Bei dem, was Kunst genannt wird, künstlerisches Schaffen, oder sagen wir
allgemeiner: poetisch anstatt praktisch gerichtete Betätigung, braucht
man die narzißtische Kinderstube nicht erst an Restbeständen daraus
aufzuspüren wie bei Objektbesetzungen oder Wertsetzungen: unmittelbar
nimmt es immer wieder von dorther den Ausgang, auf eigenem Pfad,
verfährt bis in alle letzten Ziele, narzißtisch »wertend« und
»besetzend«. Die gleiche Methode stünde uns allen auch lebenslänglich,
jeglichen Augenblick und bei jedem Eindruck zu Gebote, würden wir uns
durch unsere logisch-praktische Anpassung an die Ich- und Realwelt nicht
ihrer so grundsätzlich entledigen, daß wir meistens nur erinnernd
dorthin zurückkönnen, wo Innen-Erlebnis und Außen-Vorfall noch
ungetrennt für dasselbe Geschehen stehen. Für dies Erinnern gilt darum
etwas anderes als fürs Gedächtnis, wovon _Freud_ vermerkt, es scheine:
»ganz am Bewußtsein zu hängen, und ist scharf von den Erinnerungsspuren
zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Unbewußten fixieren«
(Fußnote aus »Das Unbewußte«); denn diese sind im Bereich wirkender
»Sachvorstellungen«, nicht davon abgezogener »Wortvorstellungen«
(_Freud_) zu denken, dieser bloßen Verständigungskonventionen, deren wir
uns gedächtnismäßig bemächtigen. Äußerste Exaktheit, Triumph besten
Gedächtnisses, kann so in umgekehrtes Verhältnis geraten zu
Erinnerungsklarheit, die, in lebendigem Zusammenhang der Eindrücke
wirksam, gleichsam nur an Leben entlang sich ins Bewußtsein hebt:
Gedächtnis _haben_ wir, Erinnerung _sind_ wir. Das allein ist der Grund
des unkünstlerischen bloßen »Abbildes«, und gilt darum weder für Kinder
noch für Primitive, sofern sie Reales noch phantastisch, Phantasiertes
als real nehmen können. Am schönsten kennzeichnet die vorgetäuschte
Bewegung des Films den Gegensatz zu Erinnerungsbewegtem: man könnte sich
sogar denken, daß derartige, dem Gedächtnis allzu tadellos nachhelfende
Vergegenwärtigungen von Vergangenem, Erinnerung auf tödliche Weise
beeinflussen würden, sie desorganisierend, zersetzend in ihrer
grundliegenden Totalität. Gewissermaßen ist ja Erinnerung ein nie nur
»praktischer«, immer auch schon »poetischer« Vollzug: sie ist damit
sozusagen das einem jeden von uns aufbewahrte Stück Dichtertum, Ergebnis
zugleich Distanz schaffender, bewußte Überschau ermöglichender
Vergangenheit, und ewig-erneuter Aktualität und Affektivität, auch wo
sich beides nicht so formend zusammentut wie im Werk des Poeten. Poesie
ist Weiterführung dessen, was das Kind noch lebte und was es dem
Heranwachsenden opfern mußte für seine Daseinspraxis: Poesie ist
perfektgewordene Erinnerung.
Nun gibt es nichts, was tiefer in Kindheitseindrücke zurückbrächte, als
aufgehobene Verdrängungen und nichts strebt von sich aus heftiger nach
solcher erinnernder Befreiung als das kindliche, noch so ganz von
Geboten und Verboten der Erwachsenen umstellte Leben. An die infantilen
Verdrängungen schließen die spätern sich an -- bilden damit den »Schatz
von Erinnerungsspuren, welche der bewußten Verfügung entzogen sind, und
die nun mit assoziativer Bindung das an sich ziehen, worauf vom
Bewußtsein her die abstoßenden Kräfte der Verdrängung wirken. Ohne
infantile Amnesie, kann man sagen, gäbe es keine hysterische Amnesie«
(_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Schon früh, in seiner Studie über »die
Dichter und das Phantasieren«, faßte _Freud_ daher Kunst auf als
Spezifikum gegen Verdrängungsgifte, und welche Erweiterungen seine
Arbeit über den Gegenstand auch seither durch ihn erfuhr: dieser
Hauptpunkt bleibt derselbe, wenn er auch den Unwillen der Künstler
erregt infolge meist zu flacher Auslegung. Man achtet nämlich zu häufig
nur darauf, daß die Kunst Wunscherfüllungen gewährleistet, die sonst gar
nicht oder nur strafbar oder endlich krankhaft sich durchsetzen, man
übersieht aber darüber die ganze Tragweite der _Freud_schen
Unterscheidung von »bewußtem« und »unbewußtem« Wunschziel. Niemand
bedarf weniger der Erfüllung von Personalwünschen wie der Künstler.
Niemand bleibt weniger in ihnen stecken, ja niemand kommt von
vornherein, eben als Schaffender, von Erfüllungen _her_, statt ihnen nur
nachzujagen. Durch zeitweiliges Zurückgenommensein in ursprünglicheren
Zusammenschluß dessen, was sich uns sonst nur in Subjekt und Objekt
spaltet, ist er seinem Einzelsinn und Privatsein im Schaffen enthobener
als sonst irgendwo: ja eben dies allein gestattet und ermöglicht ihm die
Aufhebung des Verdrängenden, eben dies erst gibt ja seinen Regungen eine
Freiheit wieder, wie wenn sie »ich-gerecht« im Sinn der
Bewußtseinszensur wären (vgl. _Freud_: »das Unbewußte wird für diese
eine Konstellation ich-gerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung
etwas abgeändert würde. Der Erfolg des Unbewußten ist an dieser
Kooperation unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch
anders als die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener
Leistung«). Dafür ist maßgebend, daß nicht auf unser Individual-Ich, wie
es sich bewußt auf sich selbst bezieht, dabei zurückgegangen sei,
sondern auf jene noch Allen gemeinsame Grundlage, auf Aller
Wesenskindheit, wie sich auch der künstlerische Mitgenuß hierauf nur
gründen kann(11). Ohne es zu wollen, hat so der Künstler sein Publikum
in sich, bei sich, und nur um so mehr, je vollständiger er davon
abzusehen pflegt, aufgebraucht vom Schaffensvorgang selber. Wird es --
meines Erachtens -- beim ethischen Verhalten auffallend, wie sehr das
Allgemeingültige letztlich sich »ethisch« doch nur durchführen läßt von
»Fall zu Fall«, in solchem scheinbaren Selbstwiderspruch gerade seine
eigentliche schöpferische Bedeutung erst offenbarend, so überrascht am
allerpersönlichsten Erfaßtsein des Künstlers, wie sehr, wie ganz es
immer schon das Allgemeine mit umfaßt, um erst daran wirklich, Werk, zu
werden. Hier erschließt sich das anscheinend Subjektivste als
Anschlußstelle des objektiv Gültigsten. Dazu stimmt die Erfahrung, daß
schaffendes Verhalten, je leichter, sieghafter es sich durchsetzt, in
desto rücksichtsloseren Gegensatz oft tritt zum, körperlich oder
seelisch bestimmten, sonstigen Personalzustand: darin tatsächlich der
Leibesfrucht ähnlich, deren Wachstum zu Verlagerungen, Bedrängnissen im
übrigen Organismus führt oder Muttergift durch seine Adern kreisen läßt.
Nicht selten erwacht der Künstler aus seiner Benommenheit wie aus einer
zwangshaften, mit dem Gefühl von Befreiung, nun wieder an Beliebiges
denken zu dürfen, sich in personell oder sachlich Wünschbarem
ungehindert gehen zu lassen. Wobei er sich dann freilich oft
mitverwandelt fühlt durch das Vorhergehende: als habe vieles sich
erledigt, was vorher am stärksten beschäftigte, als seien Umwertungen
eingetreten, die zuvor Unmerkliches neu betonen, Altes verjüngen, Junges
vergreisen ließen.
(11) Innerhalb davon dürfte sich zweierlei Schaffensart unterscheiden
lassen, je nachdem, wie weit Aufhebung von Verdrängungen vorwiegend in
Frage kommt. Diese kann den Vorgang so kampf- und angstvoll einleiten,
daß er zunächst Widerstreben statt Freude weckt; Hermann _Bang_
erzählte mir, wie oft er bei Arbeitsausbruch vom Stuhl springe und ans
Fenster eile, hoffend, etwas Ablenkendes draußen möge ihn daraus
erlösen. Glücksgefühl stellt sich hier erst als abgeworfener
Verdrängungsdruck, als Kraftersparnis ein (analog den _Freud_schen
Ausführungen über die Witztechnik). Positiver, bedingungsloser wirkt
das Glück, wo es sich weniger um Verdrängungskampf handelt, als um
unwillkürlich an uns sich vollziehende Erweiterungen, Ausweitungen
unseres Wesens: um Beschenktwerden mit etwas, was nicht Wunsch oder
Versagung in unserm Dasein gewesen war, sondern was praktisch uns gar
nicht »lag«, d. h. unserer persönlichen Struktur nicht entsprach,
»verdrängt« also schon wurde mit der andrängenden Fülle unverwendbarer
Ureindrücke. Im tiefen Zurückreichen bis ins Infantilste kann uns
gerade daraus zufallen, was sich damit »werkhaft« erledigt: Ergänzung,
Ahnung, die hoch um uns herum reicht, uns nun erst einschließend ins
Menschentum Aller. Der identifizierende Narzißmus, von produktiver
Phantasie aus seiner Infantilität emporgerissen, beteiligt sich
berauscht daran, ohne daß unsere persönliche Ichhaltung praktisch
verändert würde.
Interessant studiert es sich am Geschlechtlichen: wie durchaus es mit
seinen Hauptkomplexen im Schaffensmittelpunkt stehen bleibt, an der
Konzeption zutiefst damit beteiligt, und dennoch nur soweit, als es
aufgearbeitet wurde ins -- gleichsam -- Privatwollustfreie, d. h. als
der Zentralpunkt sich total aus dem personalen Umkreis verschob. Wo dies
auch nur im geringsten mißlang, bedeutet die persönlich erstrebte
Phantasiewunscherfüllung sofort das Versagen im Schöpferischen. Denn
wohl bedarf der Künstler der Regression bis ins Infantilste und damit am
leiblichsten Beeinflußte, aber auch nur er verhält sich auch hiezu
»schaffend«. Der Anteil des Eros an Geistschöpferischem -- wie stark der
Hinweis darauf auch _Freud_ verübelt wird -- gehört wohl zu den ältesten
Erkenntnissen, und im Grunde sollte doch ebenfalls selbstverständlich
sein, daß dafür nur _die_ Anteile daran in Betracht kommen, die wir
nicht geradenwegs zum Normalziel abführen, sondern diesem Ziel entgegen,
also infantil erhalten. Aber schöpferisch bedeutsam werden sie wiederum
erst unter Beihilfe von Verdrängung: nur daß sie sich, anstatt aufs
»Desinfantilisieren« und »Genitalisieren«, auf ein Entleiblichen des
ursprünglich kindlich Polymorphen bezieht. Man möchte sagen:
künstlerisches Schaffen _enthülst_ gewissermaßen aus dem Leibhaften den
fruchtbaren Kern, der sich im Werk dann allseitig auswächst. Mit E.
_Jones'_ Wort (aus der vorzüglichen Studie: »Die Empfängnis Mariae durch
das Ohr«, Jahrbuch IV) gesagt, liegt im Künstlerischen: »die Reaktion
gegen die Geschlechtlichkeit dem Streben, und ihre Sublimierung den
Formen, die das Streben annimmt, zugrunde«(12). Daß Begehr und Reaktion,
beide, hier gewaltig vertreten sein müssen(13), darauf gründet
_Schopenhauer_ sein bekanntes Experiment: sexueller Reizung nachzugeben
um dann, jählings, vom Punkt hoher Steigerung, abzubiegen in
Geistesarbeit. Man wäre versucht zu glauben, ähnliche Experimente müßten
sich bestätigen nicht nur bezüglich speziell-sexualer Mitwirkung,
sondern aller Triebhaftigkeit, z. B. auch von als »böse« gebrandmarkten
Regungen, denen wir ja nur infantil-sorglos noch ohneweiters nachgaben.
Das noch amoralische Begehren, so dicht bei seiner Umstülpung vom
narzißtisch Ununterschiedenen ins kraß selbstisch Verengte, mag bei
diesem Übergang Möglichkeiten in sich enthalten, die dem Menschen nicht
in der Praxis, nur in schaffender Phantasie, ganz aufgehen. Ist doch
»Sexuales« wie »Böses« in diesem Sinn allein, aber darin tatsächlich,
dem Schaffenden vermehrt zu eigen: wenn _Goethe_ versichert, er wisse
»von keinem Verbrechen, das er nicht auch begangen haben könnte«, so
kennzeichnet das nicht den individuellsten, sondern typischesten, den
noch infantil-alles enthaltenden Menschen, den, auf formkünstlerischem
Wege zielmächtigsten, aber auch den schlechthin riskiertesten. (Es
handelt sich darum: »zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte des
Menschen, ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen
stammen, wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich
ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander
unterscheiden«; _Freud_, »Das Unbewußte«.) Entgleist der Mensch aus
seinem Schaffenszustand, so sieht er sich infolgedessen furchtbar
aufgehängt zwischen Nichts und Nichts: weder geborgen am Werk, noch an
der Realwelt, worin er dem Urteil der anderen fragwürdig wurde wie dem
eigenen, d. h. wie seinem Privatpersonentum innerhalb praktischer
Weltgeltungen. Lassen schon Stockungen, Störungen während der Arbeit
Künstler leicht als Neurotiker erscheinen, so gleicht die gefährliche
Grundvoraussetzung alles Schaffens sie nahezu psychotischer Verfassung
an: indem es sie hinter den Rücken ihres Ich zurückzieht in ihrer
eigentlichsten Tätigkeit. Gelegentlich mehrfacher Beobachtungen habe ich
mich immer wieder überzeugt, mit welcher Selbstverständlichkeit, bei
unvermutetem Absturz aus produktivem Verhalten, ein Zurückfallen in
Infantilismen sexueller Art sich einstellen kann (_Freuds_ Bemerkung
bewahrheitend: »Das Höchste und das Niederste hängen an der Sexualität
überall am innigsten aneinander.« Drei Abh. z. Sexth.). Gerade daran
pflegt die Befürchtung sich zu verstärken: daß es sich wohl nicht nur um
vorübergehende Unterbrechung handle, sondern um Nachlassen der geistigen
Potenz überhaupt. Dies ist aber um so bedauerlicher, als
Schaffenszustände oft geradezu derartiger Absetzungen, Aussetzungen
_bedürfen_ mögen, solcher Erholungspausen des Bewußtseins, dem heimlich
weitergehende Arbeit sich entzieht, etwa wie dem Auge der Säfterückzug
in winterlichen Stamm entzogen bleibt, während dessen die Bäume sich
umschütten mit aller Melancholie entleerten, entfärbten Laubes. Wir
beurteilen uns eben vom Bewußtseinsauge aus, das wir prüfend auf uns
richteten seit Überschreiten unserer Infantilgrenze; und dieser
beurteilende, verurteilende Blick ist dann am unerbittlichsten,
schärfsten, wie auch die Triebe an dieser Grenze hier am stärksten sich
stauen und verstärken(14). Es ist deshalb, als ob der Schaffende noch
einmal Kindheitsparadies wie Kindheitshölle gleichermaßen zu durchkosten
bekäme.
(12) Ich finde eben zwei Verse von Hugo von _Hofmannsthal_, die sowohl
die Verdrängungshilfe beim Schaffen, als auch dessen widerspruchsvolle
Verknüpfung mit der Leiblichkeit hübsch wiedergeben:
1. »Aus der verschütteten Gruft nur wollt' ich ins Freie mich wühlen,
Aber da brach ich dem Licht Bahn und die Höhle erglüht.«
2. »Fürchterlich ist diese Kunst! Ich spinn' aus dem Leib mir den Faden,
Und dieser Faden zugleich ist auch mein Weg durch die Luft.«
(13) In seinen »Drei Abh. z. Sexth.« vermerkt _Freud_ die Tatsache,
daß man, obwohl dem Schönen das sexuell Reizende praktisch zugerechnet
zu werden pflegt, doch niemals die Genitalien selber als schön
bezeichnete. Sicherlich erklärt sich daraus, wie ganz die
Hochwertigkeit ästhetischer Betrachtungsweise sich nur gegen die
Gepflogenheiten der Praxis durchsetzte: auch noch die Enthüllung des
Nackten als Poesie bleibt insofern eine Folge des Feigenblattes.
(14) Der verstorbene junge Markus hat gut in einer kleinen Studie
(Zentralblatt IV, 11-12 »Die Objektwahl in der Liebe«, p. 598) darauf
hingewiesen, wie die _Freud_sche »Latenzzeit« es sei, worin diejenigen
Urteile sich in uns festsetzen, die später der Sexualität so
autoritativ wie aus anderer Welt gegenübertreten.
Entfremdetsein von unserm Ich ist uns harmlos nur gegeben in unserer
allnächtlichen kleinen Psychose, unserem allnächtlichen wundersamen
Schaffenszustand, dem Traum, der schon so vielfach primitivem Kunstwerk
verglichen wurde. Was den Traum dem Schaffen vor allem anähnelt, ist die
ungeheuere Objektivität, womit er seinen Inhalt vor uns hinstellt, auch
noch an das scheinbar krauseste Durcheinander verblüffende Kraft
überzeugender Formung, Gestaltung, verschwendend. Aber nicht einmal
diese selbst enthält, meines Erachtens, das künstlerischeste Moment
daran: sondern erst die Traumfähigkeit _so vielem gerecht zu werden
unbeeinflußt von unserer persönlichen Stellungnahme dazu_. Man kennt
_Lichtenbergs_ ärgerliche Frage, warum, um alles in der Welt, sogar
Dichter außerstande seien, fremde Charaktere derartig treffend, wissend,
unbestechlich durch eigene Vorurteile zu verlebendigen, wie der Traum es
mühelos erzielt. Mir ist das stets als tiefster Beweis dafür erschienen,
daß im gesunden, unbeschädigten Narzißmus an sich selber dies
übersubjektive Moment wirksam sei, d. h. seine Wunscherfüllungen gar
nicht umhin können, aus tiefer Identifikation mit allem
herauszuschaffen, weil nur dies seiner unwillkürlichen Tendenz
entspricht. Sowohl am manifesten wie latenten Traumtext finden sich
Teile dieser Art, die sich über das persönlich Wünschbare hinaussetzen,
den Träumer anderen gegenüber zu kurz kommen lassen, und, wenn
psychoanalytisch weit genug verfolgt, auf das noch Allumfassende des
Narzißtischen führen. Nur daß im Traum der Homer schläft, der das Werken
zunutze machen könnte. In Wachträumen dagegen, wo die geistige
Überlegenheit nicht schlummert und wo sie auch Beobachtungen des
Sachverhalts so erleichtern könnte, fehlt damit auch jene narzißtische
Identifikation mit ihrer ungewollt großzügigen Objektivität: Wünsche des
Ichs gewinnen Oberhand und zerstören mit ihrer passiven
Selbstbespiegelung den aktiven Formdrang(15). Auch im Kunstwerk kann es
Punkte geben, daraus Traum oder Wachtraum verräterisch reden: d. h.
ungenügende Bewußtseinsarbeit oder aber ungenügende Ichverdrängung --
Punkte, bei denen besonders erfolgreich Analyse ansetzen kann, während
das künstlerisch Vollgelungene sich aller Berechenbarkeit entzieht:
sozusagen nicht ermöglicht, auf der Linksseite des bunten Mustergewebes
dem Verlauf der Fäden und Verknotungen nachzuspüren(16).
(15) Mir hat es sich bisweilen aufgedrängt, daß in Wachträumen sich
Übergang vorbereitet zu tätig-produktivem Zustand, wenn der
Wunschtext, der meist höchst bewußt zugrundeliegt, mit seinem passiven
Realisierungsspiel zur Seite weicht vor einer gewissermaßen formalen
Bewältigung seiner Einfälle. _Dieser Übergang selbst_ schert sich dann
daran illustrativ zu spiegeln, schafft sich selber gleichsam
Sinnbilder, so daß es dabei fast zugeht, wie bei _Silberers_
»funktionalem Phänomen«: nur, anstatt zwischen Wachen und Einschlafen,
hier zwischen Wachtraum und Produktion, also nach der anderen Richtung
dessen, was uns unserem isolierten Ichbewußtsein enthebt.
(16) Hinsichtlich der Psychoanalyse an lebenden schaffenden Künstlern
möchte ich glauben, daß man äußerst vorsichtig und streng zweierlei
mögliche Wirkungen auseinanderhalten muß: die künstlerisch befreiende,
wodurch Hemmungen, Stockungen in den formentbindenden Sublimationsvorgängen
beseitigt werden, und eine unter Umständen gefährdende,
insofern sie ans Dunkel rühren kann, worin die Frucht keimt.
Ob man sich ganz ans Personale, Außerästhetische, halten kann
bei tiefer dringender Psychoanalyse, ist kaum zu beantworten bei
unserem geringen Wissen um das Zustandekommen schöpferischer Vorgänge.
So ist denn, ganz abgesehen von der »Begabungsfrage«, auf die beim
Künstlertum zurückgegangen sein muß, die _Objektivierungsnötigung_ schon
in der narzißtischen Identifikation als alles Schaffens Grundlage
gegeben. Der Werkdrang, der Formwille ergibt sich in seiner ganzen Wucht
aus dieser noch ungeschiedenen Einheitlichkeit von passiv und aktiv,
wovon unsere mittleren, unsere bewußtseinsvermittelteren, abgeleiteteren
Zustände so wenig mehr wissen, und was darum auch die Sprache in ein
Zweierlei zerzupft (obschon wir noch biologisch »Reizsamkeit« und
»Reaktion« als identisches Lebensmerkmal auffassen). Indem nun
Schöpfungen der Kunst sich außerhalb des praktischen Daseinsablaufs in
ihrer Wirklichkeit durchsetzen müssen, binden sie ihre Erlebnisweise an
die _Wiederholbarkeit_; Form geworden heißt da: in Vorhandenheit,
Gegenwart, Sein, beharren durch unabänderliche Festlegung bis ins Letzte
und Äußerste, so daß jedem inneren Nachschaffen, jedem Mitgenuß das
Ganze sich lebendig darstellt. Kinder, in ihrer Phantasiefrische, wissen
am besten um diesen Umstand, wenn sie eifervoll darauf bestehen,
Erzähltes absolut gleichlautend wiederzuhören, und jede Änderung daran
als »Lüge«, als Angriff auf ein positives Sein, rügen. Diese
Formehrfurcht, für die Form noch Inhalt in tieferem Sinn ist und
umgekehrt, läßt leicht Kinder künstlerisch begabter erscheinen, als sich
später beglaubigt; sie haben eben noch -- wörtlich -- »Spiel«raum dafür
innerhalb der praktisch-logischen Realität, die sie noch nicht von allen
Seiten zwingend umlagert und »Urgezeugtes« noch nicht an Welt und Ich
vorbei, in ganz andere Kategorie verweist. So spielend-selig würde der
Künstler sein Werk erleben, handelte es sich nicht darum, nachdem es ihm
geschenkt ward, es zu übersetzen wie Träume erst in »sekundärer
Bearbeitung« vor dem Entsinken bewahrt werden können. Eben daß es nicht
um ein stückweis Werdendes, erst zu Erarbeitendes geht, sondern um
Vorhandenheit, davon nur Schleier zu reißen sind, die sich verdichten,
plötzlich undurchdringlich werden können, macht die eigentlich
aufreibende Anstrengung bei der Arbeit aus, ihre Hast und Angst. Ohne
die drei Allzumenschlichkeiten, die mit allem Schöpferischen
zusammenhängen: den Kampf gegen dabei zu behebende Verdrängungen, die
Gefahr des Entgleisens in infantile Materialität, und endlich diese
hastende Überspannung -- wäre es eine »Anweisung zu seligem Leben«, wie
sie sonst nichts auf Erden kennt, ein Schwelgen aus dem Vollen, worin
Rausch und Frieden sich zur gleichen unerhörten Erfahrung einen. Nicht
umsonst pflegt solchen Zeiten, noch ehe das Bewußtsein ihr Nahen gewahr
wird, gleich einem Herold, Freude voranzugehen (im Gegensatz zu anderer,
von uns mehr oder weniger als begründet gewußter Freude, eine dem
Manischen ähnliche, wie auch jähes Vertriebensein daraus eher an
pathologische Melancholie gemahnt als an normale Verlust-Trauer)(17). Im
Schöpferischen, wenn irgendwo, finden wir die Farben und Bilder, womit
sich uns fast Gotthaftes ins Irdische malt. Und wenn der Mensch sich
einen Gott als Weltenschöpfer vorstellt, so ist das nicht nur, um die
Welt, sondern auch des Gottes -- narzißtische -- Wesenheit zu erklären:
mag solcher Welt Böses und Übel in Menge anhaften, der fromme Glaube
würde erst zunichte an einem Gott, der nicht wagt Werk, Welt, zu werden.
(17) In »Über Trauer und Melancholie« (S. d. kl. Schr. z. Nl. IV)
wirft _Freud_ die Frage auf, warum, trotz gewisser Vergleichbarkeit
von Melancholie mit normaler Trauer, von Manie mit Frohsinn, wohl der
Melancholie Manie folge, nicht aber der Trauer Frohsinn, sondern nur
resignierende Gewöhnung, und ob die _Allmählichkeit_ der Gewöhnung an
den Verlust das verursache: »Diese Lösung geht so langsam und
schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für
sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.« Außer solchem ökonomischen
Gesichtspunkt kommt vielleicht noch in Betracht, daß, während
Normaltrauer auf ihren Einzelfall beschränkt bleibt und eben an dem,
was noch übrig bleibt, sich zur Resignation ausgleicht, für
Melancholie narzißtisch »alles« hin ist, inbegriffen das eigene, sich
selbst vernichtende und entwertende Ich, und ebenso der Umschlag in
Manie »alles« wiederherstellt, also nicht an Gräber sich gewöhnt,
sondern Auferstehungen feiert. Dies würde aufs Stärkste an die
narzißtisch-durchsetzten Zustände des poetisch Schaffenden erinnern.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
steht.
als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen); nach einigen
als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen
(Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« Das Kriterium des Masochismus ist --
(Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist --
(8) Verschiedene Träume aus Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
(8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
-- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst den außerhalb solcher
-- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher
]