Daß auch Objektliebe auf Selbstliebe zurückgeht, daß davon tatsächlich
jenes Akrobatenkunststück der Monere gilt, mit deren einziehbaren
Scheingliedern _Freud_ sie drastisch verglich, das ist psychoanalytisch
nach allen Seiten hin aufschlußgebend und belehrend geworden. Wie in des
heiligen Augustins: »ich liebte die Liebe«, erscheinen jeweilige Objekte
zutiefst als bloße Anlässe, einen Liebesüberschuß daran abzuladen, der
auf uns selbst bezogen, und nur, sozusagen, nicht recht unterzubringen
gewesen ist. Die Frage, wodurch wir überhaupt aus unserer Selbstliebe in
Objektlibido hinausstoßen, wurde ja auch mehrfach von _Freud_ im Sinne
eines solchen überschüssigen Zuviel erörtert. Nun meine ich, eben dies
»Allzuviele« daran ergibt sich aus dem Umstand, daß es bereits vom Hause
aus, als _Richtung des Verhaltens_, unsere Ichgrenzen als solche nicht
berücksichtigt, sondern übersteigt, _nicht ihnen gilt_, ja ihnen
entgegen steht, was nur wieder bedeutet: es ist narzißtisch bedingt,
d. h. in aller Selbstbehauptung zugleich Wiederauflösungswerk am Selbst.
Sicherlich gibt es auch die ganz eigentliche, bewußt auf uns gerichtete
Selbstliebe, die dann vom Ichvorteil, nicht von der Wollust her, ihre
Befriedigung bezieht. Aber auch die echte Wollust wird, indem sie am
Selbst sich ausläßt, von diesem Selbst für den forschenden Blick leicht
überdeckt, und noch ihr Zuviel umfließt es scheinbar als ihren
Mittelpunkt. Erst an der Objektbesetzung zeichnet sich die Libido ja als
etwas für sich ab, in den Umrissen des Objekts wird sie uns deshalb erst
libidinös umrissen. Dahinter aber liegt, nach wie vor, weit ausgebreitet
das Land, daraus sie stammt, und was sich im Vordergrund in der
Einzelfigur des Objekts so groß davon abhebt, berückt uns nur, weil es
diese Landestracht trägt. Ich denke mir: die _Freud_sche
»Sexualüberschätzung«, das Bemühen, das Libidoobjekt zu erhöhen, mit
allem Schönen und Wertvollen auszustaffieren, kommt von daher: sie sucht
es ganz und gar zum würdigen, passenden Stellvertreter dessen zu machen,
was, im Grunde immer noch allumfassend, sich schließlich daran ebenso
schwer völlig anwenden, unterbringen läßt, wie innerhalb des
Subjekt-Objekts selber. Letzten Endes steht jedes Objekt so
stellvertretend, als -- im streng psychoanalytischen Wortsinn verstanden
-- »Symbol« für sonst eben unausdrückbare Fülle des unbewußt damit
Verbundenen. Libidinös geredet besitzt keine Objektbesetzung andere
Realität als solche symbolische; der Lustbezug daraus gleicht durchaus
dem, was _Ferenczi_ einmal als »Wiederfindungslust« beschreibt: »die
Tendenz, das Liebgewordene in allen Dingen der feindlichen Außenwelt
wiederzufinden, ist wahrscheinlich auch die Quelle der Symbolbildung«(6).
Fügen wir hinzu: damit auch die der Objektlibido als letztlich
narzißtisch entspringender und gespeister. Die psychoanalytische
Einsicht: daß auch spätere Liebesobjekte Übertragungen aus
frühesten seien, gilt eben grundsätzlich: »Libidoobjekt« heißt
Übertragensein aus noch ungeschiedener Subjekt-Objekteinheit in ein
vereinzeltes Außenbild; und dieses ist damit genau so wenig in bloßer
Vereinzelung gemeint, wie wir uns selber libidinös mit unsrer
Einzelhaftigkeit bescheiden, wie wir vielmehr unsere Grenzen
unwillkürlich darin zu übersehen, geringzuachten suchen.
(6) Zur Unterscheidung vom andern Lustbezug: demjenigen bloß ersparten
Kraftaufwands, wie er _Freuds_ Witztechnik zugrunde liegt.
(_Ferenczi_, Analyse von Gleichnissen, »Intern. Zeitschrift«, III, 5.,
p. 278.)
Bekanntlich redet _Freud_ von »Sexualüberschätzung« als von etwas, wobei
unser Narzißmus ein wenig allzugründlich sein »Zuviel« an Libido
ausgibt, woran er verarmt, leidet, um erst durch das Erfahren von
Gegenliebe wieder frisch aufgefüllt zu werden. Dies kehrt sich
jedenfalls am schärfsten hervor bei solcher Libido, die damit in zu
schroffem Gegensatz gerät zum ichhaften Bemächtigungsbestreben, also bei
männlich gearteter. Um ganz zu bemerken, wie gewißlich unser Narzißmus
gerade an seinen Sexualüberschätzungen, seiner Ich-Zurückdrängung sich
auch bereichert und steigert, muß man ihn vielleicht insbesondere dort
betrachten, wo er sich nicht so weit in den Ichbezirk hinein
»vermännlichte«, oder wo er, ehe das geschah, einen Rückschub erfuhr in
das Infantilere, der ichbewußten Aggressivität ferner Bleibende. Man
wolle nicht denken, daß damit die Libido des Weibtums mit ihrem von
_Freud_ geschilderten Umkipp (von der Klitorissexualität in die passiv
gewendete der Vagina) überwichtig genommen werden soll: aber kommt bei
ihr die Egoseite des Narzißmus wiederum zu kurz, so gestattet sie doch
dafür unverkürzt den Einblick in die andere, sonst uns allzu abgekehrt
verbleibende Seite seines Wesens. Die Wollust, sich selber zu
überrennen, sich nicht als Ich im Wege zu stehen beim beseeligenden
Wiedererleben noch ichfremden Urzustandes, erhöht sich daran unter
Umständen masochistisch, sowohl den körperlichen Schmerz als auch die
Situation der Demütigung bejahend. Dem Ich gegenüber also
_widerspruchsvoll_, da: »die Verkehrung der Aktivität in Passivität und
Wendung gegen die eigene Person eigentlich niemals am ganzen Betrag der
Triebregung vorgenommen wird«. (_Freud_, Trieb und Triebschicksale.)
Eben dieses Paradoxon des Erlebens rückt jedoch erst voll ins Licht,
inwiefern dem Narzißmus ein Doppelvollzug von Selbstbehauptung und von
Schwelgen in noch Uneingegrenztem ur- und eigentümlich sei, wie _Freud_
ja überdies zugibt, wir hatten: »allen Grund anzunehmen, daß auch
Schmerz, wie andere Unlustempfindungen, auf die Sexualerregung
übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um deswillen man sich
auch die Unlust(7) des Schmerzes gefallen lassen kann« (wenn _Freud_
auch am sekundären Charakter des Masochismus festhalten will, als einer
Reaktion auf vorangegangene, hinterdrein gleichsam nach Sühneschmerz
verlangende Übergriffe). Innerhalb weiblich gerichteter Libido meine ich
übrigens etwas vom sexuellen Urausdruck nicht nur verdeutlicht zu sehen
in der Verschärfung zum masochistischen Zug, wo ja, ob auch negativ, das
Ich als schmerzbedingendes, immerhin noch bedeutungsvoll mitwirkt; der
Rückschub ins Passive gewährt überdies nämlich auch den erogenen Zonen
dauernd ihren ursprünglichen Spielraum, als -- gegenüber dem Vorstoß ins
Aktive -- dem Prinzip des Aufhaltenden, Verweilenden, also jener
Zärtlichkeit, die hochgeeignet zur Beseelung, seelischen Verfeinerung
der Leibesvorgänge, doch diese zugleich an ihre Kindergewohnheiten
bindet; an infantile Erogenität des Gesamtleibes, an noch nicht
punktuell einbezirkten Allkontakt sozusagen. Und endlich und nicht zum
wenigsten, ist es der beharrende Überrest der Klitorissexualität selber,
der, fürs Genitalziel überflüssig geworden, am Weibe sich an seinem
infantilen Rückstand, sei es kindlicher oder kindischer, auslebt, bis --
-- ja vielleicht bis das Weib »das Kind« aus sich in die Welt
hinausgeboren hat. Auf diesem Höhepunkt weiblicher Erfahrung aber, steht
sie, die Erzeugerin, Ernährerin, Erzieherin des Kindes zugleich dem
Wachstum ins Männliche nahe: _ihrem_ Stück Aktivität, darin fast
doppelgeschlechtlich ergänzt, und eben drum wieder ins Urnarzißtische
zurückgerundet, wie es auf der ganzen Welt sich nur ermöglicht im Bild
der Mutter, die, sich selbst fortgebend, sich selbst an der Brust hält.
Entsprechend dem Penis-Neid des Weibes findet man deshalb nicht selten
beim Mann jenes Sichselbst-Wiedergebärenwollen (das sowohl zu
unterscheiden wäre vom Zurückwollen in die geliebte Mutter = Gebärerin,
als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen
Beobachtungen, die mir vorliegen, glaube ich darin eine weiblich
umgemodelte Klitoris-Betonung zu sehen, indem ja, nach infantiler
Annahme von der Analerotik her, die Klitoris auch etwas vom Leibe
Ablösbares (den »Lumpf« aus _Freuds_ bekannter Kinderanalyse) bedeutet,
wie es in mancher (natürlich nicht jeglicher) Schwangerschaftsphantasie
männlicher Neurotiker sich ebenfalls Ausdruck schafft. Ich komme aber
darauf, weil mir mehrfach auffiel, wie Mannbarwerden des Knaben zunächst
als Bedrängtwerden von Fremdem empfunden wurde: als vergewaltigendes
Außer-einem(8), das man in sich hineinzwingen, sich einverleiben möchte
zu Besitz statt Besessenheit; bevor das »Zuviel« der Libido auf die
Abfuhr ans Objekt verfällt, macht sie in solchen Fällen sich bemerkbar
_fast gleich einer Schädigung der narzißtischen Selbstliebe_, der
Einheit von Libido und Ich: erst an der Objektbesetzung einen die beiden
sich dann neu in der Gemeinsamkeit ihres Entzückens am Objekt.
(7) Vgl. hiezu die Schlußseiten von _Ferenczis_ »Von Krankheits- oder
Pathoneurosen«, Intern. Zeitschr. IV, 5, wo von Masochismus und
weiblicher Genitalität als sehr dunklen Problemen die Rede ist, und wo
Körperverletzungen als Anlässe zu Regression auf ursprünglichen
Hautmasochismus (die Haut infantilste erogene Zone!) erörtert werden.
Schon früh hat sich P. _Federn_ für den primären Charakter der
»Passionslibido« ausgesprochen entgegen _Freuds_: »ein ursprünglicher
Masochismus, der nicht -- -- -- aus dem Sadismus entstanden wäre,
scheint nicht vorzukommen«. »Im Gegensatz dazu muß ich als sicher
hinstellen, daß die Libido sowohl weiblich als männlich sein kann.
(Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist --
-- die passive lustvolle Einstellung des Gesamt-Ichs. Menschen, die
normale und masochistische Sexualität besitzen, geben an, daß die
masochistische Sexualität 'durch das Gehirn gehe', sie nehmen die
Überwältigung des ganzen Ichs selbst an«. Hiermit ist von P. _Federn_
für den primären Masochismus die Eignung zur vollen Liebesfähigkeit in
Anspruch genommen, die sich nach _Freud_ kennzeichnet als »Relation
des Gesamt-Ichs zu den Objekten«. (Samml. kl. Schr. z. N., IV, 274.)
(8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
ist mit sich selbst wie mit einer Vermummung umhüllt, Verkleidung oder
Maske, da etwas darin steckt, das jeden Augenblick alles in Fetzen
durchstoßen, zerreißen kann, und doch damit einen selber vernichten.
Oder: man liegt neben offenem Grab, in das ein Grabstein
hineinzustürzen droht, der dicht dabei hochragt und nur auf die erste
unvorsichtige Bewegung wartet, denn _er_ gehört ja auf diese Öffnung,
_einen selber_ aber begräbt sie.
So scheint _nicht so sehr die Objektbesetzung_, nicht die
Sexualüberschätzung innerhalb ihrer, unserm Narzißmus gefährlich zu
sein: wohl aber wird er seinerseits gefährlich dem Objekt der Libido;
sein bleibendes Eingreifen verschuldet, daß es dabei diesem Objekt
schließlich an den Kragen geht. Denn von vornherein nur zu einer Art von
Stellvertreterschaft zugelassen, verflüchtigt es sich in seiner realen
Beschaffenheit nur um so mehr und mehr, je gefeierter es auftritt. Die
typischen Liebesenttäuschungen haben ihren letzten Grund, ihren
unabwendbaren _hierin_: _nicht erst_ im Nachlassen der Liebe durch die
Zeit oder durch enttäuschende Einsichten, denn, ganz abgesehen von
diesem beiden hat das Objekt ja ganz eigentlich mit seinem Leibe dafür
zu haften, daß es weit mehr als Leibhaftigkeit sei, und mit seinem,
scheinbar doch erkorenen, auserwählten, Sonderwesen dafür, daß es im
Grunde Allwesenheit sei. Je weiter Liebesekstase sich versteigt, ihr
Objekt stets üppiger, ohne zu sparen, bereichernd, desto dünner,
unterernährter bleibt das Objekt hinter seiner Symbolität zurück; je
heißer unsere Schwärmerei, desto abkühlender diese Verwechslung, bis,
auf richtiger Höhe, sich Brand und Frost fast identisch anfühlen (was
das Schicksal der glücklichen Liebe fast unangenehmer als das der
unglücklichen, der den Partner kühl lassenden aber selber schön
warmbleibenden, machen kann). Auch hinter der reifgewordenen
Genitallibido, die es mit den Realitäten am ernstesten nimmt, wächst
dies symbolisierende Verfahren, das auch im Genitalen dennoch nur die
narzißtischen Identifizierungen durchsetzen will: die keiner
Objektbrücken im einzelnen bedürfen, über alles sich erstreckend aber
auch nichts außer sich gelten lassend.
An der Objektlibido findet sich so manches, was ihr zugeschrieben wird,
während mir scheint, daß es unter Umgehung ihrer, sich ziemlich direkt
vom Narzißmus herleitet und nur in den eifrigen Symbolbildungen sich mit
ihr zusammenfindet. Dazu gehört großenteils, was man Freundschaft
zwischen verschiedenen Geschlechtern nennt. Bei der ungemein populären
Diskussion dieses Themas beobachtete ich oft, wie sonderbar stark selbst
unbefangen denkende Leute sich dagegen wehren, in Freundschaft nur eine
Noch-nicht-, oder Schon-nicht-mehr-Liebe zu sehen, oder aber eine mit
ihrer eigenen Verdrängung kämpfende. Meinem Eindruck nach liegt dies
daran, daß im Freundschaftsbündnis allerdings Sexualanteile genug
stecken, häufig jedoch solche, die ursprünglich nicht dem Partner
zukommen, sondern sich dem Bunde mit ihm beigesellten von anderwärts:
nämlich aus Aufarbeitungen vom Narzißtischen her, in Sublimierungen aus
Infantilismen. Die Empfindung gewisser Nichtsexualität dem Freunde
gegenüber bestünde damit zu Recht; nicht in gegenseitiger Erotik,
sondern in etwas Drittem wurzelte sie: gleichviel, ob sie erwüchse aus
noch immer infantilen Interessen oder erblühte zu hochvergeistigtesten,
gleichviel ob die Freunde nun eins in Gott sein mögen, oder auch nur
beim Sammeln oder Angeln. Das Wesentliche bleibt, daß, wie geliebt und
anerkannt auch immer, der Freund letztlich gewertet, ja verklärt
gewissermaßen, sei, er es doch erst von diesem Dritten aus wird, das im
übrigen sogar fester zu binden imstande ist als Personalerotik, da,
abgelenkt vom Sexualziel der Leibesbesitznahme, dafür unserer so
aufgearbeiteten Libido gleichsam sich alles zu Besitz bietet, worauf sie
nur irgend verfällt; in Sublimierung ihrer allerältesten autoerotischen
Praxis kommt sie sozusagen zu einer geselligen Selbst- und
Weltverwechslung à deux. Gut verarbeitetem und dadurch -- außerhalb der
Genitallibido -- entwicklungsfröhlichem Narzißmus ist eben breiteste
Umfassung freigegeben, zum Entgelt für die genitallibidinöse Enge
sonstiger Partnerumarmung. Man könnte ja den schlechten Witz machen:
unserm alten Autoerotismus, einstmals übers ganze Kinderkörperchen
verteilt, gelänge es in den Sublimationsanstrengungen einfach, uns
allmählich aus den Gliedern zu Kopfe zu steigen, als recht eigentlicher
»Verlegung von unten nach oben«. Von diesem Sprungbrett nun aber,
gelingt ihm jener gewaltige Absprung erst, der die Bedeutung der Libido
fürs kulturelle Leben überhaupt erneut, der Sprung vom _leibhaft
Libidobetonten in die Welt sachlicher Betonungen_, von infantilster
Selbstbezogenheit mitten hinein ins Außen-gegenüber. Dies Außen nicht
symbolistisch verbrämend, sondern sachlich begutachtend, es real
nutzend. Dadurch, daß es immer wieder noch unser Narzißmus selbst ist,
woraus -- im Normalfall und in idealer Konsequenz -- auch noch die
geistigsten, weitumspannendsten Aufarbeitungen sich ergeben, bekommt er,
der Leibentsprungene, nun neuerdings, auf neue Weise, doch wieder
Realboden unter die Füße: Sachlichkeit ist das gloriose menschliche
Ziel, das dem Narzißmus endlich im Dienst von Forschung oder
Fortschritt, Kunst oder Kultur, als verwandelter Eros zuwinkt wie aus
Träumen der Kindheit. Wo er in kindischen Träumen stecken blieb, wo sein
großer Sprung zu kurz ausfiel, da entgleist er auch an sich selbst ins
Pathologische, Bodenlose.