In der letzten Oktobernacht war es unmöglich, die Besatzungen der
Schützengräben bei dem Dorfe Monchy-au-Bois, nicht weit von Bapaume,
in der üblichen Weise zu wechseln. Bloß ein Mann oder ein paar konnten
auf einmal zu den Gräben kriechen. Wenn der Mond nicht scheint oder die
Gegend in Nebel gehüllt ist, können die Soldaten truppweise vorgehen;
heute nacht aber waren sie der Gefahr ausgesetzt wie am Tage und mußten
die größte Vorsicht beobachten.
Auch dem kaltblütigsten Soldaten muß es seltsam vorkommen, wenn er
auf Fußspitzen und Ellenbogen durchs Gras kriechen soll, zumal da
er noch das Gewehr zu schleppen hat. Er muß zuweilen haltmachen,
teils weil er müde wird, teils um nach dem Graben auszuschauen und
zu lauschen. Dann kriecht er wieder ein Stück vorwärts und lauscht
wieder. Alles ist still, aber jeden Augenblick kann ein Schuß knallen,
können die Kugeln pfeifen. Schließlich liegt der Schützengraben vor
ihm wie eine dunkle Linie. Wird er hinkommen, ohne von den Franzosen
entdeckt zu werden? Er drückt sich immer näher an den Boden heran und
bewegt sich immer vorsichtiger und langsamer. Jetzt fehlen noch 20
Meter -- jetzt nur noch 10. Der Graben liegt scharf gezeichnet vor
ihm, noch ein Katzensprung trennt ihn davon. Und doch ist der Abstand
ungeheuer, denn hier ist die Gefahr am größten! Auf den Graben selbst
halten die französischen Wachtposten und Patrouillen vor allem ihre
Aufmerksamkeit gerichtet. Diese zwei Meter tief und einen Meter breit
ins Feld gegrabene Furche ist voll von bewaffneten, wachenden Männern
-- aber kein Laut ist zu hören, kein lebendes Wesen, kein Schein eines
vorsichtig abgeblendeten Feuers zu sehen. Kein Duft einer Zigarette,
wohl aber andere Gerüche, die Menschen anzeigen. Endlich hat der Soldat
bloß noch einen Meter. Es ist still auf der französischen Seite --
lautlos wie eine Katze schlüpft er über den Rand und ist gerettet.
Nun kann einer seiner Kameraden seinen Platz verlassen und unter
denselben Vorsichtsmaßregeln in die unterirdischen Höhlen hinter den
Schützengräben zurückkriechen, wo er seine warme Suppe erhält und dann
schlafen, schlafen, schlafen kann wie ein Toter!
Der Abgelöste hat 48 schwere Stunden hinter sich. Nachts oder bei
Nebel müssen er und seine Kameraden sich wachhalten, denn dann ist die
Gefahr eines Überfalls am größten. Der eine oder der andere kann wohl
eine Weile schlummern, aber mancher Wachtposten darf überhaupt nicht
schlafen, wenn ihm das Leben lieb ist. Tagsüber kann die Mehrzahl in
ihren Höhlen schlafen, aber auch da sind immer Wachen ausgestellt.
In die dem Feind zugekehrte Wand des Grabens sind schalenförmige
Aushöhlungen oder Nischen eingegraben, die gegen das Feuer Schutz
gewähren. Es kann aber vorkommen, daß eine Granate in die andere Wand
einschlägt, und dann sind die Soldaten verloren. Deshalb gräbt man auch
hier und da Grotten, ja geradezu unterirdische Zimmer, die zuweilen so
luxuriös eingerichtet sind, daß sie Vorhänge vor dem Eingang haben. An
den Wänden der Kammern ist Stroh für Schlafplätze aufgeschichtet, und
nicht selten wird der kleine Zeltstreifen, den jeder Soldat bei sich
hat, als Decke benutzt. Ist der Abstand zwischen den Schützengräben,
wie hier, nur achtzig Meter, so darf, selbst in den unterirdischen
Höhlen, kein Licht angezündet werden, noch weniger Feuer, weshalb die
Luft recht kalt und feucht wird. Beträgt aber der Abstand drei- oder
vierhundert Meter, dann darf Licht brennen.
Die Soldaten haben Proviant bei sich, aber es kann vorkommen, daß sie
durch heftiges Feuer von aller Verbindung abgeschnitten werden und dann
einen oder mehrere Tage hungern müssen. Aber auch dieses Unglück nehmen
sie mit gutem Humor hin.
Bei Regen werden die Schützengräben entsetzlich. In Belgien sah ich
das schon. Das Regenwasser sammelte sich in ihnen an; halb angefüllt
mit graugelbem Wasser und Lehmschlamm, ähnelten sie Abzugsgräben neben
einem Acker. General von Winckler erzählte, seine Leute hätten 24
Stunden bis ans Knie im Wasser gestanden, ohne zu klagen und ohne krank
zu werden. Wenn sie zurückkehrten, schildern sie ihren Kameraden ihre
Erlebnisse mit unverwüstlichem Humor. Man sollte meinen, die Leute
würden mißmutig, wenn sie 24 Stunden lang im Wasser liegen. Aber bei
den deutschen Soldaten kommen verdrießliche Mienen nicht vor. Um der
Überschwemmung abzuhelfen, ließ der General Ablaufgräben graben, durch
die das Regenwasser nach Zisternen geleitet wurde.
An manchen Stellen wird die Verbindung mit den Schützengräben
durch Laufgräben erleichtert, die von einem geeigneten, im Gelände
verborgenen Punkt im Zickzack dorthin führen und den Mannschaftswechsel
in hohem Maße erleichtern.
Die Schützengräben verlaufen nicht in geraden Linien, wenn nicht
etwa, wie südlich von Antwerpen, das Land völlig eben ist. Sonst
richten sie sich nach den Formen des Bodens. Im allgemeinen werden
sie so angelegt, daß sie nach dem Feinde zu freie Aussicht haben
und Überrumpelungsversuche erschweren. Ein Schützengraben hat daher
gewöhnlich eine sehr unregelmäßige Form, er gleicht einer Kurve mit
Ausbuchtungen nach vorn und hinten. Oft zerfällt er auch in mehrere
kleine Sektionen. Den Zwischenraum zwischen den verschiedenen Teilen
füllen Stacheldrahtnetze und andere Hindernisse aus. Oft ist ein
Schützengraben dem Artilleriefeuer besonders ausgesetzt; wenn er
in einer stark gewellten Linie verläuft, können einzelne Strecken
den Bahnen der feindlichen Geschosse parallel liegen und von dem
Artilleriefeuer buchstäblich reingefegt werden. Um sich dagegen
zu schützen, graben die Soldaten sogenannte Traversen, ganz kurze
Zweiggräben, die sich von dem großen Schützengraben im rechten Winkel
abzweigen. Zu diesen Schutzgängen nehmen die Soldaten ihre Zuflucht,
wenn das Feuer auf den Hauptgraben eingestellt ist.
Wenn man wie bei Monchy-au-Bois auf Grund des allgemeinen strategischen
Plans lange Zeit stillgelegen hat -- hier seit dem 6. Oktober --, so
hat man Zeit und Gelegenheit, an den Schützengräben, Traversen und den
unterirdischen Höhlen Verbesserungen und Erweiterungen vorzunehmen.
Auf der dem Feinde zugewandten Seite der deutschen Schützengräben
bei Monchy-au-Bois laufen breite Gürtel von Stacheldrahtnetzen
und tiefe Wolfsgruben mit spitzen Pfählen auf dem Grund. Solche
Verteidigungswerke, die bloß an einigen Stellen von offenen Passagen
unterbrochen werden, lassen sich nur im Dunkel der Nacht oder bei Nebel
errichten, aber auch unter günstigen Verhältnissen ist die Arbeit mit
Lebensgefahr verbunden, nicht zum wenigsten wegen der Patrouillen, die
des Nachts umherstreifen und sich natürlich gerade auf dem schmalen
Streifen zwischen den deutschen und den französischen Schützengräben
bewegen. Ihre Aufgabe ist, sich über die Verteidigungswerke der Feinde
zu orientieren. Erst wenn die Patrouillen erfolgreiche nächtliche
Streifzüge unternommen haben, läßt sich ein Angriff wagen. Bei Monchy
sollen die Franzosen mehr Angriffe gemacht haben als die Deutschen,
und die Massen von Leichen, die zwischen den Schützengräben lagen und
einen unerträglichen Geruch verbreiteten, waren daher zum größten Teil
Franzosen. Oft geschieht es, daß sich Patrouillen beider Parteien
begegnen, dann entsteht sofort ein Kampf auf Leben und Tod, bis die
eine Partei zurückgeht. Den Verwundeten helfen ihre Kameraden, sich
in den Schützengraben zu retten, aber die Toten bleiben liegen und
verpesten die Luft, denn niemand kann sich ihnen ohne Lebensgefahr
nähern. Solche kleine Scharmützel fanden bei Monchy jede Nacht statt.
An einer Stelle, nahe von Monchy, sollen Franzosen und Deutsche in
einem und demselben Graben liegen. Eine französische Patrouille hatte
sich im Dunkel der Nacht verirrt und zu einem zufällig leeren Teil
eines deutschen Schützengrabens ihre Zuflucht genommen. Als sie ihren
Irrtum bemerkte, errichtete sie in dem Graben selbst nach beiden Seiten
Erdwälle, und von diesen Wällen aus hatten sich die Gegner in einem
Abstand von wenigen Schritten beschossen. Ich weiß nicht, wie es den
Franzosen zuletzt ergangen ist; wahrscheinlich waren sie verloren.
Ihre Stellung war absolut unhaltbar, und bestenfalls mußten sie sich
gefangen geben, wenn der Proviant ausblieb.
Natürlich sind die Verhältnisse in den Schützengräben sehr verschieden.
Liegen sie weit voneinander entfernt, so sind die Verbindungen leichter
und das Leben ist in ihnen erträglicher, nicht zum wenigsten deshalb,
weil man sie leichter reinhalten kann. Bei Monchy-au-Bois sollten die
Zustände in diesen unterirdischen Wohnungen unbeschreiblich sein.
Um so mehr ist der frohe, frische Mut, die Bereitwilligkeit und die
Opferwilligkeit der Soldaten zu bewundern. Wenn sich einer über Kälte
oder Verpflegung unter der Erde beklagen wollte, würde er von seinen
Kameraden ausgelacht und gescholten werden, aber ich hörte nicht, daß
sich solch ein Fall ereignet hätte.
In einem Dorf in der Nähe hatte Prinz Eitel Friedrich sein Quartier.
Man erzählte, er wohne in einem ziemlich zusammengeschossenen Bauerngut
und lebe nachts auf dem Felde, immer dem Feuer ausgesetzt. Alle priesen
seinen Mut, seine Energie und seine hervorragenden Eigenschaften als
Mensch und Soldat.