40. Über Gent und Brügge nach Ostende.

Während meines Aufenthaltes in Antwerpen erhielten wir fast täglich

Nachrichten über das schnelle Tempo, in dem die Deutschen sich dem

Meere näherten. »Gent ist genommen -- Brügge genommen -- unsere Truppen

sind in Ostende eingerückt.« Bei meiner Rückkehr nach Brüssel sah

es jedoch so aus, als ob die Verbündeten alles daran setzten, die

deutschen Truppen wieder aus Ostende zu vertreiben, und ein Gerücht war

im Umlauf, die Engländer bombardierten die Stadt.

Begleitet von dem liebenswürdigen Konsul Petri reiste ich am 20.

Oktober mit besonderer Erlaubnis des Generalgouverneurs nach Ostende

ab. Es war trübes Wetter, Regen, und schwere, schwarze Wolken hingen

über dem flachen Lande.

In Gent, das völlig unbeschädigt war, übernachteten wir. Die Stadt

hatte ihr gewöhnliches Aussehen, die Straßenbahnen waren in Betrieb,

alle Geschäfte offen und viele Menschen unterwegs trotz des schlimmen

Wetters; nur die zahlreichen deutschen Uniformen verrieten, was

geschehen war.

Durch das berühmte, altertümliche Brügge mit seinen malerischen Häusern

und Brücken und seinen gewaltigen Stadttoren mit den runden Türmen

fuhren wir am folgenden Tag ohne Aufenthalt durch. Hinter dem Dorfe

Ghistelles hielt uns an einem Kreuzweg ein Posten an, und als wir

haltmachten, hörten wir in der Nähe wahnsinnigen Kanonendonner.

Der Soldat berichtete, in Middelkerke stehe ein harter Artilleriekampf,

und die Deutschen hätten ihre Stellungen diesseits des langen Kanals,

der Ostende mit Nieuport und Dünkirchen verbindet. Ein Geschwader

von englischen Kriegsschiffen liege vor der Küste und beschieße die

deutschen Stellungen, die auch von der Landseite von belgischen und

französischen Truppen angegriffen würden. Aber die Straße nach Ostende,

die erst nach Nordwesten und dann nach Nordnordost geht, sei ziemlich

sicher. Der gefährlichste Punkt sei die Biegung jenseits des Kanals, wo

der Weg seine Richtung ändert. Von Ostende kamen Munitionskolonnen, die

an die Front bei Middelkerke gingen, und von der Front kamen Kolonnen

mit verwundeten Soldaten, die auf dem Wege nach Ostende waren.

Wohlbehalten fuhren wir an der gefährlichen Ecke vorüber, und dann

in die schöne, vornehme Stadt am Meer, die von Baedeker das Zeugnis

erhält: »Ostende ist vielleicht zurzeit das eleganteste Meerbad

Europas.« Wir bogen in die Strandstraße ein, wo eine endlose Reihe

großer Hotels auf das Meer hinaussieht. Die meisten sind nur während

der Saison geöffnet, die am 15. September schließt. Die Stadt wird da

von 45000 Badegästen besucht! Aber Ostende ist auch Überfahrtsstelle

zwischen dem Festland und England, und dieser Verkehr hält das ganze

Jahr über an. Für Reisende, die Sturm oder Ermüdung aufhält, gibt es

einfachere Hotels, aber die liegen in der Stadt.

Es war 2 Uhr. Ich war niemals in Ostende gewesen und kannte keinen von

den deutschen Offizieren. Aber ich hatte meine Papiere und mußte mich

bei dem Kommandanten im Hotel Littoral an der Strandstraße melden.

Das graue, düstere Meer bot einen höchst eigentümlichen Anblick, wenn

man die Augen nach Westen richtete. Der Regen hatte aufgehört, die

Luft sich geklärt, aber der Himmel war noch wolkenbedeckt. Genau im

Westen, neun oder zehn Kilometer entfernt, erkannte man scharf und

deutlich die Umrisse von dreizehn englischen Kriegsschiffen; einige von

ihnen waren Kreuzer, die übrigen große Torpedoboote älterer Jahrgänge.

Sie beschossen die deutschen Stellungen an der belgischen Küste und

wurden selber beschossen. In einemfort änderten sie ihren Platz, um

der deutschen Treffsicherheit entgegenzuarbeiten, blieben aber doch in

derselben Entfernung, und ihre schwarzen Rümpfe hoben sich imponierend

von dem hellen Horizont ab. Aus ihren Schornsteinen stiegen schwarze

Steinkohlenrauchsäulen schräg nach links mit dem Wind, so daß der

Himmel wie gestreift aussah.

Ich besuchte den Kommandanten von Ostende, Kapitän zur See Tägert. Er

wohnte im zweiten Stock des Hotels Littoral. Von seinem Balkon aus

beobachteten wir wieder die englischen Schiffe. Er erzählte, er und

seine Kameraden von der Marine seien am selben Tag, dem 21. Oktober,

morgens nach Ostende gekommen. Sie hatten sich ins Hotel Majestic

begeben, das für das beste in der Stadt galt. Der Hotelwirt erklärte

aber, er habe kein Zimmer frei, eine Unwahrheit, denn die Saison war

längst vorüber. Vielleicht gab der Name des Hotels die Erklärung

dafür, daß keine Zimmer frei waren -- für deutsche Offiziere. Anstatt

sich ihres Rechtes zu bedienen, durch einen Machtspruch Zimmer zu

verlangen, gingen die Deutschen ganz bescheiden ins Hotel Littoral, das

ihnen bis unters Dach zur Verfügung gestellt wurde. Später zeigte sich,

daß der Tausch für sie ein Glück wurde. Die Landoffiziere waren weniger

nachgiebig gewesen und hatten sich ohne weiteres im Hotel Majestic

eingerichtet, wo Küche und Bedienung bald in vollem Gange waren.

Kapitän zur See Tägert, ein vornehmer, gewissenhafter Mann, gab

Befehl, mir das letzte freie Zimmer zur Verfügung zu stellen. Ich nahm

es sofort in Besitz. Vom Korridor des zweiten Stocks kam man in die

Zimmer, die nach dem Meere zu lagen, und deren Türen die Namen der

Marineoffiziere trugen. Die Glastüren nach außen führten auf einen

Balkon mit bequemen Korbstühlen; von dort hatte man freie Aussicht

übers Meer, auf das englische Geschwader und seine kriegerischen

Unternehmungen.

Von meinem herrlichen Aussichtspunkt aus genoß ich einen ungewöhnlich

prachtvollen Sonnenuntergang. Im Westen glühte die Sonne in einem

eigentümlich hellen Ton mit einem Stich ins Gelbe. Die Wolken in ihrer

Nähe waren mit goldgelben Rändern geschmückt, und der Widerschein

glänzte auf dem Meere. Im übrigen war der ganze Himmel mit Wolken

bedeckt, und ab und zu ging obendrein ein feiner Staubregen nieder,

aber die Fensterscheiben nach der Strandpromenade glühten, als ob es in

den Häusern brenne. Gerade dort, wo der blendende Sonnenglanz das Meer

vergoldet, liegt das englische Geschwader. Den ganzen Tag hat es auf

die deutschen Stellungen geschossen, ich sehe die Blitze der englischen

Schiffskanonen und höre nach einer Weile das Donnern des Schusses.

Jetzt, 5 Uhr 20 nach deutscher Zeit, donnerten die Kanonen so heftig

und rasch hintereinander, daß die Fenster des Kursaals rasselten und

klirrten. Eine halbe Stunde später hörte das Feuer auf. Man glaubte,

das Geschwader gehe nach Norden, um Munition zu holen. Das Gold über

dem Meer verblich, die Dämmerung fiel herein, und ein paar Bojen mit

Blinklicht wurden sichtbar.

Im Lauf des Tages hatten sich viele Zivilisten gezeigt, gegen Abend

aber verschwanden sie. Niemand durfte nach 9 oder früh vor 5 Uhr

ausgehen. Die Straßen wurden nicht erleuchtet, aber viele Geschäfte

hatten Licht bis 9 Uhr. An der Strandpromenade brannte nicht eine

einzige Laterne, hier wanderte man in der Dunkelheit unter deutschen

Soldaten. Von vielen Fenstern aber strahlte Licht aufs Meer hinaus, das

galt nicht als gefährlich, da die feindlichen Schiffe auf alle Fälle

genau orientiert waren. Man glaubte jedoch nicht, daß die Engländer

Ostende beschießen würden, da hundert gefallene Deutsche oder mehr und

die Räumung des Platzes nicht den Verlust vieler Millionen englischen

Kapitals aufwiegen würden, das in der Stadt angelegt sein soll!

Ich wurde aufgefordert, mich dem Kreis der deutschen Marineoffiziere

mittags und abends im Hotel Littoral anzuschließen. Als wir uns nun um

8 Uhr zum erstenmal im Speisesaal versammelten, wurde ich mit ihnen

allen bekannt gemacht. Meine speziellen Freunde wurden außer dem Chef

Kapitänleutnant Beß, Leutnant Haak, Stabsarzt ~Dr.~ Schönfelder und

~Dr.~ Kübler. Wir hielten die folgenden Tage gut zusammen und werden

unsere gemeinsamen Erlebnisse in Ostende wohl niemals vergessen.

Ein Volk in Waffen · 第 94 / 105 题