VI.

Es war Sonntag Morgen und wir hatten uns vorgesetzt, in Wien zu

wandern, um verläßliche Informationen einzuholen, und zum Mittagessen

nach Tulln zu fahren, weil abends die interessante Regatta stattfinden

sollte. Wir fanden auch am Sonntag alles in Bewegung, alle öffentlichen

Säle und Gebäude vom frühesten Morgen an geöffnet, denn Wien war die

Stadt geworden, in der man sich nicht langweilen wollte. Obgleich

wir recht müde waren, pilgerten wir doch nach den Museen. Die Ordner

auf den Straßen gaben uns genau die Richtung an und da sie sahen,

wir seien Fremde und rauchten nicht, fragte uns ein alter Herr, ob

wir denn keine Cigarren hätten. Mr. Forest witterte einen Versuch,

ein Trinkgeld zu ergattern, aber eingedenk der Vorschriften, die wir

gedruckt in der Tasche hatten, wagte er sich doch nicht mit einem

Versprechen hervor und sagte nur, wir hätten keinen Vorrath mehr. Der

Alte bat sich die Aufenthaltskarten aus und sagte dann, damit könnten

wir in jedem Speisesaale Cigarren beziehen, da man ja wisse, daß die

Fremden rauchten. Wir meinten, wir seien in Tulln im regelmäßigen

Aufenthalte, aber man beruhigte uns, man nehme es nicht so genau, sonst

wäre es ja nicht gemüthlich. So wandten wir uns zum nächstgelegenen

Speisesaale und erhielten richtig Cigarren für den Tag, nachdem die

Daten der Aufenthaltskarte waren notirt worden. Das war uns sehr lieb,

wir mußten aber jetzt im Freien bleiben, denn in den Gebäuden ist das

Rauchen verboten, es wäre denn in der eigenen Wohnstube. Als wir unsere

Cigarren geraucht hatten, besuchten wir die Museen, in denen sich viele

Tausende drängten, weil an Sonntagen auch Leute von den benachbarten

Dörfern in die Stadt strömen, und wir bewunderten nicht nur die

reichhaltigen Sammlungen, sondern auch die herrlichen altersgrauen

Gebäude mit den Kuppelsälen und Deckengemälden. Wir forderten einen

Katalog, der uns bereitwillig mit der Bitte verabfolgt wurde, ihn beim

Weggehen zurückzustellen, weil er nicht zum Verkaufe bestimmt sei.

Wollten wir jedoch einen Katalog mit nach Hause nehmen, was wohl der

Mühe werth wäre, weil auch interessante Abbildungen und Farbendrucke

darin enthalten seien, so müßten wir uns an die Hausverwaltung wenden.

Wir verlangten aber für heute nicht darnach, denn es drängte die Zeit

und wir wollten lieber früher nach Tulln kommen. Auch waren wir betäubt

und hatten uns bisher zu wenig Ruhe gegönnt. Unsere Anfragen bei diesem

und jenem, ob man hier zufrieden sei, hatten zu nichts geführt und

obwohl Mr. Forest immer Furcht vor Spionen und verkappten Oberbeamten

witterte, konnte ich doch an den heiteren Gesichtern und dem ganzen

Getümmel erkennen, daß es da Unzufriedene wirklich nicht gebe.

Wir bestiegen einen Straßenwagen, kamen auf den Franz-Josefs-Bahnhof

und gelangten ziemlich früh nach Tulln. Nach dem Lunch gingen wir,

da wir noch zwei Stunden bis zum Mittagstisch hatten, nach dem

Centralrudersporthause, das von der eisernen Brücke etwas stromabwärts

dastand, ein schöner Bau mit Empfangssälen, Berathungszimmern und

Archiven, an den Wänden Trophäen mit den Namen der einzelnen Sieger und

der preisgekrönten Ortschaften. Wir fanden da Zwirner und Dr. Kolb, die

alle Hände voll zu thun hatten und uns nur flüchtig begrüßen konnten.

Ruderer in allen Farben, mit bloßem Halse und Armen, hatten hin und

her zu laufen und zu ordnen und wurden unzählige Boote in's Wasser

gelassen, Ruder eingeseift, Wimpel aufgesteckt und man sah in der

Ferne den Rauch von Dampfern, welche Gäste aus Wien brachten, die den

Ruderern zur Seite fahren wollten.

Ein kräftiger Junge, selbst Ruderer, belehrte uns über die Farben.

Es wäre hier, wie bei Wettrennen, Bicyclefahren &c. jeder Kreis, ja

jeder Bezirk erkennbar. Einheimische seien mit den Farben vollkommen

vertraut, Fremden gebe man eine Karte mit Provinzen und Kreisen,

woraus man die Farben entnehme. Der Knabe hatte eine dunkelrothe

Mütze, hellrotes Wamms und eine dunkelorangefarbige Schärpe. Er sagte,

die Farben seien von dunkelroth beginnend nach dem Prisma geordnet

und zwar: dunkelroth, hellroth, dunkelorange, hellorange, dunkelgelb

u. s. f., dann endlich weiß und schwarz, insgesamt vierzehn Farben.

Dann kämen in derselben Ordnung zwei aufeinanderfolgende Farben, als

dunkelroth-hellroth, hellroth-dunkelorange, u. s. w. bis zu schwarzroth

wieder 14 Farben. Da nun Niederösterreich die erste Provinz des Reiches

sei, sei die Kappe dunkelroth und da Sct. Pölten der zweite Kreis

sei, -- Wien bilde den ersten, -- sei das Wamms hellroth, nachdem

Tulln der dritte Bezirk im Kreise St. Pölten sei, sei die Schärpe

dunkelorangefarbig. So sei der Bezirk außer Zweifel. Das genüge den

meisten, aber das letzte Abzeichen zeige sogar die Gemeinde an, nämlich

das Band, das von den Schultern flattert.

Da Alles vorbereitet war, luden Zwirner und Dr. Kolb die ganze Menge

von Gästen zum gemeinsamen Mahle auf dem großen Wiesenplane vor dem

Gemeindepalaste.

Da kamen Kinder, Mädchen und Frauen zur Begrüßung, der Bezirksbeamte

hielt eine Ansprache, mit einem Hurrah ging's zu Tische und da fehlte

es nicht an Jubel und Trinksprüchen aller Art, wobei vor allen

Zwirner gefeiert wurde, dem man zutraute, daß er im Einzelkampfe

den Meisterpreis erringen werde. Die erschienenen Ruderer waren

alle Meister in der Kunst, wohl trainirt und hatten bei kleineren

Wettkämpfen Preise errungen, und nur die fünf tüchtigsten Vereine

waren zum Start erschienen. Es sollte das Clubwettfahren von der

Eisenbahnbrücke bis Greifenstein gehen, wo die ersten Tribünen

errichtet waren, und nach einiger Rast sollten drei Matadore, worunter

Zwirner, von der Krümmung, die die Donau bei dem ehemaligen und längst

verfallenen Dorfe Höflein beschreibt, bis zur neuen Donaubrücke bei

Klosterneuburg um die Wette rudern. Beim Clubruderwettfahren kam

es nicht darauf an, welchem Club das erste Boot angehörte, sondern

welcher Club im Durchschnitte siegte, was schwierig zu bestimmen war,

daher gewiegte Schiedsrichter aufgestellt waren. Sie nahmen übrigens

Momentphotographien auf, wodurch die Beurtheilung erleichtert wurde.

An vielen Punkten an der Donau waren optische Signale aufgestellt, die

sich bis zum Tullner Gemeindepalaste fortpflanzten, um den Verlauf

telegraphisch nach Sct. Pölten und von dort über Wien weiter in die

Provinzvororte zu melden; die Provinzvororte gaben die einlaufenden

Nachrichten an die Kreise weiter und so fort, so daß man im ganzen

Reiche Nachrichten hatte, und hieß es bald: »Graz hat Vorsprung,« dann:

»Linz kommt heran,« und »Pest überholt alle,« bis zuletzt Tulln, wie

erwartet, von den Schiedsrichtern als Sieger erklärt wurde. Zwirner

stieg aus dem Boote und eilte die Treppe der Frauentribüne hinan,

um den Seinigen den Frauendank zu bringen, den eine Erzherzogin

überreichte.

Aber das Interessanteste stand uns bevor, denn wir wußten, daß der

Sieger im Einzelkampfe den Preis aus der Hand der Lori Hochberg

empfangen solle, und wir waren froh, daß unser Dampfer das rechte

Ufer entlang fuhr, weil wir gerade vor der Tribüne anhalten sollten.

Zwirner siegte um zwei Bootlängen und kam vor unseren Augen zur

Tribünentreppe, um von Lori einen Kranz von goldenen Lorbeerblättern zu

empfangen, wofür ihm die Sitte gestattete, die Hand der krönenden Dame

zu küssen. Mit donnerndem Bravorufen von den Booten und Schiffen, der

Brücke, die dicht voll Menschen war, den Ufern und Tribünen wurde der

Sieger gefeiert, der noch seine Anordnungen wegen vorläufiger Bergung

der Boote traf und dann mit den Genossen und uns Begleitern den Zug

bestieg, der ihn erwartete.

Wir zweifelten nicht, daß der Lorbeerkranz, der übrigens in den

Trophäensaal wanderte, für Zwirner mehr bedeute, als nur eben einen

Siegespreis.

Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman · 第 27 / 44 题