50. Die englische Lüge.

Gar zu gern hätte ich noch gesehen, wie es den Indern in dem nebligen

Herbst von Artois und Flandern erging. Aber die indischen Gefangenen

der Zitadelle von Lille hatte man eben nach Osten abgeschoben, um neuen

Scharen Platz zu machen. Ich selbst hatte einmal erfahren, wie es sich

rächt, Inder in ein kälteres Klima zu verpflanzen. Auf meiner letzten

Reise nach Tibet hatte ich zwei Radschputen aus Kaschmir mit. Als

wir in die Berge hinaufkamen, waren sie dem Erfrieren nahe, und mein

Karawanenführer Muhamed Isa erklärte, sie seien so nutzlos wie junge

Hunde. Ich mußte sie deshalb verabschieden. Ähnlich erging es mir mit

meinem indischen Koch; er war außerhalb Indiens völlig unbrauchbar.

In Tibet lebt man von Fleisch, in Indien von Vegetabilien. Wie hätte

er eine so plötzliche Veränderung des Klimas und zugleich der Diät

ertragen können!

Nun berichtete die Presse, die Engländer hätten einen vollständigen

Import von Indien nach Europa angeordnet. Es fiel mir schwer, das zu

glauben, aber an der Front erfuhr ich, es sei wahr. »Wie behandeln Sie

die indischen Soldaten?« fragte ich einmal ein paar Offiziere. -- »Wir

arretieren sie«, antwortete einer, und ein anderer fügte hinzu: »Das

braucht es gar nicht; sie werden bald in den Schützengräben erfrieren.«

Wenn ich zugestehe, daß ich selbst eine Dummheit beging, als ich

glaubte, Inder könnten in Tibet Dienste tun, so darf ich wohl

behaupten, daß Lord Charles Beresford eine noch siebenmal größere

Dummheit beging, als er die Hoffnung aussprach, »indische Lanzenreiter

die Berliner Straßen räumen und die kleinen braunen Gurkhas es sich im

Park von Sanssouci bequem machen zu sehen.«[A] Aber dieser Import ist

mehr als eine Dummheit -- er ist ein Verbrechen!

[A] Dieses Zitat ist Professor Steffens Buch »Krieg und Kultur«

entnommen, das ich aufs wärmste jedem empfehle, der in die

sozial-psychologischen Irrgänge des Weltkriegs eindringen will.

Großbritannien hat bald hundertundfünfzig Jahre glänzend seine Mission

erfüllt, Indiens Vormund zu sein; einem andern Volk würde diese

Riesenaufgabe kaum so gelingen. Indische Truppen haben mit Ehren gegen

ihre Nachbarn gekämpft und dazu beigetragen, die Ordnung unter 300

Millionen aufrechtzuerhalten. Aber niemals ist es einer englischen

Regierung eingefallen -- »vor dem jetzigen ~Liberal Government~« --,

farbige Heiden gegen christliche Europäer zu verwenden! Das ist ein

Verbrechen an Kultur, Zivilisation und Christentum. Und wenn die

englischen Missionare es billigen, dann sind sie Heuchler und schlechte

Verkündiger des Evangeliums. Indiens englische Herren verachten mit

Recht alle ehelichen Verbindungen zwischen Weißen und Hindus; die

Kinder aus solchen Ehen werden wie Maulesel betrachtet, oft auch so

genannt; sie sind weder Pferd noch Esel, sie sind halfcast. In Kalkutta

haben sie ihr eigenes Viertel und dürfen in keinem andern Stadtteil

wohnen. Aber -- wenn es sich darum handelt, die »deutschen Barbaren«

niederzuwerfen, dann ist eine Verbindung mit dem bronzefarbenen Volk

Indiens für den Engländer gut genug!

Ist es ein des zwanzigsten Jahrhunderts würdiger Fortschritt in Kultur

und Zivilisation, daß man die ahnungslosen Inder Hunderte von Meilen

über Meer und Land schleppt, um sie auf den Schlachtfeldern Europas

gegen die ersten Soldaten der Welt, die deutsche Armee, ins Feuer zu

treiben? Wenn diese Frage mit Ja! beantwortet werden kann, bleibe

ich doch unerschütterlich bei meiner Auffassung, daß eine solche

Handlungsweise der Gipfel der Grausamkeit ist! Grausam nicht gegen die

deutschen Soldaten, denn ich weiß, was für Empfindungen die indischen

Gegner ihnen einflößen: Verachtung und Mitleid! Auch geht es nicht

recht vorwärts mit der »Räumung der Berliner Straßen«, und die Linden

von Sanssouci werden wohl kaum über den Kriegerstämmen von den Abhängen

des Himalaja rauschen.

Was mögen diese indischen Truppen von ihren weißen Herren denken! Das

wird die Zukunft zeigen. Wer etwas von dem Land der tausend Sagen

gesehen hat, wer über die Kämme des Himalaja geritten ist, wer im

Mondschein beim Tadsch Mahal träumte, wer den heiligen Ganges in grauen

Ringen leise an den Kais von Benares vorübergleiten sah, wer entzückt

war von dem Zug der Elefanten unter den Mangobäumen in Dekkan, mit

einem Wort, wer Indien liebt und die Ordnung und Sicherheit bewundert,

die unter der englischen Verwaltung dort herrscht, der bedarf keiner

starken Phantasie, um zu begreifen, mit welchen Gedanken die indischen

Soldaten zurückkehren werden, und mit welchen Gefühlen ihre Familien

und Landsleute in den kleinen engen Hütten an den Abhängen des Himalaja

ihren Berichten lauschen werden. Er kann nur mit Schaudern daran

denken, denn er muß sich sagen, daß hier im Namen der Zivilisation ein

Verbrechen an Zivilisation und Christentum begangen wird.

Die Frage läßt sich nicht unterdrücken: werden diese indischen

Kontingente wirklich gebraucht? Reichen die weißen Millionen

Großbritanniens, Kanadas und Australiens nicht zu, von Franzosen,

Belgiern, Russen, Serben, Montenegrinern, Portugiesen, Japanern,

Turkos und Senegalnegern nicht zu reden? Es scheint wirklich so. In

der »Times« vom 5. September liest man in den fettesten Lettern die

Überschrift: ~The need for more men.~ (Mangel an Leuten.) Schon damals

brauchte man mehr Leute, um die »Kultur« der »deutschen Barbaren«

auszurotten! Das englische Volk muß mit besonderen Mitteln dazu erzogen

werden, Anlaß und Zweck des Kriegs zu begreifen! Sonst bleiben die

Engländer zu Hause und spielen Fußball und Cricket.

Und wie steht es nun um diese neue Volkserziehung? Darüber unterrichtet

uns die englische Presse täglich. Sie ist eine systematische Lüge! Die

verhängnisvolle Wirklichkeit, die England langsam einer Katastrophe

zuführt, muß durch eine strenge Preß- und Telegrammzensur verheimlicht

werden. Von Hindenburgs Siegen hat das englische Volk keine Ahnung. Die

Entwicklung der deutschen Operationen in Polen wird in ein siegreiches

Vorrücken der Russen auf Berlin umgedeutet! Über den deutschen Kaiser

verbreitet man die schändlichsten Verleumdungen! Die Germanen sind

Barbaren, die zerschmettert werden müssen, und an diesem preiswürdigen

Unternehmen müssen die zivilisierten Völker Serbiens, Senegambiens

und Portugals teilnehmen! England führt den Krieg durch konsequente

Fälschung der Wahrheit, die in der englischen Presse so selten ist wie

in der deutschen die Lüge.

Aber glaubt denn das Volk wirklich alles, was in den englischen

Zeitungen steht? Ja, ganz blind! Davon habe ich mich durch Briefe aus

England überzeugen können. Ein mir zugeschickter Aufruf, der von vielen

Gelehrten -- darunter mehrere Träger des Nobelpreises! -- unterzeichnet

ist, schließt mit den Worten: »Wir beklagen tief, daß unter dem

unheilvollen Einfluß eines militärischen Systems und seiner zügellosen

Eroberungsträume der Staat, den wir einmal geehrt haben, jetzt als

Europas gemeinsamer Feind und Feind aller Völker, die die Rechte der

Nationen achten, entlarvt ist. Wir müssen den Krieg, in den wir uns

eingelassen haben, zu Ende führen. Für uns wie für Belgien ist er ein

Verteidigungskrieg, der für Freiheit und Frieden durchgekämpft wird.«

Die alte Geschichte vom Splitter und Balken! Ist denn Englands

Weltmeerherrschaft kein militärisches System? Läßt sich ein

ausgedehnterer Militarismus denken als der, der seine Werbungen über

fünf Kontinente ausdehnt? Der sogar nach dem Strohhalm greift, den das

republikanische Portugal darreicht, und in den Zeitungen ~The need for

more men~ annonciert?

Was war denn der Burenkrieg? Vielleicht eine Äußerung derselben humanen

»Fürsorge für die kleinen Staaten«, die jetzt England eine Lanze für

Belgiens Selbständigkeit brechen läßt?

Es wäre nutzlos, jetzt, wo es zu spät ist, ergründen zu wollen,

wie sich der große Krieg würde entwickelt haben, wenn England

ruhig geblieben wäre. So viel aber ist sicher, daß Belgien dann

seine Selbständigkeit nicht länger eingebüßt hätte als bis zum

Friedensschluß. Der Krieg wäre dann auch nicht zu einem Weltkrieg

angewachsen wie jetzt -- zu der größten und tragischsten Katastrophe,

die je das Menschengeschlecht heimgesucht hat. Keine Nation hat je eine

größere, weltumfassendere Verantwortung getroffen als England! Und man

kann die Männer nur tief beklagen, die vor Gegenwart und Nachwelt diese

erdrückende Verantwortung werden zu tragen haben.

Ein Volk in Waffen · 第 104 / 105 题