Um 8 Uhr morgens wieder heraus und fort über das öde Feld von Artois
nach Douai! Bald darauf kreuzten wir die Stadt Lille in schneller
Windung, fuhren durch die Porte de Roubaix wieder hinaus und folgten in
nordöstlicher Richtung der langen, dichtbebauten Straße, die Lille und
Roubaix verbindet.
In Roubaix lagen noch 250 Engländer und eine Anzahl Offiziere, die
am Nachmittag nach Deutschland transportiert werden sollten. Die
Mannschaft war in einem großen Saal untergebracht, vermutlich einem
geräumten Restaurant. Möbel waren nicht zu sehen, aber große Bündel
Stroh auf dem Boden, besonders an den Wänden. Hier konnten sich die
Soldaten ihr Nachtlager herrichten, und sie litten wahrhaftig keine
Not. Ein Tommy, der eine ungefährliche Kopfwunde hatte, wurde gerade
von einem englischen Arzt, der selbst Gefangener war, behandelt. In
einem angrenzenden Zimmer mit Glasdach standen lange Reihen von Tischen
und Stühlen, wo die Gefangenen ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten.
Hier photographierte ich ein paar Gruppen, durch die der Leser sich
überzeugen kann, daß die Engländer in der Gefangenschaft weder betrübt
noch leidend aussehen. Auf dem einen Bild haben sie sogar eine muntere,
mollige Französin bei sich, aber ich muß zu ihrer Ehre zugestehen, daß
die edle Dame selbst darum gebeten hatte, mit ihren Verbündeten und
zufälligen Eßkunden zusammen porträtiert zu werden. Sie war nämlich die
Wirtin und überwachte die Verpflegung der Gefangenen.
In der Wirtschaftsküche kochte die Gefangenenkost in großen Kesseln;
auch dort war das Personal zum überwiegenden Teil französisch. Wer
die Deutschen anklagt, daß sie mit der Verpflegung der Gefangenen
knausern, der sollte sich im Restaurant zu Roubaix umsehen. Dort war
alles reichlich und gut. Austern, Trüffeln und Plumpudding gab es
zwar nicht, aber die Söldner, die zufällig aus Eastend waren, hatten
wahrscheinlich lange nicht so gut gegessen wie in Roubaix. Dazu kam,
daß die französische Wirtin in Tommy Atkins ziemlich verliebt war und
wie eine Adlermutter dafür sorgte, daß er das nötige Essen bekam.
Es geschieht nicht, um meiner Kamera zu schmeicheln, wenn ich behaupte,
das eben erwähnte Bild sei eine treffliche Illustration der »~Entente
cordiale~« der Westmächte. Die französische Dame lächelt und strahlt
und kann sich keine feinere Einfassung denken als zwischen handfesten
englischen Soldaten. Sie sollte an den Sinn des lustigen Liedes
denken, das mit den Worten schließt: »~I love you my darling, cette
phrase vous coutera beaucoup~«, und dessen Moral ist: ~La France pour
les Français!~ Es ist gefährlich, mit Tommy Atkins zu kokettieren.
Es läßt ihn ganz kühl, das sieht man auf dem Bild. Er sitzt kalt wie
eine Marmorstatue und schenkt seiner Pflegerin keinen andern Gedanken
als den: Geh zu, wir werden die Suppe essen, die du kochst! Wann wird
sie es satt sein, so undankbar behandelt zu werden? Wird sie damit
fortfahren, bis ihr das Letzte genommen ist?
In dem großen Saal lagen nun Tommy Atkins und seine Kameraden und
ruhten im Stroh. Sie sahen frisch und munter aus, und viele hatten
sympathische, männliche Züge. Als ich vor einer Gruppe stehen blieb
und mich mit den Leuten unterhielt, blieben sie ungeniert liegen,
antworteten aber sehr höflich und mit der unerschütterlichen Ruhe, die
für ihre Rasse charakteristisch ist. Sie gestanden offen zu, daß sie
mit der Behandlung, die sie erfuhren, und mit ihrer Kost zufrieden
seien. Einer von ihnen fand, man könne es im Kriege gar nicht besser
haben. Das einzige, was ihnen nicht gefiele, wäre, daß sie im Saal
nicht rauchen dürften. Ein deutscher Offizier, der neben uns stand,
erklärte ihnen, der Saal sei feuergefährlich, nicht zum wenigsten wegen
des trockenen Strohs, und die Deutschen wünschten nicht, daß ihre
englischen Gefangenen hier verbrennten.
In einem großen, gemütlichen Zimmer im ersten Stock wurden drei
Offiziere gefangen gehalten, ein Hauptmann und ein Leutnant, beide
Engländer, und ein französischer Leutnant. Jeder von ihnen hatte sein
gutes, reinliches Bett und im übrigen Tisch und Stühle und andere
notwendige Möbel.
Der englische Leutnant war ein feiner und angenehmer junger Mann,
der Sohn eines angesehenen Londoner Kaufmanns. Sein Vater stand in
Geschäftsverbindung mit Deutschland, und er selbst war, ich glaube, in
Hamburg gewesen, um Deutsch zu lernen. Der Krieg hatte alle seine Pläne
auf den Kopf gestellt. »Aber wir hatten doch keine andere Wahl und
mußten mit!« meinte er.