Am 4. November war die Zeit meines Aufenthalts an der Front abgelaufen,
und ein Auto brachte mich nach Metz. Nie habe ich einen vornehmeren
Chauffeur gehabt als diesmal, denn der Herzog Adolf Friedrich selbst
hatte am Steuer Platz genommen. Es war die wildeste Fahrt, die ich je
mitmachte. Der Herzog lenkte mit verblüffender Ruhe und Kaltblütigkeit;
wo es auf freier Chaussee geradeaus ging, legten wir 90 bis 100
Kilometer in der Stunde zurück. Zuweilen konnte man kaum Atem holen,
aber herrlich war es doch, mit solcher Schnelligkeit das Land zu
durchfliegen. Um 9 Uhr 20 morgens waren wir abgefahren, und bald nach
Einbruch der Dunkelheit langten wir in Metz an.
Von den mannigfachen Abenteuern meiner Rückfahrt kann ich in diesem
Büchlein, das ja nur einen kleinen Teil meiner Erlebnisse an der
deutschen Front wiedergibt, nicht weiter erzählen. Auch meinen
Aufenthalt in Metz, meinen letzten Besuch an der Front bei Blamont,
meine Heimfahrt über Ludwigshafen und Mannheim, meine »Verhaftung« in
Heidelberg als Spion und die köstliche Gestalt, die diese harmlose
Episode in der französischen und englischen Presse annahm, meinen
Besuch bei der Großherzogin Luise von Baden und im Lazarett zu
Karlsruhe, meinen schließlichen Aufenthalt in Berlin -- alles dies
werden meine Leser in meinem großen Buche geschildert finden, in dem
ich weit ausführlicher über meine Eindrücke an der deutschen Front, die
zu den stärksten meines Lebens gehören, Rechenschaft ablege.
Nur eine Anekdote sei hier noch mitgeteilt, da sie ein treffliches
Gegenstück zu Tommy Atkins und seiner französischen Wirtin bildet.
Gewisse Zeitungen hatten behauptet, die Deutschen behandelten
ihre Kriegsgefangenen grausam und unmenschlich. In dem großen
Gefangenenlager in Döberitz bei Berlin, das ich mit Erlaubnis des
stellvertretenden Generalstabs gründlich besichtigen durfte, hatte ich
Gelegenheit festzustellen, daß diese Behauptung ebenso eine Lüge ist
wie alles andere, was augenblicklich zur kriegerischen »Erziehung«
des englischen Volkes von seiner Regierung in die Welt hinausposaunt
wird. Das Döberitzer Lager enthielt 4000 Russen, 4000 Engländer und
einige hundert Franzosen, Belgier und Turkos; Exemplare des übrigen
ethnologischen Farbenkastens waren leider nicht da.
Die jetzige Freundschaft zwischen Engländern und Russen bewährt
sich im Gefangenenlager keineswegs. Tommy betrachtet Ivan als einen
verlausten Wilden, und Ivan sieht in Tommy einen aufgeblasenen
Renommisten, mit dem die anspruchslosen Gäste des Samovars nicht
verkehren.
Im Krankenhaus in Döberitz ging ein Tommy auf und ab. Er sah bleich
aus, war aber Rekonvaleszent.
»~How are you getting on?~« fragte ich. -- Keine Antwort.
»~I hope you will become a little bit of all right, by and by~«, begann
ich von neuem. Tommy sah mich nur lächelnd an.
»Ist er taub oder blöd?« fragte ich den Arzt, der uns begleitete.
»Nein, er ist -- Russe«, antwortete der Arzt lachend.
Wie dieser Russe in Tommys Uniform geraten war, blieb ein ungelöstes
Rätsel! --
Wahrlich, es wird einem wunderlich zumute, wenn jetzt, wo es die
Vernichtung Deutschlands gilt, Tommy Atkins und Ivan Ivanowitsch
sich einreden, gute Freunde zu sein! Ist die Gefahr einer russischen
Invasion in Indien, die einsichtige Engländer wie Lord Curzon, der
bedeutendste Vizekönig, den Indien bisher hatte, seit vielen Jahren
prophezeien, weniger drohend geworden?
Gewiß, es gibt für Rußland einen andern Ausweg nach dem Meere, und zwar
nach Westen -- und meine schwedischen Landsleute sollten das nicht
vergessen!
_Gott schütze mein Vaterland!_
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
Werke von Sven Hedin.
Der Name Sven Hedin ist ein Programm, ein Kennwort für Reiselust und
Forscherdurst, für Wagemut und Unerschrockenheit (Schlesische Ztg.).
Hedins Verdienst ragt über die Fachwissenschaft riesengroß empor;
er lehrt uns, neue Teile der Erde mit den Augen des Kulturmenschen
sehen. Mit um so größerer Freude bekennen wir das, als er selbst
erklärt hat, daß die Wurzeln seiner Wissenschaft in _deutschem_ Boden
stecken (Konservative Monatsschrift). Von allen Forschungsreisenden
der Gegenwart steht er uns menschlich am nächsten, denn es gibt keinen
andern, der sich so unbefangen und vielseitig zeigt (Neue Hamburger
Ztg.). Seine Erzählerkunst ist von einer zwingenden Objektivität; er
berichtet die gefahrvollsten Abenteuer, die merkwürdigsten Wunder
mit solcher Selbstverständlichkeit, daß man den schweren Ernst
seiner Aufgabe oft verschwinden sieht. Es gibt wohl in der heutigen
Reiseliteratur wenig Werke, die wissenschaftlich so bedeutsam und
dabei als reine Unterhaltungsmittel so plastisch und fortreißend
sind (Berliner Tageblatt). Er versteht es meisterhaft, im leichten
Plauderton seine wissenschaftlichen Ergebnisse mitzuteilen, so daß
man belehrt wird, ohne es zu merken (Vorwärts). An Hedin am meisten
zu schätzen ist jedoch die geradezu geniale Art, wie er uns all die
fremden Menschen, die entweder die wechselvollen Schicksale seiner
Reisen teilten oder ihm auch nur flüchtig begegneten, vertraut und
lebendig macht. Diese lebensvolle Menschenschilderung bildet unbedingt
den Gipfelpunkt seines schriftstellerischen Könnens (Rud. Greinz im
Deutschen Literaturspiegel). Wohl kein Geograph unserer Tage versteht
es wie Hedin, die Resultate großer wissenschaftlicher Fragen mit dem
liebevollen Auge des edlen Menschen zu sehen und zu schildern (Echo der
Gegenwart). Zu alledem kommt noch, daß Hedin nicht nur ein Meister der
geographischen Wissenschaft, eine auch in ihrer reinen Menschlichkeit
interessante und fesselnde Persönlichkeit und glänzender Darsteller,
sondern auch ein virtuoser Zeichner und Aquarellist ist und seine Werke
nicht nur mit vortrefflichen Photographien, sondern auch mit einer
Menge individuell gesehener Figuren- und Landschaftsbilder schmücken
konnte (Düsseldorfer Ztg.). -- Hedins Werke sind:
Durch Asiens Wüsten.
(107 Abb., 2 farbige Tafeln, 5 Karten) Gebunden 10 M.
Im Herzen von Asien.
(407 Abbildungen, 5 Karten) 2 Bände, gebunden 20 M.
Transhimalaja.
(397 Abbildungen, 10 Karten) 2 Bände, geb. 20 M. Ergänzungsband
geb. 10 M.
Zu Land nach Indien.
(308 Abb., 6 Taf., 15 Panoramen, 2 Karten) 2 Bde. geb. 20 M.
Als Volks- und Jugendbücher besonders zu empfehlen:
Abenteuer in Tibet.
(137 Abbildungen, 8 farbige Tafeln, 4 Karten) Gebunden 8 M.
Von Pol zu Pol.
Vom Nordpol zum Äquator. ◇◇◇◇ Rund um Asien. ◇◇◇◇ Durch Amerika zum
Südpol. Jeder Band einzeln käuflich, gebunden 3 M.
Durch den Weltkrieg 1914-15 gewinnt schließlich Hedins politische
Broschüre:
Ein Warnungsruf.
(Geheftet 50 ₰) die Bedeutung einer scharfsinnigen Prophezeiung.
Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig.
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| Anmerkungen zur Transkription |
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| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
| gebräuchlich waren, wie: |
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| anderen -- andern |
| Anschlagstafel -- Anschlagtafel |
| Aufenthaltes -- Aufenthalts |
| dunkeln -- dunklen |
| inneren -- innern |
| Invasionsheeres -- Invasionsheers |
| Kompagnien -- Kompanien |
| Krieges -- Kriegs |
| mustergiltig -- mustergültig |
| offener -- offner |
| Schrittes -- Schritts |
| sicheren -- sichern |
| sonnenverbrannte -- sonnverbrannte |
| Tadsch Mahal -- Tadsch-Mahal |
| Tapferen -- Tapfern |
| Überrumpelungsversuch -- Überrumplungsversuch |
| unserem -- unserm |
| Volkes -- Volks |
| wagerecht -- wagrecht |
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| Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
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| S. 4 "Baiern" in "Bayern" geändert. |
| S. 73 "Mamers" in "Mamer" geändert. |
| S. 134 "Tète" in "Tête" geändert. |
| S. 138 "Freiherr von Hoeningen" in "Freiherr von Hoyningen" |
| geändert. |
| S. 145 "Helmholz" in "Helmholtz" geändert. |
| S. 151 "Digue du Mer" in "Digue de Mer" geändert. |
| S. 151/152 "Sten-Stentorstimme" in "Stentorstimme" geändert. |
| S. 179 "General Göben" in "General Goeben" geändert. |
| S. 179 "Guadelupe" in "Guadeloupe" geändert. |
| S. 185 "verbrännten" in "verbrennten" geändert. |
| S. 186 "Ghurkas" in "Gurkhas" geändert. |
| S. 188 "In den Times" in "In der Times" geändert. |
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