II.

Daß auch Objektliebe auf Selbstliebe zurückgeht, daß davon tatsächlich

jenes Akrobatenkunststück der Monere gilt, mit deren einziehbaren

Scheingliedern _Freud_ sie drastisch verglich, das ist psychoanalytisch

nach allen Seiten hin aufschlußgebend und belehrend geworden. Wie in des

heiligen Augustins: »ich liebte die Liebe«, erscheinen jeweilige Objekte

zutiefst als bloße Anlässe, einen Liebesüberschuß daran abzuladen, der

auf uns selbst bezogen, und nur, sozusagen, nicht recht unterzubringen

gewesen ist. Die Frage, wodurch wir überhaupt aus unserer Selbstliebe in

Objektlibido hinausstoßen, wurde ja auch mehrfach von _Freud_ im Sinne

eines solchen überschüssigen Zuviel erörtert. Nun meine ich, eben dies

»Allzuviele« daran ergibt sich aus dem Umstand, daß es bereits vom Hause

aus, als _Richtung des Verhaltens_, unsere Ichgrenzen als solche nicht

berücksichtigt, sondern übersteigt, _nicht ihnen gilt_, ja ihnen

entgegen steht, was nur wieder bedeutet: es ist narzißtisch bedingt,

d. h. in aller Selbstbehauptung zugleich Wiederauflösungswerk am Selbst.

Sicherlich gibt es auch die ganz eigentliche, bewußt auf uns gerichtete

Selbstliebe, die dann vom Ichvorteil, nicht von der Wollust her, ihre

Befriedigung bezieht. Aber auch die echte Wollust wird, indem sie am

Selbst sich ausläßt, von diesem Selbst für den forschenden Blick leicht

überdeckt, und noch ihr Zuviel umfließt es scheinbar als ihren

Mittelpunkt. Erst an der Objektbesetzung zeichnet sich die Libido ja als

etwas für sich ab, in den Umrissen des Objekts wird sie uns deshalb erst

libidinös umrissen. Dahinter aber liegt, nach wie vor, weit ausgebreitet

das Land, daraus sie stammt, und was sich im Vordergrund in der

Einzelfigur des Objekts so groß davon abhebt, berückt uns nur, weil es

diese Landestracht trägt. Ich denke mir: die _Freud_sche

»Sexualüberschätzung«, das Bemühen, das Libidoobjekt zu erhöhen, mit

allem Schönen und Wertvollen auszustaffieren, kommt von daher: sie sucht

es ganz und gar zum würdigen, passenden Stellvertreter dessen zu machen,

was, im Grunde immer noch allumfassend, sich schließlich daran ebenso

schwer völlig anwenden, unterbringen läßt, wie innerhalb des

Subjekt-Objekts selber. Letzten Endes steht jedes Objekt so

stellvertretend, als -- im streng psychoanalytischen Wortsinn verstanden

-- »Symbol« für sonst eben unausdrückbare Fülle des unbewußt damit

Verbundenen. Libidinös geredet besitzt keine Objektbesetzung andere

Realität als solche symbolische; der Lustbezug daraus gleicht durchaus

dem, was _Ferenczi_ einmal als »Wiederfindungslust« beschreibt: »die

Tendenz, das Liebgewordene in allen Dingen der feindlichen Außenwelt

wiederzufinden, ist wahrscheinlich auch die Quelle der Symbolbildung«(6).

Fügen wir hinzu: damit auch die der Objektlibido als letztlich

narzißtisch entspringender und gespeister. Die psychoanalytische

Einsicht: daß auch spätere Liebesobjekte Übertragungen aus

frühesten seien, gilt eben grundsätzlich: »Libidoobjekt« heißt

Übertragensein aus noch ungeschiedener Subjekt-Objekteinheit in ein

vereinzeltes Außenbild; und dieses ist damit genau so wenig in bloßer

Vereinzelung gemeint, wie wir uns selber libidinös mit unsrer

Einzelhaftigkeit bescheiden, wie wir vielmehr unsere Grenzen

unwillkürlich darin zu übersehen, geringzuachten suchen.

(6) Zur Unterscheidung vom andern Lustbezug: demjenigen bloß ersparten

Kraftaufwands, wie er _Freuds_ Witztechnik zugrunde liegt.

(_Ferenczi_, Analyse von Gleichnissen, »Intern. Zeitschrift«, III, 5.,

p. 278.)

Bekanntlich redet _Freud_ von »Sexualüberschätzung« als von etwas, wobei

unser Narzißmus ein wenig allzugründlich sein »Zuviel« an Libido

ausgibt, woran er verarmt, leidet, um erst durch das Erfahren von

Gegenliebe wieder frisch aufgefüllt zu werden. Dies kehrt sich

jedenfalls am schärfsten hervor bei solcher Libido, die damit in zu

schroffem Gegensatz gerät zum ichhaften Bemächtigungsbestreben, also bei

männlich gearteter. Um ganz zu bemerken, wie gewißlich unser Narzißmus

gerade an seinen Sexualüberschätzungen, seiner Ich-Zurückdrängung sich

auch bereichert und steigert, muß man ihn vielleicht insbesondere dort

betrachten, wo er sich nicht so weit in den Ichbezirk hinein

»vermännlichte«, oder wo er, ehe das geschah, einen Rückschub erfuhr in

das Infantilere, der ichbewußten Aggressivität ferner Bleibende. Man

wolle nicht denken, daß damit die Libido des Weibtums mit ihrem von

_Freud_ geschilderten Umkipp (von der Klitorissexualität in die passiv

gewendete der Vagina) überwichtig genommen werden soll: aber kommt bei

ihr die Egoseite des Narzißmus wiederum zu kurz, so gestattet sie doch

dafür unverkürzt den Einblick in die andere, sonst uns allzu abgekehrt

verbleibende Seite seines Wesens. Die Wollust, sich selber zu

überrennen, sich nicht als Ich im Wege zu stehen beim beseeligenden

Wiedererleben noch ichfremden Urzustandes, erhöht sich daran unter

Umständen masochistisch, sowohl den körperlichen Schmerz als auch die

Situation der Demütigung bejahend. Dem Ich gegenüber also

_widerspruchsvoll_, da: »die Verkehrung der Aktivität in Passivität und

Wendung gegen die eigene Person eigentlich niemals am ganzen Betrag der

Triebregung vorgenommen wird«. (_Freud_, Trieb und Triebschicksale.)

Eben dieses Paradoxon des Erlebens rückt jedoch erst voll ins Licht,

inwiefern dem Narzißmus ein Doppelvollzug von Selbstbehauptung und von

Schwelgen in noch Uneingegrenztem ur- und eigentümlich sei, wie _Freud_

ja überdies zugibt, wir hatten: »allen Grund anzunehmen, daß auch

Schmerz, wie andere Unlustempfindungen, auf die Sexualerregung

übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um deswillen man sich

auch die Unlust(7) des Schmerzes gefallen lassen kann« (wenn _Freud_

auch am sekundären Charakter des Masochismus festhalten will, als einer

Reaktion auf vorangegangene, hinterdrein gleichsam nach Sühneschmerz

verlangende Übergriffe). Innerhalb weiblich gerichteter Libido meine ich

übrigens etwas vom sexuellen Urausdruck nicht nur verdeutlicht zu sehen

in der Verschärfung zum masochistischen Zug, wo ja, ob auch negativ, das

Ich als schmerzbedingendes, immerhin noch bedeutungsvoll mitwirkt; der

Rückschub ins Passive gewährt überdies nämlich auch den erogenen Zonen

dauernd ihren ursprünglichen Spielraum, als -- gegenüber dem Vorstoß ins

Aktive -- dem Prinzip des Aufhaltenden, Verweilenden, also jener

Zärtlichkeit, die hochgeeignet zur Beseelung, seelischen Verfeinerung

der Leibesvorgänge, doch diese zugleich an ihre Kindergewohnheiten

bindet; an infantile Erogenität des Gesamtleibes, an noch nicht

punktuell einbezirkten Allkontakt sozusagen. Und endlich und nicht zum

wenigsten, ist es der beharrende Überrest der Klitorissexualität selber,

der, fürs Genitalziel überflüssig geworden, am Weibe sich an seinem

infantilen Rückstand, sei es kindlicher oder kindischer, auslebt, bis --

-- ja vielleicht bis das Weib »das Kind« aus sich in die Welt

hinausgeboren hat. Auf diesem Höhepunkt weiblicher Erfahrung aber, steht

sie, die Erzeugerin, Ernährerin, Erzieherin des Kindes zugleich dem

Wachstum ins Männliche nahe: _ihrem_ Stück Aktivität, darin fast

doppelgeschlechtlich ergänzt, und eben drum wieder ins Urnarzißtische

zurückgerundet, wie es auf der ganzen Welt sich nur ermöglicht im Bild

der Mutter, die, sich selbst fortgebend, sich selbst an der Brust hält.

Entsprechend dem Penis-Neid des Weibes findet man deshalb nicht selten

beim Mann jenes Sichselbst-Wiedergebärenwollen (das sowohl zu

unterscheiden wäre vom Zurückwollen in die geliebte Mutter = Gebärerin,

als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen

Beobachtungen, die mir vorliegen, glaube ich darin eine weiblich

umgemodelte Klitoris-Betonung zu sehen, indem ja, nach infantiler

Annahme von der Analerotik her, die Klitoris auch etwas vom Leibe

Ablösbares (den »Lumpf« aus _Freuds_ bekannter Kinderanalyse) bedeutet,

wie es in mancher (natürlich nicht jeglicher) Schwangerschaftsphantasie

männlicher Neurotiker sich ebenfalls Ausdruck schafft. Ich komme aber

darauf, weil mir mehrfach auffiel, wie Mannbarwerden des Knaben zunächst

als Bedrängtwerden von Fremdem empfunden wurde: als vergewaltigendes

Außer-einem(8), das man in sich hineinzwingen, sich einverleiben möchte

zu Besitz statt Besessenheit; bevor das »Zuviel« der Libido auf die

Abfuhr ans Objekt verfällt, macht sie in solchen Fällen sich bemerkbar

_fast gleich einer Schädigung der narzißtischen Selbstliebe_, der

Einheit von Libido und Ich: erst an der Objektbesetzung einen die beiden

sich dann neu in der Gemeinsamkeit ihres Entzückens am Objekt.

(7) Vgl. hiezu die Schlußseiten von _Ferenczis_ »Von Krankheits- oder

Pathoneurosen«, Intern. Zeitschr. IV, 5, wo von Masochismus und

weiblicher Genitalität als sehr dunklen Problemen die Rede ist, und wo

Körperverletzungen als Anlässe zu Regression auf ursprünglichen

Hautmasochismus (die Haut infantilste erogene Zone!) erörtert werden.

Schon früh hat sich P. _Federn_ für den primären Charakter der

»Passionslibido« ausgesprochen entgegen _Freuds_: »ein ursprünglicher

Masochismus, der nicht -- -- -- aus dem Sadismus entstanden wäre,

scheint nicht vorzukommen«. »Im Gegensatz dazu muß ich als sicher

hinstellen, daß die Libido sowohl weiblich als männlich sein kann.

(Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist --

-- die passive lustvolle Einstellung des Gesamt-Ichs. Menschen, die

normale und masochistische Sexualität besitzen, geben an, daß die

masochistische Sexualität 'durch das Gehirn gehe', sie nehmen die

Überwältigung des ganzen Ichs selbst an«. Hiermit ist von P. _Federn_

für den primären Masochismus die Eignung zur vollen Liebesfähigkeit in

Anspruch genommen, die sich nach _Freud_ kennzeichnet als »Relation

des Gesamt-Ichs zu den Objekten«. (Samml. kl. Schr. z. N., IV, 274.)

(8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man

ist mit sich selbst wie mit einer Vermummung umhüllt, Verkleidung oder

Maske, da etwas darin steckt, das jeden Augenblick alles in Fetzen

durchstoßen, zerreißen kann, und doch damit einen selber vernichten.

Oder: man liegt neben offenem Grab, in das ein Grabstein

hineinzustürzen droht, der dicht dabei hochragt und nur auf die erste

unvorsichtige Bewegung wartet, denn _er_ gehört ja auf diese Öffnung,

_einen selber_ aber begräbt sie.

So scheint _nicht so sehr die Objektbesetzung_, nicht die

Sexualüberschätzung innerhalb ihrer, unserm Narzißmus gefährlich zu

sein: wohl aber wird er seinerseits gefährlich dem Objekt der Libido;

sein bleibendes Eingreifen verschuldet, daß es dabei diesem Objekt

schließlich an den Kragen geht. Denn von vornherein nur zu einer Art von

Stellvertreterschaft zugelassen, verflüchtigt es sich in seiner realen

Beschaffenheit nur um so mehr und mehr, je gefeierter es auftritt. Die

typischen Liebesenttäuschungen haben ihren letzten Grund, ihren

unabwendbaren _hierin_: _nicht erst_ im Nachlassen der Liebe durch die

Zeit oder durch enttäuschende Einsichten, denn, ganz abgesehen von

diesem beiden hat das Objekt ja ganz eigentlich mit seinem Leibe dafür

zu haften, daß es weit mehr als Leibhaftigkeit sei, und mit seinem,

scheinbar doch erkorenen, auserwählten, Sonderwesen dafür, daß es im

Grunde Allwesenheit sei. Je weiter Liebesekstase sich versteigt, ihr

Objekt stets üppiger, ohne zu sparen, bereichernd, desto dünner,

unterernährter bleibt das Objekt hinter seiner Symbolität zurück; je

heißer unsere Schwärmerei, desto abkühlender diese Verwechslung, bis,

auf richtiger Höhe, sich Brand und Frost fast identisch anfühlen (was

das Schicksal der glücklichen Liebe fast unangenehmer als das der

unglücklichen, der den Partner kühl lassenden aber selber schön

warmbleibenden, machen kann). Auch hinter der reifgewordenen

Genitallibido, die es mit den Realitäten am ernstesten nimmt, wächst

dies symbolisierende Verfahren, das auch im Genitalen dennoch nur die

narzißtischen Identifizierungen durchsetzen will: die keiner

Objektbrücken im einzelnen bedürfen, über alles sich erstreckend aber

auch nichts außer sich gelten lassend.

An der Objektlibido findet sich so manches, was ihr zugeschrieben wird,

während mir scheint, daß es unter Umgehung ihrer, sich ziemlich direkt

vom Narzißmus herleitet und nur in den eifrigen Symbolbildungen sich mit

ihr zusammenfindet. Dazu gehört großenteils, was man Freundschaft

zwischen verschiedenen Geschlechtern nennt. Bei der ungemein populären

Diskussion dieses Themas beobachtete ich oft, wie sonderbar stark selbst

unbefangen denkende Leute sich dagegen wehren, in Freundschaft nur eine

Noch-nicht-, oder Schon-nicht-mehr-Liebe zu sehen, oder aber eine mit

ihrer eigenen Verdrängung kämpfende. Meinem Eindruck nach liegt dies

daran, daß im Freundschaftsbündnis allerdings Sexualanteile genug

stecken, häufig jedoch solche, die ursprünglich nicht dem Partner

zukommen, sondern sich dem Bunde mit ihm beigesellten von anderwärts:

nämlich aus Aufarbeitungen vom Narzißtischen her, in Sublimierungen aus

Infantilismen. Die Empfindung gewisser Nichtsexualität dem Freunde

gegenüber bestünde damit zu Recht; nicht in gegenseitiger Erotik,

sondern in etwas Drittem wurzelte sie: gleichviel, ob sie erwüchse aus

noch immer infantilen Interessen oder erblühte zu hochvergeistigtesten,

gleichviel ob die Freunde nun eins in Gott sein mögen, oder auch nur

beim Sammeln oder Angeln. Das Wesentliche bleibt, daß, wie geliebt und

anerkannt auch immer, der Freund letztlich gewertet, ja verklärt

gewissermaßen, sei, er es doch erst von diesem Dritten aus wird, das im

übrigen sogar fester zu binden imstande ist als Personalerotik, da,

abgelenkt vom Sexualziel der Leibesbesitznahme, dafür unserer so

aufgearbeiteten Libido gleichsam sich alles zu Besitz bietet, worauf sie

nur irgend verfällt; in Sublimierung ihrer allerältesten autoerotischen

Praxis kommt sie sozusagen zu einer geselligen Selbst- und

Weltverwechslung à deux. Gut verarbeitetem und dadurch -- außerhalb der

Genitallibido -- entwicklungsfröhlichem Narzißmus ist eben breiteste

Umfassung freigegeben, zum Entgelt für die genitallibidinöse Enge

sonstiger Partnerumarmung. Man könnte ja den schlechten Witz machen:

unserm alten Autoerotismus, einstmals übers ganze Kinderkörperchen

verteilt, gelänge es in den Sublimationsanstrengungen einfach, uns

allmählich aus den Gliedern zu Kopfe zu steigen, als recht eigentlicher

»Verlegung von unten nach oben«. Von diesem Sprungbrett nun aber,

gelingt ihm jener gewaltige Absprung erst, der die Bedeutung der Libido

fürs kulturelle Leben überhaupt erneut, der Sprung vom _leibhaft

Libidobetonten in die Welt sachlicher Betonungen_, von infantilster

Selbstbezogenheit mitten hinein ins Außen-gegenüber. Dies Außen nicht

symbolistisch verbrämend, sondern sachlich begutachtend, es real

nutzend. Dadurch, daß es immer wieder noch unser Narzißmus selbst ist,

woraus -- im Normalfall und in idealer Konsequenz -- auch noch die

geistigsten, weitumspannendsten Aufarbeitungen sich ergeben, bekommt er,

der Leibentsprungene, nun neuerdings, auf neue Weise, doch wieder

Realboden unter die Füße: Sachlichkeit ist das gloriose menschliche

Ziel, das dem Narzißmus endlich im Dienst von Forschung oder

Fortschritt, Kunst oder Kultur, als verwandelter Eros zuwinkt wie aus

Träumen der Kindheit. Wo er in kindischen Träumen stecken blieb, wo sein

großer Sprung zu kurz ausfiel, da entgleist er auch an sich selbst ins

Pathologische, Bodenlose.

Narzißmus als Doppelrichtung · 第 2 / 5 题