Am anderen Morgen, Samstag, schliefen wir etwas länger und da die
Fremdenzimmer in dem Flügel der Wohnhäuser untergebracht sind, in
welchem die alten Leute wohnen, welche Ruhe haben wollen, so hörten
wir nicht den Schall der Gongs, womit sonst überall Jung und Alt
allmorgentlich um 5 Uhr spätestens aus den Federn gejagt wird.
Der Morgen war heiter und wir gingen, nachdem wir das Wohnhaus
verlassen hatten, schwimmen, kamen aber schon um 7 Uhr in den
Speisesaal, wo ein Dutzend hübscher Mädchen den Dienst versahen und
jenen das Frühstück brachten, die sich verspätet hatten. Da wir an
Zwirners Tische Platz nehmen wollten, kam ein alter Herr zu uns, nannte
sich Dr. Kolb und entbot uns einen Gruß von Freund Zwirner, der schon
längst über Feld gefahren sei und uns heute nicht mehr sehen könne, da
er abends zu Hochberg wolle und uns eine Wiederholung des Besuches dort
nicht zumuthen könne.
Während wir uns an das Frühstück machten, sagte Dr. Kolb, er wolle
uns Gesellschaft leisten, was der Hauptberuf der alten Herren den
Fremden gegenüber sei, und er bäte, aus dem Metropolitananzeiger, der
nur für Wien und Umgebung herausgegeben werde, uns zu informiren, was
uns von den abendlichen Genüssen am meisten Vergnügen bereiten könne.
Er habe gehört, daß wir Geschichtsforscher seien und wenn uns ein halb
wissenschaftlicher Vortrag Interesse bieten könne, so empfehle er
die Rubrik: »Wissenschaftliche Vorträge« zu studiren. Der Vorschlag
gefiel uns und wir nahmen jeder ein Heft zur Hand, um nach einiger
Berathung einen Vortrag des Professors Lueger über Franz Josef den
Standhaften und seine Zeit im alten Universitätsgebäude am Franzensring
zu wählen. Dr. Kolb zollte dem Vorschlage Beifall und empfahl uns, in
seiner Begleitung nach Wien zu fahren und einmal eine erste Rundfahrt
zu unternehmen, da wir dieser Stadt viele Tage würden widmen müssen.
Da ferners der Vortrag um sieben Uhr abends beginne und kaum vor halb
zehn Uhr geschlossen würde, so wolle er uns ein Quartier in der Stadt
besorgen, wo wir die Nacht zubringen könnten. Er wolle sich uns ganz
widmen und uns am nächsten Morgen, Sonntags, zurückbringen. Das war uns
angenehm und Dr. Kolb entfernte sich auf kurze Zeit, um bald darauf mit
der Nachricht zurückzukommen, Wien sei einer bevorstehenden Regatta
wegen überfüllt, und er habe uns daher nicht in den der Universität
zunächst gelegenen Quartieren Herberge verschaffen können, aber im
Dritten Gumpendorfer Quartier hätte er drei Schlafzimmer belegt.
Solche Festlichkeiten lockten immer viele Menschen nach Wien, aber
trotzdem würde in den Sommermonaten Platz genug sein, da Hof und Adel,
Studenten und Lehrkräfte, ja auch viele Pensionisten fortzögen, um heim
zu eilen oder in den Bergen kühle Wohnungen aufzusuchen. Diese Zeit
aber benütze man doch wieder, um junge Leute aus allen Theilen des
Reiches nach Wien zu bringen. Man halte es für bildend, die Jugend mit
der Weltstadt bekannt zu machen; es gebe das auch Gelegenheit, Fleiß
zu belohnen und Unfleiß zu bestrafen, da jede Gemeinde einen Theil der
zur Wiener Reise bestimmten Altersklasse strafweise ausschließe, und
in Vielen werde ein wahrer Feuereifer für die Schule wachgerufen, wenn
sie das herrliche Wien zum erstenmal schauen und hören, daß die besten
Schüler an die Hochschule kämen und dann fünf Jahre in der Hauptstadt
zubringen könnten.
Die Eisenbahn brachte uns bald nach dem Franz-Josefs-Bahnhofe und Dr.
Kolb rieth uns, die Straßenbahn, und nicht die Stadtbahn zu benützen,
die man am Ausgange des 19. Jahrhunderts gebaut, aber dann wieder
theilweise verlegt habe, um die Störungen zu beseitigen, welche dadurch
in die harmonischen Veduten waren gebracht worden. Wir folgten seinem
Rathe und bestiegen einen Straßenbahnwagen, der den Weg von dort zum
Schottenring, dann im Kreise um den ganzen Ring machte und wieder zu
seinem Ausgangspunkte zurückkehrte. Solche Wagen gingen von jedem
äußeren Bahnhofe aus, weil sich die Gepflogenheit herausgebildet
hatte, daß jeder Ankömmling seinen ersten Besuch mit dieser Rundfahrt
einleite; denn es war eine über den ganzen Erdkreis verbreitete
Legende, daß man nichts Schöneres sehen könne.
Wir nahmen auf der Imperiale des Wagens Platz, der weder mit Pferden
bespannt war, noch von einer barbarischen, qualmenden Straßenlocomotive
bewegt, sondern pneumatisch betrieben wurde, indem der neben
dem Kutscher angebrachte Windkessel an jeder Haltstelle aus den
pneumatischen Röhren mit Druckluft versorgt wurde.
Wir bemerkten, daß die Stadt beinahe aus gleichen Quartieren
zusammengesetzt war; sie glichen in ihrer Hauptanlage Tulln und
anderen kleinen Gemeinden. Vier große Wohngebäude umschlossen immer
einen Palast, der für Verwaltung, Lese- und Speisesäle bestimmt war;
dazwischen liefen Gartenanlagen mit Schwimmbassins und nur zwei oder
drei Flügel der äußeren Gebäude reichten bis zu den Straßen, die
zum großen Theile mit Straßenbahnwagen befahren wurden. Lastwagen
fuhren nirgends auf der Straße und Equipagen schossen nur zuweilen
an uns vorüber, wie auch einige Radfahrer lautlos vorbeiglitten. Nur
die Ringstraße bildete, wie in alter Zeit, eine breite gepflasterte
Fläche. Sonst waren überall schmale Trottoirs angebracht und in vielen
Straßen, welche von Equipagen gar nicht befahren werden durften,
war nur eine ununterbrochene Gartenanlage zu sehen. Es fielen die
Straßenbahnschienen, die in die Wiesenplätze gelegt waren und die
Schlangenwege kreuzten, kaum auf. Um diesen Betrieb zu ermöglichen,
liefen vor den Rädern Schienenräumer einher, welche nicht nur Steinchen
auswarfen, sondern auch Gräser und Halme beiseite schoben. Die
Wechsel konnte der Wagenlenker während des Fahrens von seinem Sitze
aus stellen, da vor jeder Weiche ein Riegel zwischen den Schienen
angebracht war, der durch vom Sitze aus verstellbare, am Wagen
angebrachte Bolzen nach rechts oder links geschoben werden konnte.
Als wir in die Ringstraße einbogen, sahen wir uns gegenüber das schöne
ehemalige Börsengebäude, von Theophil Hansen erbaut, unverwittert in
rother Farbe leuchten und da man schon seit mehr als hundert Jahren
dort nicht mehr schacherte, war das Haus in ein Unterrichtsgebäude
verwandelt worden, wie das ehemalige Polizeigebäude rechter Hand
jetzt als Studentenherberge dient. Dr. Kolb machte uns auf die
Ballustrade aufmerksam, welche die ehemalige Börse krönt, und sagte,
wir hätten bei Leibe nicht zu fürchten, daß die Säulchen brächen und
den Vorübergehenden auf die Köpfe fielen, denn man baue in Wien für
die Ewigkeit. Er deutete auf das ehemalige Polizeigebäude gegenüber
und erzählte, dort stände aus alter Zeit im Hofe ein grün gestrichener
Wagen mit Gittern und Zellenwänden, dessen Bestimmung man sich nicht
klar machen könne; man vermuthe, daß er zum Transporte von Thieren
gedient habe. Es sei ein Ausschreiben ergangen, dieses historische
Räthsel zu lösen. Er belehrte uns übrigens, daß von den Wohngebäuden,
die im 19. Jahrhunderte an der Ringstraße standen, nur mehr wenige
vorhanden wären, da viele Häuser reicher Bürger längst niedergerissen
und öffentliche Gebäude an deren Stelle errichtet worden seien.
Eine Ausnahme bildete das Sühnhaus, übrigens ein Stiftungshaus zur
Erinnerung an den schrecklichen Brand eines Theaters, das an derselben
Stelle stand. Das Sühnhaus ist ein schöner Bau, entworfen von Meister
Schmidt, dem Dombaumeister des 19. Jahrhunderts. »Hier seht ihr die
Votivkirche, vom Architekten Ferstel entworfen. Dieser Bau wurde
vom nachmaligen Kaiser Max, von welchem ihr wohl heute abend in der
Vorlesung hören werdet, gegründet zur Erinnerung an die Errettung des
Kaisers Franz Josef, den ein politischer Schwärmer mit Mordwaffen
angefallen hatte, und hier steht schon die gleichfalls vom Baumeister
Ferstel stammende älteste deutsche Universität dieser Stadt, in der man
neben wirklichen Wissenschaften nur mehr _=Geschichte=_ der Theologie
und _=Geschichte=_ der Jurisprudenz vorträgt, weil diese angeblichen
Wissenschaften nur Requisite des Classenstaates waren. Die Rampe
beweist deutlich, daß die Studenten des 19. Jahrhunderts mit Vieren in
die Vorlesung fuhren.«
»Wie haltet ihr es jetzt mit der Religion?« wollte Mr. Forest fragen;
aber Dr. Kolb bat uns, ihn nicht zu unterbrechen, weil es gelte, die
Wandelbilder zu erläutern.
»Hier links das sogenannte Burgtheater, von Meister Hasenauer, --
man nannte diese Herren im verrückten 19. Jahrhunderte alle Barone
oder Freiherren. Der junge Mann, der dort hoch oben auf der Mauer
sitzt, als wäre er von des Nachbars Garten herübergestiegen, wo er
Kirschen gestohlen, ist der Gott Apollo, und da wir zu nahe am Theater
vorüberfahren, entgehen euch kostbare Merkwürdigkeiten, die auf
dem Dache angebracht sind. Nämlich ein allerliebstes Lusthäuschen,
um das sich ein munterer Blasengel dreht, der im Uebereifer immer
dorthin bläst, wohin ohnedies der Wind zieht. Ferners stehen auf
zwei Dachreitern je zwei waghalsige Genien, welche Kränze zum
Kaufe auszubieten scheinen, aber nicht herabsteigen, sondern uns
hinauflocken wollen. Im Hintergrunde des Parkes rechter Hand steht
das ehemalige Rathhaus mit dem Reiterbild Franz Josef des Standhaften
über dem Portal und dem kupfernen Wächter auf der Thurmspitze. Auch
vom Gemeinderathe und Bürgermeister jener entschwundenen Epoche weiß
man nichts mehr. Die Archive aber erzählen wunderliche Dinge über
die städtische Verwaltung und die kleinlichen Geschäfte, welche
von einer Unzahl von Magistratsräthen, Sekretären und Praktikanten
besorgt werden mußten. Der Rathssaal ist noch erhalten und die
Castellane zeigen den Sitz, von dem aus Dr. Karl Lueger, ein Ahne
unseres Professors, gegen den damaligen Bürgermeister, Dr. Johann
Nepomuk Prix, der auch als Baron gestorben sein soll, donnerte, aber
vergeblich, denn Dr. Karl Lueger war immer Führer einer Minorität,
die er sich unter den verschiedensten Bezeichnungen zusammenzutrommeln
wußte. Da er aber weder im Rathhause auf den Bürgermeisterstuhl,
noch im Abgeordnetenhause, das wir hier sehen, auf die Ministerbank
kommen konnte, hat er in alten Tagen alle Mandate eigensinnig von sich
gewiesen. -- Das Abgeordnetenhaus ist auch von Theophil Hansen erbaut,
den ich euch als Erbauer des ehemaligen Börsengebäudes nannte. Im
ehemaligen Rathhause wohnen heute die obersten Volkstribunen mit ihren
Sekretären und das Abgeordnetenhaus dient zuweilen zu parlamentarischen
Versammlungen, wenn das Volk über größere technische Projekte nicht
durch gemeindeweise Abstimmung entscheiden will und aus jedem Kreise
drei Abgeordnete mit Vollmacht entsendet.«
»Sonst tagen unausgesetzt gelehrte Versammlungen und europäische
Congresse in diesem Bau, weil die Sitzungssäle und Conferenzzimmer
dazu geeignet sind. Man erzählt sich übrigens, daß die Sitzungssäle
im vorigen Jahrhunderte gänzlich umgebaut werden mußten, weil eine
Spezialität dieses Hauses die war, daß man in jenen Sälen sein eigenes
Wort nicht verstand, geschweige denn einer längeren Rede hätte folgen
können. Auch das ehemalige Abgeordnetenhaus ist von vorzüglichem
Material erbaut und ihr müßt nicht glauben, daß die Stufen, die da
hinanführen, oder die Postamente etwa dem Wetter nicht trotzen könnten
oder gar große Stücke herausfielen und häßliche Löcher entstünden,
wenn es friert. Allerdings wird das meiste im Winter in warme Decken
gehüllt und mit Brettern bedeckt, was aber auch einen reizenden Anblick
gewährt. Der Bau hat auch eine meteorologische Bestimmung, denn
inmitten der Marmorbildsäulen, die um den Rand des Daches herumstehen,
hat man eine gewaltige Esse angebracht, aus der immer dicker Rauch
hervorqualmt, den der Wind der einen oder der anderen Statuenkolonne in
den Rücken weht. Daran kann sich der Wiener an den Fingern abzählen,
woher der Wind weht, und schlägt der Wind dann um, so steigen die
Hauswärter hinauf und machen die Statuen wieder blank. Hier links
schimmert durch die Bäume des Volksgartens die Statue des Dichters
Grillparzer herüber, etwas sonderbar von einem Ofenschirm begleitet,
mit dem man sich aber gerne aussöhnt, wenn man die herrlichen
Hautreliefs darauf von Meister Weyr betrachtet. Und nun kommen wir zur
Hofburg, in welcher der Kaiser residirt, mit dem Forum, den Museen,
und im Hintergrunde, an der Stelle des ehemaligen Hofstallgebäudes,
seht ihr den Centralregierungspalast. Die Museen hat der berühmte
Baumeister Semper entworfen und auch theilweise gebaut, den Bau aber
nach seinem Tode Meister Hasenauer beendet. Von diesem wahrscheinlich,
dessen Phantasie immer das Beste auf den Dächern anzubringen wußte,
stammen die großen Kuppeln, die je von vier reizenden Kindern begleitet
sind, welche wahrscheinlich die Aufgabe haben, sich zu großen
Kuppeln auszuwachsen und dann der Reihe nach einzurücken, wenn die
großen einstürzen. Statuen sieht man überall. Entweder sind sie als
Säulenheilige auf ungeheuren Postamenten angebracht und legen rühmliche
Proben von Schwindelfreiheit ab, oder sie stehen knapp hinter der
Dachrinne am Rande der Dächer und sehen neugierig auf die kleinen Leute
herunter, welche auf der Straße herumlaufen. Es ist das gewissermaßen
ökonomisch, denn man erspart die Tafel, auf welche man zu schreiben
pflegt: »Man bittet, die Statuen nicht zu berühren und ihnen nicht mit
den Schirmen die Nasen abzustoßen.« Die Anordnung der Statuen hatte
im 19. Jahrhundert offenbar einen militärischen Charakter. Auf dem
Abgeordnetenhause sind sie in Linien ausgezogen und man meint, den
Major anreiten zu sehen, der mit dem Säbel winkt, der Flügelmann solle
das Knie und der dritte Mann dort die rechte Hand hereinnehmen. Bei der
Votivkirche stehen die Heiligen und Apostel eingepreßt nebeneinander,
als gälte es ein Carré zu bilden, um gegen eine berittene Legion Teufel
Stand zu halten. Das wird aber, ich zweifle nicht, in den Gesetzen der
Schönheit vollkommen begründet sein.«
»Uebrigens, Freunde,« sagte Dr. Kolb lachend, »wir lieben unser Wien
und wenn wir einiges daran tadeln, hoffen wir, daß unsere Gäste die
Schönheiten nicht übersehen werden, von welchen zu sprechen uns nicht
zusteht. Wir haben in Wien zwar eine böse Zunge, aber ein gutes Herz
und in bösen Zeiten haben sich die Wiener oft mit einem Scherz über
großes Unglück hinweggeholfen.«
»Wie ihr seht, ist das ganze ungeheuere Forum, das früher durch Mauern
und ein monumentales Thor abgetheilt war, mit Reiterstatuen und mit den
Bildsäulen berühmter Männer besetzt, die im Wettstreit ihre Nebenbuhler
besiegt und erste Preise davongetragen haben. Es regt das nicht wenig
den Ehrgeiz an. Lasset euch nicht die herrlichen und weltberühmten
Mosaiken entgehen, die die ganze Fläche dieses Riesenraumes durchziehen
und an welchen fünfzig Jahre gearbeitet wurde.«
Nun zeigte uns Dr. Kolb auf einem polychromen Kunstblatte die
Abbildungen der Mosaiken, die wir später auf unserer Fußwanderung
näher in Augenschein nehmen sollten, und wir fuhren an der alten
Oper, einem nicht sehr geschmackvollen großen Baue, und vielen neu
errichteten öffentlichen Bauten vorbei, die einen viel großartigeren
Charakter zeigten, als die Bauten der älteren Periode, dann den
Donaukanal entlang wieder zur alten Börse zurück, um nun auszusteigen
und im nächstgelegenen Quartier, wo wir uns legitimirten, das zweite
Frühstück einzunehmen. Dann pilgerten wir zu Fuß nach der Votivkirche,
besahen den Hofraum der Universität mit den zahllosen Standbildern
und Büsten berühmter Lehrer, erfreuten uns im Rathhausparke an den
Spielen der Kinder, die da zu tollen pflegen, betraten das alte
Rathhaus und den Sitzungssaal, wo auf dem Pulte des Dr. Lueger die
letzte Rede dieses Mannes, der sich seinerzeit als Volksredner und
durch unermüdliche parlamentarische Thätigkeit großes Ansehen erworben
hatte, angeheftet zu lesen war, und hörten in einem Berathungssaale
des alten Abgeordnetenhauses von der Gallerie aus den Verhandlungen
eines hygienischen Congresses zu, zu welchem einem Anschlage zufolge
nur Männer Zutritt hatten, um dann das Forum in Augenschein zu nehmen.
Dr. Kolb führte uns vor eine in der Mitte des Forums aufgestellte im
Sonnenlichte spiegelnde Säule und sagte: »Das ist die Schandsäule
der begrabenen Wirthschaftsordnung, die auf Privatbesitz und Handel
aufgebaut war.« -- Diese Säule hat einen Durchmesser von einem Meter[A]
und eine Höhe von 9,23475 Meter und ist aus purem Golde. Die Inschrift
lautet:
»Diesen werthlosen Goldklumpen hat Oesterreich im Jahre 1893 aus
Frankreich und England bezogen und sich dafür zu einem Jahrestribut an
Nahrungsmitteln für 50000 Menschen verpflichtet.«
»Diese Säule, deren Bewachung im 19. Jahrhunderte eine Armee erfordert
hätte, steht unangefochten und unbewacht seit dem Jahre 1943 auf dieser
Stelle. Am Fuße dieser Säule hat jeder Regent bei Antritt der Regierung
vor versammeltem Volke den Schwur zu leisten, daß er die Rückkehr zur
alten Wirthschaftsordnung verhindern und nach keinem persönlichen
Eigenthume streben wolle.«
Wir wunderten uns, daß man das Gold nicht doch ausmünze, um Waaren aus
Amerika oder China zu beziehen, wo noch Gold im internationalen Handel
verwendet wird, aber Dr. Kolb belehrte uns darüber, daß nunmehr auch
das Gold, wie ehemals das Silber nur in beschränktem Maße ausgemünzt
werde und demnach auch das Gold als Metall keinen erheblichen Werth
mehr habe. Würden aber die europäischen Staaten ihre alten Goldvorräthe
auf den Markt bringen, so müßte das Metall auch im Welthandel auf ein
Fünftel herabsinken. Man behalte sich also vor, das vorhandene Gold zu
Schmuck und Geräthen zu verarbeiten, aber vorläufig thue es bessere
Dienste in der greifbaren Demonstrirung seiner Werthlosigkeit.
Es war nahezu 5 Uhr, als wir mit dieser Besichtigung zu Ende gekommen
waren, und als wir den Straßenbahnwagen besteigen wollten, händigte
uns ein Fremdenführer, deren es überall auf der Straße gibt und die
angesehene Leute sind, welche in Pension stehen und für die Erlaubniß,
sich in Wien niederzulassen, kleine Nebendienste verrichten, je ein
Prachtalbum mit der Aufschrift: »Erinnerung an Wien« ein, in welchem
herrliche Bilder aus Wien, besonders die polychromen Darstellungen der
Mosaiken des Forums, enthalten sind. Auf dem Album war der Tag unseres
dortigen Besuches eingetragen und mit der Unterschrift der obersten
Staatsverwaltung beglaubigt, daß dieses Album dem fremden Gaste, --
dessen Namen einzutragen frei stand, -- am Tage seines Besuches auf dem
Forum war ausgehändigt worden.
Wir fuhren in unser Quartier, wo wir viele Amerikaner trafen, speisten,
badeten und dann ein wenig auf unseren Zimmern ruhten, um nach
halb sieben Uhr wieder den Waggon zu besteigen und nach der alten
Universität zu fahren. Wir kamen durch die berühmte Säulenhalle, welche
glänzend erleuchtet war, über die rechtsseitige Stiege mit den breiten
Absätzen und broncenen Candelabern in einen Corridor, wo Fürst Hochberg
grüßend an uns vorüberhuschte, der die __venia legendi__ hatte und von
Königstetten hereingefahren war, um einen Vortrag über Buddhaismus
zu halten und lenkten unsere Schritte nach dem Saale XXXIX, wohin
eben viele Besucher strömten. Die Sitzplätze, etwa hundert, füllten
sich rasch und lautlos, denn es war keine Vorlesung für Studirende,
sondern für das große Publikum, und mit dem Schlage sieben Uhr trat
Professor Lueger eilends ein und bestieg sein Pult an der Schmalwand,
wohin scharfes Licht fiel, während im selben Augenblicke der Saal sich
verfinsterte.
Der Professor begann:
»Geehrte Zuhörer! Ich habe heute einen Vortrag über Franz Josef den
Standhaften zu halten, der über 70 Jahre, vom Jahre 1848 bis tief in
das 20. Jahrhundert hinein, regierte und als 18 jähriger Jüngling
die Regierung unseres Reiches übernahm. Er war vom besten Willen
beseelt, ritterlich gesinnt und, da er das Reich in größter Unordnung
vorfand und selbes aus einer beinahe mittelalterlichen Verfassung
in eine ganz veränderte Gestaltung hinüberzuführen hatte, nahm er
den Wahlspruch an: ‘__Viribus unitis__.’ -- Wie ihr sehen werdet,
behielt er, was er sich vorgesetzt hatte, zwar unverrückt im Auge,
aber das Ziel schien lange unerreichbar und viele verzweifelten an dem
Unternehmen, mitten unter Staaten, die nach dem damaligen Zuge der
Zeit sich national abrundeten, ein Reich zu kitten, das ein Endchen
Italien, ein Stück Deutschland und ein großes Stück Slavien umfaßte
und ein ugrofinnisches Reich eingeschlossen umfing, welches zwar keine
centrifugale Tendenz haben konnte, aber allen Verschmelzungsversuchen
einen störrischen Nacken entgegensetzte und auf seinem Territorium
Deutsche und Slaven minorisirte, wie man damals ironisch sagte,
nämlich den Willen der geringeren Zahl einer uneinigen Mehrheit auf
constitutionellem Wege tyrannisch aufzwang. Wir lachen heute über die
politischen Winkelzüge von damals, da wir gelernt haben, über die
nationalen Unterschiede hinwegzukommen; aber es ist ein psychologisch
merkwürdiges Bild, dieser zähe und gleichmüthige Fürst im Kampfe
mit so vielen Nationen und Natiönchen, die alle nach der Hegemonie
trachteten oder eifersüchtig darauf waren, dem Uebergewichte anderer zu
entgehen, und wie der Schiffer oft, um die Ladung zu retten, Ballast
auswerfen muß, hat Kaiser Franz Josef I., der wegen seines Sieges über
unglaubliche Schwierigkeiten nach seinem Tode mit dem geschichtlichen
Namen »der Standhafte« ausgezeichnet wurde, oft Opfer bringen müssen,
nicht ohne mehr als einmal am Rande von Klippen in stürmischer Zeit
vorüberzusegeln, die ihm das Steuer brachen, während die Masten über
Bord fielen.«
Nach dieser Einleitung entwickelte der Professor die Geschichte
Oesterreichs bis zum Regierungsantritte des Kaisers Franz Ferdinand,
der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundertes hinein regierte
und der vierte Vorfahr des gegenwärtig regierenden und im Jahre
1980 geborenen Kaisers Rudolf Max war. Der Redner schilderte den
Sieg Franz Josefs über die italienische und ungarische Insurrektion
und den vorübergehenden Sieg über die Politik der Hohenzollern,
ging dann zur Vermählung des Kaisers Franz Josef mit der bairischen
Prinzessin Elisabeth über, zergliederte die Politik des Ministers
Bach, der zuerst vergöttert wurde und nach seinem Sturze in völlige
Vergessenheit gerieth, zeigte die Oktroyierung, dann Aufhebung der
ersten Gesammtverfassung, den grollenden Widerstand der ungarischen
Nation, erwähnte den Mordanfall des Ungarn Libeny, der Anlaß bot,
die Entstehung der nahegelegenen Votivkirche zu erwähnen, die man
vom Hörsaale aus im Abendlicht träumerisch stehen sah, und sagte
dann, daß die Regierung bis zum Jahre 1859 erfolgreich schien, als
Sardinien im Vereine mit Frankreich, das der verschmitzte Napoleon III.
regierte, in Waffen aufstand und Kaiser Franz Josef, nachdem er mit
der Schlacht bei Solferino den Feldzug verloren glaubte, mit Verlust
einer Provinz Frieden schloß. Wir hörten dann die ersten Versuche
schildern, zu constitutionellen Formen wirklich überzugehen, den Trotz
der Ungarn, die ihre alte Sonderverfassung begehrten, die Sistierung
der Verfassung, den unglücklichen Feldzug gegen Italien und Preußen
und dann wieder die erneuerte Aufnahme der bis dahin erfolglosen
Bestrebungen. Daran knüpften sich einige höchst dramatische Episoden
aus dem Leben des Kaisers und aus der Geschichte seiner Familie, die
Verbrennung einer Prinzessin aus der Familie des Erzherzogs Albrecht,
das verunglückte Unternehmen des Erzherzogs Ferdinand Max, der auszog,
ein Reich in Amerika zu gründen, und, als Aufwiegler verurtheilt, bei
Queretaro den Ehrgeiz mit dem Leben bezahlte, die Figur der Kaiserin
Charlotte, welche ihr Leben im Wahnsinn endete, den plötzlichen und
nie ganz aufgeklärten Tod des hoffnungsvollen Kronprinzen Rudolf,
wodurch der Kaiser um den einzigen direkten männlichen Erben gebracht
wurde, und wir sahen den berühmten Habsburger unter all diesen Stürmen
ungebrochen auf dem hin- und hergeworfenen Schiffe ausharren, über
seiner Pflicht seines unermeßlichen persönlichen Leids vergessend,
bis ihn neue Keulenschläge des Schicksals trafen, als er, großmüthig
seinen nicht schuldlosen Gegnern die Hand zum Bunde reichend, in den
fürchterlichsten Krieg verwickelt wurde, den die Welt gesehen, und wie
er, obwohl er am Schlusse wieder siegreich seine Stellung behauptete,
mit blutendem Herzen sehen mußte, wie russische Reiterschaaren im
gesegneten Oesterreich hausten, ganze Provinzen verwüstet wurden,
rauchende Trümmer ganz Polen und halb Ungarn bedeckten und die
Bevölkerung des eben wieder aufblühenden Reiches decimirt wurde,
so daß Oesterreich erst zu Anfang des 21. Jahrhunderts wieder die
Bevölkerungsziffer vom Jahre 1890 erreichte. Während dieses letzten
Sturmes, der auch Deutschland, Frankreich und Italien an den Rand des
Abgrundes brachte und die Thorheit der Oesterreich feindlichen Politik
ein zweitesmal erwies, war Oesterreich so erschöpft worden, daß die
alte Gesellschaftsordnung sich nicht mehr halten ließ und eine neue
eingeleitet werden mußte, die dem Staate unerschöpfliche Hilfsquellen
eröffnete, weil sie dem Selbsterhaltungstriebe der Staaten alle jene
wirthschaftliche Macht verlieh, welche vordem in den Händen einer
tollen Plutokratie dazu diente, kindische Privatlaunen zu befriedigen.
Die fesselnde Schilderung dieser merkwürdigen Regierungsepoche
verfolgte das Auditorium mit ungetheilter Aufmerksamkeit, und nachdem
die ganz natürliche Veränderung der Gesellschaftsordnung in ihrer
Entstehung, ihrem Fortschritte und ihrer schließlich siegreichen
Durchführung dargelegt worden war, folgte eine psychologische Skizze
des Monarchen jener Epoche die als ein philosophisches Cabinetstück zu
betrachten war und frenetischen Beifall entfesselte. Der Vortragende
zeigte die Ursachen, warum dieser merkwürdige Fürst solange und am
meisten in Oesterreich verkannt wurde und welche Charakterstärke und
welches antike Pflichtgefühl dazu gehörte, unter solchen Verhältnissen
auszuharren. So groß auch nach dem Urtheile aller Zeitgenossen und dem
Zeugnisse aller, die mit dem Kaiser arbeiteten, seine vielseitigen
Talente und seine politische Begabung waren, so war doch sein Charakter
noch weit mehr anzustaunen. Die unerreichte Selbstbeherrschung und die
Versöhnlichkeit dieses Monarchen, wodurch mehr als _=ein=_ boshafter
Gegner überwunden wurde, sowie die Arbeitskraft und Ausdauer, die Franz
Josef I. in persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten bewies, haben
ihm den Beinamen des Standhaften erworben.
Zum Schluße erwähnte Professor Lueger, wie wir von Dr. Kolb wissen,
ein Urenkel des Dr. Karl Lueger, dessen Andenken uns Chroniken und
Spottlieder seiner Gegner erhalten haben, einer Legende über das Haus
Habsburg. Er sagte, man behaupte, daß schon Kaiser Josef II. und nach
seinem Beispiele Kaiser Franz Josef I. eine geheime Geschichte ihrer
Regierung und der damit zusammenhängenden politischen Ereignisse und
Familienerlebnisse schrieben, die niemand als dem jeweilig regierenden
Familienoberhaupte zugänglich war. Sie wurde mit dem umfassendsten
Urkundenmateriale belegt und der regierende Fürst suchte in den
begleitenden Memoiren sich selbst auf das gewissenhafteste klar
zu machen und den Nachfolgern zu überliefern, inwieweit Irrthum,
Uebereilung und Leidenschaft des Regenten Antheil hatten an den
Unglücksfällen, die das Reich und das Haus trafen. So bildete sich die
Dynastie selbst und erzog sich zu einem Amte, das an Schwierigkeit
seines gleichen nicht hatte auf dem ganzen Erdenrunde und seit
Entstehung des Menschengeschlechtes. Die beschränkten Zeitgenossen
des Monarchen hatten aber diese Schwierigkeiten niemals in Rechnung
gezogen, sondern Erfolg an Erfolg gemessen, als ob jede Aufgabe gleich
schwierig wäre.
__Take it all in all, he was a man!__
Der Professor schloß und verabschiedete sich mit einer freundlichen
Handbewegung; der Saal erglänzte wieder in strahlendem Lichte und
wir wollten eben über die Rampe nach einem Straßenbahnwagen eilen,
als wir vom Hauspersonale benachrichtigt wurden, daß ein heftiger
Regen niederprassle und wir über Stiege VI den Ausgang nach der
Universitätsstraße nehmen möchten, wo die Waggons unter einer
gedeckten Vorhalle anfuhren. Es waren über fünfzig bereit, welche
alle Besucher der Abendvorlesungen, an tausend Fahrgäste, aufnehmen
konnten, und wir theilten uns nach einem sinnreichen Verfahren in
Gruppen nach Quartieren, wozu anwesende Ordner die Anleitung gaben.
Als die Gumpendorfer Quartiere an die Reihe kamen, nahmen wir Platz,
um heimzufahren. In der Mitte der Gumpendorfer Quartiere hielten wir
unter einer gedeckten Halle aus Eisen und Glas und kamen durch eine
unterirdische gedeckte Verbindung nach unserem Quartier. Man sagte uns,
daß man von jedem Hause nach jedem Hause, auch zu den Palästen in der
ehemaligen inneren Stadt, dem jetzigen Adelsviertel, bei schlechtem
Wetter trockenen Fußes kommen könne und daß die Straßenbahnwagen
zwar nicht über die Grenze des Adelsviertels verkehrten, aber zur
Zeit der Empfänge Wagen genug aufgestellt seien, welche die Gäste
von den Aussteigehallen nach der Burg oder den Palästen der Adeligen
beförderten. Es sei das zwar eine nicht geringe Arbeit, da oft an
50,000 Menschen zu befördern wären, aber es seien über 1000 Wagen zur
Verfügung und sie hätten nur kurze Strecken zurückzulegen. Uebrigens
gehe man daran, die Tramway durch dieses Viertel, das nur ein großer,
mit Palästen gezierter Park sei, zu führen, da man die Erfahrung
gemacht habe, daß dieses Verkehrsmittel pneumatisch betrieben und
die Schienen durch Gärten geführt werden könnten, ohne diese zu
verunstalten.
Nach dem Abendmahle stiegen wir über eine der hohen Treppen in das
erste Stockwerk, wo wir uns leicht zurecht fanden, weil der Grundriß
aller dieser öffentlichen Gebäude ähnlich ist, und gelangten in den
Bibliothekssaal, der die Mitte des ersten Stockwerkes einnimmt und von
kleineren Sälen umgeben ist, welche in den Gemeinden großentheils als
Schulzimmer benützt werden, aber in den hauptstädtischen Quartieren
als Spielzimmer, kleinere Lesecabinete und zu Vorlesungen vor kleinem
Auditorium dienen. Der Bibliothekssaal, der seinem eigentlichen
Zwecke nur entzogen wird, wenn wichtige politische Versammlungen der
ganzen Gemeinde oder Schlußabstimmungen stattfinden, ist hoch hinauf
mit Bücherschränken bekleidet, in welchen sich auch Repositorien
für Karten und Stiche befinden, und der in diesem Saale angestellte
Ordner zeigte uns, daß die Bibliothek schon 10136 Bände zähle. Wir
nahmen einige amerikanische Zeitungen und Bücher, womit wir uns in ein
leerstehendes Nebengemach zurückzogen, um zu lesen. Es erregte unsere
Aufmerksamkeit, daß dieser kleine Saal, zu dem nur eine einzige Thüre
führte, eine kleine Bibliothek enthielt, und in den Kästen sich nur
blau gebundene Werke befanden. Dr. Kolb sagte uns, daß alle Bücher,
die etwas enthalten, was vor Kindern und jungen Leuten geheimgehalten
werden müsse, in blauen Bänden zur Aufstellung käme und daß auch
solche Zeichnungen und dergleichen auf dieselbe Art kennbar gemacht
würden. Solche Bücher, Zeichnungen, Modelle &c. würden in der kleinen
Bibliothek verwahrt, zu welcher die jüngeren Leute und Kinder keinen
Zutritt hätten, und es könne aus dieser Bibliothek nur an zuverlässige
Personen etwas verliehen werden. Die Frauen wieder bänden ihre
Geheimliteratur roth und in ihren Privatlesesaal hätten auch Männer
keinen Zutritt. Uebrigens stehe der Antrag in Verhandlung, Kindern
gegenüber größere Offenheit walten zu lassen, da man erwarte, daß sich
auch da die Vernünftigkeit eines Abhärtungssystemes erweisen werde,
vorausgesetzt, daß es schon vor Eintritt der Pubertät zur Geltung kommt.
Wir geriethen nach einer Weile wieder in ein Gespräch mit Dr. Kolb,
der uns Aufschluß über das Bibliothekswesen und den Bücherverlag gab.
Er sagte, die Reichscentralbibliotheksverwaltung zähle 300 ständige
Beamte. Diese könnten aber natürlich nicht die unermeßliche Menge
der immer aus dem Auslande zuströmenden Werke lesen und sich so auf
dem Laufenden erhalten, daß sie jedermann Aufschluß geben könnten,
der sich über einen Zweig der Wissenschaft oder Literatur orientiren
wolle. Sie hätten genug mit der Katalogisierung und alljährlichen
Ergänzung der gedruckten Kataloge und deren Neuherausgabe,
welche alle 10 Jahre stattfindet, zu thun, auch liege ihnen die
Bücherversendung aus den Centralbibliotheken und die Oberaufsicht
über die Provinzbibliotheksverwaltungen ob, die wieder in einem
ähnlichen Verhältnisse zu den Kreisbibliotheken stünden. Die Kataloge
seien gedruckt, umfaßten viele Bände und würden in jedem Lesesaale
aufgestellt. Wie Gemeinde-, Bezirks-, Kreis- und Provinzbibliotheken
zu dotieren sind, ergebe sich von selbst aus bibliothekstechnischen
Grundsätzen und würden übrigens aus jeder Bibliothek Bücher versendet,
wenn sie entbehrt werden können. In Wien sei ein Röhrensystem
errichtet, wodurch es möglich wird, in kürzester Zeit Bücher aus den
Hauptbibliotheken in die Lesesäle der Quartiere zu befördern. Dazu
bediene man sich der Pneumatik. Die Menschenarbeit bestehe nur darin,
die Bücher in die Wagen zu legen und diese in die Mündung der Röhren
einzuführen. Jede Centralbibliothek habe 35 Lesesäle zu bedienen.
In den Gebäuden der Centralbibliotheken selbst seien zahlreiche
Arbeitszellen errichtet, in welchen Gelehrte, Künstler und auch andere
Personen sich eine Handbibliothek zusammenstellen lassen können, um
ungestört arbeiten zu können.
Wir berechneten, wieviele Bücher Oesterreich brauche, wenn mehr
als 40000 Lesesäle, die Oesterreich besitzt, mit so großen Mengen
von Büchern dotirt sind, und noch so bedeutende Reservoirs in
großen Centralbibliotheken bestehen, aber Dr. Kolb sagte, daß die
Landgemeinden durchaus einen geringeren Bibliotheksstand hätten und nur
die Bezirksbibliotheken, deren es 2000 gäbe, reichhaltig ausgestattet
seien. -- Zwirner habe ihm übrigens erzählt, daß nach seinen
Forschungen schon im 19. Jahrhunderte Deutschland allein jährlich über
6000 Werke von oft vielen Bänden und großen Auflagen druckte und man
also wohl auf eine Jahresproduktion von 10 Millionen Bänden jährlich
in Deutschland für jene Epoche schließen könne. Die vergleichsweise
Bücherarmut jener Zeit sei nur daraus erklärlich, daß die Bücher
meist jahrelang bei Buchhändlern müssig standen, dann kaum einmal
gelesen wurden und wieder in Privatbücherregalen verstaubten, während
jetzt jeder Band aus der Buchbinderei in die Bibliothek wandert.
Die Jahresproduktion betrage jetzt in Oesterreich alljährlich 40
Millionen Bände, also etwa viermal soviel, als im 19. Jahrhunderte in
Deutschland, und etwa 20 Millionen Bände würden jährlich ausgemustert
und wieder in die Papierfabriken geliefert, daher der Jahreszuwachs
20 Millionen Bände beiläufig betrage, und da dieser Zuwachs in den
letzten 20 Jahren constant blieb, so ergebe das allein für diese
Jahre 400 Millionen Bände und erhöhe sich die Mannigfaltigkeit der
Werke erstaunlich durch den internationalen Tausch, beziehungsweise
internationalen Buchhandel, der meist 5 Millionen Bände im Jahre
betrage. Es belaufe sich die Zahl der jährlich aufgestellten
inländischen und ausländischen Werke auf 50000. -- Außerordentlich
verschieden allerdings sei die Zahl der Exemplare, da man von manchen
Werken 45000 Exemplare auflege, von vielen ausländischen Werken
aber nur ein einziges beziehe. Wir bestritten die Möglichkeit,
die Jahreskataloge im Drucke zu veröffentlichen, aber Dr. Kolb
versicherte, er habe bei Zwirner einen Waarenkatalog von einem gewissen
Rix in Wien aus dem 19. Jahrhunderte gesehen, worin Kinderspielwaaren
und anderer Tand bis zu einem Preise von 5 Kreuzern verzeichnet waren.
Viel mehr als das könne man für die Literatur thun. Uebrigens werden
chinesische, japanische und andere Werke der fremdesten Literaturen
meist nur summarisch der Zahl und dem Gegenstande nach am Schluße des
Katalogs erwähnt.
Wir glaubten, eine Jahresproduction von 40 Millionen Bänden müßte
die nationalen Papiervorräthe erschöpfen, aber auch das widerlegte
Dr. Kolb, indem er darauf verwies, daß man den Papierverbrauch in
Oesterreich schon im Jahre 1890 auf 3-1/2 Kilogramm per Kopf der
Bevölkerung berechnete und jetzt betrage er 5 Kilogramm per Kopf. Da
nun der Papierverbrauch per Band durchschnittlich nicht einmal ein
halbes Kilogramm betrage, sei es leicht ausführbar, für jeden Kopf der
Bevölkerung einen Band jährlich zu präliminiren.
Das führte uns noch einmal auf das Verlagswesen, worüber uns
Zwirner erschöpfende Mittheilungen nicht gemacht hatte. Dr. Kolb
sagte, es seien für den öffentlichen Verlag 3000 Werke mit 40
Millionen Einzelbänden jährlich präliminirt und sei das Verlagsrecht
gewissermaßen budgetmäßig auf Civilliste, Reich, Provinzen, Kreise
aufgetheilt und könne sogar jede Gemeinde nach einem 40 jährigen
Turnus einen Band auf Rechnung des öffentlichen Verlags in 1000
Exemplaren drucken lassen. Der Verfasser reiche also das Manuscript
der Centralregierung ein, welche die ausgestoßenen Manuscripte an die
Provinzverwaltungen gebe und so weiter. Aber der Verfasser könne sich
auch direct an die Civilliste oder einen Kreis, eine Gemeinde &c.
wenden. Wer seit fünf Jahren Mitglied des literarischen Vereines sei,
könne 1000 Exemplare eines einbändigen Werkes auch in Druck legen, ohne
jemandes Erlaubniß einzuholen.
Das verhalte sich so. Wie schon erwähnt, können die Bibliotheken ihre
Arbeit unmöglich vollkommen bewältigen. Sie würden zwar von Professoren
und Studenten unterstützt, aber auch das genüge nicht und man habe
daher einen literarischen Verein gegründet, der jetzt weit über 50000
Mitglieder in allen Theilen des Reiches zähle und sich nach Sprachen
Wissenschaften und Literaturzweigen in Sectionen und Unterabtheilungen
gliedere.
Die Regierung stelle dem Vereine ein Centralbureau, das sich derzeit
in St. Pölten befinde, eine Druckerei und Buchbinderei und jährlich
eine bestimmte Menge Druckpapier zur Verfügung und könne der Verein
einmal jährlich 100 Werke auswählen, die auf Rechnung des öffentlichen
Verlages gedruckt werden, er könne aber auch selbst Werke drucken.
Letztere Werke müßten die Mitglieder, welche sie verfaßt haben, selbst
setzen und es machten daher nicht viele von dem Verlagsrechte Gebrauch.
Der Verein habe dagegen der Regierung gewisse Dienste zu leisten.
Sie weise den Mitgliedern Manuskripte zur Begutachtung und die
ausländischen Werke zur Bearbeitung für die Bibliothekszwecke zu. Alle
Vereinsthätigkeit sei aber freie Wirksamkeit und könne in die geregelte
Arbeitsleistung nicht eingerechnet werden.
Es war Mitternacht und wir ergingen uns noch im Mondscheine im Garten
und Dr. Kolb, der als alter Herr aufstehen kann, wann es ihm gefällt,
war so gut, uns noch Gesellschaft zu leisten, wobei er uns auf die
Straße führte und zeigte, daß eben jetzt der Lastenverkehr beginne,
der Waaren und Vorräthe von den Bahnhöfen in die Quartiere bringe
und dann den Unrath wegschaffe, was täglich geschehe. Der letztere
Dienst gehe nur junge Leute der bestimmten Altersklassen an, aber die
meisten hauptstädtischen Dienstleistungen würden, wie wir schon gehört
hatten, von den alten Herren des Arbeiterberufes besorgt. Es lebten
an 60-70000 solcher Pensionisten in Wien, welche aber meist wieder
nach einigen Jahren auf diese Art von Pfründe verzichteten, weil die
Oesterreicher es nicht lange in einer Großstadt aushielten. Von jenen
Pensionisten hätte jeden Tag in der Woche der siebente Theil Dienst,
trüge gewisse Abzeichen und besorge neben der Aufsicht auf den Straßen
und in den öffentlichen Gebäuden manche hauswirthschaftliche Arbeiten,
den Briefdienst u. s. w., insbesondere auch die Schneesäuberung und die
Lenkung der Wagen und Pferde. Jeder Aeltere wähle sich den Standort,
der ihm gefällt, und die Jüngeren müßten die zugewiesenen Arbeiten
übernehmen.
Eben waren die Unrathsgefäße weggefahren worden und die jüngeren
Männer, die den Dienst hatten, entstiegen den unterirdischen Canälen.
Dr. Kolb regte den Gedanken an, daß wir uns die Canäle besehen sollten.
Einer der jungen Männer stieg wieder hinab und wir folgten auf einer
eisernen Leiter. Die durch das ganze Quartier verzweigten Canäle sind
mehr als mannshoch, ganz trocken betonirt, können mit Glühlampen
erleuchtet werden und, was uns verwunderte, es war merklich übler
Geruch kaum wahrzunehmen. Die Canäle stehen nämlich mit mächtigen Essen
in Verbindung, in welchen immer Feuer unterhalten wird, und außerdem
setzt man vor dem Abstieg in den Canal einen mächtigen Ventilator in
Bewegung.
Dr. Kolb empfahl sich jetzt und sagte, er müsse am nächsten Tage früh
nach Tulln zur Vorbereitung der Regatta fahren, und es stehe uns frei,
mitzufahren oder uns an eine andere Begleitung weisen zu lassen oder
auf eigene Faust zu flanieren. Letzteres wollten wir wagen und Mr.
Forest sagte leise zu mir, er hätte längst gewünscht, die Begleitung
los zu werden, die uns offenbar jeden Einblick in die Gebrechen der
Zustände entziehe.