Seit tausend Jahren wird in der katholischen Kirche am 2. November
das Allerseelenfest gefeiert zur Erinnerung an die Toten und als
Mahnung für die Lebenden, zu Gottes Thron Fürbitten für die Seelen
hinaufzuschicken, die im Fegefeuer schmachten. In den Kirchen wird eine
Messe für die Verstorbenen gelesen, und auf den Kirchhöfen werden die
Gräber mit Kränzen und Blumen geschmückt.
In der Stadtkirche von Bapaume wurde am Sonntag, 1. November,
eine deutsche Allerseelenfeier zur Erinnerung an die gefallenen
Soldaten abgehalten. Der Herzog und ich begaben uns rechtzeitig zum
Gottesdienst. Wir fanden aber die Kirche bereits gedrängt voll von 4000
Soldaten. Wir bahnten uns einen Weg zum Chor, wo uns zwei Stühle in
einer Gruppe von Offizieren angewiesen wurden.
Die alte Kirche macht einen wahrhaft großartigen und prächtigen
Eindruck. Wenn man Platz genommen hat, betrachtet man zunächst das
Gotteshaus mit seinen hohen, gotischen Wölbungen und seinen schönen
Fenstern. Zu beiden Seiten des mächtigen Langschiffs werden schmale
Seitenschiffe von soliden Säulen getragen. Die Wände sind mit großen
Gemälden, wahrscheinlich von zweifelhaftem Kunstwert, geschmückt. Durch
die gemalten Fenster sickert das Sonnenlicht herein und fällt in allen
Farben des Regenbogens auf die weißen Säulen. Man ist erstaunt darüber,
daß eine Stadt von wenig mehr als 3000 Einwohnern eine Kirche braucht,
die 4000 Mann faßt! Aber an den großen Festen versammelt dieses
Gotteshaus die Bevölkerung der ganzen Umgegend.
Alle Bänke sind überfüllt, in allen Gängen stehen die Soldaten dicht
gedrängt, die Helme im Arm. Man sieht katholische Schwestern in ihren
schwarzen Trachten, weißen Hauben und Rote-Kreuz-Binden. Das Militär
ist ohne Waffen, man hört keine Säbel rasseln. Niemand wird zum
Gottesdienst kommandiert, es steht den Soldaten frei, die Kirchzeit zu
verbringen, wie sie wollen. Und doch ist die Kirche bis auf den letzten
Platz gefüllt. Diese abgehärteten Krieger fühlen das Bedürfnis, Gottes
Wort zu hören, bevor sie dem Tode entgegengehen.
Als ich meine Blicke von dem erhöhten Platz auf dem Chor über das
Langschiff schweifen ließ, fühlte ich mein Herz im Takt mit den 4000
Südgermanen schlagen. Rotbäckig und sonnenverbrannt standen sie da,
ein Bild gesammelter Manneskraft, eisenharten Willens und demütigen
Glaubens an Gottes Hilfe. Ihre feldgrauen Uniformen hatten meist durch
die Berührung mit der Erde in den Schützengräben und unterirdischen
Wohnungen einen Ton erhöhter Echtheit erhalten; hier und da sah man
auch die dunkelblauen Uniformen der bayrischen Landsturmleute.
Der festliche Schmuck der Kirche war das Verdienst dieser
Landsturmleute. Der Chor bildete eine einzige Laube von Blattpflanzen,
und an allen Pfeilern hingen große, grüne, zum Gedächtnis der
Gefallenen gewundene Kränze. Das Merkwürdigste war aber doch die
Achtung, die die guten Bayern einer kleinen Statue der Jeanne d'Arc
gewidmet hatten, die links am Chor stand, innerhalb des Triumphbogens.
An und für sich hatte dieses Gipsbild der 17jährigen Jungfrau von
Orleans gar nichts Merkwürdiges an sich. Sie war so, wie man sie an
vielen andern Orten sieht. Sie stand königlich aufgerichtet in ihrer
Rüstung und hielt in ihrer Hand die weiße, liliengeschmückte Fahne,
und doch konnte ich meine Blicke nicht von ihr wenden. Sie schien
die deutschen Soldaten im Langschiff zu betrachten, und ihre Lippen
umspielte ein ironisches Lächeln.
Wie war sie hierher gekommen? Zwar war sie von Leo ~XIII.~ vor 20
Jahren selig gesprochen worden. War sie unterdes auch in die Schar der
Heiligen aufgenommen? Jedenfalls war sie in diesem Teil Frankreichs
Gegenstand tiefster Verehrung. Daß sie nicht zum Schmuck der Kirche
selbst gehörte, konnte man sehen, denn sie stand auf einem dürftig
mit einen Tuch drapierten Kasten. Als der Krieg wie eine finstere
Gewitterwolke über Frankreich hing, hatte man sie in die Kirche
getragen, und die Gläubigen waren vor ihr niedergekniet und hatten
sie gebeten, ihren Geist und ihre siegreiche Hilfe den Franzosen zu
schenken. Die Bürger von Bapaume hatten ihr, um sie zu gewinnen,
zahlreiche Lichter geschenkt, die vor dem Bild befestigt waren. Und nun
kommt das Merkwürdigste: Die guten Bayern hatten ihr einen Hintergrund
von hohen Topfpflanzen gegeben und alle Lichter angezündet, dieselben
Lichter, die brennende Gebete um Sieg über die Deutschen sein sollten!
Die Jungfrau hatte sicher einen anderen und tieferen Grund, über die
Torheit der Menschen zu lächeln. Zu ihrer Zeit war halb Frankreich von
den Engländern und ihren Verbündeten überschwemmt worden. Gegen diese
Engländer kämpfte sie, die besiegte sie, und als man sie schließlich
den Engländern auslieferte, wurde sie von ihnen als ketzerische Hexe
der Inquisition übergeben! Sie wurde beschimpft, mit rohen Soldaten
eingesperrt und schließlich verbrannt -- alles das von diesen
Engländern, denen gegen die Deutschen zu helfen sie nun mit brennenden
Gebeten und Lichtern angefleht wurde! Man wird ihr verzeihen, daß sie
den Mund verzog und sich etwas verwirrt fühlte.
Nun steigen die Töne der Orgel machtvoll und klar zur Wölbung empor,
und volltönende Stimmen aus den Kehlen von 4000 jungen Kriegern singen:
O Haupt voll Blut und Wunden,
Voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zum Spott gebunden
Mit einer Dornenkron'!
O Haupt, sonst schön gekrönet
Mit höchster Ehr' und Zier,
Jetzt aber höchst verhöhnet,
Gegrüßet seist du mir ...
Erscheine mir zum Schilde,
Zum Trost in meinem Tod
und laß mich sehn dein Bilde
In deiner Kreuzesnot;
Da will ich nach dir blicken,
Da will ich glaubensvoll
Dich fest an mein Herz drücken:
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
[Illustration: Markt in Bapaume.
Rathaus mit Anschlag der
»B(apaumer) Z(eitung) am Mittag«.
Denkmal Faidherbes.
]
[Illustration: Englische Gefangene mit ihrer französischen Wirtin in
Lille.
(Vgl. Seite 184.)]
Nachdem Clewing, von unserm Platz aus unsichtbar, aber überall
vernehmbar, seine klangvolle Stimme hatte hören lassen, betrat
der Divisionspfarrer Franz Xaver Münch die Kanzel. Mit würdiger
Autorität sah er auf seine Gemeinde herab, Soldaten aller Grade und
Waffengattungen, barmherzige Schwestern, Protestanten und Katholiken.
Der Gottesdienst war interkonfessionell, der Prediger selbst Katholik.
Aber jetzt, in der größten Zeit des deutschen Volkes, sind alle
konfessionellen Schranken zusammengebrochen, es gibt keinen Unterschied
mehr zwischen Protestanten, Katholiken und Juden, es gibt nur noch
Deutsche! »Jetzt sind wir alle ein Mann geworden, und alle haben wir
einen Gott.«
Die ergreifenden Worte des Priesters vollständig wiederzugeben, muß ich
mir hier versagen; meine Leser werden sie in der großen Ausgabe meines
Buches finden. Nur eine besonders erschütternde Stelle der Predigt möge
hier folgen:
»Und ein zweiter Ruf tönt aus den Massengräbern: ‚_Vergesset unsere
Leiden und unsere Wunden nicht!_‛ Meine lieben Kameraden. Der große
Völkerapostel hat einmal seiner Gemeinde in stolzer Liebe zum
Gekreuzigten zugerufen: ‚Ich trage die Wunden des Herrn an meinem
Leibe.‛ Wer von unserem Volke sich noch etwas sittlichen Ernst bewahrt
hat, wird die Wunden und die Leiden dieses Krieges zeitlebens in seiner
Gesinnung tragen. Der Preis unserer Befreiung und unserer Siege war der
teuerste und kostbarste, den eine Nation zu zahlen hat: das Blut der
Jugend! Kommt und schauet, wie wir sie begraben! Nicht einmal einen
armen Sarg können wir ihnen gewähren. Wir können sie nicht wie die
Germanen auf die Schultern heben und über die Berge in die deutsche
Heimat tragen. Aber, meine lieben Brüder, ich kenne einen Sarg, der
kostbarer ist als der Sarg, gezimmert von einem fremden Meister: das
ist der Sarg des deutschen Herzens! Dahinein, tief und verborgen,
wollen wir unsere teuren Toten betten; ihn führen wir heimwärts in die
deutsche Heimat. Und wenn einmal -- was Gott, der Schirmherr unserer
deutschen Sache verhüten möge -- die Zeit kommen sollte, wo eine
Generation, unsere Jünglinge, unsere Töchter und Frauen nicht mehr
wissen, was uns der Friede und eine neue Blüte des Reiches gekostet
hat, wo man nur der Früchte in einem erschlaffenden Genußleben sich
freut, wo man entnervenden und zersetzenden Sitten wie fremden Göttern
zu huldigen beginnt -- dann, meine lieben Brüder, ist für uns, die
wir heute hier an den Massengräbern trauern, die Stunde gekommen, wo
wir die Särge öffnen und einer nur genießenden Nation unsere Toten,
ihre Wunden und ihre letzten Stunden zeigen werden, dann zeigt, ihr
Väter, eure gefallenen Söhne. Dann mögen die Geister der Gefallenen
den schwersten Kampf gegen das eigene Volk führen, das die Wunden des
Kriegs nicht mehr in seiner Seele trägt.
So ist der heutige Tag, der unsern Toten gilt, im Grunde ein Tag
quellenden Lebens, neuer Hoffnung, machtvollster Aufgaben. Für unsere
Gegner sind die Gräber eine gigantische Anklage, für uns ein heiliger
Hinweis auf die Zukunft. Sie haben Sturm gesät, sie werden auch Sturm
ernten. Und dieser Sturm sind wir. Aus kleinlichen Motiven und geführt
und verleitet von selbstsüchtigen kleinen Gruppen, haben sie auf das
Fleisch gesät und sie werden Verderben ernten. Wir dürfen vor Gott
beschwören, daß wir auf den Geist der Gerechtigkeit und des Friedens
gesät haben. Der Krieg ist für uns eine monumental-geistige Sache einer
einheitlich auferstandenen, in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten
und zur Gegenwehr gezwungenen Nation. Diese Nation wird aber auch vom
Geiste der Gerechtigkeit und des Friedens ewiges Leben ernten. Amen.«
Das Musikkorps spielte eine Hymne, deren prachtvolle, festliche Töne
in der Kirche widerhallten. Ein Quartett stimmte das ~Ave verum corpus
natum~ an, und schließlich sang die Gemeinde den Choral:
Großer Gott, wir loben dich.
Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich
Und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit,
So bleibst du in Ewigkeit. --
Der Gottesdienst war zu Ende, und die Soldaten gingen hinaus, an
der kleinen Jungfrau von Orleans vorüber, die ihnen dank Schillers
herrlichem Gedicht keine Fremde war. Gewiß durften die Lichter vor ihr
brennen -- sie hatte ja die Engländer besiegt. Jetzt wurden sie schnell
ausgelöscht, und sie stand wieder einsam träumend und still.