Was bedeutet nun im Grunde dieser Überschätzungsdrang, der das Objekt
aus seiner Einzelheit und Wirklichkeit ins symbolisch Gewertete und
Gültige rückt, und der, im Parallelvorgang dazu, den narzißtischen
Urtrieb sich in Sublimationen hinaufarbeiten läßt? Beides beruht wohl
darauf, daß der bewußtgewordene Mensch sich, je länger je mehr, genötigt
sieht, mit seinen infantilen Identifikationsmethoden stets indirekter zu
verfahren, d. h. also: sich ihre Undurchführbarkeit stets
gleichnishafter zu verhehlen. Das ermöglicht er durch Wertübersteigerung
des stellvertretenden Stücks: im _Wertüberschuß_ wird es gleichsam
wieder zum Inbegriff selber, ersetzt diesen im Geist. Der narzißtische
Libidobetrag, der damit darin stecken bleibt, besticht erfolgreich das
der Realität immer angepaßtere Urteil, schließt mit diesem einen
Vermittlungspakt, wonach recht eigentlich »Wert« symbolisch für
Inbegriff, für »Ein und Alles« steht. Wertproblem überhaupt ist immer
und jedesmal Libidoproblem: lediglich durch Anleihe beim libidinösen
Zustand enthebt irgendwas sich der Begrenztheit, Aufeinanderbezogenheit
des Übrigen. _Alles_ Werten strebt dem Überschätzen entgegen und hinweg
aus der Relativität des Einzelngeltenden: es langt, verlangt unabwendbar
nach Überzeugtsein durch Glauben (jenem Glauben, bei dem »kein Ding
unmöglich« ist, sogar nicht die Wiederanknüpfung infantilsten Urtraums
an sachlichste Welterfahrung; mag auch dabei unser sich sublimierender
Narzißmus, dieser idealisierende Streber, uns dabei einigermaßen ähnlich
werden lassen ewigen Toggenburgern, die ihren Liebesgegenstand um so
reichlicher anhimmeln, als sich ihre reale Vermählung mit ihm
unvollziehbarer erweist). Mit wie vielen Beweisen und Begründungen wir
auch vorzugehen pflegen, nie gelingt darin Überzeugendes ohne
heimlich-persönlichsten Anschluß an die narzißtische Forderung in uns;
und wiederum: ist sie genehmigt, dann gelänge es keiner Gegenmacht, uns
um-zuüberzeugen: versicherten wir noch so bescheiden, es ergäbe sich
dadurch wohl nur eine subjektiv-gültige Bewertung, wir wissen sie
trotzdem als end- und allgültig, so gewiß unser Narzißmus selbst nichts
weiter ist, als das im Gefühlserlebnis noch dunkel festgehaltene Wissen
_um unser Subjektivstes als unsere objektive Anschlußstelle_. Von aller
Metaphysik, sofern sie das »Sein« mit »Gott« als absolutem Wertprinzip
in Übereinstimmung zu bringen trachtet, gilt darum, daß sie nicht nur in
ihrer Denkungsweise narzißtisch mitbedingt, sondern an sich das
philosophisch aufgearbeitete Abbild des Bundes von Narzißmus und
Sachlichkeit ist. Am unmittelbarsten vielleicht tritt dieser doppelte
Sachverhalt hervor in der Frage nach dem _Lebenswert_, der nur durch
ihn, erst durch ihn, zur Frage _wird_, indem es hier um den
Narzißmuswert selber geht, ob auch das Urteil darüber sich ergehen mag
wie über ein sachlich gegenüberstellbares Objekt. Im Lebensrausch als
solchem -- wovon ja dem Gesunden hilfreich was in Blut und Hirn kreist
-- also im narzißtisch hinter allem weiterbeharrenden Rausch, behält
ewig der Optimist recht; bei Absehen von dieser innern »unsachlichen«
Voraussetzung der Pessimist, d. h. der libidolos, »lieblos« Urteilende,
nur eben unrecht hinsichtlich des Lebensträgers, des allein und
eigentlich Lebendigen! Wo das Narzißtische im Menschen zu stark
übergreift, da bringt seine Allzu-Zuversichtlichkeit trotz ihrer
lebensweckenden Kräfte ihn in peinlichen Anprall an die Außenrealität;
wo es dagegen zu geschwächt dem realgerichteten Urteil unterliegt, da
bringen selbst dessen beste, glücklichste Erfolge keinen wirklichen
Frohmut zustande. Darum gleicht sich dem sogenannten Normalen das Dasein
ungefähr aus zwischen diesen beiden Richtungen, die gleichsam
andeutungsweise, innerhalb der Normalität, etwas vom »Manischen« und
etwas vom »Melancholischen« enthalten; auch normalerweise schon
übertreibt sich der Tatbestand beidemale fälschend -- und sagt damit
dennoch mehr aus, als die gemäßigtesten Zustände tun, wenn sie sich
_sehr_ weit von »Haß wie Liebe« entfernen: dermaßen _ist_ »Leben« total
nur in seinen Überschätzungen nach beiden Seiten, in seinen zu absoluten
Wertabschätzungen, in etwas über alles Stückhafte hinaus, _wahrhaft_,
als »Leben« vorhanden.
Aber das narzißtisch bedingte Werten wird erst Problem, wird auch erst
Leistung, recht eigentlich da, wo »wertvoll« und »libidobesetzt«, nicht
so unmittelbar in eins fallen wie in der Frage nach dem Lebenswert
selber: wo, statt dessen, die Wertgebung voraussetzt, daß, um sie zu
vollziehen, wenigstens das Infantilste der Stellungnahme dazu
aufgegeben, umgestellt sei. Mit anderen Worten: wo der symbolisierende
Idealisierungsakt am Objekt schon begleitet ist vom sublimierend
aufarbeitenden Akt am Trieb selber (scharf zu unterscheidende Vorgänge,
die zu verwechseln _Freud_ mit Recht gewarnt hat). Es ist
außerordentlich interessant, daß vom Narzißmus her nicht nur des
Objekts, sondern auch des Subjekts Aufstieg ins immer »wertvoller«
Aufgearbeitete möglich ist, was _Freuds_ Wort vom Narzißmus als
»Keimpunkt des Idealbildens« schon früh (»Z. E. d. Narz.«) festlegte.
Dieser Punkt wird wesentlich, sobald unser Selbstbildnis infolge von
Realerfahrungen daran, uns zu enttäuschen beginnt: »Unserm Ideal-Ich
gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich
genoß« (_Freud_, ebenda). Weil hiefür aber auf die Dauer unsere
infantile Wunschpraktik nicht ausreicht, nachdem das Weltgegenüber immer
sachlichere Maßstäbe an uns legt, so entsteht damit eine Nötigung zu
gewissen Rangordnungen in uns, zu Stufungen, Gliederungen auch in
unserer Triebwelt. Unser Ebenbild, hineingewünscht ins Ideale, wirkt mit
dessen Dimensionen auf uns zurück, manche Züge unterstreichend, andere
ausradierend; noch fühlen wir uns schön und groß, ja erst recht groß,
aber doch nur, sofern wir uns auch, in den abweichenden Zügen, auch
klein oder zu häßlich finden, uns mißschätzen _können_, angesichts des
Idealbildes, das wir sind und doch nicht in all und jedem sind. Diese
Rückwirkung auf uns, vom narzißtischen Geformten nun ideal, religiös,
ethisch oder wie immer, soll man ja nicht gering anschlagen. Es bleibt
wesentlich selbst nach Abzug dessen, was bei seiner Bildung von fremden
und Außenfaktoren in Betracht kam: einmal den Geboten und Verboten
unserer Erzieher, unserer Umwelt, dem feineren oder gröberen Drill;
sodann jenes Quantums Objektlibido(9), die uns an die pflegenden und
bevormundenden Personen bindet und sie selbst zu nachahmenswertesten
Symbolen aller Idealwerte umschafft. Dennoch sind wir bei alledem auch
von uns aufs Stärkste beteiligt: wie der Narzißmus innerhalb der
Objektlibido das Personelle symbolisch hochzutreiben weiß, wie er sich
in immer sachlich weiterfassenden, geisthaftern, abstraktern
Zusammenhängen noch durchsetzt, so kommt er auch von sich aus zu letzter
Wertautonomie. Sagt ihm am frühesten sein Gefühl, heiß wünschend: »Leben
schon gleich Wert!« so vollendet sich das reifste in einem _fordernden_:
»Nur Wert allein wahrhaft Leben«, und auch noch diese absolut sich
gebärdende, über das Sein gesetzte Wert-Überwertung (die doch um des
Seins halber überhaupt erst anhob), dieses Ethische in Reinkultur, auch
das ist noch als Höchstleistung unseres Narzißmus zu buchen.
(9) Vortrefflich prägt den Unterschied zwischen Drill und
Liebesgesinnung eine (mir gesprächsweise in dieser Form bekannt
gewordene) Bemerkung I. _Marzinowskis_: Im einen Fall sucht man
Heimlichkeit über eine Verfehlung zu wahren, den Strafakt zu umgehen,
als sei sie damit wie unbegangen, im anderen Fall ersehnt man im
Gegenteil Beichte, Bekenntnis, auf die Knie sich zu werfen, an die
Brust dessen, für den man _liebenswert_ sein will. -- Weniger
einverstanden bin ich, wenn _Marzinowski_ in: »Die erotischen Quellen
des Minderwertigkeitsgefühls« (Zeitschr. f. Sexualw. IV) ohneweiters
volle Reife darin sieht, über das Verlangen nach Gegenliebe, zur
Liebesautonomie: »wenn ich dich liebe, was gehts dich an!« zu kommen.
Zwar stimmt dies zu den sittlichen Anforderungen bestechend, klingt
prächtig selbstlos, redet aber recht oft die Sprache unseres
Narzißmus, der noch _gar nicht bis zur vollen Objektliebe gelangte_.
Man denkt sich unter narzißtisch Veranlagten zu ausschließlich von
Gegenliebe Abhängige (was weit mehr von den bewußter Ich-Eitlen oder
aber Narzißmus-Schwachen gilt) anstatt Selbstgenügsame, _weil_
unbewußte Allteilhaber, die auch im Objektlibidinösen nur sehr lose an
den Äußerungen vom Objekt her hängen. Bedrängt durch narzißtisches
Zuviel, kann ihnen höchst egoistisch »Geben seliger denn Nehmen
werden«, d. h. sie dankbarer stimmen für eines Menschen Gewalt, Liebe
in ihnen zu wecken, als für seine Gegenliebe, die sie leicht beschämt
und neu bedrängt.
Mir erscheint dieser Umstand um so bedeutsamer, als er klarlegt, von wie
tief her psychoanalytische Einsicht in die ethischen Unter- und
Beweggründe dringt: _Freuds_ Ausspruch vom »narzißtischen Keimpunkt des
Idealbildens« rückt ebenso weit ab von metaphysischen Notbehelfen bei
Betrachtung psychologischer Tatbestände, wie von jener rationalistischen
Einstellung, die überall auf Außeneinflüsse zurückgeht (Nutzen oder
Zwang unter nachfolgender Sanktion). Mit _Freud_ reicht die Frage so
tief, als der Mensch Menschlichem zu folgen imstande ist: ins
Ursprünglichste seiner selbst, dorthin, wo er seiner selbst bewußt wurde
und diese Vereinzelung wiederzuergänzen sucht, noch entgegen der eigenen
Triebgewalt in Gehorsam oder Liebe, um auf solchem Umweg das Urerlebnis
der Allteilhaftigkeit wiedererneuen zu können. Würde das immer schärfer
unterschiedenere Ich sich überrennen lassen vom Durcheinanderlaufen der
Triebe, so bliebe es auf ein gewaltsames Infantilisieren beschränkt, dem
die Außenwelt verloren geht, ohne daß der Urzustand des ihrer noch
unbewußten Kindes wiederherstellbar wäre. Freilich ist ja die
Ineins-Setzung unserer selbst mit Höchstwerten einerseits ebenfalls eine
phantasierte Wirklichkeit, ob wir ihr noch so sehr nachstreben:
anderseits aber verbürgt gerade dies Unbedingte daran, wie ganz aus
unserm Wesen gebürtig sein muß, was wir mit so großer Gebärde gutheißen.
Und in der Tat: wir sind es ja, die sich selbst enttäuschen oder
mißfallen, der Gemaßregelte mit dem von seinem Idealwert ganz Benommenen
bleiben untrennbar eins in uns, deshalb der narzißtische Liebesquell
unentleert (weshalb auch neurotisch der an sich schier Verzweifelnde und
der sich nahezu gottgleich Wähnende so verblüffend dicht beieinander
stehen). Insofern bildet alle echte Ethik, alle ethische Autonomie,
zweifellos ein Kompromiß zwischen Befehl und Begehr, während sie gerade
das am prinzipiellsten zu vermeiden sucht: das Begehrte macht sie zwar
unerreichlich, durch die Idealstrenge des geforderten Wertes, dafür aber
bezieht sie das Befohlene tief ein in den Urtraum allesumfassenden,
allesuntergründenden Seins. Dieser Kompromißcharakter verrät sich
deutlich auch noch an den starrsten Wertsetzungen -- ja gerade an denen
-- den unterirdischen Zusammenhängen von Gesolltem und Gewünschtem,
oder, anders benamst: von Ethik und Religion. Kann keine Religion ein
irgendwie ethisch gültiges Moment entbehren (d. h.: daß das Kind zum
Vater _aufblicke_), so ebenso gewißlich keine ethische Selbstbezwingung
ein Moment der Mutterwärme, die sie darüber hinaus umfängt. Alles, was
wir »sublimieren« nennen, beruht einfach auf dieser _Möglichkeit, auch
noch Abstraktestem, Unpersönlichstem gegenüber etwas wahren zu können,
von der letzten Intimität libidinösen Verhaltens_; nichts als dies
ermöglicht den Vorgang, wobei: »die sexuelle Energie -- ganz oder zum
großen Teil -- von der sexuellen Verwendung abgelenkt und anderen
Zwecken zugeführt wird« (_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Im religiösen
Erlebnis, im »fromm« gerichteten Menschen, schießt früheste,
elterngebundene Objektlibido in die narzißtische Strömung mit hinein,
und schafft damit eine rechte Glanzleistung des Narzißmus: indem nun
beide gemeinsam münden im Gotteswert, als dem zugleich Allesbeherrschenden
und Allerintimsten. Was dem Objekt der Libido sonst so übel
bekam: das Sichverflüchtigen des Personellen in immer stellvertretendere
Symbolik, eben das bringt es am Gotteswert zum Meisterstück,
nämlich dermaßen zum Symbol aller Liebessymbole, daß Gott
sich daran verpersönlicht(10).
(10) So sehr freilich, daß die Objektidealisierung sogar die
Triebsublimierung lähmen kann, und der Gott mehr Entzücken bewirkt als
Moral. Übrigens ist es massiv und richtig Gläubigen auch meistens nur
selbstverständlich, wenn etwa im Jenseits neben hochsublimierten
Glückssorten auch die infantilsten Wünsche sich drastisch durchsetzen
-- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher
Gläubigkeit Stehenden erscheint das nicht folgerichtig, beleidigt
seine moralische Logik; und doch lediglich, weil _sein_ erhöhtes,
»frommes« Verhalten den stofflichen (Kinder-) Himmel und zugehörigen
Personengott, von sich aus, in sich selber, wertend ersetzen muß. Ihm
geschieht es deshalb leicht, sich selbst gegenüber weniger ehrlich zu
bleiben, und trotz seiner nüchternern sachlichern Einsicht, den
narzißtischen Grund und Boden zu verleugnen (den der naive
Glaubenshimmel ruhig mit überwölbt), weil er auf seiner obersten
irdischen Kippe balancieren muß.
So muß denn das, was zuinnerst des Religiösen wirksam ist -- die
Richtung auf ein vertrauensvoll idealisierendes Narzißtisches -- auch
den von üblichen Glaubensvorstellungen Gelösten in seinen
Sublimationsbestrebungen orientieren, sollen sie ihn nicht in eine
Entfremdung zu sich selber geraten lassen. Soll er nicht, dem ihm
Wertvollsten hingegeben, es nicht zugleich hoch über ihn hinwegfliegen
sehen, ihn nur gerade so weit mit emporreißend, daß er beschämt und
entrüstet auf sein flügellahmes Selbst heruntersieht, kurz, daß er statt
des beabsichtigten Fluges in Gewissensängste, Schuldgefühle niedersinkt.
In ernsthaftester Weise ist _Freuds_ Warnung zu beachten: sich über
gegebenes Vermögen an Sublimationen zu »übernehmen«, heiße nicht
Vollkommenheit, sondern Neurose vorbereiten. Aber wieder stoßen wir
dabei darauf, wie tief und nüchtern _Freud_ sich psychoanalytisch die
Ethikprobleme auch hinsichtlich des Schuldbewußtseins erschließt: wie --
wiederum sowohl abseits von metaphysisch als auch von äußerlich
(utilitaristisch) vorgenommenen Lösungen -- die Frage sich ihm dahin
beantwortet, daß unser narzißtischer Größenwahnrest auch noch dem
ethischen Ehrgeiz, dem Aufwärts- und Vorwärtstreiben des real angepaßten
Ich, zugrundeliegt, wobei dann am Wege verachtet zurückbleibt, was der
anstrengenden Gangart nicht gleich folgen kann. Bis der Mensch »sich«
nur noch von demjenigen aus ansieht, was er allein als Sein wertet, ohne
es doch _sein_ zu können, und deshalb seine eigene Beschaffenheit zu
verdrängen, zu verleugnen suchen muß, ohne von ihr doch frei zu werden.
Verhältnismäßig harmlos erweist solcher Vorgang sich noch beim Strafe
befürchtenden »Drill«, ja sogar noch beim Gehorsam aus objektbesetzender
Liebe, die sich nicht genug tat: rührt er jedoch bis an den
narzißtischen Urgrund der ethischen Phänomene, dann ist
Schuldbewußtsein, Reue bereits nur noch Name für Erkrankung. Darum sind
wohl alle Neurosen immer auch Schuldneurosen, und immer unter dem
Kennzeichen, daß der Mensch aus der instinktsicheren Gesundheit seiner
Selbstachtung sich hinausgedrängt fühlt, trotzdem er als Neurotiker gar
nicht der Typus des »Begehrenden«, sondern der des empfindlich
reagierenden Gewissens zu sein pflegt, und eben deshalb die rumorenden
Wünsche überängstlich hinter Schloß und Riegel hält. Eine Vertiefung
dieses Zwiespalts bis zum Bruch ist es, wenn im Gegensatz dazu der
Psychot das Gewissen außer Spiel gesetzt sieht, triebhemmungslos wird,
und wohl nur da und nur dann bloßer Phantasieverbrecher bleibt, sofern
er schon zu negativistisch von der Realwelt abgekehrt steht um handelnd
in sie einzugreifen. Weshalb ja auch das neurotische Pathos in ihm zu
ironisierendem Tonfall umschlagen kann, worin sein Ich, gleichsam schon
unbeteiligter, machtloser Zuschauer, noch seine Kritik zum besten gibt,
nachdem es seinerseits dem Ausschluß, der Verdrängung verfiel, sich
desorganisierte und dadurch an Stelle der ihm gegenübergesetzten
Realwelt die Technik der primitivsten narzißtischen Wunschproduktion in
Wahnbildern am Werk sehen muß. (Traumtechnik des Gesunden.)
Ich gerate auf diese scheinbare Abschweifung aber deshalb, weil mir
vorkommen will, als gäbe es ein Analogon für »neurotisch« und
»psychotisch« auf dem Gebiet der Ethik für den Normalzustand. Nämlich
außer Schuldgefühlen, bezogen auf das Ich, seine Mängel und Taten, auch
noch ein ähnliches Enttäuschungsgefühl an Leben und Welt, wobei wir uns
aber mitschuldig fühlen, dem wir also nicht pharisäisch oder bettelnd
als etwas anderes gegenüberstehen, sondern wobei wir _verletzt sind_ an
einer _narzißtisch überlebenden Urverbundenheit_. Natürlich drückt dies
das Infantilere aus im Vergleich zum ichgerichteten Gewissen, das ums
eigene Spezialseelenheil Sorge trägt, es kann aber daneben
weiterbeharren. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit und von noch
später her eines grotesken Herzwehs über enttäuschende Mängel anderer,
die mich weit mehr »ethisch« grämten als die eigenen Mängel: denn was
konnte es nützen, vollkommener zu werden, wenn es nicht um das Ganze der
Welt, und nur darum auch mich mit einbegriffen, derartig vollkommen
bestellt war? Entzücken und Dankbarkeit riß mich hin, wo etwas solchen
Glauben zu bewahrheiten schien, und enthob mich damit betrüblich rasch
jeder persönlichen Gewissenssorge, welche Figur denn ich mitten drin
machen würde. So viel Kindisches das auch ausdrückt, so liegt doch
fraglos eine Spur Ironie in dem Umstand, daß der Andere, Gewissenhafte,
der von seiner Selbstsucht am ethischesten loskommen Wollende, am
eifrigsten und ständigsten mit sich beschäftigt bleiben muß, sich weder
in Herzweh noch Herzenslust völlig vergessen darf. Deshalb sind auch
noch bei der ethischen Einstellung zweierlei Verhaltungsweisen
unterscheidbar: die eine vorwiegend von den Wertanforderungen des
Ichbewußtseins aus und das Ich strebend im Mittelpunkt haltend, die
andere von den alten Identifizierungskünsten des Narzißmus aus, aber
gleichfalls aufgearbeitet in ethisch gerichtete Wunschträume. Dies
jedoch dient aus einem bestimmten Grunde einer wichtigen Seite der
Sache: denn offenbar entnimmt ja alle Ethik ihren Hauptcharakter, eben
ihre Unbedingtheit, Absolutheit, Allgültigkeit dem narzißtischen
Urzuschuß, der so sehr für alles Übermäßige zu haben ist, und
»ethisiert« uns erst an diesem fragwürdigen Material. So kommt es zu
Wechselwirkungen von beiden, deren Paradoxie, näher betrachtet, schwer
überboten werden könnte. Gibt es doch keine Askese oder Gesetzesstrenge,
kein endgültiges Verachten des Realen, das nicht nach dem narzißtischen
Helfershelfer dabei riefe, erst er, der begehrliche, wunschdreiste,
lehrt uns auch das: »geh an der Welt vorüber, es ist nichts.« Und
anderseits: eben die absolut gerichtete Ethik bedarf der ganzen Fülle
des Möglichen und Wirklichen, muß allen Sonderfällen des Geschehens
gerecht werden, alle Aufeinanderbezogenheiten berücksichtigen, denn um
der Menschen und ihres Heils- und Glückstraums willen ist sie da, vom
kindlichselbstischen bis sublimen Egoismus des Himmelsstürmers und
Gottsuchers. Dies Wesen der ethischen Praktik, die ihre Unbedingtheit
narzißtisch bedingt, sowie wiederum diese strenge, hoheitsvolle
Wertmiene des ethisch verwendeten Narzißmus, ergeben einen derartigen
Knäuel von Widersprüchen von Fall zu Fall, daß man ruhig behaupten kann:
nur rein schematisch verfuhr, wer jemals, über den Einzelfall hinaus,
diese lebenstrotzende Wirrnis in glattem Faden aufwickelte.
Nun kann ich aber dies Thema nicht abbrechen, ohne eines hinzugesetzt zu
haben: nämlich wie sehr eben dies meine ganze Hochachtung und Ehrfurcht
vor dem Phänomen des »Ethischen« im Menschen geradezu ausmacht. Denn
erst dadurch erhebt es sich zu den schöpferischen Betätigungen,
ungeachtet es auf Gesetz und Regel und Soll ausgeht. Ja durch die
Reibung innerhalb solchen Widerspruchs -- durch die Unbedingtheit, die
dennoch sich lediglich durchzusetzen vermag »von Fall zu Fall«, d. h. im
lebendigen Vollzuge allein -- wird es _die_ schöpferische Tätigkeit par
excellence, vollziehend das, was »nie und nirgends sich begeben«. Ethik:
sich erst voll ausweisend im vorschriftsmäßig am wenigsten zu
Schlichtenden, im Durcheinandersichkreuzen der Gebote und Verbote, erst
damit wahrhaft autonom das Gültige zum Erlebnis hebend.
Begreiflicherweise bleibt Vorschrift, Gesetz, das prinzipiell betonteste
da, wo heimliche Wunschzutaten abgewehrt werden sollen, trotzdem aber
ist in irgend einem Sinne »Ethik« auch immer zugleich das
Unvorgeschriebene, schlechthin Gedichtete, d. h. trägt in all ihrem
Tateifer wie ihrem Werk zugleich das Stigma des Verträumten, woraus
Dichtertat sich zum Werke formt. Nur, leistet der Dichter »träumend«, so
handelt in die Praxis hinein der ethisch gerichtete Mensch: wagt seinen
Traum an Realität, Drangsal, Erfahrung, an den Anprall aller Zufälle und
Wirrnisse. Darin liegt die Würde des Bruchstückhaften, nie Vollendeten,
was ihm allenfalls gelingt, verglichen mit künstlerischer Werkrundung,
deren Abseits er nicht ertrüge, die er sprengt, um sie nochmals und
nochmals aufs Spiel zu setzen. Ethik ist _Wagnis_, das äußerste
Wagestück des Narzißmus, seine sublimste Keckheit, sein vorbildliches
Abenteuer, der Ausbruch seines letzten Mutes und Übermutes ans Leben.