame heiter. Aber der

Kaiser hielt ihr lachend den Mund zu; er fürchtete einen medisanten

Bericht und dergleichen durfte der Monarch gar nicht anhören. Es war

aber nur eine Verlegenheitsausrede der allerliebsten Frau, einer

jugendlichen schlanken Blondine. Sie war von der Kaiserin wiederholt zu

geheimen Berathungen berufen worden. Die Kaiserin beabsichtigte, ihrem

Gemahl ein Bildwerk aus Marmor nach ihren Ideen meiseln zu lassen.

Sie war eine Schwester des Grafen Eduard Taaffe und dessen Frau eine

Schwester des Künstlers, der die Arbeit auszuführen gebeten wurde.

Es sollte das Bildwerk eine dahinschreitende Venus vorstellen, die

von Liebesgöttern ihrer Gewänder beraubt wird. Von den Räubern war

ihr einer in den Nacken geflogen, kniet auf ihren Schultern und

verschließt ihr mit seinen Kinderhänden die Augen. Die Göttin greift

nach seinen Armen, um sich zu befreien, und diesen Augenblick benutzen

die Mitverschworenen, ihr die Schulterbänder, den Gürtel und die

Schuhriemen zu lösen.

Die Fürstin wollte mit dem Meister nicht selbst verkehren; sie

fürchtete, es könnte, wenn auch unbeabsichtigt, eine Porträtstatue

aus dem Kunstwerke werden, was der Kaiser übel vermerkt haben würde.

Beschreibungen, Zeichnungen und Modelle wanderten hin und her und

der Künstler -- wir kannten ihn genau -- hatte sich der Sache mit

allem Eifer bemächtigt. Seine Ideen vervollständigten die Angaben der

Kaiserin und führten daher zu Controversen.

Der Künstler wollte, daß die Ideenassociation des Beschauers

berücksichtigt werde. Man solle denken können, daß die Göttin ihren Weg

ungehindert fortsetzen werde, von bewundernden Amoretten umflattert.

Das bedingte eine andere Einrichtung der Gewandung, als die Kaiserin

geplant hatte, und der Künstler wollte noch einen Zephyr zu Hilfe

nehmen, der die lose Gewandung an die Glieder der Göttin weht und die

Hülle entführen helfen soll.

Von diesen Machenschaften wußte der Kaiser nichts und es war bereits

ein herrlicher Block von milchweißem Marmor aus Griechenland für die

Civilliste erworben worden, worüber die Beamten des Hofes und der

Centralregierung unter Beiziehung des Hoftribunes -- die Ungarn

nannten ihn den Tribun __a latere__ -- verhandelt hatten.

Eigenthümlich war das Auftreten der Hausgenossen. Es war schwierig,

die alte Hofetiquette zu brechen und die Gleichberechtigung der

Menschen zur vollen Geltung zu bringen, obgleich ja Christus gezeigt

hatte, wie das Bedienen der Mitmenschen mit der vollen Menschenwürde

zu vereinbaren sei, da er seinen Dienern die Füße wusch. Es war

noch immer nicht erreicht worden, daß die aufwartenden Personen in

der Gesellschaft gleich berechtigt verkehren konnten. Es waren alle

Arbeiten der Hofhaltung durch mancherlei Behelfe veredelt worden.

Man hatte ferner nur wohlgestaltete Mädchen und Jünglinge im Alter

von fünfzehn bis zwanzig Jahren an den Hof gezogen, die ein gewisses

Maß von Ehrerbietung schon wegen ihrer Jugend bezeigen durften. Die

Kleidung war natürlich würdig und erinnerte nichts weniger als an

eine untergeordnete Stellung. In heißen Landstrichen liebte man, die

Tracht der Römer und Griechen zu verwenden, wo es anging. Nur wenn die

Hausgenossen Dienst hatten, legte man sich gegenseitig etwas Reserve

auf. Niemand aber versäumte, jeden Wunsch mit einer freundlichen Bitte

einzuleiten, und der Kaiser selbst vergaß nie, jede Handreichung mit

einem »Danke, lieber Freund« oder »Vielen Dank, schönes Kind« zu

erwidern. Hatten die Hausgenossen ihren dienstfreien Tag, so verkehrten

sie seit einigen Jahren vollauf gleichberechtigt in der Gesellschaft.

Das verdankte man dem Einflusse des Hoftribuns, der ein Ungar war und

seit Jahren darum gekämpft hatte, daß man das Ceremoniell umändere,

denn er pflegte zu sagen: »Jeder Ungar ist ein König.«

Der Kaiser aber wurde durch diesen edlen Stolz seiner Mitbürger nicht

herabgewürdigt, sondern offenbar erhöht.

Nach dem Frühstück schlenderten wir in den Anlagen umher, machten

Bootfahrten in Gesellschaft vieler Herren und Frauen, die uns, weil

wir fremde waren, auszeichneten, und wir sahen den Fischern zu, welche

ihre Netze auswarfen. Weit hinaus in's Meer warfen die Bogenlichter

ihren hellen Schein, als wir endlich gegen elf Uhr heimkehrten, um

an der Gesellschaft theilzunehmen. Es versammelten sich über hundert

Personen im großen Park, wo auf einem weiten Platze kostbare Teppiche

aufgebreitet waren, auf welchen man sich, wenn man nicht auf Stühlen

oder Bänken Platz nehmen wollte, im Halbkreise lagerte.

Im Mittelpunkte der Gesellschaft saßen Kaiser und Kaiserin, dann

Graf und Gräfin Andrassy, die mittlerweile zur Besichtigung einer

Ausstellung nach dem Festlande gefahren waren, und dem Programme gemäß

wurde ein berühmter Vorleser eingeladen, das Werk eines Dichters,

der anwesend war, vorzutragen. Es war eine poetische Erzählung aus

dem neunzehnten Jahrhunderte, von unbeschreiblicher Feinheit der

Charakteristik und der Darstellung.

Als die Vorlesung beendet war, leitete der Kaiser die Debatte ein und

so sehr er auch das Werk lobte, sprach er doch einige Bedenken aus.

Der Dichter vertheidigte sich und eröffnete Gesichtspunkte, die dem

Kaiser entgangen waren. Man wollte das Urtheil der Frauen hören und

eine junge Frau fand mehreres unzart. Das gab nun Anlaß, zu erörtern,

ob der Dichter es an Zartheit hatte fehlen lassen oder ob er innerhalb

der Grenzen des reinsten Schönheitssinnes nur berichtet habe, was zum

Verständnisse der Zeit und der Menschen jener Periode, sowie, um den

Gang der Handlung zu begreifen, nothwendig war.

Das Gespräch drohte allgemein zu werden, aber der Kaiser bat, einen

parlamentarischen Vorgang einzuhalten, da es sich um ein Werk handle,

welches Hoffnung habe, bei der nächsten Preisvertheilung den Lorbeer zu

erringen. Literaten, Professoren und besonders auch Schauspieler wurden

aufgefordert, ihre Anschauung zu äußern.

Der Vorleser selbst sprach sich rühmend aus. Er sagte, daß gerade er

zu einem Urtheile berufen sei, da sich ein gutes Werk leichter lese

und es den Vorleser mit fortreiße. Das gelte besonders von einem neuen

Werke, das der Recitator noch nicht kennt. Wäre irgend etwas dunkel,

irgend eine Andeutung zu schwer zu verstehen oder etwas am unrechten

Orte beschrieben, so würde der Vorleser auf Schwierigkeiten stoßen,

eine vollendete Wiedergabe zu bieten; auch lese sich nur das leicht,

was mit vollendeter Beherrschung der Sprache verfaßt und auf einen

fließenden Vortrag berechnet sei.

Da nun der Dichter noch einiges zu seinen Gunsten vorbrachte und

manchen Tadel siegreich widerlegte, schlug der Kaiser vor, man solle

über die Frage abstimmen, ob hier ein Meisterwerk vorliege, an dem

nichts zu tadeln sei. Alle stimmten für den Dichter, an den die Gräfin

Andrassy herantrat, um ihm Glück zu wünschen.

Es wurde jetzt das zweite Frühstück gereicht und man stellte dann

Bilder. -- Zwischen zwei hochstämmigen Bäumen schlossen sich zwei

mächtige Teppiche, hinter welchen die Aufstellung vor sich ging. So oft

sich die Teppiche öffneten, bot sich ein entzückendes Bild, in welchem

bekannte Scenen aus der griechischen Göttersage dargestellt waren.

Die Frauenschönheit feierte Triumphe und umgaukelte unsere Sinne mit

einer für Amerikaner unerhörten Freiheit. Ein unermeßlicher Schatz von

Juwelen und Prachtgewändern, Gefäßen und Waffen bildete das Beiwerk.

Als der Vorhang für die Aufstellung des letzten Bildes zugezogen

wurde, hörte man geschäftig hin und her laufen, es wurde gehämmert

und die Pause verlängerte sich eine gute Weile. Man war in gespannter

Erwartung. Als die Vorhänge sich öffneten, bot sich uns ein

überraschender Anblick dar.

Es war die Darstellung der Anpreisung einer Sklavin, die römischen

Patriciern zum Kaufe angeboten wird, nach einem alten Bilde. Durch

einen großen Rahmen und die getroffenen Anordnungen, welche den Raum

hinter dem Rahmen abschlossen, als spielte die Scene in einem Gemache,

war der Eindruck hervorgerufen, als hätte man das herrliche Gemälde

wirklich vor sich. Linker Hand stehen die Verkäufer, einer hinter

dem andern, gemeine Menschen, den Blick auf die Käufer gerichtet.

Der vordere von den Beiden zieht der Sklavin das Gewand vom Leibe,

welches sie festzuhalten sucht, und hält sie roh am Arme, um sie zu

verhindern, daß sie sich schamhaft abwende. Der alte Römer, der ihr

gegenüber sitzt, ein schönes Gefäß auf den Knieen haltend, mit einem

breiten unedlen Kopfe, hat ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, und

verräth Bewunderung und mühsam unterdrückte Begierde. Hinter ihm auf

der rechten Seite des Bildes, der Sklavin zugewendet, steht ein junger

Mann, ein Knie auf den Stuhl gebogen, dessen Lehne er mit beiden Händen

hält. Auch sein edles Gesicht ist in den Anblick der reizenden Sklavin

versunken. Diese Figur stellte ein junger Prinz vor, der das ganze in's

Werk gesetzt.

Die Sklavin war die liebreizende Anselma, die herrliche leuchtende

Gestalt der Jungfrau war ebenso entzückend, wie die edle Haltung, die

Scham und Keuschheit zum Ausdrucke brachte.

Unser Athem stockte, kein Laut ließ sich vernehmen und geraume Zeit

blieb das Bild stehen, um uns Muße zu lassen, alle Einzelnheiten zu

bewundern. Es schien, daß man der schönen Anselma freigestellt hatte,

die Dauer der Vorstellung zu bestimmen, denn wir glaubten, sie etwas

flüstern zu hören, als die Vorhänge rasch zugezogen wurden.

Jubelnder Beifall erscholl. Der junge Patricier kam in seiner römischen

Gewandung hervor, während Anselma nach ihrer Wohnung gebracht wurde,

und der Kaiser befahl ihm, Anselma zu bitten, den Dank des Monarchen

entgegenzunehmen, sobald sie sich würde angekleidet haben.

Das Bild wurde besprochen und ebenso die Kunst des Malers, wie die

Sorgfalt der Darstellung und die Schönheit Anselmas gerühmt. Nun kam

sie, von dem jungen Manne geleitet, in einem herrlichen Gewande aus

elfenbeinfarbigem Stoffe, das nur die Arme unverhüllt ließ, und als

sie vor den Kaiser trat, sagte er: »Herzlichen Dank, schöne Anselma,

für die Gnade, die du uns erwiesen.« -- Doch die Kaiserin erhob sich

mit den Worten. »Nicht so, lieber Rudolf, können wir soviel Liebreiz,

Anmuth und Güte abdanken;« und sie faßte Anselma an den Schultern, um

sie zu küssen. Dann schob sie die Jungfrau vor den Kaiser, daß auch

er sie küssen solle, und das that er mit den Worten: »Sind wir nicht

Schwester und Bruder?« -- »Das sind wir,« sagte Anselma, »so lehrt

es uns Jesus von Nazareth und meine Eltern haben mich von frühester

Jugend an ermahnt, mich nicht geringer zu halten, als irgend jemand,

der auf Erden wandelt.« -- »Daran erkenne ich meinen Perger!« sagte der

Kaiser lachend, »treu wie Gold, aber voll trotzigen Selbstbewußtseins!«

-- Darauf ergriff nun ihrerseits die Jungfrau die Hände des Kaisers

mit den Worten: »Du hast vorhin Deine Schwester geküßt; ich mache

von meinem Rechte Gebrauch und küsse meinen Bruder.« -- Darauf bog

sie sich über den Kaiser. Wir waren begierig, zu sehen, wie sich der

Fürst benehmen würde. Er sagte: »Wohlan, ich will Dich schirmen, wie

ein Bruder und wer Dich kränkt oder beleidigt, an dem will ich mit

eigenen Händen Rache nehmen.« So fand sich der stolze Fürst in die ihm

bereitete Lage und benahm dem Vorgange alles Zweideutige.

Es trat jetzt Prinz Lobkowitz an das Mädchen heran, das der Liebling

aller geworden war. Es nahm erröthend seinen Arm und er entführte

uns die Liebreizende. Da ich meinem Nachbar, einem jungen Künstler

zuflüsterte, daß man in Amerika ein Mädchen für beschimpft hielte, das

eine solche Rolle in Gegenwart von Männern übernehme, sagte dieser

es sei dies auch in Oesterreich bis jetzt nie erhört worden, aber es

sei nicht zu zweifeln, daß Anselma nicht ohne die Einwilligung der

Frauencurie gehandelt habe, die wohl in Anbetracht des künstlerischen

Vorwurfes zugestimmt habe. Darum sei auch Anselma vor jedem Tadel

sicher und habe keine Unehre zu fürchten.

Die Gesellschaft brach auf, um auf verschiedenen Wegen nach dem

Schlosse zu pilgern, wo die Tafel bereitet war. Man speiste diesmal

nicht im Garten, sondern es hatte der Haushofmeister die Tafel im

Schlosse rüsten lassen. Es waren schon geraume Zeit bedrohliche

Wetternachrichten aus Spanien, dem südlichen Frankreich und Italien

eingelaufen und nach der Windrichtung war nicht zu zweifeln, daß bald

ein Ungewitter losbrechen würde, obgleich wir noch Sterne am Himmel

sahen.

Nach dem zweiten Gange prasselte auch ein Regenschauer, begleitet von

Donner und Blitz, nieder und da man in den Sälen tafelte, die der

Wetterseite gegenüber lagen, konnte man das Naturschauspiel bei offenen

Fenstern genießen. Die berühmte meteorologische Reichsanstalt auf der

Hohen Warte bei Wien hatte das Auftreten des Gewitters in Lacroma um

fünf Minuten zu früh berechnet.

Wir aber reisten bei Morgengrauen ab, weil uns interessante Dinge nach

Tulln riefen.

Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman · 第 28 / 44 题