Ein trüber Tag, der 16. Oktober! Kein Zipfel zu sehen von der deutschen
Reichsflagge, die schon eine ganze Woche vom Turm der Kathedrale
Antwerpens, hundertdreiundzwanzig Meter über der Erde, herabwehte.
An dem Eingang nach der Place Verte zu stand ein älterer Portier mit
unbeschreiblich strenger Amtsmiene. Er würdigte mich kaum eines Blicks,
als ich in höflichstem Ton fragte, ob die Kathedrale offen sei. »Die
Kathedrale ist offen,« antwortete er, »aber nur für deutsches Militär.«
Schön, mein Alter, dachte ich und zog meinen »Sesam, öffne dich«
heraus, den Ausweis General Moltkes. Der Portier las das Papier und
bekam von Zeile zu Zeile ein immer längeres Gesicht. Als er zu Ende
war, nahm er seine Mütze ab und sagte: »Ist es wirklich wahr, da kann
ich ja dem Herrn Doktor sagen, daß ich Schwede bin, geboren in Wisby,
seit dreißig Jahren ansässig in Antwerpen, und Dahlgren heiße.«
Genug, die Kathedrale stand auch für mich offen, und der ehrenwerte
Dahlgren führte mich umher. Nur eine einzige Granate oder besser ein
einziger Granatsplitter ist in die Mauer unter dem großen Fenster über
dem Eingang an der Place Verte eingeschlagen. Der Schaden ist nicht der
Rede wert, er kann in einem Tag ausgebessert werden. Wäre aber diese
Granate bösartig gewesen, und hätten Rubens' berühmte Gemälde, die
Kreuzigung und die Kreuzabnahme, an ihren früheren Plätzen im Kreuzgang
gehangen, dann hätten sie in großer Gefahr geschwebt. Man hatte sie
indes vor dem Bombardement in Sicherheit gebracht, wie alle andern
kostbaren Gemälde und Kunstschätze Antwerpens. Und die einzige Spur,
die die Granate im Innern der Kirche hinterlassen hat, ist ein Riß in
einer Säule.
Inmitten des nördlichsten Seitenschiffs steht auf einer Bahre ein Bild
der heiligen Jungfrau, die prächtige bis auf die Füße reichende Kleider
und eine goldene Krone trägt. Am Sonntag nach dem 15. August wird sie
alljährlich in Prozession durch die Stadt getragen. Heuer aber, wo ihre
Hilfe so sehr not tat, begnügte man sich damit, lange Opferlichte vor
der himmlischen Königin anzuzünden. Und dieses Jahr blieb sie allen
Bitten taub! Und dabei zeigt die Glasmalerei eines Fensters, wie Karl
~V.~ diesem Marienbild die Schlüssel Antwerpens übergibt. Die Schlüssel
Antwerpens! Die »schwarze« Marie hatte sie jetzt im Besitz, nicht ihre
weiße Namensschwester!
[Illustration: Schwester Martha und ~Dr.~ Hütten in Löwen.]
Die Kanzel ist von van der Voort aus kernigem Eichenholz geschnitzt.
Sie ist zweihundert Jahre alt, aber die Eichen waren vielleicht
fünfhundertjährig, als sie ihr Holz der Verkündigung von Gottes Wort
opferten. Die vier Frauengestalten, die die Kanzel selber tragen,
sind bemerkenswert; sie stellen die vier Weltteile dar -- Australien
war damals nur mangelhaft bekannt. Drei Figuren erhalten genügend
Licht, aber die mit den dicken Lippen und der platten Nase, das
dunkle Afrika, der Weltteil der Schwarzen, steht in tiefem Schatten.
Vier Kontinente tragen den Platz, von dem den Menschenkindern Gottes
ewige Liebe gepredigt wird -- ein schöner Gedanke des Künstlers. Er
glaubte wahrscheinlich, die Welt werde in den kommenden Jahrhunderten
vorwärtsschreiten. Nun aber verkünden fünf Weltteile das Evangelium des
Kriegs und des Hasses! Die beiden Westmächte der Entente tragen die
Verantwortung für den großen Totentanz. Denn sie kämpfen mit Massen
zusammengeraffter Völker. Da kommen Kanadier auf ihren Schiffen aus
Amerika, Turkos und Senegalneger aus Afrika; sonnverbrannte Hindus
und Gurkhas aus Indien liegen frierend in den Schützengräben, und die
Antipoden Australiens und Neuseelands senden Hilfstruppen. Und das
Ziel dieses Weltaufgebots? Die germanische Kultur soll vom Erdboden
vertilgt werden! Die Träger dieser Kultur, das Volk Luthers, Goethes,
Beethovens, Helmholtz' und Röntgens, werden Barbaren und Hunnen
genannt und sind eine Gefahr für die Zukunft und Zivilisation der
weißen Rasse! Gurkhas und Senegalneger mußten ja wohl kommen, uns vor
der Verfinsterung zu bewahren! Der Künstler, der einst die Stirn hat,
das Völkeraufgebot von 1914 zu verherrlichen, sollte nicht vergessen,
daß er in van der Voorts Frauengestalt mit den dicken Lippen und der
platten Nase ein dankbares Motiv vorfindet.
[Illustration: Belgische Gefangene in Mecheln.]