III.

Was bedeutet nun im Grunde dieser Überschätzungsdrang, der das Objekt

aus seiner Einzelheit und Wirklichkeit ins symbolisch Gewertete und

Gültige rückt, und der, im Parallelvorgang dazu, den narzißtischen

Urtrieb sich in Sublimationen hinaufarbeiten läßt? Beides beruht wohl

darauf, daß der bewußtgewordene Mensch sich, je länger je mehr, genötigt

sieht, mit seinen infantilen Identifikationsmethoden stets indirekter zu

verfahren, d. h. also: sich ihre Undurchführbarkeit stets

gleichnishafter zu verhehlen. Das ermöglicht er durch Wertübersteigerung

des stellvertretenden Stücks: im _Wertüberschuß_ wird es gleichsam

wieder zum Inbegriff selber, ersetzt diesen im Geist. Der narzißtische

Libidobetrag, der damit darin stecken bleibt, besticht erfolgreich das

der Realität immer angepaßtere Urteil, schließt mit diesem einen

Vermittlungspakt, wonach recht eigentlich »Wert« symbolisch für

Inbegriff, für »Ein und Alles« steht. Wertproblem überhaupt ist immer

und jedesmal Libidoproblem: lediglich durch Anleihe beim libidinösen

Zustand enthebt irgendwas sich der Begrenztheit, Aufeinanderbezogenheit

des Übrigen. _Alles_ Werten strebt dem Überschätzen entgegen und hinweg

aus der Relativität des Einzelngeltenden: es langt, verlangt unabwendbar

nach Überzeugtsein durch Glauben (jenem Glauben, bei dem »kein Ding

unmöglich« ist, sogar nicht die Wiederanknüpfung infantilsten Urtraums

an sachlichste Welterfahrung; mag auch dabei unser sich sublimierender

Narzißmus, dieser idealisierende Streber, uns dabei einigermaßen ähnlich

werden lassen ewigen Toggenburgern, die ihren Liebesgegenstand um so

reichlicher anhimmeln, als sich ihre reale Vermählung mit ihm

unvollziehbarer erweist). Mit wie vielen Beweisen und Begründungen wir

auch vorzugehen pflegen, nie gelingt darin Überzeugendes ohne

heimlich-persönlichsten Anschluß an die narzißtische Forderung in uns;

und wiederum: ist sie genehmigt, dann gelänge es keiner Gegenmacht, uns

um-zuüberzeugen: versicherten wir noch so bescheiden, es ergäbe sich

dadurch wohl nur eine subjektiv-gültige Bewertung, wir wissen sie

trotzdem als end- und allgültig, so gewiß unser Narzißmus selbst nichts

weiter ist, als das im Gefühlserlebnis noch dunkel festgehaltene Wissen

_um unser Subjektivstes als unsere objektive Anschlußstelle_. Von aller

Metaphysik, sofern sie das »Sein« mit »Gott« als absolutem Wertprinzip

in Übereinstimmung zu bringen trachtet, gilt darum, daß sie nicht nur in

ihrer Denkungsweise narzißtisch mitbedingt, sondern an sich das

philosophisch aufgearbeitete Abbild des Bundes von Narzißmus und

Sachlichkeit ist. Am unmittelbarsten vielleicht tritt dieser doppelte

Sachverhalt hervor in der Frage nach dem _Lebenswert_, der nur durch

ihn, erst durch ihn, zur Frage _wird_, indem es hier um den

Narzißmuswert selber geht, ob auch das Urteil darüber sich ergehen mag

wie über ein sachlich gegenüberstellbares Objekt. Im Lebensrausch als

solchem -- wovon ja dem Gesunden hilfreich was in Blut und Hirn kreist

-- also im narzißtisch hinter allem weiterbeharrenden Rausch, behält

ewig der Optimist recht; bei Absehen von dieser innern »unsachlichen«

Voraussetzung der Pessimist, d. h. der libidolos, »lieblos« Urteilende,

nur eben unrecht hinsichtlich des Lebensträgers, des allein und

eigentlich Lebendigen! Wo das Narzißtische im Menschen zu stark

übergreift, da bringt seine Allzu-Zuversichtlichkeit trotz ihrer

lebensweckenden Kräfte ihn in peinlichen Anprall an die Außenrealität;

wo es dagegen zu geschwächt dem realgerichteten Urteil unterliegt, da

bringen selbst dessen beste, glücklichste Erfolge keinen wirklichen

Frohmut zustande. Darum gleicht sich dem sogenannten Normalen das Dasein

ungefähr aus zwischen diesen beiden Richtungen, die gleichsam

andeutungsweise, innerhalb der Normalität, etwas vom »Manischen« und

etwas vom »Melancholischen« enthalten; auch normalerweise schon

übertreibt sich der Tatbestand beidemale fälschend -- und sagt damit

dennoch mehr aus, als die gemäßigtesten Zustände tun, wenn sie sich

_sehr_ weit von »Haß wie Liebe« entfernen: dermaßen _ist_ »Leben« total

nur in seinen Überschätzungen nach beiden Seiten, in seinen zu absoluten

Wertabschätzungen, in etwas über alles Stückhafte hinaus, _wahrhaft_,

als »Leben« vorhanden.

Aber das narzißtisch bedingte Werten wird erst Problem, wird auch erst

Leistung, recht eigentlich da, wo »wertvoll« und »libidobesetzt«, nicht

so unmittelbar in eins fallen wie in der Frage nach dem Lebenswert

selber: wo, statt dessen, die Wertgebung voraussetzt, daß, um sie zu

vollziehen, wenigstens das Infantilste der Stellungnahme dazu

aufgegeben, umgestellt sei. Mit anderen Worten: wo der symbolisierende

Idealisierungsakt am Objekt schon begleitet ist vom sublimierend

aufarbeitenden Akt am Trieb selber (scharf zu unterscheidende Vorgänge,

die zu verwechseln _Freud_ mit Recht gewarnt hat). Es ist

außerordentlich interessant, daß vom Narzißmus her nicht nur des

Objekts, sondern auch des Subjekts Aufstieg ins immer »wertvoller«

Aufgearbeitete möglich ist, was _Freuds_ Wort vom Narzißmus als

»Keimpunkt des Idealbildens« schon früh (»Z. E. d. Narz.«) festlegte.

Dieser Punkt wird wesentlich, sobald unser Selbstbildnis infolge von

Realerfahrungen daran, uns zu enttäuschen beginnt: »Unserm Ideal-Ich

gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich

genoß« (_Freud_, ebenda). Weil hiefür aber auf die Dauer unsere

infantile Wunschpraktik nicht ausreicht, nachdem das Weltgegenüber immer

sachlichere Maßstäbe an uns legt, so entsteht damit eine Nötigung zu

gewissen Rangordnungen in uns, zu Stufungen, Gliederungen auch in

unserer Triebwelt. Unser Ebenbild, hineingewünscht ins Ideale, wirkt mit

dessen Dimensionen auf uns zurück, manche Züge unterstreichend, andere

ausradierend; noch fühlen wir uns schön und groß, ja erst recht groß,

aber doch nur, sofern wir uns auch, in den abweichenden Zügen, auch

klein oder zu häßlich finden, uns mißschätzen _können_, angesichts des

Idealbildes, das wir sind und doch nicht in all und jedem sind. Diese

Rückwirkung auf uns, vom narzißtischen Geformten nun ideal, religiös,

ethisch oder wie immer, soll man ja nicht gering anschlagen. Es bleibt

wesentlich selbst nach Abzug dessen, was bei seiner Bildung von fremden

und Außenfaktoren in Betracht kam: einmal den Geboten und Verboten

unserer Erzieher, unserer Umwelt, dem feineren oder gröberen Drill;

sodann jenes Quantums Objektlibido(9), die uns an die pflegenden und

bevormundenden Personen bindet und sie selbst zu nachahmenswertesten

Symbolen aller Idealwerte umschafft. Dennoch sind wir bei alledem auch

von uns aufs Stärkste beteiligt: wie der Narzißmus innerhalb der

Objektlibido das Personelle symbolisch hochzutreiben weiß, wie er sich

in immer sachlich weiterfassenden, geisthaftern, abstraktern

Zusammenhängen noch durchsetzt, so kommt er auch von sich aus zu letzter

Wertautonomie. Sagt ihm am frühesten sein Gefühl, heiß wünschend: »Leben

schon gleich Wert!« so vollendet sich das reifste in einem _fordernden_:

»Nur Wert allein wahrhaft Leben«, und auch noch diese absolut sich

gebärdende, über das Sein gesetzte Wert-Überwertung (die doch um des

Seins halber überhaupt erst anhob), dieses Ethische in Reinkultur, auch

das ist noch als Höchstleistung unseres Narzißmus zu buchen.

(9) Vortrefflich prägt den Unterschied zwischen Drill und

Liebesgesinnung eine (mir gesprächsweise in dieser Form bekannt

gewordene) Bemerkung I. _Marzinowskis_: Im einen Fall sucht man

Heimlichkeit über eine Verfehlung zu wahren, den Strafakt zu umgehen,

als sei sie damit wie unbegangen, im anderen Fall ersehnt man im

Gegenteil Beichte, Bekenntnis, auf die Knie sich zu werfen, an die

Brust dessen, für den man _liebenswert_ sein will. -- Weniger

einverstanden bin ich, wenn _Marzinowski_ in: »Die erotischen Quellen

des Minderwertigkeitsgefühls« (Zeitschr. f. Sexualw. IV) ohneweiters

volle Reife darin sieht, über das Verlangen nach Gegenliebe, zur

Liebesautonomie: »wenn ich dich liebe, was gehts dich an!« zu kommen.

Zwar stimmt dies zu den sittlichen Anforderungen bestechend, klingt

prächtig selbstlos, redet aber recht oft die Sprache unseres

Narzißmus, der noch _gar nicht bis zur vollen Objektliebe gelangte_.

Man denkt sich unter narzißtisch Veranlagten zu ausschließlich von

Gegenliebe Abhängige (was weit mehr von den bewußter Ich-Eitlen oder

aber Narzißmus-Schwachen gilt) anstatt Selbstgenügsame, _weil_

unbewußte Allteilhaber, die auch im Objektlibidinösen nur sehr lose an

den Äußerungen vom Objekt her hängen. Bedrängt durch narzißtisches

Zuviel, kann ihnen höchst egoistisch »Geben seliger denn Nehmen

werden«, d. h. sie dankbarer stimmen für eines Menschen Gewalt, Liebe

in ihnen zu wecken, als für seine Gegenliebe, die sie leicht beschämt

und neu bedrängt.

Mir erscheint dieser Umstand um so bedeutsamer, als er klarlegt, von wie

tief her psychoanalytische Einsicht in die ethischen Unter- und

Beweggründe dringt: _Freuds_ Ausspruch vom »narzißtischen Keimpunkt des

Idealbildens« rückt ebenso weit ab von metaphysischen Notbehelfen bei

Betrachtung psychologischer Tatbestände, wie von jener rationalistischen

Einstellung, die überall auf Außeneinflüsse zurückgeht (Nutzen oder

Zwang unter nachfolgender Sanktion). Mit _Freud_ reicht die Frage so

tief, als der Mensch Menschlichem zu folgen imstande ist: ins

Ursprünglichste seiner selbst, dorthin, wo er seiner selbst bewußt wurde

und diese Vereinzelung wiederzuergänzen sucht, noch entgegen der eigenen

Triebgewalt in Gehorsam oder Liebe, um auf solchem Umweg das Urerlebnis

der Allteilhaftigkeit wiedererneuen zu können. Würde das immer schärfer

unterschiedenere Ich sich überrennen lassen vom Durcheinanderlaufen der

Triebe, so bliebe es auf ein gewaltsames Infantilisieren beschränkt, dem

die Außenwelt verloren geht, ohne daß der Urzustand des ihrer noch

unbewußten Kindes wiederherstellbar wäre. Freilich ist ja die

Ineins-Setzung unserer selbst mit Höchstwerten einerseits ebenfalls eine

phantasierte Wirklichkeit, ob wir ihr noch so sehr nachstreben:

anderseits aber verbürgt gerade dies Unbedingte daran, wie ganz aus

unserm Wesen gebürtig sein muß, was wir mit so großer Gebärde gutheißen.

Und in der Tat: wir sind es ja, die sich selbst enttäuschen oder

mißfallen, der Gemaßregelte mit dem von seinem Idealwert ganz Benommenen

bleiben untrennbar eins in uns, deshalb der narzißtische Liebesquell

unentleert (weshalb auch neurotisch der an sich schier Verzweifelnde und

der sich nahezu gottgleich Wähnende so verblüffend dicht beieinander

stehen). Insofern bildet alle echte Ethik, alle ethische Autonomie,

zweifellos ein Kompromiß zwischen Befehl und Begehr, während sie gerade

das am prinzipiellsten zu vermeiden sucht: das Begehrte macht sie zwar

unerreichlich, durch die Idealstrenge des geforderten Wertes, dafür aber

bezieht sie das Befohlene tief ein in den Urtraum allesumfassenden,

allesuntergründenden Seins. Dieser Kompromißcharakter verrät sich

deutlich auch noch an den starrsten Wertsetzungen -- ja gerade an denen

-- den unterirdischen Zusammenhängen von Gesolltem und Gewünschtem,

oder, anders benamst: von Ethik und Religion. Kann keine Religion ein

irgendwie ethisch gültiges Moment entbehren (d. h.: daß das Kind zum

Vater _aufblicke_), so ebenso gewißlich keine ethische Selbstbezwingung

ein Moment der Mutterwärme, die sie darüber hinaus umfängt. Alles, was

wir »sublimieren« nennen, beruht einfach auf dieser _Möglichkeit, auch

noch Abstraktestem, Unpersönlichstem gegenüber etwas wahren zu können,

von der letzten Intimität libidinösen Verhaltens_; nichts als dies

ermöglicht den Vorgang, wobei: »die sexuelle Energie -- ganz oder zum

großen Teil -- von der sexuellen Verwendung abgelenkt und anderen

Zwecken zugeführt wird« (_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Im religiösen

Erlebnis, im »fromm« gerichteten Menschen, schießt früheste,

elterngebundene Objektlibido in die narzißtische Strömung mit hinein,

und schafft damit eine rechte Glanzleistung des Narzißmus: indem nun

beide gemeinsam münden im Gotteswert, als dem zugleich Allesbeherrschenden

und Allerintimsten. Was dem Objekt der Libido sonst so übel

bekam: das Sichverflüchtigen des Personellen in immer stellvertretendere

Symbolik, eben das bringt es am Gotteswert zum Meisterstück,

nämlich dermaßen zum Symbol aller Liebessymbole, daß Gott

sich daran verpersönlicht(10).

(10) So sehr freilich, daß die Objektidealisierung sogar die

Triebsublimierung lähmen kann, und der Gott mehr Entzücken bewirkt als

Moral. Übrigens ist es massiv und richtig Gläubigen auch meistens nur

selbstverständlich, wenn etwa im Jenseits neben hochsublimierten

Glückssorten auch die infantilsten Wünsche sich drastisch durchsetzen

-- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher

Gläubigkeit Stehenden erscheint das nicht folgerichtig, beleidigt

seine moralische Logik; und doch lediglich, weil _sein_ erhöhtes,

»frommes« Verhalten den stofflichen (Kinder-) Himmel und zugehörigen

Personengott, von sich aus, in sich selber, wertend ersetzen muß. Ihm

geschieht es deshalb leicht, sich selbst gegenüber weniger ehrlich zu

bleiben, und trotz seiner nüchternern sachlichern Einsicht, den

narzißtischen Grund und Boden zu verleugnen (den der naive

Glaubenshimmel ruhig mit überwölbt), weil er auf seiner obersten

irdischen Kippe balancieren muß.

So muß denn das, was zuinnerst des Religiösen wirksam ist -- die

Richtung auf ein vertrauensvoll idealisierendes Narzißtisches -- auch

den von üblichen Glaubensvorstellungen Gelösten in seinen

Sublimationsbestrebungen orientieren, sollen sie ihn nicht in eine

Entfremdung zu sich selber geraten lassen. Soll er nicht, dem ihm

Wertvollsten hingegeben, es nicht zugleich hoch über ihn hinwegfliegen

sehen, ihn nur gerade so weit mit emporreißend, daß er beschämt und

entrüstet auf sein flügellahmes Selbst heruntersieht, kurz, daß er statt

des beabsichtigten Fluges in Gewissensängste, Schuldgefühle niedersinkt.

In ernsthaftester Weise ist _Freuds_ Warnung zu beachten: sich über

gegebenes Vermögen an Sublimationen zu »übernehmen«, heiße nicht

Vollkommenheit, sondern Neurose vorbereiten. Aber wieder stoßen wir

dabei darauf, wie tief und nüchtern _Freud_ sich psychoanalytisch die

Ethikprobleme auch hinsichtlich des Schuldbewußtseins erschließt: wie --

wiederum sowohl abseits von metaphysisch als auch von äußerlich

(utilitaristisch) vorgenommenen Lösungen -- die Frage sich ihm dahin

beantwortet, daß unser narzißtischer Größenwahnrest auch noch dem

ethischen Ehrgeiz, dem Aufwärts- und Vorwärtstreiben des real angepaßten

Ich, zugrundeliegt, wobei dann am Wege verachtet zurückbleibt, was der

anstrengenden Gangart nicht gleich folgen kann. Bis der Mensch »sich«

nur noch von demjenigen aus ansieht, was er allein als Sein wertet, ohne

es doch _sein_ zu können, und deshalb seine eigene Beschaffenheit zu

verdrängen, zu verleugnen suchen muß, ohne von ihr doch frei zu werden.

Verhältnismäßig harmlos erweist solcher Vorgang sich noch beim Strafe

befürchtenden »Drill«, ja sogar noch beim Gehorsam aus objektbesetzender

Liebe, die sich nicht genug tat: rührt er jedoch bis an den

narzißtischen Urgrund der ethischen Phänomene, dann ist

Schuldbewußtsein, Reue bereits nur noch Name für Erkrankung. Darum sind

wohl alle Neurosen immer auch Schuldneurosen, und immer unter dem

Kennzeichen, daß der Mensch aus der instinktsicheren Gesundheit seiner

Selbstachtung sich hinausgedrängt fühlt, trotzdem er als Neurotiker gar

nicht der Typus des »Begehrenden«, sondern der des empfindlich

reagierenden Gewissens zu sein pflegt, und eben deshalb die rumorenden

Wünsche überängstlich hinter Schloß und Riegel hält. Eine Vertiefung

dieses Zwiespalts bis zum Bruch ist es, wenn im Gegensatz dazu der

Psychot das Gewissen außer Spiel gesetzt sieht, triebhemmungslos wird,

und wohl nur da und nur dann bloßer Phantasieverbrecher bleibt, sofern

er schon zu negativistisch von der Realwelt abgekehrt steht um handelnd

in sie einzugreifen. Weshalb ja auch das neurotische Pathos in ihm zu

ironisierendem Tonfall umschlagen kann, worin sein Ich, gleichsam schon

unbeteiligter, machtloser Zuschauer, noch seine Kritik zum besten gibt,

nachdem es seinerseits dem Ausschluß, der Verdrängung verfiel, sich

desorganisierte und dadurch an Stelle der ihm gegenübergesetzten

Realwelt die Technik der primitivsten narzißtischen Wunschproduktion in

Wahnbildern am Werk sehen muß. (Traumtechnik des Gesunden.)

Ich gerate auf diese scheinbare Abschweifung aber deshalb, weil mir

vorkommen will, als gäbe es ein Analogon für »neurotisch« und

»psychotisch« auf dem Gebiet der Ethik für den Normalzustand. Nämlich

außer Schuldgefühlen, bezogen auf das Ich, seine Mängel und Taten, auch

noch ein ähnliches Enttäuschungsgefühl an Leben und Welt, wobei wir uns

aber mitschuldig fühlen, dem wir also nicht pharisäisch oder bettelnd

als etwas anderes gegenüberstehen, sondern wobei wir _verletzt sind_ an

einer _narzißtisch überlebenden Urverbundenheit_. Natürlich drückt dies

das Infantilere aus im Vergleich zum ichgerichteten Gewissen, das ums

eigene Spezialseelenheil Sorge trägt, es kann aber daneben

weiterbeharren. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit und von noch

später her eines grotesken Herzwehs über enttäuschende Mängel anderer,

die mich weit mehr »ethisch« grämten als die eigenen Mängel: denn was

konnte es nützen, vollkommener zu werden, wenn es nicht um das Ganze der

Welt, und nur darum auch mich mit einbegriffen, derartig vollkommen

bestellt war? Entzücken und Dankbarkeit riß mich hin, wo etwas solchen

Glauben zu bewahrheiten schien, und enthob mich damit betrüblich rasch

jeder persönlichen Gewissenssorge, welche Figur denn ich mitten drin

machen würde. So viel Kindisches das auch ausdrückt, so liegt doch

fraglos eine Spur Ironie in dem Umstand, daß der Andere, Gewissenhafte,

der von seiner Selbstsucht am ethischesten loskommen Wollende, am

eifrigsten und ständigsten mit sich beschäftigt bleiben muß, sich weder

in Herzweh noch Herzenslust völlig vergessen darf. Deshalb sind auch

noch bei der ethischen Einstellung zweierlei Verhaltungsweisen

unterscheidbar: die eine vorwiegend von den Wertanforderungen des

Ichbewußtseins aus und das Ich strebend im Mittelpunkt haltend, die

andere von den alten Identifizierungskünsten des Narzißmus aus, aber

gleichfalls aufgearbeitet in ethisch gerichtete Wunschträume. Dies

jedoch dient aus einem bestimmten Grunde einer wichtigen Seite der

Sache: denn offenbar entnimmt ja alle Ethik ihren Hauptcharakter, eben

ihre Unbedingtheit, Absolutheit, Allgültigkeit dem narzißtischen

Urzuschuß, der so sehr für alles Übermäßige zu haben ist, und

»ethisiert« uns erst an diesem fragwürdigen Material. So kommt es zu

Wechselwirkungen von beiden, deren Paradoxie, näher betrachtet, schwer

überboten werden könnte. Gibt es doch keine Askese oder Gesetzesstrenge,

kein endgültiges Verachten des Realen, das nicht nach dem narzißtischen

Helfershelfer dabei riefe, erst er, der begehrliche, wunschdreiste,

lehrt uns auch das: »geh an der Welt vorüber, es ist nichts.« Und

anderseits: eben die absolut gerichtete Ethik bedarf der ganzen Fülle

des Möglichen und Wirklichen, muß allen Sonderfällen des Geschehens

gerecht werden, alle Aufeinanderbezogenheiten berücksichtigen, denn um

der Menschen und ihres Heils- und Glückstraums willen ist sie da, vom

kindlichselbstischen bis sublimen Egoismus des Himmelsstürmers und

Gottsuchers. Dies Wesen der ethischen Praktik, die ihre Unbedingtheit

narzißtisch bedingt, sowie wiederum diese strenge, hoheitsvolle

Wertmiene des ethisch verwendeten Narzißmus, ergeben einen derartigen

Knäuel von Widersprüchen von Fall zu Fall, daß man ruhig behaupten kann:

nur rein schematisch verfuhr, wer jemals, über den Einzelfall hinaus,

diese lebenstrotzende Wirrnis in glattem Faden aufwickelte.

Nun kann ich aber dies Thema nicht abbrechen, ohne eines hinzugesetzt zu

haben: nämlich wie sehr eben dies meine ganze Hochachtung und Ehrfurcht

vor dem Phänomen des »Ethischen« im Menschen geradezu ausmacht. Denn

erst dadurch erhebt es sich zu den schöpferischen Betätigungen,

ungeachtet es auf Gesetz und Regel und Soll ausgeht. Ja durch die

Reibung innerhalb solchen Widerspruchs -- durch die Unbedingtheit, die

dennoch sich lediglich durchzusetzen vermag »von Fall zu Fall«, d. h. im

lebendigen Vollzuge allein -- wird es _die_ schöpferische Tätigkeit par

excellence, vollziehend das, was »nie und nirgends sich begeben«. Ethik:

sich erst voll ausweisend im vorschriftsmäßig am wenigsten zu

Schlichtenden, im Durcheinandersichkreuzen der Gebote und Verbote, erst

damit wahrhaft autonom das Gültige zum Erlebnis hebend.

Begreiflicherweise bleibt Vorschrift, Gesetz, das prinzipiell betonteste

da, wo heimliche Wunschzutaten abgewehrt werden sollen, trotzdem aber

ist in irgend einem Sinne »Ethik« auch immer zugleich das

Unvorgeschriebene, schlechthin Gedichtete, d. h. trägt in all ihrem

Tateifer wie ihrem Werk zugleich das Stigma des Verträumten, woraus

Dichtertat sich zum Werke formt. Nur, leistet der Dichter »träumend«, so

handelt in die Praxis hinein der ethisch gerichtete Mensch: wagt seinen

Traum an Realität, Drangsal, Erfahrung, an den Anprall aller Zufälle und

Wirrnisse. Darin liegt die Würde des Bruchstückhaften, nie Vollendeten,

was ihm allenfalls gelingt, verglichen mit künstlerischer Werkrundung,

deren Abseits er nicht ertrüge, die er sprengt, um sie nochmals und

nochmals aufs Spiel zu setzen. Ethik ist _Wagnis_, das äußerste

Wagestück des Narzißmus, seine sublimste Keckheit, sein vorbildliches

Abenteuer, der Ausbruch seines letzten Mutes und Übermutes ans Leben.

Narzißmus als Doppelrichtung · 第 3 / 5 题