Der Generalgouverneur gab mir die Erlaubnis, noch mehrere Male nach
Antwerpen zu fahren und einige Tage dort zu bleiben. Für den 11.
Oktober verabredete ich daher mit ~Dr.~ Hütten, der selbst unser
Auto lenkte, den nächsten Besuch. Mir lag vor allem daran, einige
Aufnahmen von dem malerischen Soldatenleben zu machen, das sich in
den Straßen Antwerpens abspielte. Was könnte wohl für eine Kamera
verlockender sein als die Grand' Place, der kleine, vornehme Platz am
Rathaus und zwischen den Giebelfassaden der alten Häuser. Mitten auf
dem Platz hat man vor nicht langer Zeit eine Bronzefigur aufgestellt,
eine Darstellung des Märchens von dem Jungen, der die Hand des Riesen
wirft: »Handwerfen« -- »Antwerpen«. In einem Haus in der Nähe wurde
einer der größten Maler aller Zeiten geboren, wie auf einer Tafel
über der Haustür zu lesen ist: »~Geboortehuis von Antoon van Dyck,
Kunstschilder 1599-1641~.« van Dycks Modelle und ihre Nachkommen sind
verschwunden, nun bilden deutsche Soldaten die Staffage der Grand'
Place, Marinesoldaten mit Tornistern auf dem Rücken, das Gewehr über
der Schulter, die Patronentasche am Leibriemen, Bajonett und Beutel
an der Seite. Ein Hund läuft treu neben einem von ihnen her -- man
sieht immer wieder deutsche Soldaten, die sich herrenloser Hunde
angenommen haben. Dort sind einige Batterien von 6-~cm~-Schiffskanonen
-- die Bedienung selbst hat sich vorgespannt an Stelle von Pferden. Vor
dem Rathaus rastet eine Kompagnie Infanterie; einige Soldaten machen
auf dem Steinpflaster ihr Schläfchen und benutzen die Tornister als
Kopfkissen. Da stehen Proviantkolonnen mit Zeltdächern über den Wagen
und Heubündeln vor den Pferden, und die Marineradfahrer sitzen auf
ihren lautlos rollenden Rädern. An einem Automobil stand der große
Ingenieur Hauptmann Dreger und betrachtete eine Karte, die Leutnant
~Dr.~ Hütten ihm zeigte. Aber all diese Bilder wechselten in einem
fort, ein ewiges Kommen und Gehen, Fahren und Autosausen, Getrappel
von Pferdehufen und Gerumpel der Artilleriewagen, dazu der Gesang der
Marinetruppen, wenn sie unter den Klängen der »Wacht am Rhein« über den
Platz marschierten.
Weiter zur Fähre unterhalb der Kathedrale. Dort ist das Leben noch
bunter; dort herrscht unentwirrbares Gedränge. Wir lassen das Auto
unter der Aufsicht unseres Soldaten zurück und schieben uns selbst
zwischen Pferden und Wagen vorwärts. Auf der Straße, die zur Fähre
hinabführt, bewegen sich langsam doppelte Kolonnen. Ein donnernder
Kommandoruf erschallt -- sie stehen; dann bewegen sie sich wiederum und
bleiben wieder stehen. Belgische Polizisten in schwarzen Röcken mit
silbernen Knöpfen und schwarzen Helmen, flämisch sprechend, helfen bei
der Ordnung des Verkehrs. Wohin sollen die Wagen und Mannschaften? Sie
werden auf den Fähren über die Schelde nach Tête de Flandre gebracht,
dort beginnt die Straße nach Gent. Sie sollen an die Küste und einen
Blick nach England hinüberwerfen!
Mitunter ist es nicht möglich vorwärtszukommen. Alles ist so
zusammengeschoben, daß ich kaum photographieren kann. Ich will eben
eine Feldküche knipsen, als ein Ulan, der auf einem Bagagewagen
sitzt, mir zuruft: »Nachbar, es ist verboten, die Feldküche zu
photographieren.« »Schön«, antworte ich. Unnötig war es gewiß, da ich
schon Bilder von ihr hatte. Der Titel »Nachbar« war nicht übel.
Am Kai an den Brücken, die mit Rücksicht auf den bedeutenden
Niveauunterschied zwischen Ebbe und Flut gebaut sind, waren die Fähren
in vollem Betrieb. Über drei Pontons war ein fester, rechteckiger mit
Geländer versehener Boden gelegt. Ein Dampfer nahm zwei solche Fähren
ins Schlepptau, und drei Dampfer waren nun dabei, auf sechs Fähren
Proviant- und Munitionswagen, Feldküchen, Feldtelegraphen, Post,
Lazarette, Pferde und Soldaten hinüberzufahren. Unter den Soldaten
waren auch österreichische Artilleristen, die zu den 30,5-~cm~-Kanonen
gehörten.
»Vorwärts!« kommandiert ein Offizier am Kai. Eine Reihe Wagen fährt
vor, die Pferde werden abgespannt, die Wagen von Marinesoldaten an
Bord geschoben, die Pferde dann auf die Landungsbretter geführt;
sie stampfen, prusten, bäumen sich zuweilen und scheuen vor dem
entsetzlichen Untier von Fahrzeug. Aber an Bord müssen sie, und sobald
beide Fähren voll sind, legt der Dampfer los und bugsiert sie im
Handumdrehen über die Schelde nach Tête de Flandre. Dort werden die
Landungsbretter ausgeworfen, die Wagen ans Land geschoben, die Pferde
vorgespannt, und die Kolonnen setzen ihre Fahrt nach Gent fort.
Sobald die Ladung den Kai verlassen hatte, legte ein anderer Dampfer
mit seinen zwei Pontonfähren an derselben Stelle an und nahm ein
neues Kontingent an Bord. So ging das den ganzen Tag hin und her
und sollte es die ganze Nacht hindurch beim Schein der elektrischen
Lampen weitergehen! Und den ganzen nächsten Tag ebenso, solange noch
Kolonnen über die Schelde zu befördern waren, immer mit der gleichen
Schnelligkeit, Ordnung und Disziplin, die das deutsche Heer bei all
seinem Tun und Lassen bis in die kleinste Einzelheit auszeichnet.
Die Fähren kehren von Tête de Flandre nicht leer zurück, denn
dort haben sich unübersehbare Scharen zurückkehrender Flüchtlinge
angesammelt, Männer, Frauen und Kinder mit Korbwagen, Zweirädern und
kleinen Karren und mit allerhand Bündeln und Paketen, eine bunte
Schar von Zivilisten, ähnlich einem Zug Auswanderer. Die meisten
sind Flämen. Auch unter ihnen herrscht bemerkenswerte Ordnung. Sie
trotzen nicht, sie schreien nicht, sie drängen sich nicht vor, um auf
den Fähren Platz zu bekommen, sondern warten ruhig, bis die Soldaten
ihnen den Weg zeigen. Zwischen Militär und Zivilisten herrschte das
beste Einvernehmen, und man sah sie unter Scherzen und Lachen alles
aufbieten, um sich in den verschiedenen Sprachen, Deutsch, Flämisch,
Französisch durcheinander, verständlich zu machen.