Gar zu gern hätte ich noch gesehen, wie es den Indern in dem nebligen
Herbst von Artois und Flandern erging. Aber die indischen Gefangenen
der Zitadelle von Lille hatte man eben nach Osten abgeschoben, um neuen
Scharen Platz zu machen. Ich selbst hatte einmal erfahren, wie es sich
rächt, Inder in ein kälteres Klima zu verpflanzen. Auf meiner letzten
Reise nach Tibet hatte ich zwei Radschputen aus Kaschmir mit. Als
wir in die Berge hinaufkamen, waren sie dem Erfrieren nahe, und mein
Karawanenführer Muhamed Isa erklärte, sie seien so nutzlos wie junge
Hunde. Ich mußte sie deshalb verabschieden. Ähnlich erging es mir mit
meinem indischen Koch; er war außerhalb Indiens völlig unbrauchbar.
In Tibet lebt man von Fleisch, in Indien von Vegetabilien. Wie hätte
er eine so plötzliche Veränderung des Klimas und zugleich der Diät
ertragen können!
Nun berichtete die Presse, die Engländer hätten einen vollständigen
Import von Indien nach Europa angeordnet. Es fiel mir schwer, das zu
glauben, aber an der Front erfuhr ich, es sei wahr. »Wie behandeln Sie
die indischen Soldaten?« fragte ich einmal ein paar Offiziere. -- »Wir
arretieren sie«, antwortete einer, und ein anderer fügte hinzu: »Das
braucht es gar nicht; sie werden bald in den Schützengräben erfrieren.«
Wenn ich zugestehe, daß ich selbst eine Dummheit beging, als ich
glaubte, Inder könnten in Tibet Dienste tun, so darf ich wohl
behaupten, daß Lord Charles Beresford eine noch siebenmal größere
Dummheit beging, als er die Hoffnung aussprach, »indische Lanzenreiter
die Berliner Straßen räumen und die kleinen braunen Gurkhas es sich im
Park von Sanssouci bequem machen zu sehen.«[A] Aber dieser Import ist
mehr als eine Dummheit -- er ist ein Verbrechen!
[A] Dieses Zitat ist Professor Steffens Buch »Krieg und Kultur«
entnommen, das ich aufs wärmste jedem empfehle, der in die
sozial-psychologischen Irrgänge des Weltkriegs eindringen will.
Großbritannien hat bald hundertundfünfzig Jahre glänzend seine Mission
erfüllt, Indiens Vormund zu sein; einem andern Volk würde diese
Riesenaufgabe kaum so gelingen. Indische Truppen haben mit Ehren gegen
ihre Nachbarn gekämpft und dazu beigetragen, die Ordnung unter 300
Millionen aufrechtzuerhalten. Aber niemals ist es einer englischen
Regierung eingefallen -- »vor dem jetzigen ~Liberal Government~« --,
farbige Heiden gegen christliche Europäer zu verwenden! Das ist ein
Verbrechen an Kultur, Zivilisation und Christentum. Und wenn die
englischen Missionare es billigen, dann sind sie Heuchler und schlechte
Verkündiger des Evangeliums. Indiens englische Herren verachten mit
Recht alle ehelichen Verbindungen zwischen Weißen und Hindus; die
Kinder aus solchen Ehen werden wie Maulesel betrachtet, oft auch so
genannt; sie sind weder Pferd noch Esel, sie sind halfcast. In Kalkutta
haben sie ihr eigenes Viertel und dürfen in keinem andern Stadtteil
wohnen. Aber -- wenn es sich darum handelt, die »deutschen Barbaren«
niederzuwerfen, dann ist eine Verbindung mit dem bronzefarbenen Volk
Indiens für den Engländer gut genug!
Ist es ein des zwanzigsten Jahrhunderts würdiger Fortschritt in Kultur
und Zivilisation, daß man die ahnungslosen Inder Hunderte von Meilen
über Meer und Land schleppt, um sie auf den Schlachtfeldern Europas
gegen die ersten Soldaten der Welt, die deutsche Armee, ins Feuer zu
treiben? Wenn diese Frage mit Ja! beantwortet werden kann, bleibe
ich doch unerschütterlich bei meiner Auffassung, daß eine solche
Handlungsweise der Gipfel der Grausamkeit ist! Grausam nicht gegen die
deutschen Soldaten, denn ich weiß, was für Empfindungen die indischen
Gegner ihnen einflößen: Verachtung und Mitleid! Auch geht es nicht
recht vorwärts mit der »Räumung der Berliner Straßen«, und die Linden
von Sanssouci werden wohl kaum über den Kriegerstämmen von den Abhängen
des Himalaja rauschen.
Was mögen diese indischen Truppen von ihren weißen Herren denken! Das
wird die Zukunft zeigen. Wer etwas von dem Land der tausend Sagen
gesehen hat, wer über die Kämme des Himalaja geritten ist, wer im
Mondschein beim Tadsch Mahal träumte, wer den heiligen Ganges in grauen
Ringen leise an den Kais von Benares vorübergleiten sah, wer entzückt
war von dem Zug der Elefanten unter den Mangobäumen in Dekkan, mit
einem Wort, wer Indien liebt und die Ordnung und Sicherheit bewundert,
die unter der englischen Verwaltung dort herrscht, der bedarf keiner
starken Phantasie, um zu begreifen, mit welchen Gedanken die indischen
Soldaten zurückkehren werden, und mit welchen Gefühlen ihre Familien
und Landsleute in den kleinen engen Hütten an den Abhängen des Himalaja
ihren Berichten lauschen werden. Er kann nur mit Schaudern daran
denken, denn er muß sich sagen, daß hier im Namen der Zivilisation ein
Verbrechen an Zivilisation und Christentum begangen wird.
Die Frage läßt sich nicht unterdrücken: werden diese indischen
Kontingente wirklich gebraucht? Reichen die weißen Millionen
Großbritanniens, Kanadas und Australiens nicht zu, von Franzosen,
Belgiern, Russen, Serben, Montenegrinern, Portugiesen, Japanern,
Turkos und Senegalnegern nicht zu reden? Es scheint wirklich so. In
der »Times« vom 5. September liest man in den fettesten Lettern die
Überschrift: ~The need for more men.~ (Mangel an Leuten.) Schon damals
brauchte man mehr Leute, um die »Kultur« der »deutschen Barbaren«
auszurotten! Das englische Volk muß mit besonderen Mitteln dazu erzogen
werden, Anlaß und Zweck des Kriegs zu begreifen! Sonst bleiben die
Engländer zu Hause und spielen Fußball und Cricket.
Und wie steht es nun um diese neue Volkserziehung? Darüber unterrichtet
uns die englische Presse täglich. Sie ist eine systematische Lüge! Die
verhängnisvolle Wirklichkeit, die England langsam einer Katastrophe
zuführt, muß durch eine strenge Preß- und Telegrammzensur verheimlicht
werden. Von Hindenburgs Siegen hat das englische Volk keine Ahnung. Die
Entwicklung der deutschen Operationen in Polen wird in ein siegreiches
Vorrücken der Russen auf Berlin umgedeutet! Über den deutschen Kaiser
verbreitet man die schändlichsten Verleumdungen! Die Germanen sind
Barbaren, die zerschmettert werden müssen, und an diesem preiswürdigen
Unternehmen müssen die zivilisierten Völker Serbiens, Senegambiens
und Portugals teilnehmen! England führt den Krieg durch konsequente
Fälschung der Wahrheit, die in der englischen Presse so selten ist wie
in der deutschen die Lüge.
Aber glaubt denn das Volk wirklich alles, was in den englischen
Zeitungen steht? Ja, ganz blind! Davon habe ich mich durch Briefe aus
England überzeugen können. Ein mir zugeschickter Aufruf, der von vielen
Gelehrten -- darunter mehrere Träger des Nobelpreises! -- unterzeichnet
ist, schließt mit den Worten: »Wir beklagen tief, daß unter dem
unheilvollen Einfluß eines militärischen Systems und seiner zügellosen
Eroberungsträume der Staat, den wir einmal geehrt haben, jetzt als
Europas gemeinsamer Feind und Feind aller Völker, die die Rechte der
Nationen achten, entlarvt ist. Wir müssen den Krieg, in den wir uns
eingelassen haben, zu Ende führen. Für uns wie für Belgien ist er ein
Verteidigungskrieg, der für Freiheit und Frieden durchgekämpft wird.«
Die alte Geschichte vom Splitter und Balken! Ist denn Englands
Weltmeerherrschaft kein militärisches System? Läßt sich ein
ausgedehnterer Militarismus denken als der, der seine Werbungen über
fünf Kontinente ausdehnt? Der sogar nach dem Strohhalm greift, den das
republikanische Portugal darreicht, und in den Zeitungen ~The need for
more men~ annonciert?
Was war denn der Burenkrieg? Vielleicht eine Äußerung derselben humanen
»Fürsorge für die kleinen Staaten«, die jetzt England eine Lanze für
Belgiens Selbständigkeit brechen läßt?
Es wäre nutzlos, jetzt, wo es zu spät ist, ergründen zu wollen,
wie sich der große Krieg würde entwickelt haben, wenn England
ruhig geblieben wäre. So viel aber ist sicher, daß Belgien dann
seine Selbständigkeit nicht länger eingebüßt hätte als bis zum
Friedensschluß. Der Krieg wäre dann auch nicht zu einem Weltkrieg
angewachsen wie jetzt -- zu der größten und tragischsten Katastrophe,
die je das Menschengeschlecht heimgesucht hat. Keine Nation hat je eine
größere, weltumfassendere Verantwortung getroffen als England! Und man
kann die Männer nur tief beklagen, die vor Gegenwart und Nachwelt diese
erdrückende Verantwortung werden zu tragen haben.