36. Gäste des Generalgouverneurs.

Abends um 9 waren etwa dreißig Offiziere beim Feldmarschall zur

Tafel. Dort sah ich Prinz Waldemar von Preußen wieder und Hauptmann

Dreger und machte die Bekanntschaft des Stabschefs Oberstleutnants

Scheerenberg, sowie des Generaloberarztes ~Dr.~ Stecho, der Schwedisch

sprach und viele Freunde in Schweden hatte. Dann war Bierabend in den

oberen Gemächern, zu dem sich auch der Kriegsminister von Falkenhayn

einfand. Der alte gesprächige von der Goltz berichtete mancherlei über

Antwerpens Fall und seine Vorgeschichte, und war unerschöpflich in

Anekdoten und Episoden aus den letzten Tagen.

An einem der nächsten Abende traf ich dort noch mehrere interessante

Gäste. Eine hohe Erscheinung von königlich aufrechter Haltung, trat

Großadmiral von Tirpitz ins Zimmer, der sich neben dem Kaiser das

größte Verdienst um das Zustandekommen der deutschen Flotte erworben

hat. Hohe Stirn, fröhliche, offene Augen, blonder Vollbart, sichere,

männliche Haltung, ein echter Germane. Es war eine Erquickung, sich mit

ihm zu unterhalten. Für solche Männer gibt es keine Unmöglichkeiten und

nicht die Spur von Unruhe über den Ausgang des Kriegs.

Direktor K. F. von Siemens, der Chef von Siemens & Halske, ist auch ein

ungewöhnlich kraftvoller Germanentypus und von einer Gemütsart, in der

Humor und Ernst eine angenehme Mischung bilden. Die deutschen Verluste

schätzte er auf 250000 Mann, der großen Mehrzahl nach Leichtverwundete,

die bereits an die Front zurückgekehrt seien oder bald zurückkehren

würden und vor den neuen Ankömmlingen das voraus hätten, schon im

Feuer gewesen zu sein und ihre persönlichen Erfahrungen gemacht zu

haben. Es fand sich, daß wir einen gemeinsamen Freund besaßen, den

liebenswürdigen Sir Walter Lawrence, seinerzeit Privatsekretär Lord

Curzons, als dieser Vizekönig in Indien war. Vermutlich hatten wir ihn

nun beide verloren, da dieser Krieg es fertig gebracht hat, auch die

festesten Freundschaftsbande zu zerreißen.

Am Tisch saß auch der fünfundsiebzig Jahre alte Geheimrat Kreidel,

der Chef der Armeeintendantur. Er hatte in der letzten Zeit infolge

von Überanstrengung einige Schwindelanfälle gehabt und sollte nun

zur Erholung nach Deutschland zurückkehren. Dann war auch der neue

Gouverneur von Antwerpen da, General der Infanterie Freiherr von

Hoyningen genannt Huene, den ich schon von Karlsruhe her kannte. Der

Befestigungsgeneral Bailer, sanft und liebenswürdig wie ein Dozent der

Ästhetik, gehörte zu meinen besonderen Freunden. Er war so glücklich,

im Lauf des Tags seinen Sohn gesehen zu haben, der als Leutnant an der

Westfront stand und von dem er lange nichts gehört hatte; Leutnant

Bailer hatte die lange Reise hierhin auf dem Luftwege zurückgelegt und

sollte nun wieder in seinem Aeroplan zurückkehren. Im übrigen sprachen

wir von Gent, das gerade nach ziemlich heftigen Kämpfen in offener

Feldschlacht gefallen war. Der General wollte dort die belgischen

Feldbefestigungen studieren; die Stadt selbst ist unbefestigt. Von

Gent sollte das deutsche Heer nun weiter nach Brügge und Ostende. Und

schließlich sprachen wir von den 300000 Freiwilligen, die eben an

die Front gekommen waren, wo die jungen Studenten mit ihren munteren

Scherzen die älteren Landsturmleute erfreuten, die ihnen dafür mit

ihren Erfahrungen an die Hand gingen.

Ein Volk in Waffen · 第 90 / 105 题