37. An der Schelde.

Der Generalgouverneur gab mir die Erlaubnis, noch mehrere Male nach

Antwerpen zu fahren und einige Tage dort zu bleiben. Für den 11.

Oktober verabredete ich daher mit ~Dr.~ Hütten, der selbst unser

Auto lenkte, den nächsten Besuch. Mir lag vor allem daran, einige

Aufnahmen von dem malerischen Soldatenleben zu machen, das sich in

den Straßen Antwerpens abspielte. Was könnte wohl für eine Kamera

verlockender sein als die Grand' Place, der kleine, vornehme Platz am

Rathaus und zwischen den Giebelfassaden der alten Häuser. Mitten auf

dem Platz hat man vor nicht langer Zeit eine Bronzefigur aufgestellt,

eine Darstellung des Märchens von dem Jungen, der die Hand des Riesen

wirft: »Handwerfen« -- »Antwerpen«. In einem Haus in der Nähe wurde

einer der größten Maler aller Zeiten geboren, wie auf einer Tafel

über der Haustür zu lesen ist: »~Geboortehuis von Antoon van Dyck,

Kunstschilder 1599-1641~.« van Dycks Modelle und ihre Nachkommen sind

verschwunden, nun bilden deutsche Soldaten die Staffage der Grand'

Place, Marinesoldaten mit Tornistern auf dem Rücken, das Gewehr über

der Schulter, die Patronentasche am Leibriemen, Bajonett und Beutel

an der Seite. Ein Hund läuft treu neben einem von ihnen her -- man

sieht immer wieder deutsche Soldaten, die sich herrenloser Hunde

angenommen haben. Dort sind einige Batterien von 6-~cm~-Schiffskanonen

-- die Bedienung selbst hat sich vorgespannt an Stelle von Pferden. Vor

dem Rathaus rastet eine Kompagnie Infanterie; einige Soldaten machen

auf dem Steinpflaster ihr Schläfchen und benutzen die Tornister als

Kopfkissen. Da stehen Proviantkolonnen mit Zeltdächern über den Wagen

und Heubündeln vor den Pferden, und die Marineradfahrer sitzen auf

ihren lautlos rollenden Rädern. An einem Automobil stand der große

Ingenieur Hauptmann Dreger und betrachtete eine Karte, die Leutnant

~Dr.~ Hütten ihm zeigte. Aber all diese Bilder wechselten in einem

fort, ein ewiges Kommen und Gehen, Fahren und Autosausen, Getrappel

von Pferdehufen und Gerumpel der Artilleriewagen, dazu der Gesang der

Marinetruppen, wenn sie unter den Klängen der »Wacht am Rhein« über den

Platz marschierten.

Weiter zur Fähre unterhalb der Kathedrale. Dort ist das Leben noch

bunter; dort herrscht unentwirrbares Gedränge. Wir lassen das Auto

unter der Aufsicht unseres Soldaten zurück und schieben uns selbst

zwischen Pferden und Wagen vorwärts. Auf der Straße, die zur Fähre

hinabführt, bewegen sich langsam doppelte Kolonnen. Ein donnernder

Kommandoruf erschallt -- sie stehen; dann bewegen sie sich wiederum und

bleiben wieder stehen. Belgische Polizisten in schwarzen Röcken mit

silbernen Knöpfen und schwarzen Helmen, flämisch sprechend, helfen bei

der Ordnung des Verkehrs. Wohin sollen die Wagen und Mannschaften? Sie

werden auf den Fähren über die Schelde nach Tête de Flandre gebracht,

dort beginnt die Straße nach Gent. Sie sollen an die Küste und einen

Blick nach England hinüberwerfen!

Mitunter ist es nicht möglich vorwärtszukommen. Alles ist so

zusammengeschoben, daß ich kaum photographieren kann. Ich will eben

eine Feldküche knipsen, als ein Ulan, der auf einem Bagagewagen

sitzt, mir zuruft: »Nachbar, es ist verboten, die Feldküche zu

photographieren.« »Schön«, antworte ich. Unnötig war es gewiß, da ich

schon Bilder von ihr hatte. Der Titel »Nachbar« war nicht übel.

Am Kai an den Brücken, die mit Rücksicht auf den bedeutenden

Niveauunterschied zwischen Ebbe und Flut gebaut sind, waren die Fähren

in vollem Betrieb. Über drei Pontons war ein fester, rechteckiger mit

Geländer versehener Boden gelegt. Ein Dampfer nahm zwei solche Fähren

ins Schlepptau, und drei Dampfer waren nun dabei, auf sechs Fähren

Proviant- und Munitionswagen, Feldküchen, Feldtelegraphen, Post,

Lazarette, Pferde und Soldaten hinüberzufahren. Unter den Soldaten

waren auch österreichische Artilleristen, die zu den 30,5-~cm~-Kanonen

gehörten.

»Vorwärts!« kommandiert ein Offizier am Kai. Eine Reihe Wagen fährt

vor, die Pferde werden abgespannt, die Wagen von Marinesoldaten an

Bord geschoben, die Pferde dann auf die Landungsbretter geführt;

sie stampfen, prusten, bäumen sich zuweilen und scheuen vor dem

entsetzlichen Untier von Fahrzeug. Aber an Bord müssen sie, und sobald

beide Fähren voll sind, legt der Dampfer los und bugsiert sie im

Handumdrehen über die Schelde nach Tête de Flandre. Dort werden die

Landungsbretter ausgeworfen, die Wagen ans Land geschoben, die Pferde

vorgespannt, und die Kolonnen setzen ihre Fahrt nach Gent fort.

Sobald die Ladung den Kai verlassen hatte, legte ein anderer Dampfer

mit seinen zwei Pontonfähren an derselben Stelle an und nahm ein

neues Kontingent an Bord. So ging das den ganzen Tag hin und her

und sollte es die ganze Nacht hindurch beim Schein der elektrischen

Lampen weitergehen! Und den ganzen nächsten Tag ebenso, solange noch

Kolonnen über die Schelde zu befördern waren, immer mit der gleichen

Schnelligkeit, Ordnung und Disziplin, die das deutsche Heer bei all

seinem Tun und Lassen bis in die kleinste Einzelheit auszeichnet.

Die Fähren kehren von Tête de Flandre nicht leer zurück, denn

dort haben sich unübersehbare Scharen zurückkehrender Flüchtlinge

angesammelt, Männer, Frauen und Kinder mit Korbwagen, Zweirädern und

kleinen Karren und mit allerhand Bündeln und Paketen, eine bunte

Schar von Zivilisten, ähnlich einem Zug Auswanderer. Die meisten

sind Flämen. Auch unter ihnen herrscht bemerkenswerte Ordnung. Sie

trotzen nicht, sie schreien nicht, sie drängen sich nicht vor, um auf

den Fähren Platz zu bekommen, sondern warten ruhig, bis die Soldaten

ihnen den Weg zeigen. Zwischen Militär und Zivilisten herrschte das

beste Einvernehmen, und man sah sie unter Scherzen und Lachen alles

aufbieten, um sich in den verschiedenen Sprachen, Deutsch, Flämisch,

Französisch durcheinander, verständlich zu machen.

Ein Volk in Waffen · 第 91 / 105 题