Bapaume hat auf seinem kleinen Marktplatz ein Rathaus, das für ein
Landstädtchen eine ganz prächtige, auf einer Arkade in gotischem Stil
errichtete Fassade hat. An einer Säule hängt eine Anschlagtafel, auf
der täglich die letzten Kriegsnachrichten zu lesen sind. In Bapaume
erscheint nämlich eine am Orte gesetzte und gedruckte Zeitung, die
»B(apaumer) Z(eitung) am Mittag«, deren Redakteur Herr Clewing ist. Sie
erscheint in einer Auflage von 600 Exemplaren, immer nur eine Seite
mit großen Lettern auf gelbem, dünnen Papier.
Die »Bapaumer Zeitung am Mittag« befolgt die gleichen ehrlichen
Grundsätze wie die ganze deutsche Presse, die ihre große Verantwortung
gegenüber der Nation und der kämpfenden Armee wohl erkannt hat. Für
die Soldaten, die Tag und Nacht die schwerste Last zu tragen haben
und fürs Vaterland ihr Leben hingeben, ist nur die Wahrheit, die
reine, klare Wahrheit gut genug. In den Ländern der Entente hat
die Presse noch eine besondere und sehr wichtige Aufgabe, die der
deutschen Presse nicht obliegt, nämlich die, den Mut der Soldaten
anzufeuern und die Hoffnungen der Masse des Volkes aufrechtzuerhalten.
Da nun frohe Nachrichten dort sehr dünn gesät sind, werden sie
in den Redaktionen der verschiedenen Zeitungen fabriziert. Die
deutsche Presse _braucht_ nicht den Mut der Nation anzufeuern, er
brennt in klarer, reiner Flamme! Das deutsche Volk verlangt von
seiner Presse, die ganze Wahrheit zu erfahren, sei sie nun gut oder
schlimm. Gute Nachrichten werden nicht aufgebauscht, schlimme nicht
unterschätzt. Die ganze Nation will über alle Kriegsschauplätze
gut orientiert sein und ihre Zukunftspläne nicht auf einem auf die
Dauer doch unhaltbaren Gewebe von Lügen aufbauen. Ist es verkehrt
gegangen, so ist es am besten, man erfährt das Unglück in seinem
ganzen Umfang, um die Schäden wieder gutmachen und sie in Zukunft
vermeiden zu können. In Deutschland verläßt sich das Volk auf die
Wahrhaftigkeit und das Verantwortlichkeitsgefühl der Presse. Da
strömen die Freiwilligen zu Hunderttausenden unter die Fahnen, ohne
daß Künste und Fälschungen angewandt werden müssen. Sie treibt der
germanische Geist, Nationalstolz, Pflichtgefühl und Ehrgeiz. Nicht
_ein_ Waffenfähiger zaudert, hinauszuziehen und zu sterben; denn das
ist allen klar: will die Vorsehung, daß Deutschland untergeht, so
soll wenigstens der letzte Deutsche auf der letzten Schanze gefallen
sein, wenn die Wellen über dem Wrack zusammenschlagen. Deshalb hat in
diesem Krieg die Presse der Zentralmächte eine viel leichtere Aufgabe
als die Presse der feindlichen Länder. Sie hat nur den Verlauf der
Ereignisse zu registrieren und die Neuigkeiten aus Ost und West und
von fernen fremden Meeren mitzuteilen; sie braucht aber nicht zu dem
ehrlosen Mittel zu greifen, ihre Leser zu betrügen und mit erdichteten
Siegesnachrichten neue Scharen in die Werbelokale zu treiben.
Jeden Tag, sobald die »B. Z. am Mittag« erschienen ist, versammelt
sich vor der Anschlagstafel des Bapaumer Rathauses eine Gruppe eifrig
lesender Soldaten. Es ist erfrischend, sie zu beobachten. Zigaretten
oder Pfeifen im Munde, die Hände in den Hosentaschen, lesen sie langsam
und genau. Noch sind kaum andere als frohe Nachrichten zu melden
gewesen, aber die Soldaten bewahren ihre Ruhe. Höchstens kann man ein
schwaches Lächeln bemerken oder ein Aufblitzen in den Augen. Dieselbe
Ruhe zeigen sie, wenn einmal eine betrübende Nachricht gebracht wird,
zum Beispiel daß ein Kriegsschiff verloren gegangen ist.
Zuweilen sieht man Soldaten, die sich nicht damit begnügen, zu lesen --
sie schreiben gleich die ganze Zeitung in ihre Notizbücher ab. Weshalb?
Wahrscheinlich sind sie nach der vordersten Front unterwegs, nach den
Schützengräben, wo sie ihren von der Welt abgeschlossenen Kameraden den
Inhalt der Telegramme mitteilen wollen. --