Diese letzteren Typen kommen in Nürnberg zuerst bei einzelnen alten

Drucken vom Jahre 1501 und 1502, namentlich »Opera Hrosvite« »Celtis

.... libri amorum« vor, und bei der genauen Uebereinstimmung der zu

diesen Werken gebrauchten Lettern, mit denen, welche Dürer zu den

vorbezeichneten Folgen verwandte, wird man zu der Annahme berechtigt,

daß unser Meister jene zu diesem Zweck erworben hat.

Die Druckerei in Nürnberg, in welcher sie zuerst angewandt wurden, ist

mit Sicherheit nicht bekannt, doch waren diese lateinischen Typen damals

noch selten, und auch an der Stumpfheit derselben bei den Dürer’schen

Drucken im Vergleich zu den erwähnten Werken erkennt man, daß sie durch

früheren Gebrauch abgenutzt waren.[23]

Die Gehülfen, denen Albrecht Dürer im Jahre 1511, selbst durch

vielfache andere Arbeiten in Anspruch genommen, den Abdruck seiner

Holzschnittfolgen überlassen haben wird, sind übrigens oft sehr

nachlässig gewesen, denn die Abdrücke sind auch unter einander

keinesweges gleich, und bei einzelnen Holzstöcken treten noch während

des Druckes kleine Beschädigungen ein, oder werden Fehlstellen sichtbar,

welche dann bei den späteren Abzügen immer bemerkbarer erscheinen.

Im Allgemeinen sind die Abdrücke der großen Passion und der Apocalypse

vom Jahre 1511 die am wenigsten gelungenen, wogegen bei dem Leben der

Jungfrau eine sorgfältigere Behandlung, namentlich auch eine größere

Schärfe der Typen wahrzunehmen ist. Bei der kleinen Passion hat es ohne

Zweifel nachtheilig eingewirkt, daß vier Holzstöcke gleichzeitig auf

einem Papierbogen abgezogen wurden. --

Nach Beendigung des Drucks scheint Dürer den Holzstöcken keine weitere

Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, denn von späteren Abdrücken ohne

Text, welche bei Dürer’s Lebzeiten genommen wären, findet sich keine

Spur. Nur die Holzstöcke der Titel wird Dürer, vielleicht um spätere

Editionen ohne sein Zuthun unmöglich zu machen, zurückgezogen und

besonders bewahrt haben; da von allen vier Folgen -- wie ich bei den

einzelnen derselben nachweisen werde -- diese Titel nicht bei den

übrigen Holzstöcken geblieben, sondern nach Dürer’s Tode verloren oder

in andere Hände übergegangen sind. --

Die Apocalypse.

Die ältesten, als solche mit Sicherheit ermittelten Holzschnitte

Dürer’s, sind die 15 Blatt der Offenbarung Johannis oder der Apocalypse

(Bartsch 61 bis 75), welche derselbe im Jahre 1498 sowohl mit

lateinischem wie mit deutschem Text auf der Rückseite herausgegeben hat.

Für die erste Arbeit dieser Gattung ist es ein eben so umfassendes als

vortreffliches Werk, und der Meister wird wohl mehrere Jahre daran

gearbeitet haben, da meiner, mit C.Fr. von Rumohr[24] übereinstimmenden

Ansicht nach, diese Holzstöcke sämmtlich von ihm selbst geschnitten

sind. Das lebendige des Schnitts, bei der hie und da unverkennbaren

Unsicherheit der Technik spricht dafür, so wie die thunlichste

Vermeidung der Querstriche in den Schraffirungen[25], auch sind, wie

bereits in der Einleitung erwähnt ist, gleichzeitige Holzschnitte

anderer Formschneider von ähnlichem Umfange und derselben

Vortrefflichkeit nicht bekannt.

Diese erste, _ganz_ vollständig, sehr selten vorkommende Ausgabe, ist

neben der großen Reinheit und Schärfe der Abdrücke besonders daran

kenntlich, daß das Papier kein Wasserzeichen, aber sehr bemerkbare

Drathstreifen hat, welche durchschnittlich 15 Pariser Linien von

einander entfernt sind.

Die zweite Ausgabe, welche Albrecht Dürer im Jahre 1511 nur mit

lateinischem Text und unter Hinzufügung des Holzschnitts auf dem Titel,

B. 60, veranstaltete, tritt, in Beziehung auf Schärfe und Reinheit der

Abdrücke, sehr gegen die erste Ausgabe zurück, bei welcher, wie vorher

erwähnt, unser Meister selbst das Schwärzen und Drucken überwacht zu

haben scheint.

Ausserdem ist sie an den Papieren kenntlich, welche die Wasserzeichen

Nr. 27 und 28 haben, auch sind in dem Schriftsatz des lateinischen

Textes einige Abweichungen gegen die erste Ausgabe bemerklich; so steht

unter anderen: Bei dem Text von Bartsch Nr. 64, in der 1. Columne, 4.

Zeile, die Phrase »Item ad terciam figuram«

bei der 1. Edit. über der Ziffer VI.,

„ „ 2. „ über dem Worte Capitulum,

in der 10. Zeile:

1. Edit: super illuz habe,

2. „ sup illum habe;

in der 11. Zeile:

1. Edit: et exivit,

2. „ ⁊ exivit;

in der 12. Zeile:

1. Edit: Et cum,

2. „ Et cū;

in der 2. Columne, 1. Zeile:

1. Edit: Et vidi alterum angelū,

2. „ Et vidi alteꝝ angelum.

Bei dem Text von B. 74 steht in 1. Columne, 1. Zeile:

1. Edit: iohannem,

2. „ Johānem;

in der 4. Zeile:

1. Edit: Itē,

2. „ Item;

in der 6. Zeile:

1. Edit; descē,

2. „ descen;

in der 7. Zeile:

1. Edit: potestatez,

2. „ potestatem. u.s.w.

Vor dieser zweiten Ausgabe hat Dürer von einzelnen Platten Abzüge ohne

Text auf der Rückseite nehmen lassen, doch nach den Papieren, auf

welchen sie vorkommen und die fast durchgehends das Wasserzeichen des

großen Reichsapfels mit Stern, Nr. 24, ausnahmsweise den Ochsenkopf mit

der Blume, Nr. 19, haben, nicht lange Zeit vor dem Druck mit Text. Auch

findet man bei diesen Abdrücken schon einzelne kleine Fehlstellen in den

Einfassungsstreifen, welche bei der ersten Edition noch nicht sichtbar

sind, wohl aber bei der zweiten. Ganze Folgen kommen davon nicht vor und

die einzelnen Abdrücke sind überhaupt sehr selten. Bekannt sind sie mir

nur von den Blättern, B. 61, 63, 64, 65, 74. Nr. 75 ist immer ohne Text.

Diese Abdrücke, von denen man B. 61, 64 und 74 am häufigsten antrifft,

sind, wenn auch nicht ganz so scharf wie die gelungensten der ersten

Ausgabe, sehr kräftig und schön. Besonders malerisch erscheinen die

Abdrücke der Marter des Johannes, B. 61, auf welche Dürer besondere

Sorgfalt verwandt zu haben scheint.

Wenn man die Abdrücke der ersten Editionen vom Jahre 1498 mit Text als

_Ersten Etat_ bezeichnet, so würden die vorbezeichneten Abdrücke ohne

Text der _Zweite Etat_, die Abdrücke vom Jahre 1511 mit lateinischem

Text aber der _Dritte Etat_ sein. --

Von dem Holzschnitt des Titels, B. 60, sind mir nur drei Abdrücke ohne

Text bekannt. Sie haben das Wasserzeichen der zwei verbundenen Thürme

mit Spitze darunter, Nr. 23, und Entfernung der Drathstriche von 12¾

Linien, der Holzstock davon muß sehr bald nach dem Abdruck im Jahre 1511

abhanden gekommen sein. Spätere Abdrücke der Apocalypse ohne Text habe

ich nur selten angetroffen, man findet in dem Papier die Wappen der

Städte Nürnberg und Augsburg als Wasserzeichen. Die Holzstöcke scheinen

daher nicht ferner benutzt zu sein, wenngleich dieselben noch gegen Ende

des vorigen Jahrhunderts in Paris vorhanden gewesen sein sollen.[26]

Häufig trifft man aber die alten Copien vom Jahre 1502 mit dem bei

Heller, pag. 637, abgebildeten Monogramm.

* * * * *

In welcher Reihenfolge nach der Offenbarung Johannis, diejenigen

Holzschnitte Dürer’s gearbeitet sind, welche keine Jahrszahl tragen,

dürfte mit Sicherheit schwer zu bestimmen sein. Heller hat zwar eine

Ordnung derselben versucht,[27] doch ist sie wenig begründet und, wie

ich nachweisen werde, keineswegs stichhaltig.

Zu den früheren Holzschnitten, welche vor der Reise nach Venedig

beendigt waren, gehören unstreitig die Blätter, B. 99, 104, 110 und 112,

so wie die 17 Blatt aus dem Leben der Jungfrau, »unser Frauen-Leben«, B.

77 bis 92 und 95, da diese sämmtlich von Marc Anton mit dem Monogramm

Dürer’s schon um 1506 copirt und in den Handel gebracht waren. Daß Marc

Anton die Copien von dem Leben der Jungfrau jedenfalls früher

anfertigte, als Dürer die ganze Folge der 20 Holzschnitte mit dem Text

im Jahre 1511 herausgab, glaube ich durch Folgendes begründen zu können:

1) Auf der Copie Marc Antons von der Verkündigung, B. 83, befindet sich

rechts oben, unter dem Querbalken des Zimmers, die Jahrszahl 1506,

welche -- da sie auf dem Original-Holzschnitt nicht vorhanden ist --

ohne Zweifel den Zeitpunkt der Vollendung des Nachstichs bedeutet.

Dieselbe Jahrszahl 1506 ist auch auf der Copie Marc Antons von dem

Holzschnitt B. 112, die Heiligen Johannes und Hieronymus, vorhanden.[28]

2) Hätte Marc Anton das Leben der Maria später nachgebildet, so würde er

ohne Zweifel auch die im Jahre 1510 geschnittenen Blätter, B. 93 und 94,

sowie den Titel, B. 76, copirt haben, da diese fast die schönsten

Blätter der ganzen Folge sind und er späterhin die kleine Dürer’sche

Passion ganz vollständig mit dem Titel nachstach.

3) Bereits im Jahre 1508 erlies der Rath zu Nürnberg ein Verbot des

Verkaufs der mit dem Monogramm Dürer’s bezeichneten Nachstiche,[29]

solche mußten daher damals schon im Handel verbreitet sein.

4) Waren die Nachstiche Marc Antons schon im Jahre 1506 vollendet, so

klären sich die Widersprüche wegen der Reise Dürer’s nach Venedig, um

gegen Marc Anton deshalb klagbar zu werden, ganz einfach durch die

bekannte Reise desselben in den Jahren 1506 und 1507 auf. --

Vasari sagt in seinem Leben des Marc Antons[30], daß dieser bei den

Nachstichen von Dürer’schen Holzschnitten mit dessen Monogramm solche so

täuschend nachgeahmt habe, daß, da niemand wußte, die Stiche seien von

Marc Anton, sie für Arbeiten Albrecht Dürer’s gehalten und als solche

feil geboten und gekauft wären. Da man dieses dem Dürer geschrieben und

ihm ein Exemplar dieser Nachstiche gesandt habe, so wäre derselbe so

erzürnt worden, daß er sich aufgemacht habe und nach Venedig gekommen

sei, um bei der Signoria über Marc Anton, welcher sich damals in Venedig

aufhielt, Klage zu führen. Er habe indeß nichts anderes erreicht, als

daß jener nicht ferner, weder den Namen noch das Monogramm Dürer’s in

seinen Arbeiten habe anbringen dürfen. Vasari verwechselt zwar die

Nachstiche der kleinen Passion mit denen des Leben der Jungfrau, indem

er von ersteren anführt, sie seien mit Dürer’s Monogramm versehen,

welches gerade umgekehrt der Fall ist, doch möchte kein Grund vorhanden

sein, an der von Vasari so bestimmt angeführten Veranlassung der Reise

Dürer’s zu zweifeln. -- Ganz übereinstimmend mit dem von Vasari

berichteten Erfolg der Klage Dürer’s bei der Signoria ist es: daß Marc

Anton bei dem Nachstich der ganzen kleinen Passion mit Titel, welcher

erst nach dem Jahre 1511, wo Dürer solche herausgab, erfolgen konnte,

nicht mehr das Dürer’sche Monogramm, sondern sein eigenes Täfelchen

anbrachte.

5) Daß ein Theil der Dürer’schen Holzschnitte zu dem Leben der Jungfrau

schon vor dessen Reise nach Venedig beendigt war, beweist auch die

Jahrszahl 1504, welche sich auf dem schönen Blatte der Umarmung

Joachims, B. 79, befindet, ein Blatt, welches zu den ausgebildetsten und

vollendetsten der ganzen Folge gehört. Bartsch liest zwar die Jahrszahl

1509 und Andere, namentlich Heller, schreiben ihm hierin, wie so oft,

ohne eigne Kritik nach. Doch ist der Irrthum leicht nachzuweisen,

wenn man die bei Dürer gebräuchliche Form der Zahl 9 auf andern

Holzschnitten, z.B: B. 31 und 37 der kleinen Passion, oder auf den

Kupferstichen B. 3, 26 und 58 damit vergleicht, auch stimmt die Form der

Zahl 4 mit der gleichen Zahl auf Dürer’schen Handzeichnungen vom Jahre

1504, namentlich der Verspottung Christi, der Geisselung und der

Kreuzschleppung, in der Sammlung des Erzherzogs Albrecht in Wien genau

überein.

Aus der Periode, in welcher, nach dem Vorhergehenden, Marc Anton die

Holzschnitte von dem Leben der Jungfrau nachstach, ergiebt sich nun

aber, daß Dürer die Abdrücke dieser 17 Blatt eher in den Handel gebracht

hat, als er das ganze Werk im Jahr 1511 mit dem Text herausgab, und wir

haben daher jedenfalls bei dem Leben der Maria einen nachgewiesenen

_Ersten Etat_ vor dem Text.

Die Abdrücke dieses _Ersten Etats_ sind indeß keinesweges nur daran

kenntlich, daß sie keinen Text auf der Rückseite haben, denn es giebt

eine große Zahl von Abdrücken ohne Text, welche erweislich einer viel

späteren Periode angehören.

Das sicherste Kennzeichen ist die Schärfe und Fehlerlosigkeit des

Druckes, welche den besten Abzügen mit Text gleich ist, diese aber in

Klarheit und malerischer Wirkung, in Folge des sorgfältigeren Auftragens

der Farbe und des sorgsameren Druckens bedeutend übertrifft. Ausserdem

gewähren hier die Papiere und ihre Wasserzeichen einen wesentlichen

Anhaltspunkt der Erkennung, denn diese ersten Abdrücke haben entweder

das Wasserzeichen des Ochsenkopfes, Nr. 19 und 20, oder das der hohen

Krone, Nr. 21, dieses am häufigsten, zuweilen auch das der Wage im

Kreise, Nr. 22.

Auch von den im Jahr 1510 geschnittenen Holzstöcken, Nr. 93 und 94,

kommen Drucke ohne Text auf eben diesen Papieren vor, welche -- ihrer

Schärfe und Fehlerlosigkeit nach -- ebenfalls vor der Edition von 1511

abgezogen sind und diesem ersten Etat zugezählt werden müssen.

Der schöne Titel, die Jungfrau mit dem Kinde auf dem halben Monde, B.

76, scheint erst kurz vor der Ausgabe mit Text geschnitten zu sein, denn

es sind davon nur höchst wenige Abdrücke ohne Text vorhanden, welche,

der Klarheit und Schönheit, wie den Papieren nach, für Probedrucke

gehalten werden könnten.

Ob diese aber wirklich vor dem Text oder unmittelbar _nachher_ abgezogen

sind, bleibt zweifelhaft; denn ich habe keinen dieser Abdrücke von einer

solchen Schärfe und Reinheit, namentlich in den Sternen, angetroffen,

wie sie bei den besten Abzügen mit Text vorkommen. Auch ist auf

denselben keine Spur der fünfzeiligen Ueberschrift in großen

lateinischen Buchstaben sichtbar, welche, nach der Ansicht erfahrener

Xylographen auf diesem -- wie fast allgemein anerkannt -- von Dürer

eigenhändig geschnittenen Blatt, von dem Meister selbst eingeschnitten,

nach dem Abdruck mit Text aber von dem Holzstock entfernt ist, wie die

nicht seltnen späteren und stumpferen Abdrücke desselben, welche

Papierrand haben, beweisen.

Die mir zu Gesicht gekommenen anscheinenden Probedrücke vom B. 76 haben

sämmtlich das Wasserzeichen des Ochsenkopfes mit Kreuz und Blume, Nr.

20.

Obgleich von allen Holzstöcken des Lebens der Jungfrau Abdrücke des

Ersten Etats vorhanden sind, so kann man doch nicht wohl, wie häufig

geschieht, von einer _Ersten Ausgabe_ vor dem Text reden, denn ich

glaube nachgewiesen zu haben, daß Dürer diese Blätter theilweise zu

verschiedenen Zeiten in den Handel brachte, auch ist mir bis jetzt --

selbst in den berühmtesten und vollständigsten Sammlungen -- nicht ein

einziges Exemplar vorgekommen, bei dem die Abdrücke _sämmtlich_ von

diesem Ersten Etat wären.

Dürer erwähnt in seinem Tagebuche ebenfalls des Lebens der Jungfrau nur

als großes Buch d.h. mit Text.

Nach Dürer’s Tode kommen dagegen Folgen von Abdrücken ohne Text, von

sämmtlichen Blättern, jedoch mit Ausnahme des Titels vor, welche nach

dem Papier und der Druckweise gleichzeitig genommen und in den Handel

gebracht wurden.

Die Holzstöcke sind bei den ältesten dieser Folgen -- wenngleich in

einzelnen Kleinigkeiten verletzt -- meist noch sehr wohl erhalten, und

man kann manche der oft sehr sorgfältigen Drucke, wenn man nicht das

hier untrügliche Papier mit seinen Wasserzeichen beachtet, nicht leicht

von den Abdrücken des Ersten Etats unterscheiden. Auch von dem Titel

kommen, wie bereits oben erwähnt, spätere Drucke ohne Text vor, die

besseren auf Papier mit dem Wasserzeichen der Hand mit der Blume, Nr.

26, doch weit seltner und nie auf denselben Papieren der späteren

Folgen, daher diese Platte gleich nach der Ausgabe mit Text von den

übrigen zusammen gebliebenen Holzstöcken getrennt und in andere Hände

gekommen sein muß. --

Bei einzelnen der Holzschnitte aus dem Leben der Jungfrau giebt es

übrigens noch einige besondere Kennzeichen, welche die Bestimmung der

Priorität der Abdrücke erleichtern. 80 sind auf B. 84 -- der Heimsuchung

-- ganz oben, zu den Seiten der in der Mitte befindlichen weißen Wolke,

zwei kleine Fehlstellen, welche bei den ersten Drucken kaum sichtbar,

schon während des Druckes der Ausgabe mit Text deutlicher werden und bei

den späteren Abdrücken immer mehr hervortreten.

Auf Nr. 86, der Beschneidung, ist oben rechts in der Ecke eine weiße

Fehlstelle, welche zwar auch auf früheren Abdrücken sichtbar, aber nur 3

Linien lang und etwa eine halbe Linie breit ist, während sie auf den

Abdrücken nach dem Text vier Linien lang und ein bis ein und eine halbe

Linie breit wird.

Eine ähnliche weiße Stelle ist schon auf den ersten Abdrücken von der

Flucht nach Egypten, B. 89, links über dem obersten Fruchtbüschel des

Palmbaumes sichtbar, sie breitet sich aber später -- besonders nach

unten -- weiter aus.

Auf Nr. 95, der Verehrung der Jungfrau, ist bei allen Abdrücken nach dem

Text, ein feiner Sprung zu bemerken, welcher, in der Mitte des

Holzstocks, von oben bis auf die Haare der Maria hinunter geht. Er ist

anfangs sehr fein und kommt so schon auf mehreren Abdrücken mit Text

vor, auf den späteren Drucken wird dieser Sprung aber immer

augenfälliger.

Diejenige Abdrucksfolge von dem Leben der Jungfrau, welche, der Schärfe

und Erhaltung der Holzstöcke nach, die früheste von denen nach Dürer’s

Tode veranstalteten ist, und wenn man die Abdrücke vor dem Text als

_Ersten_, diejenigen mit Text als _Zweiten_ Etat bezeichnet, als

_Dritter Etat_ erscheint, hat Papier mit dem Wasserzeichen einer Art

Fischblase oder Urne, Nr. 42. Es ist nicht so dick wie die älteren

Papiersorten zu Dürer’s Zeit, aber fest und die Drathstriche haben einen

Abstand von knapp 11 Linien. Eine große Zahl dieser Abdrücke findet sich

in den Sammlungen zerstreut, auch habe ich verschiedene Male die Folge

von B. 77 bis 95 vollständig angetroffen.

Der Verleger dieser Abdrücke muß ausser den Holzstöcken des Lebens der

Jungfrau noch andere Dürer’sche Holzstöcke besessen und Abdrücke davon

verbreitet haben, denn dasselbe Papier und gleiche Druckweise trifft man

bei späteren Abzügen, namentlich von der Anbetung der Könige, B. 3, und

der Verehrung der Maria, B. 101. -- Zu diesem _Dritten Etat_ des Lebens

der Jungfrau sind noch _einzelne_ Abdrücke von fast gleicher Güte zu

rechnen, welche auf Papieren vorkommen, die das Wasserzeichen einer Hand

mit Blume, Nr. 26, oder eines mit der Krone bedeckten Wappenschildes

haben, worin sich eine Lilie befindet, Nr. 52. Die Drathstriche des

ersten Papiers haben eine Entfernung von 11 Linien, das letztere Papier

ist besonders fest, die Entfernung der Drathstriche etwas geringer.

Eine nur etwas spätere Folge, ebenfalls ohne Titel und nicht minder

sorgfältig gedruckt, erkennt man an dem Papiere mit dem Wasserzeichen

eines großen geschweiften Wappens und einer Krone darüber, Nr. 45.

Dieses Papier mißt, unbeschnitten, in der Höhe 15 Zoll 4 Linien, in der

Breite 12 Zoll 3 Linien, so daß der Papierrand der Abdrücke 2 bis 2½

Zoll beträgt.

Bei dieser Folge ist zu bemerken, daß statt der zum Leben der Jungfrau

gehörenden Anbetung der Könige, B. 87, sich darin die Anbetung der

Könige, B. 3, befindet und daß am Schluß die Verehrung der Maria, B.

101, angefügt ist.

Das Papier, dessen Drathstriche einen Abstand von 11¾ Linien haben, ist

fest und etwas griffiger als das der vorbezeichneten Folge. Die Abdrücke

sind kräftig, und nur nach sehr genauer Vergleichung entdeckt man an der

Zunahme der kleinen Aussprünge in den Einfassungs-Rändern, wie an der

Ausdehnung der kleinen Fehlstellen in B. 84, 86, 89 und 95, daß diese

Edition, welche als _Vierter_ Etat zu bezeichnen wäre, später als die

vorhergehende veranstaltet ist. In den Abdrücken von B. 3 und 101 finden

sich schon die in den frühesten Abdrücken derselben noch nicht

sichtbaren Sprünge ziemlich bedeutend.

Die Abdrücke dieses _Vierten Etats_ sind übrigens weit seltener als

diejenigen des _Dritten Etats_. Auffallend ist bei diesen späteren

Editionen die größere Schärfe und Reinheit der Abdrücke von den im Jahr

1510 geschnittenen Holzstöcken gegen alle übrigen der Folge. Es

bestätigt dieses die von mir ausgesprochene Ansicht: daß die Abdrücke

der 17 älteren Holzstöcke früher verbreitet und daher auch häufiger

abgezogen sind als die von B. 93 und 94.

Ausser diesen vorbezeichneten guten Folgen, welche jedem Sammler noch

Freude machen werden, findet man von dem Leben der Jungfrau nicht selten

spätere sehr mittelmäßige oder schlechte Abdrücke, welche neben geringer

Kraft der Farbe, theilweise auch Spuren von Wurmfraß in den Holzstöcken

haben, besonders aber auch durch das geringe meist sehr dünne Papier

kenntlich sind, welches häufig das Wasserzeichen eines Wappenschildes

mit Querbalken, Nr. 46, oder des Reichsadlers, Nr. 51, hat. --

Die grosse Passion.

Von der durch Albrecht Dürer ebenfalls im Jahr 1511 herausgegebenen

großen Passion mit Text, B. 4 bis 15, auf den pag. 48 und 49 näher

beschriebenen Papieren mit den Wasserzeichen Nr. 27 und 28, giebt es

frühere Abdrücke ohne Text, welche sich durch Schärfe und Reinheit vor

allen übrigen auszeichnen und daher als ein _Erster Etat_ bezeichnet

werden müssen.

Sie sind indeß ungleich seltner wie ähnliche Abdrücke von dem Leben der

Jungfrau und es scheint: daß solche erst nach Vollendung der vier im

Jahre 1510 geschnittenen Blätter, B. Nr. 5, 7, 14 und 15, also kurz vor

der Edition mit Text, abgezogen sind.

Das dazu verwandte Papier hat in der Regel übereinstimmend mit den

wenigen gleichzeitigen Probedrucken der Apocalypse vor dem Text von 1511

das Wasserzeichen des großen Reichsapfels mit Strich und Stern, Nr. 24,

doch trifft man, wie wohl selten, auch einzelne Abdrücke auf Papier mit

dem Wasserzeichen des Ochsenkopfes oder der hohen Krone.

Bei einigen reinen Abdrücken, welche von den Liebhabern für Abdrücke

dieses Ersten Etats gehalten werden, findet man Papier mit dem

Wasserzeichen des doppelten A, Nr 39, mit 15½ Linien Entfernung der

Drathstriche, doch habe ich auch entschieden spätere Drucke mit diesem,

sonst schon bei alten Nürnberger Drucken vom Jahr 1502 vorkommenden

Wasserzeichen gefunden, denn namentlich bei der Höllenfahrt, B. 14, war

unter dem Gewande des Christus, am Boden 3½ Zoll von der linken

Einfassungslinie entfernt, die Spur eines feinen Sprunges des Holzstocks

sichtbar, von dem auf den Abdrücken mit Text noch nicht das geringste zu

bemerken ist.

Bei den Abdrücken des Ersten Etats kommen die 11 Blätter, B. 5 bis 15,

gleichmäßig vor, der Titel aber, B. 4, ist, wenn er sich dabei befindet,

häufig minder schön, sogar bei dem ausgezeichneten Exemplar in der

Sammlung des Erzherzogs Albrecht in Wien und demjenigen in der Königl.

Kupferstichsammlung zu Berlin. Er ist, soweit ich zu bemerken

Gelegenheit gehabt habe, immer auf einem von dem andern abweichenden

Papiere gedruckt, dessen Masse, mit 13¾ Linien Abstand der Drathstriche,

von weit geringerer Güte ist.

Es scheint dieses zu beweisen: daß auch zu diesem Titel der

vortreffliche Holzstock erst für den Druck geschnitten wurde.

Daß er nach Vollendung des Drucks mit Text sehr bald abhanden gekommen

sein muß, beweist die Seltenheit seiner Abdrücke, und daß er bei allen

später veranstalteten Editionen dieser Passion fehlt.

Von den Abdrücken ohne Text, welche erst nach der Edition vom Jahre 1511

dem _Zweiten Etat_ genommen sind und daher als _Dritter Etat_ bezeichnet

werden müssen, giebt es wenige, denen man die spätere Periode nicht auf

den ersten Blick ansehen könnte.

Die bessern davon sind unstreitig die vorhin bezeichneten Abdrücke mit

dem Wasserzeichen des doppelten A, Nr. 39, im Papier, fast gleich gute

haben ein verziertes K, Nr. 40, mit 12½ Linien Abstand. Bei den späteren

Abdrücken werden Risse, denen diese großen Holzstöcke besonders

ausgesetzt gewesen sind, immer sichtbarer. Solche findet man auf

Papieren mit dem Wasserzeichen eines großen bekrönten Reichsadlers, mit

Entfernung der Drathstriche von 14¼ Linien, oder eines verzierten P, Nr.

48, mit 13¾ Linien Abstand, auch einer Schlange, Nr. 47, mit 12 und 12½

Linien Entfernung der Drathstriche.

Spätere Editionen der 11 Holzschnitte ohne Text und mit einem gedruckten

Titel sind veranstaltet: im Jahre 1675 durch Koppmayer in Augsburg,[31]

so wie im Jahre 1680 in Ulm, doch sind die Abdrücke dieser letzten

Ausgabe sehr unrein und schmutzig.

Die kleine Passion.

Albrecht Dürer's Kupferstiche, Radirungen, Holzschnitte und Zeichnungen · 第 5 / 12 段