Der 12. Oktober war ein strahlend schöner Tag. Die Chaussee de Louvain
führte, schön gepflastert, durch dichten Buchenwald, wo kaum ein
Sonnenstrahl bis zum Boden durchdrang. Man sieht in dieser Gegend
keine deutschen Soldaten, es ist, als wäre nichts anderes geschehen,
als daß der Herbst über dieses unglückliche Land hereingebrochen ist.
Hier fahren keine Kolonnen. Die Wagen, die die Straße benutzen, sind
bürgerliche Lastfuhrwerke. Die Equipagen der vornehmen Welt aber sind
verschwunden, seit ihre Besitzer nach andern Ländern aufgebrochen sind.
Achtzehn Kilometer bis Löwen. Innerhalb der Stadt fährt man ein gutes
Stück, bis man die ersten Ruinen erreicht. Ganz Löwen ist keineswegs
zusammengeschossen, wie man sich vorgestellt hat. Kaum ein Fünftel
der Stadt ist zerstört. Zwar kommen auf dieses Fünftel mehrere
kostbare und unersetzliche Bauten; besonders beklagenswert ist der
Verlust der Bibliothek. Inmitten dieser Verwüstung erhebt sich aber
wie ein Fels im Meer das Rathaus, das stolze Kleinod aus der Zeit
von 1450 mit seinen sechs schlanken Türmen in durchbrochener Arbeit.
Ich ging um das Rathaus herum und konnte mit dem besten Willen keine
Schramme in diesen mit verschwenderischem Reichtum geschmückten Mauern
entdecken. Vielleicht findet sich irgendwo eine Ritze von einem
Granatsplitter, die meiner Aufmerksamkeit entgangen ist. Dank der
Treffsicherheit der deutschen Artillerie ist auch nicht ein Gesims
der sechs Türme beschädigt. Der Anlaß zum Bombardement von Löwen ist
bekannt. Beim Einzug in die Stadt wurden die deutschen Truppen von der
Zivilbevölkerung aus den Fenstern beschossen, und da das Verbrechen
nicht auf andere Weise bestraft werden konnte, wurden die Häuser in
Brand geschossen. Als dann deutsche Soldaten das Feuer in den dem
Rathaus benachbarten Häusern zu löschen suchten, lauerten ihnen die
Franktireurs wieder mit ihren Büchsen auf! _Jede andere Armee der
Welt hätte ebenso gehandelt_, und die Deutschen haben es selber tief
beklagt, daß sie gegen ihren Willen gezwungen wurden, zu solchen
Mitteln zu greifen.
Von Löwen fuhr ich nach Mecheln, eine lange Strecke den Kanal entlang,
der die beiden Städte vereint und wo man plötzlich die Masten von
Schuten zwischen den Bäumen der Parks und Alleen hervorlugen sieht.
Nach Mecheln kamen wir gerade zu der Beerdigung eines Marinesoldaten,
der auf seinem Posten gefallen war. Der Tote wurde auf einem belgischen
Leichenwagen zu Grabe gefahren, hinterdrein gingen etwa hundert
Soldaten aus der Armee und Flotte. Nach Hinabsenkung der Leiche wurden
drei Gewehrsalven abgegeben und das Grab zugeschüttet. Auf dem kleinen
Kirchhof waren viele deutsche, mit Kränzen und Helmen geschmückte
Gräber und zwei Massengräber.